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Ein Loop kommt selten allein |

Was hat die „neue“ Brigitte-Diät mit den Bildschirm-Lagerfeuern in Hotellobbys gemeinsam? Die endlose Wiederholung. Wir haben uns die neue Ausstellung „Never Ending Stories“ im Kunstmuseum Wolfsburg angeschaut und uns den Fragen nach der Unendlichkeit in Raum und Zeit gestellt.

Never Ending Stories | bis 18. Februar 2018

PK Kunstmuseum Damon Bildscheibe Art
PK Kunstmuseum NaumannBruce 04 Art
Eternal Love
„Loops sind wirklich ein ganz großer Bestandteil unseres Lebens“, meint Dr. Ralf Beil, Direktor des Wolfsburger Kunstmuseums, „auch in unserem eigenen Kopf“. Deshalb hat er für seine aktuelle Ausstellung unzählbare Loops, also Endlosschleifen, in den verschiedensten Formen und Medien der Kunst- und Kulturgeschichte zusammengestellt.
Max Beckmanns Endlos-Spiegel-im-Spiegel-Bild „Café-Interieur mit Spielspiegel“ etwa, in dem sich ein gegenüber aufgehängtes Endlos-Spiegelbild von René Magritte als Video-Loop spiegelt oder auch zwei Köpfe aus Neonröhren, die sich gegenseitig abwechselnd in die Augen piken.
Die Geschichte der Endlosschleife ist so alt wie die der Menschenkultur. Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, die Schleife, deren Inneres gleichzeitig ihr Äußeres ist, die Fortbewegung ohne Fortschritt … die Liste der Ausformungen ist lang. Vorbei an Beispielen aus dem alten Ägypten, der Antike, dem Mittelalter gehe ich durch einen roten Raum mit vielen bewegten Maschinen und Andy Warhols „Kuss“-Video. Hier kann man mit einem Kurbelapparat einen Bleistift „love“ an die Wand schreiben lassen, immer und immer wieder. Auf dem Weg von der Empore nach unten entschuldigt sich ein Telefon wiederholt für irgendwelche Beziehungsprobleme – die Liebe ist meist eben doch endlich, nur die Probleme kommen mit jeder neuen wieder.
Lost In Space
Unten gibt es einen runden „Zen-Garten“, der sich selbst kämmt, einen TV-Buddha und einige Beispiele des Lebenskreislaufs: das Gras, das durch die Kuh zu Dünger und zu einer neuen Nahrungsquelle für andere wird, die Kuh, die durch uns zu „Dünger“ wird … Im Space-Bereich wird das Lauftraining des Astronauten Bowman in seinem Schiff aus Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ geloopt.
Aber was ist dieser abgeschlossene Raum im Raum? Ganz unscheinbar und fast zu übersehen, eine clea-ne weiße Box, vier mal vier Meter. Die Tür ist blickdicht verschlossen, davor ein Aufseher, der die Menschen nur einzeln hineingehen lässt. Worum machen die so ein Geheimnis? Ich muss warten, es ist besetzt. Als die Tür sich öffnet und eine Frau mit großen staunenden Augen herauskommt, kann ich einen schnellen Blick auf das Innere werfen: Glitzert es? Bunte Lichter? Ich bin angefixt. Als ich endlich rein darf und die Tür hinter mir geschlossen wird, bin ich baff. „It’s bigger on the inside“ trifft auf diesen Zauberkasten wirklich zu. Ein schmaler Steg führt hinein in eine Galaxie aus unzählbaren Lichtern, die rhythmisch flackern und farbenfroh wie Sterne und Planeten leuchten. Eigentlich ein simpler Trick der Künstlerin Yayoi Kusama:
Der Raum ist von allen Seiten verspiegelt, erleuchtet durch von der Decke herabhängende Lämpchen. Aber ein kaum zu beschreibender Effekt: Das Gefühl, die unendlichen Weiten des Weltalls zumindest ein bisschen zu erahnen. Es ist unfassbar schön. Ich möchte hier einziehen! Viel zu schnell öffnet sich hinter mir die Tür zur Realität. Na gut. Vielleicht später noch mal rein? Unbedingt!

21 mal 00
Nebenan sind auf dem Fußboden zahllose einzelne Klopapier-Blätter – rosa, 3-lagig – zu einer dicken langen Schlaufe aufgetürmt worden. Das hat doch sicher Stunden gedauert, diese flüchtige Installation von Michel Blazy aufzubauen. Bloß nicht drauftreten oder niesen! Gleich daneben sehe ich einen dunklen Tunnel mit einer Tür. Dahinter: ein Bad. Was? Ich mache am Türansatz kehrt, denke: Die Toiletten waren doch sonst nicht hier, oder doch? Der Aufseher informiert mich: „Ja, ja, das ist auch Teil der Ausstellung. Gehen Sie ruhig rein, aber beachten Sie: Es gibt keinen Weg zurück.“ Ok … etwas angegruselt traue ich mich hinein, die Tür geht zu und tatsächlich: von innen keine Klinke. Der Waschraum ist schlicht, um nicht zu sagen hässlich, wie in einer abgelegenen Jugendherberge aus den 90ern. Graue Fliesen mit dreckigen Fugen, Strukturtapete in „Putzoptik“ und schmuddeliges Krankenhaus-Beige. Es gibt nichts zu sehen, außer einer Duschkabine, einem Spiegel und einer weiteren Tür. Irgendwo tropft Wasser. Ich gehe mal weiter. Kunst ist manchmal so  …  Durch die zweite Tür und noch einen dunklen Gang komme ich – Überraschung – in ein weiteres, exakt baugleiches Bad. Danach in das nächste und immer so weiter. Verstehe. Die tägliche Routine: ein Loop. Feine Unterschiede fallen auf: Das Tropfgeräusch ändert seine Frequenz, das Licht die Intensität, die pekige Stelle über dem Lichtschalter ist unterschiedlich eklig. 21 Bäder später weiß ich, wie sich die Ewigkeit anfühlt. Was gibt’s sonst noch?

The Machine
Richtig witzig ist auch der Bereich, der den monoton arbeitenden Menschen durch verschiedene mechanische Aufbauten repräsentiert. Das gleichförmige Klack-Klack-Klack und der Synchrontanz der Zylinder eines offenen Sternmotors. Die kleine rote Spielzeuglokomotive, die emsig auf ihren Schienen im Kreis fährt, dabei aber auf einer gegenläufig rotierenden Scheibe befestigt ist, sodass sie sich nicht einen Zentimeter fortbewegt. Der Ventilator, der beständig das Gesicht eines Mannes umklappt, um auf dessen Rückseite einen Totenschädel zu zeigen … Der ewige Loop der Menschheit.
Verabschiedet wird man schließlich ganz herzlich von dem Knacken und Knistern einer Plattenspieler-Nadel, die in der Endlosrille im Kreis weiterläuft – der Leerlauf in Perfektion.
Weiter im Kreis laufen auch meine Gedanken. Ist es überhaupt möglich, etwas zwei Mal identisch zu machen oder zu erleben? Was tun ob der ganzen sinnlosen Loops in meinem Leben? Wie viele Weltraum-Selfies werden wohl aus dem „Infinity“-Raum in die unendlichen Weiten des Internets geschickt?
Diese kaleidoskopische Ausstellung wird mich noch eine Weile weiterbeschäftigen.

PK Kunstmuseum Gordon Untitled 3 Art

PK Kunstmuseum Dunlop Geomax 100 90 57m 360 3x 1 Art

Text: Evelyn Waldt
Fotos: Kunstmuseum Wolfsburg

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