Heute sind Praktika ein Muss. Jedenfalls wird das gesellschaftlich so kommuniziert.
Die Anforderungen und die Konkurrenz sind hart, während die Ausbeute unverfroren hoch ausfällt. Unserer Autorin reicht’s. Ein Kommentar.
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Du rühmst dich mit deinem Lebenslauf und laberst mich voll mit deinen einschlägigen Praxiserfahrungen. Das tust du zu Recht: Schließlich haben dich deine Vorgesetzten aus den jeweiligen Praktika und Jobs für deine herausragenden Leistungen mit Lobgesängen überschüttet. Und es stimmt ja auch: Du bringst immer Höchstleistung und hast, für welches Projekt auch immer, stets ein gutes Gespür. Ich merke schon, du bist ein ganz toller Hecht. Dass du schon drei Praktika gemacht hast, reicht dir noch nicht, reicht der Gesellschaft noch nicht. Selbst mit fünf Praktika könntest du froh sein, wenn du zum Berufseinstieg irgendwo als Trainee anfangen dürftest.
Vielleicht spricht aus deinem Geprahle auch nur Verunsicherung, gespeist aus der Beschleunigungsgesellschaft, die das Motto verfolgt: Immer mehr, immer schneller und immer weiter bis hin zur Selbstoptimierung. Gespeist aus deiner Quarterlife Crisis, die durch den gesellschaftlichen Anspruch befeuert wird und sich gerade jetzt, zum Ende deines Studiums, entlädt. Du zweifelst an dir: Habe ich das Richtige studiert? Reichen meine praktischen Erfahrungen? Muss ich noch einen zweiten Weg einschlagen, um einen Plan B zu haben? Sollte ich nicht doch noch mal ins Ausland, weil große Unternehmen bevorzugt Trainees mit Auslandserfahrung einsetzen? Möglicherweise basiert dein mangelndes Selbstwertgefühl auf den utopisch hohen Anforderungen, die Recruiter in Stellenausschreibungen verlangen. Angefangen beim Beherrschen des kompletten Adobe-Portfolios, bis hin zu dem Anspruch, bereits Vorerfahrungen aus anderen Praktika gesammelt zu haben. Die Kompetenz, fließend Englisch zu sprechen, ist das Minimum an erwarteter Qualifikation. Behaupten wir deswegen nicht mittlerweile alle auf unseren Xing-Profilen, wir würden wie ein Muttersprachler Englisch sprechen, obwohl wir eigentlich nur ab und zu Serien im O-Ton streamen? Im Idealfall stellst du deine Fähigkeiten in einer Inszenierung deiner Selbst in Form eines Bewerbungsvideos unter Beweis. Firmen wie Adidas würdigen klassische Bewerbungen mit Anschreiben und Lebenslauf keines Blickes mehr, erzählst du mir. Diese würden ohne Umwege direkt im digitalen Papierkorb landen, denn heute wird sich online beworben. Dafür müssen deine Bewerbungsunterlagen übrigens individualisiert sein, mit einem eigenen kreativen Design, das zu dir und deiner Branche passt. Für dein Bewerbungsfoto blechst du mindestens 50 Euro und machst einen Termin für ein Fotoshooting.
Du erklärst: Wer Karriere machen wolle, müsse Anfang 20 sein und zehnjährige Berufserfahrung aufweisen. Das habe ich auch schon gehört. Du fährst fort: Außerdem müsse er sich sozial engagieren, das mache den Lebenslauf interessanter, und Erfahrungen abseits des Mainstreams gesammelt haben. Je extravaganter, desto besser. Noten seien dabei von geringerer Relevanz. Vor allem eine große öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt würde danach bewerten. Deine Aussagen setzen mich unter Druck. Ich muss meinen Lebenslauf polieren. Meine Idee: Ich bewerbe mich auf ein Online Marketing Praktikum in Dubai. Stolz erzähle ich dir davon. Wir müssen uns ja schließlich alle messen. Ach ja, ins Ausland wolltest du auch noch. Davor zurückschrecken, dich ebenfalls auf die Stelle zu bewerben, tust du nicht. Wenn es um deine Karrierechancen geht, kennst du keine Freunde mehr. Es ist eine Schlacht, bei der selbst ehemals gute Freunde zu Rivalen werden. Aber ich bin dir nicht böse. Schließlich befinden wir Mittzwanziger uns alle in der Quraterlife Crisis und können nichts für unser egoistisches Verhalten. Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.

Deine Unerschrockenheit wird belohnt durch einen Flug nach Dubai. Du hast die Stelle bekommen – eine weitere Trophäe für deinen CV. Ist das nicht fair? Der Stärkere, du, gewinnt und der Schwächere, ich, verliert. Schwach ist derjenige, der im Vergleich weniger Praxiserfahrungen aufweisen kann und den Recruitern keine perfekt einstudierte Schauspiel-Show darbietet. Richtig gelesen: Schauspiel. Wer seine Chance auf dem Arbeitsmarkt nicht vertun will, verstellt sich und mimt eine selbstsichere Rolle. Es ist ein fataler Fehler, Schwäche zu zeigen. Welch eine Ironie, dass derjenige mit den wenigsten Praxiserfahrungen, den Praktikumsplatz nicht bekommt. Geht es bei einem Praktikum nicht gerade darum, Erfahrungen zu sammeln? Wie sollen ohne Praktikum Qualifikationen aus Praktika für weitere Praktika gesammelt werden?
Übrigens: Freiwillige Praktikanten werden selten länger als drei Monate beschäftigt, weil der Arbeitgeber sonst per Gesetz zu viel zahlen müsste. Deswegen bekommt bei gleicher Qualifikation der Pflichtpraktikant den Zuschlag. Mit dem Nachteil, dass ihnen im Gegensatz zu freiwilligen Praktikanten nicht mal Urlaub zusteht. Es muss also gut überlegt sein, für welche Stelle ein Pflichtpraktikum geopfert wird. Einst war es der Plan der Politik, der Ausbeutung von Praktikanten vorzubeugen. Viele Firmen sind jedoch Sparfüchse, die Schlupflöcher suchen und finden. Wie verrückt, dass wir uns wegen Praktika bekriegen, um uns letztlich für einen jämmerlichen Hungerlohn von – wenn überhaupt – 450 Euro ausbeuten zu lassen. Ein Teufelskreis.

Text anonym
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