Anzeige

Sonderausstg. „Grenzgänger“

noch bis 9. Januar/ Bürger Museum (WF)
Eintritt frei

Von Bürgern für Bürger: 30 Jahre nach der Wende erzählt Wolfenbüttels junges Bürger Museum am Prof.-Paul-Raabe-Platz 1 Stadt-, Regional- und Individualgeschichte.
PK Burger Museum 1 art
Was hab ich damit zu tun, was im Museum hängt? Mehr als Museums-Muffel vielleicht meinen, denn wenn man sich für einen Museumsbesuch entscheidet, sich eine Auszeit von der Hektik des Alltags nimmt, um sich bewusst mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, entdeckt man im Idealfall Parallelen zum eigenen Lebensweg. Besonders ein Stadtmuseum wie das Wolfenbütteler Bürger Museum erzählt ganz konkret von der Vergangenheit der heimischen Umgebung, die heute das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entstehungsgeschichte ist. Und auch für Ortsfremde kann die Betrachtung von Stadtgeschichte aufschlussreich sein, denn eine Historie, wie die der Stadt Wolfenbüttel, kann als Fallbeispiel für die Zusammenhänge vieler Orte dienen: Stadtwerdung, Wehranlagen, Handwerksindustrie, Krieg, Flucht und Integration, Wirtschaftswunder, Wende ...
Stimme der Stadt
„Wir möchten, dass sich die Menschen auf Geschichte erst einmal einlassen können und ihnen dann zeigen: Da seid ihr hergekommen“, erzählt Frau Doktor Sandra Donner, die neben dem Bürger Museum auch das Schloss Museum der Lessingstadt leitet. „Wir glauben, dass viele Menschen hier etwas finden können, das an ihr Leben anknüpft.“ Schon zum Museumsgebäude hat fast jeder Wolfenbütteler eine Beziehung. Einst diente es als Reithalle, später haben Generationen von Schülern und Vereinen hier Sport gerieben, nicht zuletzt war hier auch die Keimzelle des erfolgreichen Wolfenbütteler Basketballs. „Die Jahnturnhalle ist den Bürgern verpflichtet“, findet Donner. In der Nähe zu Schloss Museum, Lessinghaus und zur Herzog-August-Bibliothek liegt die Halle zudem sehr zentral. „Ich nenne das immer unsere kleine Museumsinsel“, meint Museumsmitarbeiter Markus Gröchtemeier.

Die Halle zu einem zeitgemäßen Bürgermuseum umzubauen, hat etwa vier Jahre gedauert und zwei Millionen Euro gekostet. Ein Großteil der Kosten konnte durch ein an die Stadt verfallenes Erbe der bekannten Wolfenbütteler Familie Zimmermann gedeckt werden. Entstanden ist ein modernes Museum, das sich im Look am Fachwerk und der alten Industrie Wolfenbüttels orientiert. Die ehemalige Zuschauerempore der Jahnturnhalle wurde um einen Steg erweitert, der von oben einen alternativen Blick auf die Ausstellungsstücke gewährt: Freistehende Objekte, Schaukästen, Hör- und Aktivstationen, die Besucher frei und ohne vorgegebenen Pfad erkunden und erleben können. „Auch ich mache in Museen die Erfahrung, dass ich mir nicht stundenlang etwas durchlesen will“, gibt Frau Donner zu. Für Erklärungen und Auskünfte ist stets auch eine geschulte Aufsicht ansprechbar. Der Eintritt zum Bürger Museum ist für jedermann dauerhaft frei.
PK Burger Museum 2 art
Die Ausstellungsstücke erzählen Stadtgeschichte anhand zahlreicher Einzelschicksale, wie etwa der wichtigen Wolfenbütteler Familie Zimmermann. Auch der Werdegang des Wolfenbütteler Unternehmers Gerhard Kubetschek ist ein bezeichnendes Beispiel für Wolfenbüttels Geschichte. 1947, nach seiner Kriegsgefangenschaft, gründete er in Wolfenbüttel eine Produktionsfirma für Tonmöbel, die später Weltruhm erreichen sollte. Ausgestellt ist ein von Kubetscheks Firma Kuba-Imperial vermarktetes, wuchtig-prot-ziges Multimedia-Möbelstück: Der sogenannte „Komet“ war seinerzeit ein futuristisches High-End-Designerstück im Wert eines VW-Käfers. Ein Musterbeispiel für den Neuanfang nach dem Krieg und das folgende Wirtschaftswunder – made in Wolfenbüttel.

Alleinstellungsmerkmal und Herz des Museums ist das Bürgerarchiv, ein großer zentraler Schaukasten, der vier bis fünfmal jährlich mit neuen Exponaten zu einem Themenbereich bestückt wird. Treu dem Museumsmotto „Eine Stadt erzählt“ stammen die Objekte aus dem Besitz der Bürger selbst. „Das spricht viele an. Mancher fühlt sich an seine eigenen Erfahrungen erinnert“, erzählt Museumsleiterin Donner, „wir wollen das Museum durch die Menschen der Stadt selbst interessant machen.“ Zur Eröffnung des Museums am 20. Mai 2017 hat auch Wolfenbüttels Bürgermeister Thomas Pink sich gewünscht, „dass die Wolfenbüttelerinnen und Wolfenbütteler das Bürger Museum mit Leben erfüllen und zu ihrer Herzensangelegenheit machen.“

Aktuell dreht sich im Bürgerarchiv alles um die Grenzöffnung vor 30 Jahren und die Zeit danach. Zu sehen sind etwa ein robustes DDR-Dreirad aus Haldensleben, das einem Wolfenbütteler Mädchen endlich sein klappriges West-Dreirad ersetzen konnte oder ein Reisepass aus dem Dezember 1989, der noch Wochen nach dem Mauerfall am ehemaligen Grenzübergang einen Auslandsstempel bekommen hat. An jedem Objekt hängt eine persönliche Geschichte. „Diese besondere Zeit kann man hier hautnah nachempfinden“, sagt Historiker Gröchtemeier.
PK Burger Museum 3 art

Wendegeschichten
Noch tiefer mit persönlichen Wiedervereinigungs-Schicksalen von beiden Seiten der Grenze beschäftigt sich die aktuelle Sonderausstellung des Bürger Museums „Grenzgänger“. Auf Schautafeln, Tablets und Video werden die Grenzgeschichten von 21 Menschen erzählt, deren heutiges Leben maßgeblich durch die Wende beeinflusst ist: Eine Familie, die einen Hof im Osten zurückkaufen konnte, der vor 1945 einmal in Familienbesitz war; eine Künstlerin, die in den Westen kam, um neu anzufangen oder eine Lehrerin, die bis heute um die vollumfängliche Anerkennung ihres DDR-Uniabschlusses kämpft. Auch nach ΄89 Geborene geben dabei Einblicke in ihre Leben, etwa ein Student, der zum Studieren in den Osten ging.
„Wir haben mehrstündige Interviews mit den Leuten geführt und nach deren ganz persönlichen Geschichten gefragt. Was haben sie zur Zeit der Grenzöffnung gefühlt, was hat sich in deren Leben verändert?“, berichtet Gröchtemeier. „Interessant war, dass alle gleich zugesagt haben und es am Ende wenig Korrektur gab. Das ist alles sehr authentisch. Auch, dass für viele der Jüngeren die einstige Kluft zwischen Ost und West gar kein großes Thema mehr zu sein scheint, hat uns überrascht. Wenn das ein Ergebnis ist, können wir doch alle zufrieden sein.“
„Es gab allerdings auch andere Geschichten“, ergänzt Doktor Donner, „da haben wir gemerkt, dass es wohl vielfach an gegenseitigem Verständnis fehlt, dass wir die anderen nicht genug sehen. Für die Menschen, die im Osten geboren sind, hat sich schließlich das ganze Leben geändert. Damals wurde für viele in kürzester Zeit jede Gewissheit zerstört.“ Besonders heute, wo viel über die Stimmung im Osten diskutiert wird, sei es wichtig, Erfolgsgeschichten der Einheit zu erzählen. „Vielleicht ist manches näher zusammen gekommen, als wir denken, auch wenn es noch Gräben, Wunden und Narben gibt. Unsere Kernfrage für ‚Grenzgänger‘ nach Willy Brandt war: Ist zusammen gewachsen, was zusammen gehört?“
Beeindruckender Teil der Sonderausstellung sind auch die Originalvideoaufnahmen eines Wolfenbüttelers von der Grenzöffnung: Trabbis, die an dem grauen 12. November 1989 in endlosen Schlangen über Landstraßen rollen, jubelnde Menschen, staunende Grenzer. Das persönliche Erleben Einzelner – heute nachvollziehbar für jeden.
PK Burger Museum art

Für die, die weit im Osten oder tief im Westen leben, ist das alles wahrscheinlich immer noch wirklich weit weg. Bei uns, im einstigen Zonenrandgebiet, hat man ein starkes Gefühl für die Einheit. Ob Wolfsburger, Braunschweiger oder Wolfenbütteler – jeder kann eine eigene Einheitsgeschichte erzählen, aus seiner Erfahung, aus dem Familien- und Bekanntenkreis, aus seinen alltäglichen Begegnungen. Zum 30. Jubiläum der Wiedervereinigung ist ein Besuch im Bürger Museum eine gute Gelegenheit, sich noch einmal neu mit dem eigenen Lebensweg auseinanderzusetzen, auch wenn man erst später geboren ist. Denn „seinen Ursprung zu kennen, hilft immer auch dabei, zu überlegen, wo es hingeht. Geschichte gibt uns ja auch das Rüstzeug für die Zukunft“, wie Museumsleiterin Sandra Donner weiß.

Text Benyamin Bahri
Fotos Peter Sierigk

User Rating: 0 / 5

SUBWAY Newsletter

 

Mit SUBWAY verpasst Du kein Event mehr in Braunschweig und der Region. Hol Dir unseren Newsletter!

Kontakt

SUBWAY – Eine Region, ein Magazin

#Redaktion

oeding magazin GmbH
Erzberg 45
38126 Braunschweig

Telefon: 0531-48015-134
Telefax: 0531-48015-79
E-Mail: info@subway.de

Durch Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysen, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Weitere Informationen über Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.