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Der Braunschweiger Kiosk gen Osten versorgt seine Kunden nicht nur mit Süßigkeiten und Getränken, sondern auch mit einem neuen kulturellen Konzept.
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Eigentlich wollte ich zu Beginn dieses Jahres im Kiosk in meiner Nachbarschaft nur schnell ein paar der schwarz-weißen Lakritzlutscher besorgen, mit denen ich meinen Gitarrenlehrer wöchentlich fürs Klampfestimmen besteche. Doch irgendwas war an diesem kühlen Januarabend anders in dem kleinen Geschäft: Die Eistruhe war verschwunden und die Regale schienen deutlich leerer zu sein als gewöhnlich.
Hinter dem Verkaufstresen entdeckte ich zwei mir bis dato unbekannte Gesichter. Sofort durchfuhr mich der schauderhafte Gedanke, der Kiosk meines Vertrauens, den ich schon von klein auf kannte, könnte seine Pforten für immer schließen. Dann die Entwarnung! Die beiden hinter der Verkaufstheke stellen sich als die neuen Betreiber des Eck-Kiosks an der Menzelstraße vor: Wioletta und Michael Strohmann. Wir kommen schnell ins Gespräch und die beiden erzählen, was sie mit den Räumlichkeiten vorhaben. Ihr Konzept umfasst dabei weitaus mehr, als die Versorgung mit den üblichen Kioskwaren wie Zeitschriften, Zigaretten Süßigkeiten und Getränken. Der Kiosk soll vielmehr zu einem Kulturraum ausgebaut werden, in dem Diskussionsabende, Workshops, Vorträge, Lesungen und Ausstellungen stattfinden. Auch ein Forum für journalistische Reportagen und Dokumentationen ist vorgesehen. Besonders letzteres ist nicht verwunderlich, denn Michael ist selbst Journalist. „Das klingt nach einem spannenden Projekt“, denke ich mir, als ich den Laden in dieser dunklen Januarnacht verlasse. Mittlerweile sind einige Monate seit unserem Kennenlernen vergangen und im Kiosk gen Osten, wie das ehemalige Menzeleck jetzt heißt, ist so einiges passiert. Trotz laufendem Betrieb haben Michael und Wioletta den Kiosk und die Wohnung, die man über eine kleine Treppe vom Verkaufsraum aus erreicht, in mühevoller Kleinarbeit renoviert. Der Verkaufsraum erstrahlt nun in einem hellen und frischen weiß, der Verkaufstresen und die Regale mit Zeitschriften und typischen Kioskartikeln haben die Plätze getauscht. Weinkisten aus hellem Kiefernholz zieren die Wände und beherbergen nun Tabakwaren, Süßigkeiten, Wein- und Sektflaschen. Alles Marke Eigenbau – das kreative Werk von Wioletta. Der Kiosk wirkt jetzt groß, hell und sehr einladend, ebenso wie die Zimmer, die die beiden Einzelhandelsneulinge für ihren Konzept-Kiosk nutzen wollen. Die Räumlichkeiten bieten für knapp 20 Personen Platz – eigentlich nicht viel für den neuen Kulturraum im Östlichen Ringgebiet, aber gerade das macht vielleicht den Charme dieser Idee aus. In kleiner Runde komme man anders ins Gespräch als bei Großveranstaltungen, bei denen sich die Leute zurücklehnen und berieseln lassen. Wir sitzen in einem der beiden Veranstaltungsräume an einem schwarzen Tisch auf dem ein kunstvolles Pflanzenarrangement steht, trinken heißen Kaffee mit Milch und ich frage Michael, ob so ein Kiosk in Zeiten von langen Ladenöffnungszeiten und gutbestücken Tankstellen überhaupt noch eine reelle Chance habe? „Einfach ist es nicht“, gibt er zu bedenken, „man kann nicht mit Tankstellen, die rund um die Uhr geöffnet haben und mit großen Supermarktketten konkurrieren. Da muss man sich schon ein überzeugendes Konzept überlegen.“ Und das haben die gelernte medizinische Schreibkraft und der studierte Geograph auch getan. Das sympathische Ehepaar weiß, was vielen Menschen in unserer heutigen Gesellschaft fehlt: „Es gibt zu viel Nebeneinander und zu wenig miteinander.“ Und genau da, wo es im nüchternen Warengeschäft hapert, wollen sie mit ihrem Credo „Verbindendes und Versorgung“ ansetzen. Anstelle eines unpersönlichen und hastigen Waren-Geld-Austausches nehmen sich Michael und Wioletta für ihre Kunden, ihre Freunde und ihre Nachbarn Zeit und führen mit ihnen Gespräche über die großen und kleinen Dinge des Lebens – der Kiosk als sozialer Treffpunkt an dem sich Punker und Professor auf Augenhöhe begegnen.

„Es gibt zu viel Nebeneinander und zu wenig miteinander“

Auf meine Frage, wie man denn als Journalist auf so eine außergewöhnliche Idee kommt, plötzlich einen Kiosk zu betreiben, erzählt Michael, dass er und seine Frau schon lange die Idee für einen „Kiosk als Kulturraum“ im Hinterkopf gehabt hätten. Aber bisher mangelte es an dem richtigen Standort. Durch einen Freund haben die beiden von dem Ladenobjekt an der Gliesmaroder Straße erfahren. Die Lage an der Nahtstelle von Östlichem Ringgebiet und Nordstadt gefiel ihnen auf Anhieb, genauso wie die buntgemischte Nachbarschaft: „Die ganze Welt ist bei uns zu Gast im Kiosk“, sagt Michael mit funkensprühender Begeisterung. „Vom östlichen Europa, über England, China, die Türkei und Indien ist hier alles vertreten.“

Michael und Wioletta Strohmann wollen mit ihrem Konzept-Kiosk aber weitaus mehr erreichen, als die bloße Versorgung mit Waren des alltäglichen Lebens. Sie wollen Impulsgeber sein, sowohl im Wohnquartier als auch auf Stadtebene. Wie ernst ihnen die Beschäftigung mit dem Kulturthema ist, haben sie mit ihrer ersten Kiosk-Konferenz unter Beweis gestellt, bei der sie Kulturschaffende, Banker und Manager zusammengebracht haben. „Wir achten besonders darauf, dieses Kulturangebot in alle sozialen Richtungen zu öffnen und diese in einen Kontakt miteinander zu bringen. Es geht also nicht um Exklusivität, sondern um kulturelle Inklusivität. Das gilt auch für die räumlichen Bezugsebenen“, heißt es auf ihrer Facebookseite, auf der Michael unter dem Thema „Life is a Kiosk“ regelmäßig Persönlichkeiten aus ihrem Kiosk-Alltag vorstellt.
Als nächstes Projekt steht „The Dylan Exhibit im Kiosk“ an. Anlass ist ein Konzert, das der Altmeister der amerikanischen Folk-Rock-Country-Szene im Juli in der Volkswagen Halle gibt. Es wird aber bei der geplanten Ausstellung keine heilige Reliquiensammlung zu sehen geben, vielmehr haben Wioletta und Michael ihre Kunden dazu aufgerufen, Erinnerungsstücke für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen, die sie persönlich mit Bob Dylan verbinden. Das kann eine alte Eintrittskarte, eine Schallplatte mit einem Dylan-Song, bei dem man den ersten Kuss bekommen hat oder ein selbstgemaltes Bild sein. Es geht nicht um den Wert, sondern um die Geschichte hinter dem Exponat.

Ich selbst muss nicht lange darüber nachdenken, was meine persönliche Verbindung zu Bob Dylan ist und somit mein Beitrag wäre: Ich würde meinen Gitarrenlehrer kurzfristig für die Ausstellung ausleihen, denn niemand spielt so grandios „Blowin’ In The Wind“ auf seiner Gitarre wie er. Und als Belohnung für das brillante Dylan-Tribute-Kiosk-Konzert würde er dann auch ein paar der würzigen Lakritzlutscher extra bekommen, denn die gibt es nämlich auch weiterhin im Kiosk gen Osten. 

Text & Foto Kerstin Lautenbach-Hsu

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