Pieter Hugo im Kunstmuseum Wolfsburg

Er fotografiert Orte und Menschen, die für uns Normalsterbliche unerreichbar sind und von Medien, wenn überhaupt, bloß gestreift werden. Für uns hat der Künstler seine überwältigenden Landschafts- und Portraitbilder entschlüsselt 
... zumindest hat er es versucht.

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Ich komme zusammen mit einem Rudel mit Mikrofonen und Kameras Bewaffneter zur Ausstellungsführung exklusiv für Medienvertreter. Jemand muss die Kunst ja anpreisen. Pieter Hugo mit seinen freundlichen müden Augen und im schwarzen Schlabberlook erinnert mich irgendwie an den Honey-Badger, pretty badass. Der Südafrikaner gibt schon seit mehr als 20 Jahren als Fotojournalist und Künstler einzigartige Einblicke in verborgene Lebenswelten am Gesellschaftsrand.

Gemeinsam stürzen wir uns ins Ausstellungslabyrinth. Landschaften voller Skelette, Leute mit Augenkrankheiten, ein Nackter mit Darth-Vader-Helm, freie Obdachlose. Kuratorin Dr. Uta Ruhkamp führt durch die Fotoserien und liefert die Kontexte, während Pieter, der kein Deutsch spricht, auf seinen Einsatz wartet: „Die Serie ‚1994‘ mit den fast idyllischen Kinderportraits nimmt auch Bezug auf die Wahl Nelson Mandelas und den Völkermord in Ruanda.“ Ernste Themen, betroffenes Schweigen. Der Künstler scherzt und erzählt persönliche Geschichten, die Stimmung löst sich, das Presserudel ist verzückt.
Die ersten Nachfragen, „Ich weiß, du erzählst das nicht gern, aber …“ (auf Englisch), beantwortet Pieter vorbildlich, auch wenn mit dem sehr ernst gemeinten Hinweis: „Ich will nicht so viel dekonstruieren und offenlegen für euch. Ihr sollt besser euren eigenen Verstand benutzen!“ Pieter lacht viel.

„‚Permanent Error‘ ist eine der berühmtesten Serien Pieters. Sie ist auf einer Müllhalde in Ghana entstanden, wo der gesamte, naja nicht der gesamte, aber der Müll unserer westlichen Gesellschaft ankommt. Und die versuchen da, wie Jäger und Sammler quasi, mit Feuer Verwertbares aus alten Computern herauszudestillieren. Bizarrerweise, das habe ich gelesen, ist da direkt der größte Gemüsemarkt dran, der auch die Hotels versorgt. Laut Journalisten kann man sich da nicht länger als zwei Stunden aufhalten. But you went there twice, no?”

Während Kuratorin Ruhkamp die Fotos erklärt, geht Pieter oft mit verschränkten Armen in eine Ecke hinter ihr und starrt minutenlang stumpf auf den Boden. Wenn er gefragt wird, erzählt er, stets mit einem Witz garniert, wie es vor Ort war und auf welche Zusammenhänge ihn der Anblick gebracht hat: „All diese Geräte. Das Ganze wirft vor allem ein kritisches Licht auf unsere intellektuellen Errungenschaften. Da liegen zigtausende von Gigabytes an Daten auf dem Boden verteilt und sie nutzen totale Steinzeit-Technik, um die für uns wertvollen Metalle da herauszuholen. Die Fotos bilden also nicht eine rückständige Gesellschaft ab, sondern unsere eigene Zukunft! Ein deprimierender, apokalyptischer Anblick.“ Pieter lacht trocken.

Ein Herr mittleren Alters hakt kritisch nach: „Fühlen sich die Menschen dort nicht bloßgestellt durch Ihre Fotos? Die schauen so skeptisch. Sagen sie denen nicht, sie sollen in die Kamera lachen?“ – „Nein“, Pieter unterdrückt ein Prusten. „Zum Glück entsteht schon dadurch eine Spannung im Bild, dass ich sie bei ihrer Arbeit störe. Sie wären überrascht, diese Menschen wollen sogar fotografiert werden. Wenn man an so einem Ort ist, weiß man: Das hier ist inakzeptabel.“
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Gerade bei Afrika sprechen viele von dem Fremden, dem ‚Anderen‘. Man muss das dann irgendwie erden. Denn tatsächlich ist das ja meine Realität.

Das Rudel sympathisiert mit dem Dokumentarkünstler, der angesichts der Absurdität mancher Frage schon sichtlich um Fassung ringt. „Ich sehe da einen gewissen Widerspruch: Sie sprechen von einerseits Maoismus und andererseits Promiskuität in China. Und dann zeigen Sie Risse in den Hausfassaden. Müssten da nicht auch gesellschaftliche Risse sein?“ – „Ja, das ist offenbar der Punkt. Ich verstehe den Widerspruch nicht. Was ist Ihre Frage?“ „Die herausgekratzten Augen der Frau auf dem Wandgemälde.“ – „Das ist in einem Tutsi-Friseursalon in Ruanda, zehn Jahre nach deren Völkermord noch dort zu finden.“ – „Das ist also traditionelle Magie?“ – „Nein. Das ist purer Hass, wenn man jemandes Augen rauskratzt.“
Die Antworten werden immer kürzer, ungeduldiger. „Das hier ist wirklich anstrengend.“, „Ich bin kein Anthropologe.“, „Nein, bitte nicht fragen, ich kenne die Zukunft von China nicht.“
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Pieter ist trotzdem weiterhin ein ausgebuffter Charmebolzen, der das Rudel kennt und ihm genau die Häppchen zuwirft, auf die es süchtig lauert: Fotos seiner Familie wie seiner nackten schwangeren Frau, dazu die privaten Hintergründe. Da werden sie alle wach, fragen und knipsen, was das Zeug hält.

Mittlerweile amüsiert davon, die Erläuterungen seiner Werke in einer Fremdsprache zu hören, mischt sich Pieter crazy nasty grinsend unter die zuhörende Presse: „Keine Ahnung was sie gesagt hat, hat es Sinn ergeben?“
Schließlich setzt er sich und blättert ausgiebig im eigenen Katalog. Er hat Zeit. Honey-Badgers don’t give a shit.

„Pieter, warum integrierst du oft Fotos von dir selbst in deine Serien?“ – „Es ist leicht für Betrachter zu meinen, das Leben, das ich führe, und die Orte, die ich besuche, seien exotisch. Gerade bei Afrika sprechen viele von dem Fremden, dem ‚Anderen‘. Man muss das dann irgendwie erden. Denn tatsächlich ist das ja meine Realität.“

Pieter Hugo – Between the Devil and the Deep Blue See

Erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland
bis 23. Juli | Kunstmuseum Wolfsburg

Text: Evelyn Waldt
Fotos: Pieter Hugo/Priska Pasquer (Köln), Evelyn Waldt

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