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(Kein) Sinn für Humor: Die beiden Macher von Alman-Memes halten überkorrekten, geschmacksverirrten und ignoranten Klischee-Deutschen in ihrem ersten Roman den Spiegel vor.
PK Scherzant Notter c Julian Mittelstadt art
Sina Scherzant und Marius Notter sind beruflich wie privat ein Dreamteam. Die Bildungswissenschaftlerin und der Online-Journalist haben mit ihrem Instagram-Account „alman_memes2.0“ bereits über 600 000 Abonnenten erreicht. Dort wird der stets überpünktliche, Tupperdosen-sammelnde Alman aufs Korn genommen, der seine Nachbarn beim Parken aus dem Fenster beobachtet und in Gedanken schon Strafzettel verteilt. Typisch Deutsch eben. Im März erschien ihr erstes gemeinsames Buch „Noch 3 Treuepunkte bis zum Pfannen-Set“, welches den Kleinstadt-Wahnsinn der fiktiven Familie Ahlmann schildert. Im beschaulichen Hildenberg hat Anette, Spitzname Netti, eine Mission: Aktivitäten wie Yoga-Stunden, Hugo-Abende und Kegelclub reichen ihr nicht mehr. Sie kandidiert für das Amt als Bürgermeisterin und ist dabei auf die Hilfe von ihrem Mann Achim, Tochter Annika und Sohn Andi angewiesen. Warum das Buch keine analoge Form der Instagram-Seite ist, bei welchen typischen Alman-Eigenschaften das Autorenpärchen sich selbst ertappt und wie die beiden mit Kritik umgehen, haben sie im Zoom-Interview erzählt.
Wie entstand Alman_memes2.0 überhaupt?
Marius Vor ein paar Jahren habe ich schon mal einen Account gestartet, der wurde aber damals von Instagram gelöscht. Nachdem Sina und ich uns kennengelernt haben, hat sie viel Zeit mit dem Schreiben ihrer Masterarbeit verbracht. Da habe ich aus Langeweile heraus wieder damit angefangen. Deshalb heißt der Account auch 2.0.
Sina Ja, so richtig erfolgreich wurde der Account erst, als ich mitgemacht habe. (lacht) Am Anfang habe ich tatsächlich gedacht, was ist das für ein Quatsch, dafür habe ich keine Zeit, weil ich ja eigentlich mit meiner Masterarbeit beschäftigt war. Mittlerweile ist das Management des Accounts neben ein paar anderen Jobs im Bereich Social Media und Journalismus der größte Teil unserer Arbeit.

Ab wann ist der Account so durchgestartet?
Marius Also, das ist ein bisschen schwierig aus unserer Perspektive zu erklären. Das war eher so ein Selbstläufer. Es ist ja nicht so, dass du vom einen auf den anderen Tag nicht mehr in kleinen Hallen, sondern in der Mercedes-Benz-Arena spielst, sondern einfach nur eine ansteigende Zahl, die aber gar nicht so greifbar ist. Wir haben einfach konstant gemacht, was uns Spaß macht. So richtig gemerkt haben wir es, als wir bei den Kommentaren und den Nachrichten nicht mehr hinterhergekommen sind.
Macht ihr auch Werbung auf eurem Kanal?
Sina Wir haben schon ein paar Sachen gemacht, aber wir haben auch schon mehr abgesagt, als wir gemacht haben. Wir sind ja keine InfluencerInnen in dem Sinne. Also nicht, dass wir dagegen etwas sagen, aber die Leute besuchen unseren Kanal ja nicht, um sich von Produkten inspirieren zu lassen. Unsere Community würde sich da einfach von vielen Dingen nicht angesprochen fühlen. Deswegen wählen wir nur das aus, was unserer Meinung nach vertretbar ist. Wir stecken ja auch viel Zeit und Energie in diese kreative Arbeit.
Marius Das ist für uns an der Stelle auch der entscheidende Punkt. Wir wollen halt die Leute erreichen und tragen auch eine Verantwortung. Es ist ja irgendwie auch ein politisches Thema, sich über sich selbst lustig zu machen. Andere haben Teams, Autoren, die schreiben und wir machen das zu zweit und stecken dementsprechend viel Zeit rein. Da es auf Instagram eben sonst keine Möglichkeit der Monetarisierung außer Werbung gibt, machen wir das hin und wieder mal.

Wie sind Achim und Anette entstanden?
Marius Das hat sich so ein bisschen mit der Community entwickelt. Dass der Account so einen Hype erlebt hat, hat dazu geführt, dass ganz unterschiedliche Personen kommentiert haben, auch viele so von wegen „das kann man jetzt so aber nicht sagen“, oder „da hätte ich mich auch beschwert“, an diese Personen haben wir dann den Goldenen Alman-Achim verliehen. Und das Pendant dazu war dann Alman-Anette.
Sina Dazu haben wir dann noch die Kinder Annika und Andi erschaffen, auch um so ein bisschen selbstironischer von dieser Boomer-Generation wegzukommen, weil es auch in unserem Alter genug Leute gibt, die weirde Sachen machen, so wie wir ja auch.
PK Memes 1 art
PK Memes 2 art
PK Memes 3 art
Woher kommt eure Inspiration und welche weirden Sachen macht ihr denn so?
Sina Das ist ganz unterschiedlich, wir begegnen vielen Situationen im Alltag, orientieren uns am aktuellen Geschehen und ja, manchmal fällt uns auch an uns selbst typisch deutsches Verhalten auf, zum Beispiel wenn es darum geht, im Restaurant die Rechnung zu teilen. Da frage ich mich manchmal, ob das so gerecht ist, wenn ich weniger bestellt habe als mein Gegenüber. Oder wenn ich aus Versehen wieder länger aus dem Fenster glotze und meinen Nachbarn beobachte.
Marius Ich habe letztens seufzend im Supermarkt einen Warentrenner aufs Band geschmissen, da habe ich mich direkt geschämt, weil wir dieses Verhalten ja reflektieren und uns darüber lustig machen und es quasi unser täglich Brot ist. Wenn mich dabei mal jemand erkennt, wird es peinlich. (lacht)

Es gibt ja auch Personen, die diese Art von Humor eben nicht teilen. Kommt da viel Kritik bei euch an?
Sina Ja, es ist manchmal wirklich erstaunlich, was Menschen in diesem aufgeheizten Klima im Internet so triggert. Wir haben auf einen Post, in dem es um Anette und ihren geliebten Thermomix geht, schon Kommentare wie „Volksverräter“ und so weiter bekommen und ob wir uns das auch im Real-Life trauen.
Marius Da muss man leider wirklich sagen, dass die Kultur im Internet von das „gefällt uns nicht“ und „da schlagen wir jetzt wirklich drauf“ Ausmaße angenommen hat bis hin zu „wir finden eure Adresse heraus“. Das ist manchmal wirklich unglaublich.
Und wie geht ihr mit negativer Kritik um?
Marius Also es kommt immer stark darauf an, wer die Kritik formuliert und wie sie formuliert ist. Wir können ganz klar sagen: Alles, was von rechts kommt, kommt bei uns erst gar nicht richtig an. Andere Kritik schauen wir uns an, damit beschäftigen wir uns. Wir haben auch schon viel draus gelernt – das muss man auch ehrlich sagen. Das ist dann auch eben meist begründete, pointierte Kritik und dementsprechend steht diese dann in krassem Kontrast zu allem, was von konservativer oder rechter Seite kommt.

Wie entstand die Idee für den Roman und wie passt der zum Instagram-Kanal?
Sina Wir haben irgendwann angefangen, ausführlichere Bildunterschriften zu schreiben und die Charaktere im alltäglichen Leben darzustellen. Wir haben auch viele Kommentare dazu bekommen, wie cool es wäre, wenn wir daraus ein Buch machen würden. Es kamen dann tatsächlich auch mehrere Literaturagenten auf uns zu mit der Idee, einfach die Memes in Form eines Buches abzudrucken und zu veröffentlichen, aber das wollten wir nicht. Im Buch wird eine richtige Geschichte erzählt, mit den Figuren aus den Captions der Memes als Protaganisten. Da die Charaktere in unserem Kopf schon so lebendig waren, ist es uns dann relativ leicht gefallen, eine richtige Geschichte daraus zu kreieren.
PK Memes art


Wollt ihr mit dem Account und dem Buch auch auf bestimmte gesellschaftliche Themen aufmerksam machen?
Sina Mit den Memes können wir immer sehr aktuell auf gesellschaftliche Ereignisse aufmerksam machen, da wir ja jeden Tag etwas posten. Klimaschutz, Antirassismus und solche Themen unterstützen wir natürlich gerne und durch den Account können wir uns auch ausdrücken. Aber wir erstellen natürlich auch viele Quatsch-Memes.
Marius Im Buch ist das anders, ein bisschen tricky. Im Buch geht es ja darum, dass Anette Bürgermeisterin werden möchte, also unterschwellig schon auch um Themen wie Politik und Feminismus, aber vor allem wollten wir ein lockeres, lustiges Buch schreiben. Das Buch ist quasi das Ergebnis aus diesen drei Komponenten. Uns war es dabei wichtig, einen eigenen Weg zu finden, der dem Ursprung des Accounts gerecht wird.

Was wünscht ihr euch für die Veröffentlichung des Buches?
Sina Wir möchten auch über den Account hinaus Menschen erreichen, die sich vielleicht noch nicht so kritisch mit dem Thema auseinandergesetzt haben, also die Zielgruppe erweitern. Ich würde mich freuen, wenn viele „Anettes“ das Buch lesen.
Marius Ich bin richtig gespannt, wie die Leute, die den Account schon kennen, das Buch dann rezipieren werden, weil es einfach etwas anderes ist. Es ist zwar ähnlich, aber es ist einfach auch eine andere Facette unserer persönlichen Herangehensweise an dieses Thema, sich über sich selbst als Kartoffel-Deutsche lustig zu machen.

Interview Lina Tauscher
Fotos Julian Mittelstädt, Instagram: alman_Memes2.0

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