Klangfarben

Apokalypse mit Heimvorteil

Red Running River am 19. November 2026 im Schön & Frölich.

Von Jaquelin Ohk7 Min. Lesezeit

v.l.n.r.: Ronny, André, Sven, Thorben und Adrian
v.l.n.r.: Ronny, André, Sven, Thorben und Adrian · Foto: Sven Löffler

Red Running River eröffnen am 19. November für Pro-Pain im Schön & Frölich: Ein Braunschweiger Heimspiel zwischen Jolly-Joker-Erinnerungen, Endzeitästhetik und dem nächsten Album.

Wenn im Schön & Frölich die ersten Gitarren zu hören sind, ist das für Red Running River mehr als ein weiterer Termin im Tourkalender. Die Braunschweiger eröffnen für Pro-Pain – und treffen damit auf eine Band, deren Musik einige von ihnen schon seit der Zeit vor der Jahrtausendwende begleitet. Über die Zusage mussten sie nicht lange überlegen, die eindeutige Reaktion: „Ja verdammt!“

Härte, Groove und Live-Energie

Schon der Spielort verbindet Neustart und Stadtgeschichte: Das Schön & Frölich eröffnete 2026 in den Räumen des früheren Jolly Joker. Fast drei Jahrzehnte lang prägte der Club das Braunschweiger Nachtleben. Wo früher klebrige Böden, lange Partynächte und sehr eigene Toilettenlegenden zum Inventar gehörten, steht heute wieder Live-Musik auf dem Programm.

Der Headliner bringt dafür reichlich Gewicht mit: Pro-Pain gehören seit ihrem Debüt „Foul Taste of Freedom“ von 1992 zu den Konstanten an der Schnittstelle von Hardcore und Metal. Im Mai 2026 meldete sich die New Yorker Formation mit „Stone Cold Anger“ und damit dem ersten Studioalbum seit elf Jahren zurück. Für Red Running River ist der Auftritt im Vorprogramm entsprechend besonders, auch wenn die Band keine künstliche musikalische Verwandtschaft konstruieren will: Härte, Groove und Live-Energie seien die entscheidenden Berührungspunkte.

Härter, moderner, atmosphärischer

Red Running River wurden 2015 in Braunschweig gegründet. Heute gehören Sänger Sven, die Gitarristen Ronny und Thorben, Bassist Becks sowie Schlagzeuger Adrian zur Band. Der Name geht auf eine frühe Gemeinsamkeit zurück: Alle mochten Life of Agony und deren Debüt „River Runs Red“. Braunschweig ist für das Quintett bis heute die „ganz klare Base“: Hier trifft man sich zum Musizieren, hier sammelte die Band Bühnenerfahrung und baute sich ein eigenes Publikum auf.

Musikalisch wurde sich neu sortiert: Weg vom „Thrash Rock“, heute fasst die Band ihren Sound, ihre Texte und die visuelle Umsetzung unter dem Begriff „Apocalyptic Metal“ zusammen. Härter, moderner und atmosphärischer soll es sein.

„Wer zur Hölle waren die?“

Wir haben mit Red Running River über Braunschweiger Bühnenerinnerungen, den Abend mit Pro-Pain und die Frage gesprochen, warum zur perfekten Apokalypse unbedingt ein Schaufelbagger gehört.

An welchen Moment oder welche Bühne in Braunschweig erinnert ihr euch besonders?

Da müssen wir definitiv an die Release-Party unseres ersten Albums „Silence“, unser letztes Konzert im B58, denken. Hintergrund: Zu unseren Konzerten gehörte damals eine Flasche Jack Daniel’s dazu. Ein paar Schlucke haben wir selbst getrunken und den größeren Teil während der Show ans Publikum ausgeschenkt. Aus Macht der Gewohnheit haben wir das bei besagter Release-Party genauso gemacht – leider war uns entgangen, dass es sich beim B58 um eine Jugendeinrichtung handelt, in der das Ausschenken von hochprozentigem Alkohol aus nachvollziehbaren Gründen strengstens verboten ist. In der Situation war das nicht so witzig, mittlerweile können wir darüber schmunzeln. Wir hoffen, irgendwann wieder im B58 spielen zu dürfen, dann zeigen wir selbstverständlich unsere beste Seite – ohne Jacky.

Wie entsteht ein typischer Red-Running-River-Song?

Unser Songwriting läuft eigentlich ziemlich klassisch ab. In den meisten Fällen kommt Sven mit einem Text oder einer Geschichte in den Proberaum, die bereits grob strukturiert ist. Um dieses Grundgerüst herum beginnen wir als Instrumentalisten, den eigentlichen Song zu bauen. Manchmal funktioniert es auch genau andersherum: Einer bringt ein Riff mit, bei dem wir sofort merken: Das ballert! Dann entsteht aus der Musik heraus eine Idee und ein entsprechender Text, oder ein Thema wird darauf angepasst. Am Ende muss das Ganze als Band funktionieren. Weil wir uns als Live-Band verstehen, spielt automatisch die Frage eine Rolle: Was passiert mit diesem Song auf einer Bühne?

Was muss bei einem Konzert passieren, damit ihr anschließend sagt: Genau dafür machen wir das?

Die Bühnengröße ist nebensächlich. Natürlich ist ein großes Publikum geil, aber ein kleiner Club, in dem die Leute wirklich wegen der Musik da sind und komplett abgehen, kann viel intensiver sein. Der entscheidende Moment ist der, in dem zwischen Band und Publikum etwas passiert: Leute in den ersten Reihen, die die Songs kennen und mitsingen, sich bewegen oder einfach völlig darin aufgehen. Dann weiß man wieder, warum man nach der Arbeit Equipment ins Auto lädt, irgendwo hinfährt, nachts nach Hause kommt, Geld und unzählige Stunden investiert, und beim nächsten Konzert wieder genau dasselbe macht. Wirtschaftlich betrachtet wahrscheinlich irrational, emotional ergibt es vollkommen Sinn.

Wie ist der Support-Slot für Pro-Pain zustande gekommen und was bedeutet euch dieser Abend?

Ziemlich überraschend. Wir bekamen aus heiterem Himmel eine Mail von einem ehemaligen Betreiber einer ebenfalls kultigen Braunschweiger Location, die uns nach unseren Auftritten 2017 und 2018 offenbar noch auf dem Schirm hatte. In besagter Mail wurde gefragt, ob wir Lust hätten, für Pro-Pain zu eröffnen. Über die Antwort mussten wir keine Sekunde nachdenken: Ja verdammt!

Wir haben über die Jahre viele Bühnen gesehen, Festivals bespielt und waren außerhalb Deutschlands unterwegs. Und dann stehen wir plötzlich mit einer international etablierten Band wie Pro-Pain auf derselben Bühne. Da bilden wir uns aber nichts darauf ein, für Pro-Pain sind wir vermutlich irgendeine Band aus Braunschweig, die vor ihnen spielt. Für uns dagegen ist dieser Abend etwas Besonderes, er bedeutet uns eine Menge.

Red Running River · Foto: Sven Löffler

Ein Support-Set muss schnell zünden. Wie stellt ihr die Setlist zusammen und wie gewinnt ihr das Publikum für euch?

Bei einem Support-Slot gibt es keinen Grund für eine lange Anlaufphase. Wir wählen die Songs aus, die unseren heutigen Sound am besten repräsentieren und unmittelbar live funktionieren. Es geht darum, innerhalb kurzer Zeit zu zeigen, was Red Running River heute ist. Das Set muss kompakt sein, Druck haben und möglichst wenig Leerlauf bieten. Unsere Aufgabe ist es, die Zeit zu nutzen und ihnen zu zeigen, was wir können: Ein Publikum, das uns noch nicht kennt, ist ein ziemlich ehrlicher Gradmesser. Bei den Pro-Pain-Fans müssen wir uns diese Aufmerksamkeit erst verdienen, genau darauf freuen wir uns. Wenn anschließend jemand wissen möchte: „Wer zur Hölle waren die eigentlich?“, haben wir unseren Job gemacht.

Das Schön & Frölich ist neu, der Ort selbst jedoch legendär. Welche Verbindung habt ihr zum früheren Jolly Joker?

Einige von uns waren früher oft Gäste – wie detailliert die Erinnerungen noch sind, ist allerdings eine andere Frage. Viele Abende waren offenbar erfolgreich genug, dass heute vor allem Fragmente übriggeblieben sind… Spaß beiseite: Das Jolly Joker war jahrelang ein wichtiger Treffpunkt in Braunschweig. Dort kamen unterschiedliche Szenen zusammen, es gab Konzerte, Partys und Veranstaltungen aus verschiedensten Bereichen. Und ja – irgendwann wurde von dem einen oder anderen von uns sogar eine Ü30-Party mitgenommen. Dass an diesem Ort heute wieder Live-Musik stattfindet und wir dort nun selbst spielen, hat einen gewissen Charme.

Was steckt hinter „Excavator of Doom“?

„Excavator of Doom“ spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der ein Bagger als Sinnbild für die Zerstörung einer ohnehin sterbenden Erde steht. Es geht um die Ausbeutung von Rohstoffen und den Willen, immer mehr zu wollen, auch wenn es eigentlich schon nichts mehr zu holen gibt. Es ist also ein gesellschaftskritischer Song, den wir mit einem aufwendigen Musikvideo in Szene gesetzt haben.

Und wie würdet ihr den Song inszenieren, wenn Budget, Statik und Brandschutz keine Rolle spielten?

Dann würden wir den Titel vermutlich überaus wörtlich nehmen: zerstörte Industrielandschaft, Feuer, Nebel, Schrott, Endzeit – und natürlich müsste irgendwann ein echter Schaufelbagger auf der Bühne stehen. Eigentlich liefert „Excavator of Doom“ die Bühnenanweisung schon im Titel. Wir gehen davon aus, dass SUBWAY anschließend die Versicherung übernimmt.

Angenommen, wir würden euch doch zu einer Ballade zwingen: Wie hieße sie und worüber würde sie handeln?

„Love in the Fallout“ – eine völlig übertriebene siebenminütige Powerballade über zwei Menschen, die sich nach der Apokalypse zwischen radioaktivem Schrott finden, aber letztlich draufgehen werden. Natürlich mit cleanem Gitarrenintro, Windmaschine und einem völlig überzogenen Gitarrensolo. Anschließend würden wir den Song vernichten und sämtliche Beteiligten verpflichten, niemals wieder darüber zu sprechen.

Wenn die Apokalypse tatsächlich ausbricht: Wer übernimmt in der Band welche Aufgabe – und wer wäre vermutlich als Erster verloren?

Als letztes verbliebenes Gründungsmitglied würde Ronny wohl selbst in der Apokalypse noch Struktur ins Chaos bringen, und einen Plan machen, während um ihn herum alles brennt. Becks fände vermutlich die erste postapokalyptische Bühne, notfalls auf einem ausgebrannten Lkw oder Schrotthaufen – Hauptsache, es gibt Publikum. Adrian würde die Biervorräte sichern und bei Bedarf eine neue Braumaschine bauen.

Sven würde die Abenteuer der Band festhalten und seine Growls zur Nachrichtenübermittlung zwischen den Lagern der Überlebenden nutzen. Thorben wäre unser Altkrieger, der mit Axt und passendem Spruch auf die Zombies losgeht und aus dem Gemetzel noch ein ziemlich geiles Riff macht. Und wer zuerst verloren wäre? Bei unserem Glück würden wir wohl alle gemeinsam bei der nächsten Naturkatastrophe draufgehen. Aber zusammen hätte das auch seinen Charme.

Was fasziniert euch an einer dystopischen Welt und warum eignet sie sich so gut als Rahmen für eure Musik?

Mit Effekten der Menge einheizen.
Mit Effekten der Menge einheizen. · Foto: Sven Löffler, Dark Glow Pics 2025/1

Uns fasziniert vor allem die Vorstellung, was mit Menschen und Gesellschaft passiert, wenn die gewohnte Ordnung nicht mehr funktioniert. Eine Dystopie bietet dafür einen extremen Rahmen: Macht, Kontrolle, Zerstörung, Konflikte, aber auch Zusammenhalt und die Frage, wie weit Menschen gehen, wenn es um ihr eigenes Überleben geht. Wir wollen gar nicht möglichst düstere Zukunftsszenarien entwerfen, die Überzeichnung macht es interessant. Wir können reale Themen aufgreifen, sie aus ihrem Kontext lösen und in eine Welt versetzen, in der die Konsequenzen drastischer sichtbar werden. Diese Welt lässt musikalisch, textlich und visuell viel Raum: Ein Song kann brutal, atmosphärisch oder gesellschaftskritisch sein und trotzdem hineinpassen.

Last but not least: Was steht nach dem Konzert an? Worauf dürfen sich Fans freuen?

Stillstand ist nach dem Pro-Pain-Auftritt nicht geplant. Unser Hauptaugenmerk liegt auf der Arbeit an unserem neuen Album „Dystopia“. Parallel geht es live weiter: Noch im November spielen wir in Warschau, im Dezember in Oebisfelde und ab Januar stehen die nächsten Clubshows an. Gleichzeitig laufen die Planungen für die Festivalsaison 2027. Es gibt also genug zu tun!

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