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Um euch die Corona-Zeit ein bisschen zu versüßen, haben wir im April gemeinsam mit den Buchhandlungen Benno Göritz und Pfankuch unsere Kurzgeschichten-Challenge „Your Story“ veranstaltet. Mehr als 30 tolle Geschichten über die Liebe, die Natur, die Freundschaft, spannende oder erotische Abenteuer haben uns erreicht, die wir gebannt gelesen und bewertet haben. Letztendlich geht der große Preis an Celia-Dorothee Klaue und ihre nos-­talgische Sommergeschichte über die Zeit früher in Italien.

Caprisonne & Carbonara

Das Klopfen an der Tür riss Boris aus dem Schlaf. Kaffeeduft lag in der Luft. Dieser Tage gab es Frühstück quasi so gut wie ans Bett. Die Nacht war kurz, der Traum war lang und spielte sich diesmal größtenteils in Italien ab.
Italien, da war Boris einst mit seiner Mutter, dem Stiefvater und seinem Halbbruder. 1992, mit dem Auto und allen an die Adria. Er war zwölf, die Fahrt war endlos lang, es war heiß und immer voll am Strand.
Erträglich wurden die zwei Wochen durch den Walkman und die drei mitgenommenen Kassetten, die er rauf und runter hörte. Das Taschengeld ging für die Batterien drauf, aber die waren essentiell, um den Aufenthalt im Sommer ohne seine Freunde durchzuhalten.
Boris nimmt einen Schluck von dem Kaffee und versucht, die Traumsequenzen noch einmal hochkommen zu lassen. Inspiriert denkt er an das damalige Sonnenöl mit Kokosduft, Lagnese-Eisund warmgewordene Capri-Sonnen, welche ihm die damalige Langeweile versüßten. Zwei lustige Taschenbücher später gab es zum Abendessen meistens Carbonara. Das, was Italienurlaube in dieser Zeit so ausmachte, hat er damals gar nicht gesehen, dachte er. Diese kleinen, richtig guten Dinge im Leben Einmal noch ist er dort gewesen, in Italien, mit seiner ersten großen Liebe Annabell.
Sie hatte mal zu ihm gesagt: „Du weißt eigentlich, was gut ist. Du denkst aber irgendwie immer zu viel nach, anstatt es allen zu zeigen.“ Aufgrund dieser Aussage buchte er im Sommer ’98 den „Rainbow Tours“-Bus. 23 Stunden Busfahrt später machte alles plötzlich Sinn – er hatte es Annabell gezeigt.
Das Eis, die Pizza, den Espresso, die Sonne, die kleinen Dinge im Leben und so wie Gott sie schuf, die gab es in Italien. Und Annabell, so wie Gott sie schuf.
Das Verlangen nach einem guten Espresso war jetzt omnipräsent, aber der allmorgendliche Kaffee schmeckte wie an der Tankstelle in Peine, damals im Azubialter nach einer durchzechten Nacht.
Es sind die kleinen Dinge im Leben, dachte er.
Jetzt war es 6:20 Uhr am Morgen und im Radio wurden 33 Grad Celsius für den Tag vorhergesagt, gefolgt von einem Sommerhit. Er trank den mittlerweile lauwarmen Kaffee dabei auf ex, um die fehlende Gaumenfreude vergessen zu machen. Justin Bibers „Sorry“ und der fade Geschmack der Kondensmilch holten Boris in die Realität zurück.
Durch das kleine Fenster oberhalb seines Schlafplatzes waren bereits die ersten Sonnenstrahlen zu sehen, das Geräusch eines Skateboards in der Ferne. Da hat wohl jemand durchgemacht, dachte er und ließ den Gedanken größer werden an die Jugend von heute.
Für sie ist Jugend heute. Vermutlich halten die Kids den Sonnenuntergang auf dem Handy fest und nutzen die Capri-Sonne als coole Requisite, während er den Sand damals stets genervt aus seinen Comics schüttelte und den Drink dabei über das zusammengesparte Lacoste-Shirt vergoss.
Annabell schaute erneut in einem Gedankenblitz vorbei: „Du weißt eigentlich, was gut ist. Du denkst aber irgendwie zu viel nach, anstatt es allen zu zeigen.“
Im Nacht-Club damals, da wusste er, was gut ist. Er hat es allen gezeigt, richtig gutes Zeug. Viel Geld sollte es geben. Vielleicht wäre damit ein Flugticket drin gewesen für den nächsten Trip.
Diese kleinen Dinge im Leben, die konnte er ja morgen noch erledigen, dachte er. Er swipte seine guten Gedanken weiter direkt auf die Überholspur. Die Abfahrt war nicht gen Italien. Annabell hatte ihn deshalb verlassen. Was sie jetzt wohl über ihn denkt?
Die Tür geht auf; „Fertig mit Frühstück?“ Der Justizvollzugsbeamte kommt, um ihn zu durchsuchen, bevor er seine Zelle zum Tagewerk verlassen kann. „Heute ist Besuchsstunde“, sagt der Beamte. „Es kommt niemand“, sagte Boris, „ich möchte jedoch später telefonieren.“ Er wird ihr von seinem Traum erzählen und von seinen Gedanken, dass er bis ans Ende seines Lebens Tankstellenkaffe in Kauf nehmen würde, nur um wieder eine Nacht mit ihr durchzufahren, bis nach Italien. Die Gedanken sind frei, denkt er. Die richtig Guten, die kommen überall hin.

Text Celia-Dorothee Klaue
Foto timolina-stco.adobe.com

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