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Wladimir Kaminer

2. Dezember / Hallenbad (WOB)
3. Dezember / Pavillon (H)
4. Dezember / Brunsviga (BS)
11. Januar / Hallenbad (WOB)

Auf seiner alljährlichen Winterlesereise durch die Republik macht der Berliner „Russendisko“-Kultautor Wladimir Kaminer gleich mehrfach Stopp in der Region.
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Sowjet-Vergangenheit, dann der neugierige Blick und später der Sprung über den gefallen Eisenern Vorhang, schließlich jede Menge Abenteuer im aufregenden Nachwendeberlin – bis heute hat der gebürtige Moskauer Wladimir Kaminer, der 1990 nach Deutschland kam, viel zu erzählen. Über seine Erfahrungen und Beobachtungen in ganz alltäglichen Dingen wie Liebe, Familie, Ausgehen oder Arbeit berichtet der 52-Jährige am liebsten in Kurzgeschichten und Kolumnen, die von seinem besonderen Blick als Russe auf Berlin, Deutschland und die EU getragen werden.
Seit seinem Debüt und bisher größten literarischen Erfolg „Russendisko“, 2000 bei Goldmann erschien – wohlgemerkt auf Deutsch, ist Kaminer als Schriftsteller unheimlich tüchtig und produktiv. Bis zu vier Bücher im Jahr hat er seither veröffentlicht, 2019 sind es zwei. Ganz frisch am 11. November erscheint „Tolstois Bart und Tschechows Schuhe“ und schon im August erschien „Liebeserklärungen“, eine Kurzgeschichtensammlung über die Liebe, voller Komik und Drama, die einen staunenden und liebevollen Blick auf die Schwächen des menschlichen Herzens wirft.
So fleißig wie beim Schreiben ist der Wahlberliner, der mit seiner Familie im Prenzlauer Berg am Mauerpark lebt, auch in Sachen öffentlicher Auftritte. Schon seit Beginn seiner Schriftsteller-Karriere vor 20 Jahren reist er für Lesungen und Vorträge durch die ganze Republik, dankbar für die Aufmerksamkeit, die ihm als Autor entgegengebracht wird. Mit seiner sympathischen und humorvollen Art ist der charmante Menschenversteher auch vielgeladener Gast in Fernsehen und Rundfunk.
Jahr für Jahr besucht Wladimir Kaminer auch Braunschweig, Wolfsburg und Hannover, so auch 2019, wenn er neben vielen unveröffentlichten Texten natürlich auch über seine „Liebeserklärungen“ sprechen will. Schlange stehend am Flughafen von Berlin nach Düsseldorf hat er sich Zeit genommen, um auch mit uns über die Liebe und ihre Facetten zu sprechen.
Herr Kaminer, warum gerade Liebe als Thema?
Schwieriges Thema. Ich verstehe sehr wenig davon. Ich habe diese Liebesgeschichten gesammelt, weil sie eine wunderbar tragikomische Komponente besitzen, auf die ich immer scharf bin im Leben. Es kommt halt immer anders, als man denkt. Und diese Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis der Liebe hat mich bei der Arbeit am Buch sehr angezogen.

Wie ist Ihr Blick auf die Liebe?
Gefühle können wahrscheinlich nicht als eine solide Lebensgrundlage betrachtet werden. Aber ohne Liebe wäre diese Welt unerträglich. Und nach solchen Lichtpunkten suche ich. Ich habe eine tragische Lebenswahrnehmung. Alles ist doch schlimm: Nichts ist von Dauer, Menschen sterben, ohne zu wissen, wann und wieso. Wichtig ist, wie man mit dieser Tragödie des Lebens umgeht. Ich bin der Meinung, dass man darüber staunen und lachen lernen sollte. Wenn man über die Tragödie lachen kann, dann ist sie überwindbar. Dann ist sie keine Sackgasse. Das ist ja auch das Schöne an der Liebe. Sie kann jederzeit gehen, kann aber auch jederzeit neu entflammen. Ein nicht gezündetes Feuerwerk, das jeder von uns in sich trägt.
Gibt es bei der Liebe wirklich Magie oder ist das alles reine Kopfsache?
Natürlich ist die Liebe eine Kopfsache. Es findet alles im Kopf statt, aber interessanterweise beeinflussen diese Geschichten, zum Beispiel auch die einer unerfüllten Liebe, den Lebenslauf. Sie bleibt unter der Kopfhaut und im Herzen hängen. Je mehr Zeit vergeht, desto stärker. Die Liebesgeschichte meiner Mutter beispielsweise, bevor sie meinen Vater geheiratet hat. Ich merke, dass sie diese Geschichte immer mehr beschäftigt, je älter sie wird – und sie wird jetzt 88. Also dachte ich, ich schreibe diese Geschichte jetzt. Ich habe sie nur ein bisschen aufgehübscht. Als meine Mutter sie gelesen hat, sagte sie sofort, sie werde mich verklagen.



„Liebe ist Kopfsache. sie bleibt unter der Kopfhaut und im herzen hängen“

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Würden Sie sagen, dass die Liebe im Alter an Zauber gewinnt?
Sie gewinnt vor allem auch an Bedeutung. Ich sehe das beispielsweise bei meinen Kindern, die junge Erwachsene sind. Meine Tochter ist 23 und mein Sohn ist 20. Für sie ist Liebe noch nicht überlebenswichtig. Klar, wenn sie kommt, ist sie natürlich wunderbar und toll, aber viel wichtiger noch sind die eigene Freiheit und Unabhängigkeit. Meine Tochter fragt zum Beispiel immer ganz klar und deutlich, warum sie sich auf Typen einlassen, auf Dauer ihr Leben umkrempeln, Kompromisse schließen sollte. Sie studiert europäische Ethnologie und Gender Studies und besonders die Gender Studies verändern ihren Blick auf das Zwischenmenschliche. Sie besitzt eine sehr feste Meinung. Sie sagt zum Beispiel, dass ihre Freundinnen, die einen festen Freund haben, dumm und langweilig werden. Sie bleiben oft zuhause, gehen nicht zu Demos gegen den Klimawandel, nicht in Clubs. Keine Ahnung, was sie stattdessen mit ihrem Freund machen. Sie sitzen wahrscheinlich auf dem Sofa vor der Glotze. Sie beginnen, sich an die Jungs anzupassen. Und gerade die Mädels, die keinen festen Freund haben, sind viel interessanter, findet meine Tochter. Mein Sohn hat Unsicherheiten wegen der allgemeinen Umstellung in Bezug auf die Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern. Inzwischen weiß man überhaupt nicht mehr, was man sagen oder tun darf oder lieber lassen soll. Da habe ich schon interessante Gespräche mit ihm gehabt, aber das kommt alles erst im nächsten Buch. In „Liebesgeschichten“ ist die Welt noch ein bisschen altmodisch und meine Tochter hat eindeutig die extreme Meinung: „Papa, du bist Sexist!“ Die Geschichten entsprechen nicht unbedingt meiner Lebenseinstellung, aber so sind nun mal die sozialen Muster unserer heutigen Gesellschaft.

„Ein nicht gezündetes Feuerwerk, das jeder von uns in sich trägt“

Wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt?
Ich habe damals im Theater gearbeitet, meine Frau hinter dem Tresen in einer Bar, in der ich nach der Arbeit immer gelandet bin. Sie mixte ganz tolle Cocktails und wir haben uns über Gott und die Welt unterhalten. Es ist sehr wichtig, dass man jemanden hat, der einen auch versteht.

Würden Sie sagen, dass Liebe blind macht?
Natürlich macht Liebe blind. Ich habe die meisten Liebesgeschichten in der Disco erlebt. In der Disco sind alle blind, weil das Licht so schlecht, die Musik zu laut und die Menschen angetrunken sind. Da kommt man ziemlich einfach zueinander. Auch wenn sie sich am nächsten Tag vielleicht wundern und die Liebe nicht gleich wiedererkennen. Aber der Moment ist ja, was zählt.

Sie leben länger als Ihr halbes Leben in Deutschland. Lieben Sie Deutschland oder Ihre einstige Heimat Russland mehr?
Ein Land zu lieben, hat in meinen Augen immer etwas Perverses. Ich beobachte die Entwicklung in Russland sehr genau und mit großer Neugier. Die sozialistischen Imperien waren ein einmaliges Experiment. Aber diese Zeit ist abgelaufen und ich habe keine große Hoffnung auf eine Fortsetzung. Vielleicht ist das auch gut so. Aber die Zukunft in Russland ist vorausschaubar, in Deutschland hingegen überhaupt nicht. Dieses Projekt, die Europäische Union, das ist in meinen Augen ein neuer Versuch, die Welt zu verändern. Es bedarf eines neuen Menschen, der alte ist viel zu sehr auf sich selbst fixiert. Sie wollen Italiener, Franzosen, Ungarn sein und sehen sich nicht als Europäer. Mit der Europäischen Union hat man alle Chancen, eine neue Welt zu erschaffen, allerdings birgt sie auch Gefahren. Die Zukunft ist nebelig. Niemand weiß, wie es weitergeht. Und ich bin gern dabei, um als Künstler mitzugestalten.

Als zugezogener Europäer haben Sie einen sehr speziellen Blick von außen ...
Ich trage in mir noch die Scherben des letzten zu Ende gegangenen Modernisierungsprojekts, der Sowjetunion. Damals war das als ein riesen Sprung nach vorne gedacht. Aber immer, wenn Menschen sich zu sehr nach vorne wagen, folgt eine Rückwärtsbewegung. Das merkt man auch an dem sogenannten Rechtsruck in Europa. Ich glaube, Lenin hat es einmal so bezeichnet: Zwei Schritte nach vorne, einen Schritt zurück. So ist der Lauf der Menschheit.
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Sie sprechen den Rechtsruck in Europa an. Überall Hass. Dem steht Liebe ja gegenüber...
Ja, es ist gerade genau die richtige Zeit, ein Buch über die Liebe zu schreiben.

Kann Liebe die Welt retten?
Das ist eine zu große Aufgabe, glaube ich. Die ganze Welt nicht, aber Teile davon bestimmt. Es ist als Rettungskonzeption für konkrete Situationen genau das Richtige.

Was lieben Sie an Ihrem Publikum?
Diese Lesungen sind für mich wie die Fortsetzung eines Gesprächs, ein Austausch. Wenn ich sehe, dass sich die Menschen für die gleichen Dinge interessieren und sich über ähnliche Problematiken Gedanken machen wie ich, fühle ich mich nicht allein. Deswegen liebe ich an meinem Job besonders die Lesereisen und die Auftritte.

Was für Feedback gibt es denn zu dem Buch?
Die Leute lachen wie blöd. Auch über Geschichten, die gar nicht lustig gemeint sind.

Sie kommen mehrfach zu uns in die Region. Gibt es hier etwas, das Sie lieben?
Es sind bodenständige Menschen, keine Angeber und das gefällt mir sehr. Sie wollen nicht anders erscheinen, als sie sind. Es ist ein sehr angenehmes und offenes Publikum. Man muss sie nicht erobern. Wir müssen einander nichts vormachen.

Interview Benyamin Bahri
Fotos Wladimir Kaminer

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