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Premiere „Der Prozess I - Eichmann“

9. Januar / Staatstheater (BS)

Das Regie-Duo krügerXweiss öffnet mit ihrer Trilogie „Der Prozess“ Akten deutscher Geschichte. Der erste Teil feiert am 9. Januar im Kleinen Haus des Staatstheaters seine Premiere.
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Beschäftigen wir uns doch wieder einmal mit der deutschen Geschichte, denn dieses verflixte Jahr 2020 hat uns nicht nur coronabedingt die Nerven gekostet, sondern auch immer wieder vor Augen geführt: Wir dürfen uns nicht ausruhen, nicht vergessen und nicht verdrängen. Wir feierten dieses Jahr das 75-jährige Ende des Zweiten Weltkrieges sowie den 30. Geburtstag der deutschen Einheit und doch sind rassistische Anschläge wie in Hanau diesen Februar kein Einzelfall, Querdenker und Alternativen spalten sich von der gesellschaftlichen Mitte ab. Meldungen extremistischer, antisemitischer und rassistischer Gewalt erschüttern uns in Deutschland wie auch in sämtlichen Nachbarländern immer wieder. Dazu kommt die Furcht vor dem stetig stärker werdenden, spürbaren Rechtsruck in westlichen Demokratien. Wiederholt sich alles? Haben wir nichts aus unseren und den Fehlern vorangegangener Generationen gelernt?
Das Regie- und Produktionsduo krügerXweiss lässt Geschichte nicht ruhen, öffnet Akten von Ereignissen, die drohen, in Vergessenheit zu geraten, und streut Salz genau dorthin, wo es wehtut – aber das muss sein. Marie-Luise Krüger und Christian Weiß erzählen in ihrer komplexen Schauspiel-Trilogie „Der Prozess“ von drei der wichtigsten Gerichtsprozesse der deutschen Geschichte, die allesamt bis ins Heute wirken und Themen wie Recht und Gerechtigkeit behandeln, angefangen mit dem Prozess um Adolf Eichmann von 1961. Es folgt der Stammheim-Prozess um die RAF von 1975 und zuletzt der Prozess gegen Erich Honecker aus dem Jahr 1992.

Musikalisch begleitet und umgesetzt wird das Mammut-Projekt vom Komponisten Antimo Sorgente, der unter anderem die preisgekrönte Filmmusik von „Lost in Face“, einem der diesjährigen „Heimspiel“-Nominierten beim Internationalen Filmfest Braunschweig, komponierte. Gemeinsam mit krügerXweiss realisierte er bereits im Jahr 2018 den mit Kopfhörer geführten Erfolgs-Audiowalk durchs Staatstheater „Inside The Orchestra“ sowie 2019 „The Veil“ im LOT-Theater.
Geschichte erleben
Bereits seit 2012 arbeiten Marie-Luise und Christian zusammen und nehmen sich meist große Rechercheprojekte vor. Bei ihren Produktionen spielt außerdem jeweils die auditive Ebene eine besonders große Rolle: „Wir benutzen oft Kopfhörer und verschiedene Soundebenen, um unsere Inhalte zu erzählen. So werden die Zuschauer involviert; sie werden Teil eines Raumes, den wir akustisch bauen“, erläutert Marie-Luise. Und dort kommt Antimo ins Spiel: Der Komponist und Sounddesigner arbeitet viel mit binauralen Aufnahmetechniken – also Aufnahmen, die in der Wiedergabe über Kopfhörer extrem plastisch und realitätsnah wirken; als befände man sich mitten im erzählten Geschehen. „So setzt sich dieses akustische Bühnenbild zusammen und so haben wir die Möglichkeit, Zuschauer an Orte mitzunehmen, die man sonst im Theater oder auf der Bühne nicht finden kann“, schildert Antimo.
Durch diese besondere Art, Theater zu machen; die Suche nach neuen ästhetischen Formen sowie die Aufarbeitung von gesellschaftsrelevanten und politischen Themen verleihen Marie-Luise und Christian ihren Stücken eine ganz eigene Handschrift. Antimo entführt dabei gleichzeitig in ungeahnte Klangwelten. So auch bei „Vor dem Sturm“, dem einleitenden Prolog zu ihrer im Januar beginnenden Trilogie „Der Prozess“, der bereits am 27. September bei den KunstFestSpielen Herrenhausen in der Orangerie prämierte.
Dieses immersive Stück wagte einen Schnelldurchlauf durch die deutsche Geschichte und gibt Einblicke in das, was in den Folgestücken auf die Zuschauer zukommt. „Schritt für Schritt wird ein neues Kapitel aufgemacht und geschaut, was sich darin verbirgt und inwiefern es bis heute wirkt“, erklärt Regisseur Christian. Anfang Februar wird „Vor dem Sturm“ nach Wolfenbüttel ins Lessingtheater kommen, der erste Teil „Der Prozess 1 – Eichmann“ startet bereits am 9. Januar 2021 auf der kleinen Bühne des Staatstheaters Braunschweig. „Alle Stücke der Prozess-Reihe funktionieren jedoch auch separat und für sich stehend“, betont Marie-Luise.
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Frage nach Verantwortlichkeit
Den Beginn des großen Dreiteilers macht der Prozess um Adolf Eichmann, dem ehemaligen SS-Obersturmbannführers und Leiter des „Judenreferats“ des Reichssicherheitshauptamtes, das die millionenfache Verfolgung, Deportation und Ermordung von Juden organisierte. Weil Deutschland der Verhandlung um Adolf Eichmann nicht stattgab, wurde sein Fall in Jerusalem aufgearbeitet. Letztendlich wurde Eichmann wegen Verbrechen am jüdischen Volk und der Menschlichkeit in 15 Punkten verurteilt und 1962 hingerichtet.
Diesen harten Stoff bringen Marie-Luise, Christian und Antimo auf die Bühne, setzen dabei aber ungewohnte Schwerpunkte: „Uns war wichtig, dass das kein Stück wird, wo Schauspieler in Rollen schlüpfen und etwas nachspielen – den Nazi, den Richter, den Staatsanwalt, die Opfer“, so die Regisseurin, „das finden wir unpassend.“ Deswegen entschied sich das Team dazu, ein rein weibliches Ensemble zu wählen, obwohl eigentlich das gesamte Umfeld des Prozesses damals männlich war. „Wir wollen einen anderen Zugang zum Material kreieren.
Die Schauspielerinnen sind deshalb eher Medien, durch die Text fließen soll“, ergänzt Christian im Gespräch. Darüber hinaus stellt das freie Produktionsduo krügerXweiss die große Frage in den Raum, wo sich vom damaligen Prozess Brücken ins heutige Hier und Jetzt schlagen lassen. Trotz des historischen Materials sehen Marie-Luise und Christian Parallelen zu aktuellen politischen Strukturen. „Wir haben bewusst Adolf Eichmann gewählt – eine Figur, die nicht der blutrünstige Kriegsverbrecher ist, die nicht selbst den Abzug gedrückt oder den Gashahn aufgedreht hat. Er saß vor allem am Schreibtisch, organisierte, plante, führte Befehle aus und leistete seinen Dienst nach Vorschrift. Das wirft Fragen nach Verantwortlichkeit auf, die wir uns heute auch alle stellen müssen: Ist man schuldig, wenn man nur tut, was andere sagen? Wenn man selbst nicht aktiv ist, aber trotzdem danebensteht, wenn zu Hass und Hetze aufgerufen wird?“, reflektiert Marie-Luise.

„Ist man schuldig, wenn man nur tut, was andere sagen?“

Die ohnehin schon heftige Thematik wird durch Antimos aufwendige Soundmontage zusätzlich intensiviert. Schon vor Monaten begann der Musiker damit, sich der Person Eichmann musikalisch zu nähern und seinen Gedanken zum Stück und dem Kontext klanglich Ausdruck zu verleihen. „Da geht es viel ums Versuchen und Ausprobieren – wie kann man mit dem Inhalt umgehen, wie kann man ihn klanglich wahrnehmen?“, verdeutlicht Antimo seinen Schaffensprozess. Wenn mit Kopfhörern gearbeitet wird, produziert der Komponist üblicherweise die Klangwelten vor. Beim ersten Prozess-Stück hingegen spielen und sprechen die Darstellerinnen live, der Ton wird jedoch direkt über Mikrofone abgenommen und den Zuschauern über Kopfhörer wiedergegeben. „So schaffen wir solch eine akustischen Nähe, als würden die fernen Leute auf der Bühne einem direkt ins Ohr flüstern“, schildert Antimo das hochwertige Sounderlebnis.


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Christian Weiß, Antimo Sorgente, Marie-Luise Krüger (v.l.n.r.)

„Der Prozess“ wird einen emotional und intensiv berührt zurücklassen – „das ist auch gewollt“, meint Christian, „es ist wichtig, auch in solchen Zeiten den Finger in die Wunde zu legen. All unsere Produktionen tragen das in sich – und das ist auch irgendwie, wie wir Theater verstehen: Dass man den Prozess der Reflexion weniger im Stück selbst angeht, sondern im Erleben und Wirkenlassen.“ Letztlich ist das ja auch, was Kunst erreichen will – Auseinandersetzung, Vertiefung und den Dialog darüber. Die drei Künstler Marie-Luise, Christian und Antimo jedenfalls sind zuversichtlich: „Bisher nehmen die Zuschauer das dankbar an, denn auf die besondere Art und Weise, wie wir Material auf die Bühne bringen, haben sie das noch nie erlebt.“
Wir halten die Daumen gedrückt, dass die Premiere am 9. Januar wie geplant stattfinden und die Kulturbranche hoffnungsvoll ins Jahr 2021 starten kann.

Text Louisa Ferch
Fotos Irving Villegas, André Elbeshausen

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