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Till Reiners

22. November/
Brunsviga (BS)

Stand-up-Comedian und Podcaster Till Reiners macht am 22. November Stopp
in der Braunschweiger Brunsviga, um uns „Bescheidenheit“ zu lehren.
PK till press quer grumpy art
Rein optisch betrachtet, wirkt Till Reiners mit seinem blonden Haar, Bubi-Gesicht und seiner schmächtigen Figur wie ein harmloser Langzeitstudent, der je nach Outfit Soziale Arbeit, Maschinenbau oder BWL studiert. Doch beginnt der Stand-up-Comedian zu quasseln, wird mit scharfer Zunge, schwarzem Humor und einer gewissen selbstironischen Arroganz Klartext gesprochen. Intelligent, scharfsinnig, gesellschaftskritisch und lässig reiht der Wahlberliner eine pointierte Geschichte an die nächste.
Eigentlich wollte der Fitnesstrainer für Lungenflügel, Zwerchfell und Wohlbefinden nach seinem Abitur eine Schauspielkarriere anstreben, jedoch scheiterte er bereits kläglich an der Aufnahmeprüfung. Statt also Theaterpädagogik und Tanz zu pauken, startete Till wie seine Comedy-Kollegen Felix Lobrecht und Hazel Brugger mit Poetry Slam durch. Den Weg ins Rampenlicht hat der charmante Ritter des ehrlichen Humors offensichtlich selbst gefunden: Heute ist der 35-Jährige Stand-up-Comedian, tritt in satirischen TV-Formaten wie der „ZDF Heute Show“ oder „Die Anstalt“ auf, schreibt Bücher und ist prämierter Kabarettist sowie erfolgreicher Podcaster.


Bei letzterem fährt er sogar zweigleisig: Bei dem Podcast „Talk ohne Gast“ laden Till Reiners und sein Kumpel Moritz Neumeier prominente Gesprächspartner ein, die unter fadenscheinigsten Ausreden absagen. Besser klappt es mit den Gästen bei Reiners Spotify Exclusive Podcast „Jokes“. Dort schnackt das niederrheinische Multitalent in 13 Episoden mit Kolleginnen und Kollegen aus der deutschen Comedy-Szene wie beispielsweise Schauspieler Christian Ulmen, DJane und „Neo Magazin Royale“-Gesicht Larissa Rieß oder Moderatorin und „Herrengedeck“-Podcasterin Ariana Baborie.
In seinem 2016 erschienenen Buch „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: Begegnungen mit besorgten Bürgern.“ versuchte der studierte Politikwissenschaftler zu verstehen, warum so viele Menschen Angst vor Überfremdung haben. Dafür schleuste er sich bei Pegida-Spaziergängen ein, führte Gespräche mit AfD-Politikern und besuchte besorgte Bürger in ihrem Wohnzimmer, um der angespannten Stimmung auf den Grund zu gehen.
Wir haben mit dem sympathischen Comedian vor seiner ersten Show nach sechsmonatiger, coronabedingter Bühnenabstinenz bei einem Telefoninterview über seine Inspirationsquellen, die aktuelle politische Lage und sein laufendes Programm „Bescheidenheit“ gesprochen, das er am 22. November auch auf der Bühne der Braunschweiger Brunsviga präsentiert.
Till, dein aktuelles Programm heißt „Bescheidenheit“. Für mich kann man den Begriff positiv und negativ auslegen. Warum hast du den Titel gewählt?
Ich finde es sehr lustig, ein Stand-up-Programm so zu nennen, weil es, glaube ich, der unpassendste Begriff ist, den man sich vorstellen kann. Er widerspricht sich ja quasi selbst, weil er sich nennt. Bescheidenheit sollte ja immer im Verborgenen stattfinden und wenn man sein Programm „Bescheidenheit“ nennt, dann ist es eigentlich das Großkotzigste, was man machen kann.

Bescheidenheit in allen Ehren: Was kannst du neben Reden und Witzigsein eigentlich besonders gut?
Ehrlich gesagt, wars das schon fast. Ich glaube wirklich, ich kann eigentlich nur gut reden, das habe ich schon in der Grundschule gemerkt. Das ist ja schon etwas. Immerhin. Ansonsten kann ich noch gut fangen. Ich kann wirklich gut Dinge fangen. Ich kann auch sehr gut Stimmen zuordnen. Es ist sehr schade, dass es „Wetten, dass..?“ nicht mehr gibt, da wäre ich sehr prädestiniert für. Prominente müssten so zwei Sekunden etwas sagen und ich müsste dann erraten, wer es ist. Ich glaube, da wäre ich ziemlich gut drin.

Wovon hast du eigentlich keine Ahnung, hättest sie aber gern?
Programmieren! Ehrlich gesagt, gibt es sehr viel, wovon ich wirklich gern Ahnung hätte. Ich würde gern Apps programmieren, ich hätte gern Ahnung von Geopolitik und Geographie im Allgemeinen. Ich würde das mit den Breitengraden gerne verstehen.
Ich würde das auch gern mit den Planeten und Sternen verstehen und ein erster Schritt wäre vielleicht, mir endlich zu merken, was der Unterschied zwischen Astronomie und
Astrologie ist.

Du bist vom Poetry Slam übers Kabarett zur Comedy gekommen. Welchen Mehrwert hast du aus den beiden Bereichen für deine

Comedy gezogen?
Auf eine Bühne zu treten und nicht zu zittern. Das ist, glaube ich, der größte Mehrwert. Man ist fünf Jahre damit beschäftigt, nicht nervös zu sein und möglichst normal zu werden auf der Bühne. Ich merke immer, was ich schon kann, wenn ich auf Leute treffe, die es zum Beispiel nicht gewohnt sind, vor der Kamera oder auf der Bühne zu stehen. Die werden immer ganz anders. Ich werde nicht mehr anders, das muss man aber absurderweise lernen. Ich habe außerdem mitgenommen, wie man pointiert und vor allem anschaulich und bildhaft schreibt. Das habe ich sowohl im Kabarett als auch im Poetry Slam gelernt. Man muss möglichst wenig technisch, aber dafür greifbar schreiben, sodass man etwas schmecken kann. So wenig ich ganz klar lyrisch geschrieben habe, so sehr hat auch Erzählung eine Poesie. So kitschig das jetzt klingen mag. Mit jedem guten Wort tauchen Bilder auf. Das hat jeder Stand-up-Comedian irgendwann verinnerlicht.

„Wenn ich bei meiner Meinung aus dem März geblieben wäre, dann wäre ich heute Verschwörungs-theoretiker“

Wo holst du dir den Input her?
Das weiß ich nicht. Ich habe einfach eine Idee und es kommt, glaube ich, auch durch viele Gespräche mit Freundinnen und Freunden. Ich notiere mir das und probiere es einfach auf offenen Bühnen in Berlin aus. Ich schaue, was dem Publikum Spaß macht und was mir Spaß bereitet und wo wir eine gemeinsame Ebene hinkriegen. Darum geht es ja eigentlich, es soll ein Material erschaffen werden, bei dem Spannung zwischen dem Publikum und mir vorhanden ist. Das gilt es zu erzeugen. Es ist nicht so, als würde ich einen Vortrag planen, sondern was kann ein Thema sein, an dem wir uns gemeinsam abarbeiten. Das klingt jetzt ein wenig zu verkopft, aber ich meine, ich gehe auf die Bühne und schaue, was für eine Stimmung im Raum herrscht und spiele mit dieser Stimmung. Es ist nicht so, dass ich irgendetwas erzähle und dann lachen die Leute. Ich würde schon sagen, es ist ein Dialog, bei dem nur ich rede. (lacht) Aber non-verbal passiert super viel. Ich kriege natürlich mit, wie das Publikum gerade auf mich reagiert.

In deinem Buch „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ schriebst du „Die Stimmung im Land macht mir keine Sorgen. Sie befremdet mich eher.“ Nun sind vier Jahre verstrichen und die Lage hat sich verändert. Wie schätzt du deine Aussage im Heute ein?
Ich glaube, heute hat sich schon ein bisschen was geändert. Ich habe damals besorgte Bürger getroffen und gefragt: Was ist los mit euch? Ich glaube, das haben ganz viele Leute gemacht und versucht, irgendwie erst mal mit Verständnis dranzugehen. Ich glaube, mittlerweile ist diese Zeit vorbei und wir wissen in etwa, was das für Leute sind. Ich finde es absolut fahrlässig, wenn bei so einer Pegida-ähnlichen Ansammlung vor dem Bundestag dieser Corona-Verrückten gesagt wird: Da müssen wir genauer hinhören und anfangen, genauer zu differenzieren. Das sind ja nicht alles Nazis! Dann denke ich so: Ja, krass. Ihr habt dann offenbar jahrelang nichts mitbekommen.

Sorgst du dich inzwischen?
Nein, ich habe keine Sorge. Ganz im Gegenteil, denn ich weiß, dass ich denen sehr klar sagen möchte: Nein, ihr habt nicht Recht. Das ist Quatsch! Das ist auch keine Diskussionsgrundlage mehr. Da endet auch die Meinungsfreiheit, weil ich kann jetzt nicht zu jemanden gehen, der sagt: 1+1=3 und zu ihm sagen: Ja, schön, ist ja auch eine Meinung. Das findet jedoch gerade bei ganz vielen Leuten statt. Das finde ich ganz furchtbar. Nein, das ist kein Ansatz mehr, zu diskutieren. Ich kümmere mich jetzt lieber um die Leute, die durch deren Egoismus geschadet werden. Ich möchte eher zu denen gucken, denen es schlecht geht oder die etwas Positives leben und mir nicht von 40 000 Leuten, was ja verschwindet gering ist, diktieren lassen, was meine Agenda ist oder was mir jetzt am wichtigsten sein muss. Also diese Leute stehen für mich nicht auf meiner To-do-Liste.

Im Internet wirst du als Comedian für Bildungsbürger beschrieben. Würdest du diesen Titel unterschreiben?
Ne, ich möchte Comedy für alle machen. Ich glaube, ich mache Comedy, für die sich niemand schämen muss, weil er sie gut findet. Ich möchte nicht bedienen, da geht man hin, weil man klug ist. Ich möchte, dass die Leute zu meiner Show kommen, weil sie denken, der hat einen geilen Humor.
Du beziehst aber eine deutliche politische Position, reflektierst über gesellschaftliche Themen und Phänomene. Möchtest du deinem Publikum trotzdem etwas zum Nachdenken mitgeben?
Ja, schon. Also mir macht Nachdenken immer Spaß. Deshalb ist es für mich kein Widerspruch. Ich glaube, es kommt darauf an, wie man etwas erzählt. Wenn man nicht als Oberlehrer rüberkommt, sondern als: Ey, ich habe mir mal Gedanken gemacht. Was meint ihr da eigentlich zu? Dann ist es ja eher cool und dann haben die Leute auch Bock drauf. Ich nehme mich da nicht künstlich zurück, wenn ich etwas ganz interessant finde oder glaube, etwas herausgefunden zu haben, dann möchte ich es mitteilen.

Zu welchem Thema hast du zuletzt deine Meinung geändert?
Tatsächlich Corona. Vor sechs Monaten als alles anfing, habe ich wirklich noch Witze drüber gemacht, weil ich da nicht so viel Angst hatte. Ich war zugegebenermaßen auch nicht so informiert, gleichzeitig waren auch wenige Leute informiert und ich hätte nicht gedacht, dass es so krass wird. Erst zwei, drei Tage vor dem Lockdown wurde mir bewusst, dass es einen Lockdown gibt. Wenn ich bei meiner Meinung aus dem März geblieben wäre, dann wäre ich heute Verschwörungstheoretiker. (lacht)
Was kannst du nur mit Humor ertragen?
Ehrlich gesagt, glaube ich, sehr viele Sachen. Je schrecklicher es ist, desto mehr neige ich dazu Witze drüber zu machen.

Während des Lockdowns lief auf ZDFneo die Sendung „Homies“ mit Moritz Neumeier und dir. Inzwischen merkt man, wie wichtig und fast schon systemrelevant Kultur ist. Wie hast du die Zeit empfunden?
Sehr arbeitsreich. Dadurch, dass man so viel gearbeitet hat, hat man gar nicht gemerkt, wie surreal das alles ist. Ich bin einmal die Woche ins Studio gefahren und habe vorher Witze geschrieben über die Zeit. Für mich war es die perfekte Beschäftigungstherapie und ich bin da sozusagen gut durch die Krise gekommen. Ich kann nichts anderes dazu sagen und weiß, wie privilegiert das ist und wie viel Glück ich hatte. Ich bin sehr dankbar dafür.

Gemeinsam mit Moritz Neumeier hast du den Podcast „Talk ohne Gast“, bei dem euch komischerweise reihenweise die Promi-Gäste absagen. Von welchem Promi möchtest du gern versetzt werden?
Es ist immer ein bisschen traurig, wenn uns die Leute versetzen. Also es gäbe schon so ein paar Leute, mit denen ich gerne sprechen würde. Das wären auf jeden Fall Hape Kerkeling oder Anke Engelke. Ehrlicherweise würde ich mich sehr freuen, wenn sie nicht absagen würden.

„Mich nervt es einfach, dass lustige Frauen in meiner Umgebung immer noch wie Aliens behandelt werden“

PK till press hoch kichert art


In deinem neuen Spotify Exclusive Podcast „Jokes“ redest du mit Menschen aus der deutschsprachigen Comedyszene. Warum boomt vor allem die junge Comedyszene zurzeit wieder?
Es liegt tatsächlich an Amerika. Ich glaube, weil englische und amerikanische Stand-up-Comedy jetzt einfach sichtbar ist. Das liegt auch an den Star-Specials auf Netflix. Gleichzeitig werden wir so sozialisiert, dass wir uns überhaupt englischsprachige Sachen anschauen. Ich weiß noch, dass ich mir vor vier Jahren oder so etwas von Louis C.K. angeguckt habe und glaube, das war für viele der neuen jungen Comedygeneration so ein Erweckungserlebnis.

Was mir besonders gut an „Jokes“ gefällt ist, dass du auch witzige, unterhaltsame Frauen der Medienbranche einlädst und diese zu Wort kommen lässt. Hast du da eigentlich explizit drauf geachtet?
Ja. Das wollte ich gern so machen, aber ohne es großartig zu thematisieren, weil mich einfach sehr nervt, dass lustige Frauen in meiner Umgebung immer noch wie Aliens behandelt werden oder mindestens mal nachgefragt wird, ob sie nicht lesbisch seien. Ich glaube, dass Männer und Frauen gleich lustig sind, aber ich glaube, dass Frauen sich noch etwas mehr trauen, lustig zu sein. Ich schätze es einfach sehr und will mehr lustige Frauen auf Bühnen sehen. Fertig! (lacht)

Am 22. November trittst du in der Braunschweiger Brunsviga auf. Warst du schon mal in Braunschweig und wie hast du deinen Aufenthalt in der Stadt empfunden?
Selbstverständlich. Ich war schon mehrmals im LOT-Theater in Braunschweig. Kein Spaß, das war immer sehr gut. Der Veranstalter Patrick Schmitz hat das immer sehr gut gemacht. Ich war auch mal in Barnaby's Blues Bar und es war ein Erlebnis der besonderen Art, weil es so richtig rough war. Ich fand es immer ziemlich geil in Braunschweig.

Das ist nun deine Bühne: Wie lockst du das Braunschweiger Publikum in zwei, drei Sätzen in die Brunsviga?
Ich glaube, es wird ein sehr lustiges Programm, das man auf jeden Fall in der Art noch nie gesehen hat. Ich glaube, es ist ein sehr spezieller Abend, über den man sich länger freut.

Interview Denise Rosenthal
Fotos Esra Rotthoff

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