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Interview mit Dagmar Schlingmann und Srba Dinić

Unter Umständen haben Netflix und das Theater mehr gemeinsam als man denkt – Drama, etwas zum Lachen oder Mitwippen gibt es bei beiden selbstredend. Zusammen mit Staatstheater-Generalintendantin Dagmar Schlingmann und Generalmusikdirektor Srba Dinić hat SUBWAY Schnittstellen gesucht und gefunden. Ein Gespräch mit Quiz über moderne Märchen, den James-Bond-Dreh in Mexiko und Schocker im Theater.
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Das Spielzeitmotto ist „Braunschweig liegt am Meer“. Wenn das Staatstheater wirklich ein Schiff wäre und Sie zur Besatzung gehörten, welches wäre Ihre Rolle an Deck?
(lachen) Schlingmann Kapitän oder … (überlegt)
Dinić Der erste Offizier.
Schlingmann Genau. Ich habe aber auch noch andere Partner, den Verwaltungsdirektor zum Beispiel, ein wichtiger Mann, der mir gleichgestellt ist. Wir sind ein großes Team und jeder ist in seinem Bereich Spezialist – ob Oper, Tanz, Schauspiel, Junges Staatstheater oder Orchester – und bringt das Theater-Schiff in Fahrt.

Haben Sie denn alle schon gut als neues Team zusammengefunden?
Schlingmann Ja, ich finde schon. Es macht sehr viel Spaß. Es ist tatsächlich so, dass ich schon mit einem der beiden Spartenleiter des Schauspiels, Christoph Diem, der auch aus meinem vorigen Theater kommt, zusammengearbeitet habe. Claudia Lowin ist neu vom Schauspiel Frankfurt zu uns gekommen. Den Leiter des Jungen Staatstheaters, Jörg Wesemüller, kenne ich auch schon sehr lange. Gregor Zöllig, den ich sehr gerne mag und mit dem ich mich gut verständigen kann, war bereits hier. Und Isabel Ostermann, unsere Operndirektorin, leitet wunderbar das Musiktheater. Herrn Dinić kannte ich flüchtig. Aber nach dem tollen Start freue ich mich auf die Zusammenarbeit hier am Staatstheater.

Kommen wir zur ersten Quizfrage: Gesucht sind entweder Serien, Filme oder Theaterproduktionen, letztere aus der aktuellen Spielzeit. Ich habe dazu ein wenig im Programmheft des Staatstheaters gestöbert … Aus welchem Roman stammt das folgende Zitat? „Sie ist auf keiner Karte verzeichnet. Die wahren Orte sind das nie.“
Schlingmann „Moby Dick“.

Richtig. Gemeint ist die Insel, die die Romanfigur Captain Ahab sucht.
Schlingmann Erster Treffer, juchu. (lacht)

Bezieht sich eigentlich jeder der Programmpunkte der Spielzeit auf die Thematik „Meer“?
Schlingmann Fast. Das Motto spiegel sich vor allem im Schauspiel inhaltlich sehr gut wider. Zum Beispiel mit dem Stück „Le Havre“, basierend auf dem gleichnamigen Film von Aki Kaurismäki, das ein Märchen über eine geglückte Flucht ist. Es ist aber nicht nur ein inhaltliches Motto, sondern auch assoziativ. Es heißt: Entdeckt neue Welten, stecht mit uns in See.
Wir machen gleich musikalisch weiter. In welchem Musiktheater-Stück ist ein Mann in seine Stiefmutter verliebt?
Schlingmann (zu Dinić) Jetzt sind Sie dran. (lacht)
Dinić „Don Carlo“.

Vielleicht sind die Fragen zu leicht … Erzählen Sie doch bitte etwas über den neuen Zyklus „Oper im Konzert“.
Dinić Es gibt viele Opern mit großartiger Musik. Die Reihe fließt aus verschiedenen Gründen in unser Programm ein. Einer ist die Größe des Hauses. Ein anderer ist, dass wir fünf oder sechs Musiktheater-Produktionen pro Jahr machen. Wir schaffen nicht alles, aber das Potential ist enorm. Wir wollten nachhelfen, indem wir Produktionen in der Stadthalle machen, zum Beispiel beim 7. Sinfoniekonzert, bei dem Ausschnitte aus Tschaikowskys Oper „Mazeppa“ gespielt werden. Das ist ein Riesenstück, deswegen die Wahl des Spielorts. Die Zuschauer sollen diese Musik kennenlernen, denn „Mazeppa“ ist natürlich nicht so berühmt wie „Eugen Onegin“ oder „Pique Dame“. Es ist eine sehr gute Verbindung zwischen Theater und Konzert.
Schlingmann Es ist überhaupt schön, dass wir hier so viele verschiedene Künste unter einem Dach haben. Auch finde ich es gut, wenn die Grenzen ein bisschen fließender sind. Es ist zum Beispiel angedacht, ein Stück mit Tänzern und Schauspielern zu machen. Da passt auch sehr gut rein, dass nicht jeder starr seine Sparte bedient, sondern schaut, was man zusammen machen kann.
Dinić Ein Beispiel: Wir haben gerade eine Schauspielerin in „Don Carlo“. Sie singt allerdings nicht.

Nicht nur die Sparten, auch die Häuser des Staatstheaters sind verbunden, das Große Haus ist das Schiff, wenn man so will, im Kleinen Haus gibt es das Aquarium. Was ist das genau?
Schlingmann Im Kleinen Haus gibt es unten den Theatersaal mit voll ausgestatteter Bühnentechnik. Dann gibt es einen sehr schönen Raum im ersten Stock, der eine Glasfront hat. Das wird die neue Spielstätte Aquarium. Der Raum wurde in der Vergangenheit vorwiegend als Probebühne genutzt. Wir machen daraus eine Spielstätte, in der sehr viel Interessantes und Außergewöhnliches geboten wird. Etwas, das vielleicht nicht unbedingt ins Repertoire passt, kleine, nicht aufwändige Stücke, Konzerte und ähnliches. Damit verfolgen wir eine andere Linie mit experimentelleren Theaterformen. Davon verspreche ich mir einiges.
Zurück zum Quiz. Die Vertonung welchen Gedichts wird hier gesucht? „Aufersteh‘n, ja, aufersteh‘n wirst Du mein Herz in einem Nu.“
Dinić Das ist die 2. Mahler.

Eine Beschreibung, die ich dazu gelesen habe, war ein „Meer aus Geigen“.
Dinić Im Sinfoniebereich, aufs klassische Repertoire bezogen, ist es die größte Orchester-Besetzung, die man haben kann. Mahler – Bruckner – Strawinsky – Wagner. Das sind von den Streichern her die größten Orchesterbesetzungen. Ein Stück von Johann Strauss spielt man nie ohne 16 erste Geigen.

Gibt es auch etwas von Vivaldi? Sein „Winter“ ist der Titeltrack für die kulinarische Doku-Serie „Chef’s Table“.
Dinić Nein, wir spielen „Die vier Jahreszeiten“, aber nicht von Vivaldi sondern von Astor Piazzolla. Dem berühmten Komponisten und Bandoneon-Spieler aus Argentinien. Das 5. Sinfoniekonzert enthält auch Tschaikowskys „Winterträume“ und „Four Sea Interludes“ aus Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“. Vielleicht spielen wir Vivaldi im Neujahrskonzert. Dort kann sich jeder unserer vier Konzertmeister einen Satz aussuchen.

Was ist hier gesucht: Ist die Menschheit noch zu ertragen? Eine auf sich selbst bezogene Gesellschaft in einem degenerierten Europa steuert auf den Abgrund zu.
Schlingmann Da bin ich gefragt, das ist „Haus der gebrochenen Herzen“, bei dem ich Regie führe. Es geht im Grunde genommen um eine Gesellschaft von gebildeten Menschen, die nicht arm sind, aber eher dekadent leben und zu viel Geld ausgeben. Sie vertreiben sich ihre Zeit, sind immer beschäftigt mit Flirts, laden sich Gäste ein, die sie dann fertigmachen. Es wird ein Gesellschaftsbild mit sehr pointierten Figuren gezeigt. Das Stück ist historisch angesiedelt, als sich der erste Weltkrieg zusammenbraut. Man hört draußen die Bomben fallen, aber diese Gesellschaft ignoriert das und macht einfach weiter. Wir spüren in der aktuellen politischen Situation auch, dass nicht alles immer so weitergehen kann. Es gibt keinen Plan für eine große Veränderung. Wegen dieser Parallelen habe ich das Stück ausgesucht. Aber es gibt durchaus auch einen sehr komödiantischen Blick auf diese Gesellschaft.

Wir freuen uns sehr über das neue Publikum.

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Was würden Sie sich persönlich für das heutige Europa wünschen?
Schlingmann Frieden. Es gibt so viele Kriegsschauplätze und ungeklärte Situationen, dass es mir Angst macht. Die globalen Spannungen finde ich sehr bedrohlich. Also natürlich den Syrien-Krieg aber auch die Situation in Korea oder Amerika. Europa driftet auseinander – politisch gesehen. Es gibt viele Länder, die sich entscheiden, in eine konservativere Politik zu gehen. Man muss erst mal sehen, wie man das alles noch unter einen Hut bekommt. Ich bin überzeugte Europäerin, aber es ist schwierig, diese auseinanderdriftenden Interessen wieder zusammenzuführen. Natürlich ist das oberste Ziel, dass das auf einem friedlichen Weg geschieht.
Dinić Ich bin noch in der Zeit von Jugoslawien geboren. Tito war Präsident. Als Kinder hätten wir nie gedacht, dass zehn Jahre nach seinem Tod der Krieg ausbrechen würde. Ich war in dieser Zeit noch in Serbien und es war wirklich unglaublich. Zwischen ’91 und ’95 bin ich dort weg und ’99 kam die Bombardierung. Die Leute haben sehr viel erlebt. Die Statistik zeigt: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist nicht ein Tag ohne Krieg auf dieser Welt vergangen. Es gibt immer Kriege, egal ob lokal, international oder interkontinental.

Um einen Krieg geht es auch im nächsten Tipp. Die Tochter hat blutrünstige Pläne, um den Tod ihres Vaters zu rächen.
Dinić Das muss „Elektra“ sein, eine Oper von Richard Strauss, die wir ab 2018 zeigen. Es ist eine Geschichte aus der Antike.
Schlingmann Sie spielt in der Nachfolge des Trojanischen Krieges. Agamemnon kehrt aus dem Krieg zurück und wird von seiner Frau und ihrem Geliebten umgebracht. Der Sohn und die Tochter Elektra wollen wiederum ihren Vater rächen. Alle ziemlich fanatisch in dieser Familie. (lacht)
Woher stammt folgendes Zitat? „Das ist deine letzte Chance. Danach gibt es kein Zurück. Nimm die blaue Pille – die Geschichte endet, du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was auch immer du glauben willst. Nimm die rote Pille – du bleibst hier im Wunderland und ich werde dir zeigen, wie tief das Kaninchenloch reicht.“
Schlingmann
Es könnte „Open House“ sein oder Netflix …

Auflösung: Matrix, Filmkonzert im Rahmen des Filmfests.
Schlingmann
Leider habe ich es bisher nie geschafft, den Film zu sehen. Umso mehr freue ich mich auf das Filmkonzert mit dem Staatsorchester Braunschweig.
Dinić Die letzten Sci-Fi-Filme, die ich gesehen habe, waren „I am Legend“ und „Lucy“. Aber „Matrix“ ist ein Klassiker.

Zwei Geschwister. Gut oder böse? Einer von ihnen muss sterben.
Dinić Nicht Hänsel und Gretel.
Schlingmann Außer, es gäbe ein neues Ende: Der Schocker, einer stirbt. Ab sechs Jahren. (lacht)
Gesucht war „Bloodline“ oder „Riverdale“.

Noch ein Zitat: „Und was er nun draußen sah, das übertraf einfach alles, was ihm jemals vor Augen gekommen war.“
Schlingmann Das weiß ich, glaube ich. Das ist „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, unser Weihnachtsstück. Es wird eine sehr schöne, kindgerechte Aufführung. Mit einem tollen Bühnenbild. Ich kenne die Regisseurin, man kann sich auf jeden Fall darauf freuen. Es wird sogar eine fahrende Lokomotive geben.

Der Aufstieg und Fall eines mächtigen Mannes, der ein verbotenes Geschäft betreibt, dessen Handelsgut mancher verfällt und mancher nicht überlebt.
Schlingmann „Breaking Bad“.
Stimmt. Oder die Serie „Narcos“. Was ist als nächstes gesucht? Als ihr Vater plötzlich stirbt, trägt sie eine große Verantwortung, für die sie noch nicht gewappnet ist, der sie sich aber erhobenen Hauptes stellt. 
Schlingmann
Das könnte die Serie mit Königin Elisabeth sein. So eine Thematik könnte man auch auf die Bühne holen, „Maria Stuart“ zum Beispiel. Da geht es auch um eine junge Königin, die mit ihrem Amt überfordert ist. Das sind gute Stoffe. Nicht umsonst erlebt diese Serie im Moment so einen Aufschwung. Leider habe ich viel zu wenig Zeit, um mir diese Dinge anzuschauen. Ich gehe auch wahnsinnig gerne ins Kino.
Dinić Ich gehe nur ins Kino, wenn der neue „James Bond“ kommt, sonst habe ich auch wenig Zeit. Ich muss sagen, dass von allen Bonds Pierce Brosnan mein Sympathieträger war. Als Daniel Craig anfing, dachte ich zuerst, das kann nicht wahr sein. Inzwischen finde ich ihn aber mit jedem Film besser und interessanter. Ich war auch dabei, als für den letzten Teil in Mexiko gedreht wurde. Vom Palacio de Bellas Artes war das hundert Meter entfernt.

Könnten Sie sich zu „James Bond“ auch ein Filmkonzert vorstellen?

Dinić Wussten Sie, dass Ian Flemings Tochter eine berühmte Opernsängerin ist? Sie hat auf der ganzen Welt gesungen aber vor allem in der Metropolitan Opera New York. Über James Bond werden selten Filmkonzerte gemacht, da es eher Popmusik ist, höchstens vom Titellied, auch die Versionen von Adele oder Tina Turner.

Welches war das letzte nicht klassische Konzert, auf dem Sie waren?
Dinić Vor ein paar Jahren war ich mal bei Sting. In Frankreich war ich auf einem Simply-Red-Konzert. Und Santana in Mexiko, das war ein riesiges Konzert beim Ángel de la Independencia. Ich bewundere jedes Mal die Tonmeister, die Umsetzung dieser Pop-Konzerte ist unglaublich.

Video-on-Demand-Anbieter wie Netflix und Co. und das Theater haben also viel gemeinsam. Haben Sie weitere Angebote für junges Publikum, um dieses öfter vom Sofa zu locken?
Schlingmann Wir bieten eine Theater-Flat für junge Leute beziehungsweise Studentinnen und Studenten an. Die kommen dann und schauen sich von Oper bis Schauspiel Stücke an, die sie noch nie gesehen haben. Eine gute Gelegenheit, um die Vielfalt des Theaters kennenzulernen. Wir freuen uns sehr über das junge Publikum.

Interview: Katharina Holzberger
Fotos: Kathleen Kalle

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