Corona unterwandert Festakt: Sterile Lage, sterile Stimmung.
Ein Kommentar.
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Eintracht Braunschweig ist zurück in der zweiten Fußballbundesliga. Das ganz große Parkett ist das nicht, aber nach der letzten verkorksten Saison in Liga 3 ist es auch alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Solche herausragenden Leistungen werden von der Stadt zuweilen mit Einträgen in ihr goldenes Buch verdankt. Genau in dieses hat sich die Mannschaft am 5. Juli eingetragen.
Sonntag, 5. Juli 2020. Um 12:00 betreten die Pressevertreter den Business-Bereich des Eintracht-Stadions. Während andere Klubs ihre Spielstätten längst umtauften in leichter von der Zunge gehendes à la Merkur Spiel-Arena in Düsseldorf oder Mercedes-Benz Arena in Stuttgart, heißt der Kessel in Braunschweig halt nach wie vor so wie der Verein. Der Business Bereich also, der Ort an dem es passiert. Heute soll sich die Mannschaft ins goldene Buch der Stadt eintragen. (Wieviel Karat hat so ein Buch eigentlich?) Neben den Kollegen vom NDR („Moin“) betrete ich die erhabenen Hallen, ja, Entschuldigung, ich bin auch akkreditiert. Mundschutz und Abstand, Coronas Geist weilt überall. Sehr prominent im Business Bereich ist selbstredend der Tresen, denn echte Business Vertreter haben immer reichlich Durst. Einige Ehrengäste sind schon jetzt um 12:15 Uhr da (vorbildlich, etwas zu früh). So auch Gerhard „Gerd“ Glogowski: Ehemals – die älteren Semester erinnern sich – Niedersächsischer Innenminister unter Gerhard (noch ein Gerhard) Schröder, später nach dessen Kanzlerwerdung wurde er sogar kurz Ministerpräsident von Niedersachsen. Krawatte ist heute für Gerd nicht genug, man trägt Eintracht-Schal zum Anzug.
Wer mit Leib und Seele Fan der Blaugelben ist, der ist in gleichem Atemzug natürlich auch Fan des Blond-schaumigen des hiesigen Hofbräuhauses. Also lieber nichts von dem obligatorischen Sektempfang-O-Saft-Tablett nehmen: Glogowski zischt sich gegen 12:19 Uhr sein zweites Wolters rein. Dem Anlass entsprechend natürlich aus der grünen Flasche – Premium. Klare Sache. Glogowski ist Ehrenbürger der Stadt Braunschweig und war zu Amtszeiten bereits großer Gönner des Vereins, setzte den Ausbau des Stadions durch, trat damit seinen Hannoveraner Kollegen (ist wohl immer schwierig mit denen) regelmäßig auf die Füße. Er stößt laut auf. Hach, da kommt schon die Mannschaft, gehüllt in vereinsfarbene Trainingsanzüge.

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Die Truppe sieht gut aus im uniformen Blau und Gelb. Die Blicke der Spieler etwas verschlafen, aber das versteht jetzt wohl jeder: So einen Aufstieg darf man schon mal begießen. Nach kurzem, recht spärlichem Beifall (die meisten Pressevertreter drücken lieber auf Kameraauslöser) nehmen die Jungs Platz. Die Stühle im Raum stehen mit ausreichend Abstand zueinander. Glogowski sitzt in Reihe eins. Vorne neben dem Rednerpult liegt auf einem Tisch aufgebahrt das Buch, um das es geht. Es ist auf alle Fälle in einer schicken Optik und verziert mit der Farbigkeit eines gewissen Edelmetalls. Der schicke Stuhl vor dem Tisch passt zu dem edlen Schmöker. Aufgeschlagen liegt es da und wartet auf die Autogramme. Vorher jedoch ein paar Grußworte: Oberbürgermeister Ulrich Markurth dankt der Mannschaft für ihren Einsatz. Die Eintracht und jeder, der ihr nahesteht, weiß, was es heißt aufzusteigen - unweigerlich damit verbunden seien jedoch natürlich immer vorausgegangene Abstiege. Markurth spricht davon, was Eintracht ausmache, er spricht von einer deutschen Meisterschaft 1968 und dem Fan-Theaterstück am Staatstheater „Eintracht ist unser Leben“. Ja, die Stadt hat einen Verein, hinter dem sie gerne steht, das merkt man, wenn man hier durch die Straßen geht, egal ob am Bohlweg oder durch die Kleingartenkolonie am Brodweg. In Heidberg, in Lamme oder durch das östliche Ringgebiet. Die Stadt atmet Fußball, atmet auf, wenn der Elfer reingeht, ihr stockt der Atem, wenn das Team absteigt, und sie jauchzt auf, wenn nach einer seltsamen Saison trotzdem der Aufstieg feststeht. Dass Fußball Arbeit ist, dem Klub nichts in den Schoß gelegt wird, das weiß hier jeder. Diesen Geist hatte die Mannschaft selbst zu lange vermissen lassen. Die letzte Saison verlief unerfreulich, Platz 15 und damit knapp der Nichtabstieg in die Regionalliga, nachdem in der Spielzeit zuvor ja erst der Weg in Liga 3 angetreten werden musste. Eine Talfahrt, die viele so nicht hatten kommen sehen, schließlich spielte Braunschweig in der Saison 2016/2017 noch in der Relegation um den Aufstieg ins Oberhaus. Einige der Spieler, die jetzt hier sitzen, haben längst Pläne den Verein zu verlassen, aber so ist das eben in diesem Geschäft.
Der Kapitän Bernd Nehrig unterschreibt als Erster. Nach und nach, so will es Corona, treten die Kicker nach vorne und setzen ihre Unterschrift in das Buch. Glogowski hat schon viele Saisons gesehen, er hat auch sicherlich schon viele Wolters Premium getrunken, mal wird er – wie jetzt – viel Freude an seinem Verein, an anderen Tagen weniger zu lachen gehabt haben. Es geht zum Abschluss noch rasch auf den Rasen, raus aus der Loge. Die Spieler stellen sich für ein Mannschaftsfoto auf das Spielfeld – mit Abstand natürlich. Der NDR-Kameramann müht sich ab mit seinem Stativ, scheint ein bisschen schwer zu sein das unhandliche Moped. Jetzt haben alle ihre Bilder im Kasten, das Feld lichtet sich. „Bis zum nächsten Aufstieg, ne.“ – Ja genau, bis zum nächsten Aufstieg. Ich habe Hunger. Solche Anlässe versprechen eigentlich immer ein gepflegtes Catering, zumindest so ein belegtes Brötchen käme jetzt sehr gelegen. Erneut betrete ich den Business-Bereich. Nothing. Keiner mehr da, und vor allem kein Buffet.
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Dann die Erkenntnis: Corona hat nicht nur die Fußballsaison zum wenig verspielten Geisterspiel verkommen lassen, nein, es scheint, als raube die Pandemie auch sämtliche Kaltspeisen aus Logen werdender Zweitligisten. Dann wenigstens noch zwei O-Saft vom Sektempfang verhaften und mit leerem Magen aus dem Stadion schleichen. Der Glamour dieses Aufstiegs ist irgendwie verpufft, der ganzen Sache - sei sie noch so offiziell - ihr fehlt durch die aktuelle Lage einfach der ruhmreiche Anstrich und Glanz. Vielleicht hätte für diesen Anlass auch das silberne Buch der Stadt ausgereicht. Bleibt nur zu hoffen, dass Glogowski und all die anderen den nächsten Aufstieg dann wieder in ansprechenderer Atmosphäre werden verleben können.

Text & Fotos Simon Henke

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