Interview mit Sebastian Meyer von Ente Graphics

Immer wieder findet man im Braunschweiger und Wolfsburger Stadtraum Bilder an Wänden und Flächen, darunter steht der Schriftzug „Ente Graphics“. Wir sind der Spur nachgegangen und haben den Graffiti-Künstler Sebastian für sein allererstes Interview getroffen. Auftraggeber müssen sich auf Wartezeiten von bis zu einem halben Jahr einstellen. Mit uns sprach der 34-Jährige über illegale Tags, seinen Künstlernamen und den ersten Auftrag.

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Hallo Sebastian, wie bist du eigentlich zur Graffiti-Kunst gekommen?
In der Schulzeit, etwa in der fünften Klasse, bin ich durch Klassenkameraden darauf gekommen. Es gab eine Wand in der Schule, auf der man malen und taggen konnte. Das war Anfang, Mitte der 90er. So habe ich angefangen, hier und da zu sprühen und mich auszuprobieren: zu Hause, auf Leinwänden oder an der Braunschweiger Markthalle. Es kamen immer mal Leute vorbei, die dann gefragt haben, ob ich nicht auch deren Garagentor anmalen könnte. Das war eine gute Gelegenheit, sich tagsüber auszulasten. Nachts mit Taschenlampe sieht man doch recht wenig. Dann sieht das Bild auch schöner aus. Ich rede offen darüber, jeder Sprüher hat mal illegal angefangen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass man viel detailreicher arbeiten kann, wenn man tagsüber sprüht. Peu à peu kamen immer mehr Anfragen, sodass ich es letztendlich nebenberuflich machen konnte. Aufträge kamen unter anderem von Hotels, Firmen, Bars, Clubs oder Kindergärten.

Erinnerst du dich an deinen ersten Auftrag?
Das war ein Bulli auf einem Garagentor. Die Proportionen haben überhaupt nicht gepasst und die Auftraggeberin war not amused. Es sollte eine Überraschung für ihren Mann sein. Bei Gebäuden, Autos und anderen feststehenden Objekten muss wirklich alles akkurat sein. Dann war der Bulli auch noch Silber, dafür gibt es nur einen Farbton. Ich musste Schwarz, Grau, Weiß und Silber mischen. Das hat aber nicht wirklich hingehauen. (lacht)

Welche Motive sind besonders gefragt?
Im Moment mache ich viel Küchengestaltung, eine Zeit lang waren mal Sandstrände oder Karibikflair gefragt. Beliebt sind auch Kinderzimmer mit kleinen Tieren oder Himmelbildern. Und Landschaftsbilder im Allgemeinen. Schön ist es, Echtes mit Unechtem zu mischen. Wenn man eine Landschaft auf eine kahle Wand malt und davor eine Pflanze oder ähnliches stellt. Man kann die Farben auch schön auslaufen lassen, um keine harten Kanten zu haben. Das wirkt harmonisch.

Warum nennst du dich „Ente“?
Jeder Graffiti-Künstler hat seinen eigenen Tag, seinen Namen. Am Anfang malt man dabei nur Buchstaben, braucht aber einen Wiedererkennungswert. Die Buchstaben „E“, „N“ und „T“ ließen sich einfach schön malen und hatten einen guten Schwung. Ich habe also quasi das Alphabet aufgemalt und geschaut, was sich daraus machen lässt. So bin ich dann schließlich auf „Ente“ gekommen.

Ich habe das Alphabet aufgemalt und geschaut, was sich daraus machen lässt.

Was hältst du von illegalen Tags an öffentlichen Gebäuden?
Ich finde, Graffiti gehört zum Stadtbild dazu. Das muss ich knallhart sagen. Tags sehen natürlich nicht immer schön aus, aber mal ein kleines lächelndes Gesicht oder kleines Bild und Street Art allgemein würde ich mir für Braunschweig mehr wünschen. Ich erinnere mich an die Zeit, als Straßenbahnen noch komplett bemalt waren. Das fehlt mir jetzt ein bisschen. Jede Stadt versucht, sauberer zu werden, aber es gibt wie immer ein Pro und Contra. Ich toleriere die Menschen, die es machen, allerdings gebe ich zu, dass ich auch lieber keine Tags an meinem eigenen Haus haben möchte.

Wo im Stadtraum findet man deine Bilder?
Dadurch, dass ich selbst Richtung Querumer Forst wohne, bewege ich mich viel im Raum Gliesmarode/Volkmarode. Ich möchte auch gerne mal wieder einen Abstecher in die Weststadt machen. Braunschweig ist nicht groß aber auch nicht klein, sodass man seine Sachen überall verteilen kann.

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Wie kommst du dazu, legal an öffentlichen Orten zu sprühen?
Ich fahre mit offenen Augen durch die Stadt und suche mir Werbewände. Das waren zum Beispiel der leerstehende Praktika-Markt oder eine Wand bei den Riddagshäuser Teichen. Wenn ich eine große weiße Wand sehe, die entweder mit Graffiti beschmiert oder noch frei ist, frage ich die Besitzer, ob sie mir diese als Werbefläche zur Verfügung stellen würden. Die Erfahrung hat gezeigt, dass fast 90 Prozent der Gefragten aufgeschlossen sind. Es fahren jeden Tag sehr viele Leute an den Werbeflächen vorbei und so kommen die Leute dann auf mich als Künstler.

Kann man dir bei der Arbeit zuschauen?
Na klar. Grundsätzlich ist das immer machbar und ich bin für alles offen. Kinder oder Jugendliche sollen das Sprühen ja auch irgendwo lernen können. Auch ich habe früher den Großen an der Markthalle zugeguckt. Direkt heute treffe ich mich mit ein paar Leuten. Man muss den Umgang mit der Sprühdose und den Farben lernen – und dass man damit auch etwas Schönes machen kann, nicht nur Schmierereien. Das sehen dann auch die Kunden, viele sind sogar 80 Jahre und aufwärts. Sie wollen ein bestimmtes Flair zu Hause haben, weil sie das draußen irgendwo gesehen haben. Und wie kann man sonst Leute in dem Alter noch mit Graffiti erreichen? Negative Reaktionen gab es bis jetzt zum Glück noch gar nicht auf meine Bilder.

Wie ist dein Vorgehen, wenn du ein neues Kunstwerk planst und schaffst?
Ich bekomme eine Mail oder einen Anruf und mache einen Termin mit dem Kunden. Dann schaue ich mir den Ort an und bespreche eventuelle Wünsche. Es kann sein, dass jemand eine 1:1-Kopie von einem Foto haben möchte, oder ich suche mir das Beste aus verschiedenen Bildern zusammen. Dann fange ich mit der Gestaltung an. Zuerst sprühe ich das grobe Gerüst, dann die Details. Wenn man sich vermalt, ist das nicht so schlimm, denn alle Farben sind deckend, und man kann Fehler einfach überdecken.

Übst du mit deinen Bildern auch Kritik?
Das mache ich eher weniger. Vielleicht in gewisser Weise mal durch ein anstößiges Bild. Aber ich will keine politische Meinung offen kundtun.
Bilder vom Street Artist Banksy gibt es jetzt auch als Ausstellung in Museen. Passt das?
Graffiti verkauft sich. Viele sagen da auch ganz hart, dass das nicht dazu gehört. Aber wenn andere Künstler ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, warum sollte ich das dann nicht auch machen? Die Kunst wird letztendlich positiv angenommen. Meine Ausstellung ist die Straße. Es gibt dann aber keinen Kaffee, Kuchen oder Sektempfang. (lacht)
Joachim Post, Vorstandsmitglied von Graffiti-ex, zum Thema „illegales Sprühen“:

Wie kann man Schmierereien von öffentlichen Gebäuden vorbeugen?
Es gibt verschiedene Ansätze. Es hilft, wenn die betroffenen Orte hell, gut zu beobachten oder schlecht erreichbar sind. Begrünte Wände oder historische Gebäude werden meist nicht so schnell attackiert. Außerdem ist es dienlich, wenn bestehende Graffiti schnell entfernt werden. Sonst lädt dies zu weiteren Straftaten ein.

Wie wird ein Graffito von Graffiti-ex beseitigt?
In der Regel erfolgt dies durch Überstreichen der betroffenen Flächen. Gelegentlich wird die Oberfläche mit Sand abgestrahlt, zum Beispiel bei Naturstein- oder Betonoberflächen. Es gibt jedoch auch aufwändigere Verfahren mit Chemie und/oder Wasserdampf.

Kürzlich gab es einen großen Schriftzug am BZV Medienhaus. Wie könnte es jemand geschafft haben, dabei unerkannt zu bleiben?
Ein Graffito – gerade, wenn es lediglich ein Schriftzug ist – kann unter Umständen binnen weniger Sekunden gesprüht sein, auch wenn die erfasste Fläche sehr groß ist. Aufwändige Bilder benötigen schon mehr Zeit und lassen das Risiko ansteigen, entdeckt zu werden.

Was beinhaltet eine Mitgliedschaft beim Verein Graffiti-ex?
Sie beinhaltet die Entfernung eines Graffito auf der Fassade, die in der Mitgliedschaft vereinbart ist. Hierbei wird meist der betroffene Bereich in einem möglichst passenden Farbton überstrichen. Das Graffito wird dabei nicht exakt nachgezeichnet, es wird stattdessen eine größere Fläche überstrichen. Dies variiert stark nach der jeweiligen konkreten Situation. Auf zuvor nicht gestrichenen Flächen, etwa Klinkermauerwerk, kommt auch ein Entfernen über andere Techniken infrage, bei denen dann meist lediglich eine besonders saubere Stelle hinterlassen wird, auf der sich dann im Laufe der Zeit die Patina der umgebenden Flächen zurückentwickelt. Alle Reinigungen erfolgen wenn nötig mehrfach, man wird also nicht schon nach einem Schaden mit seinem Problem sitzengelassen.

Gibt es auch Arten von Graffiti-Kunst, die Sie selbst ansprechend finden?
Professionell habe ich lediglich zwischen „legal“ und „illegal“ zu unterscheiden und danach zu handeln. Ich kann ja niemandem sagen, dass ein Graffito mir persönlich gefällt und es deshalb nicht entfernt wird. Es gibt eine Menge schöner Graffiti. Bilder, und da besonders solche mit Inhalt, können schön sein oder zum Nachdenken anregen. Solche gefallen mir oft. Tags, also Schriftzüge, die einfach nur gesprüht werden, um Macht auszuüben, gehören sicher nicht dazu.

Text: Katharina Holzberger
Fotos: Ente Graphics

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