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„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke“ - Die Braunschweiger Mikrobiologin und Wissenschaftsautorin Susanne Thiele hat im Februar ihr drittes Buch veröffentlicht.
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Wisst ihr eigentlich, wie Zimmerpflanzen Schimmelpilze bekämpfen und gleichzeitig für ein gesundes Raumklima sorgen? Oder wie viele Mikroben sich in Pumps, Sneakers und Co. tummeln? Und erst in Cremetübchen und Haarbürsten …? Und habt ihr euch schon mal Gedanken gemacht, wie viele Keime bei einem Kuss den Besitzer wechseln? Wir leben mit Milliarden von Bakterien, Viren und Pilzen zusammen und dies zumeist in harmonischer Coexistenz. Gefährlich wird es erst, wenn ihre Anzahl überhandnimmt: Dann drohen Salmonellenvergiftung in der Küche oder Legionärskrankheit im Bad. Trotz ihres schlechten Rufs sorgen die Mikroben im Haushalt doch für viel Positives: Sie reinigen unser Wasser, filtern unsere Luft und trainieren sogar unser Immunsystem. Die Braunschweiger Mikrobiologin und Wissenschaftsautorin Susanne Thiele verrät in ihrem am 11. Februar im Heyne Verlag erschienenen Buch „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke“ verblüffende und erstaunliche Fakten über die unterschiedlichen Mikroben, die in unseren eigenen vier Wänden mit uns leben. Wir trafen die „Bakterien-Dompteurin“, wie sie scherzhaft von ihren Kollegen genannt wird, zum Interview.
Susanne, du hast gerade dein drittes Sachbuch mit dem Titel „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke“ veröffentlicht. Worum geht es darin?
Im Buch schauen wir sozusagen hinter die Kulissen unserer Wohnungen und Häuser. Hier leben viele Mikroorganismen auf und mit uns zusammen, die sich an dieses künstliche Ökosystem angepasst haben. Allein auf unserer Haut tummeln sich tausende von Bakterien, in unseren Wohnungen gut 40 000 Arten von Pilzen. Ich lade die Leser ein, einen spannenden und gleichzeitig humorvollen Rundgang durch Küche, Bad und andere Wohnräume zu unternehmen. Dabei lernt man die winzigen Untermieter besser kennen und bekommt Tipps für den gesunden Umgang mit ihnen.

An wen richtet sich dein Buch? Und wie gut ist es für Nicht-Wissenschaftler verständlich?
Das Buch ist für den Laien verständlich geschrieben und richtet sich an jeden, der eine Wohnung oder ein Haus hat und sich für den Mikrokosmos darin interessiert. Mit einer Prise Humor und einem Augenzwinkern versuche ich beiläufig etwas Wissen über die Mikroben in unserem Alltag zu vermitteln. Sozusagen Edutainment. Aber es ist kein trockenes Lehrbuch. Dazu tragen auch die frechen Illustrationen von Isabel Klett bei.
Als Leiterin der PR-Abteilung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig hast du schon beruflich mit Bakterien und Viren zu tun und dann beschäftigst du dich noch privat mit dem Thema. Woher kommt diese Leidenschaft für Mikroben?
Ich habe Mikrobiologie an der TU Braunschweig studiert, weil ich mich schon immer für diese winzigen Lebensformen interessiert habe; ihre wunderbaren Stoffwechselfähigkeiten mit denen sie sich an die unwirtlichsten Orte anpassen. Sie sind an der Entstehung der Erde und des Lebens beteiligt, schufen die Stoffwechselkreisläufe und ermöglichen uns zum Beispiel die Verdauung oder bilden lebenswichtige Vitamine. Leider haben Mikroorganismen ein sehr schlechtes Image. Meist nehmen wir sie als gefährliche Krankheitserreger wahr und haben Angst vor ihnen. In meinem Blog „Mikrobenzirkus“ versuche ich seit vier Jahren ein kleines Gegengewicht zu diesem Trend zu setzen. Erst in den letzten zehn Jahren rückt auch die wichtige Bedeutung von Mikroorganismen für unsere Gesundheit in den Vordergrund durch die Mikrobiomforschung. Mikroben sind weder gut noch böse, sie sind vielmehr ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Welt.

Warum schadet eigentlich zu viel Sauberkeit im privaten Haushalt?
Die meisten greifen gleich zum Desinfektionsspray, wenn sie Mikroben hören. Antibakteriell klingt für die meisten sehr gut. Aber mit unserem übertriebenen Putzfimmel und überdosierten Antibiotikaeinsatz sorgen wir gerade für das größte Artensterben seit den Dinosauriern. Sogar Naturschützer und Experten warnen gerade davor. Das ist uns von Ökosystemen wie Wald und Wiese bekannt, gilt aber auch für die Mikrowelt. Je weniger Arten in den Lebensräumen leben, desto störanfälliger werden sie. Artenreiche Ökosysteme sind stabiler. So stören wir durch unsere Eingriffe in die mikrobielle Artenzusammensetzung unsere Umwelt so maßgeblich, dass Krankheitserreger womöglich nicht mehr natürlich von Umweltkeimen eingedämmt werden. Normalerweise konkurrieren neue Arten in einem dicht besiedelten Lebensraum um Nahrung. Ist der Lebensraum sowieso schon artenarm und gestört, können sich schädliche Neuankömmlinge, die besonders durchsetzungsstark sind, schneller durchsetzen.
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Was heißt das für unser Zusammenleben mit den üblichen Haushaltskeimen?
Nur ganz wenige von ihnen lösen Krankheiten aus. Die meisten helfen uns sogar, gesund zu bleiben. Wir sollten nützliche Keime regelrecht in unseren vier Wänden kultivieren. Mehr Mut zu etwas gesundem Dreck! Auch wenn das für die meisten ein Umdenken in puncto Reinlichkeit und Hygiene darstellt: Sorgen Sie für mehr mikrobielle Artenvielfalt in Ihren vier Wänden. Diese sorgt für ein stabiles Gleichgewicht der Mikroben. Öffnen Sie die Türen und Fenster und lassen Sie frische Luft herein. Stellen Sie Zimmerpflanzen in die Wohnung. Haustiere wie Hund und Katze sind eine Quelle guter Mikroben. Desinfektionsmittel sind im normalen Haushalt völlig unnötig.

Kannst Du ein paar Beispiele nennen, wo wir es mit der Hygiene im Alltag übertreiben?
Der Toilettensitz gehört zum Beispiel zu den am besten geputzten Orten. Für Bakterien ist er aber viel zu kalt und ungemütlich. Dort ist die Ansteckungsgefahr sehr gering. Dafür kann es in der Küche zu sogenannten Kreuzkontaminationen kommen. Keime wie Salmonellen oder Campylobacter von rohem Hähnchenfleisch können leicht über Brettchen oder Tücher verbreitet werden. Gelangen sie in den Salat, folgt schnell Magengrimmen und Durchfall. Hier sollte man auf peinliche Hygiene achten. In gebrauchten Küchenschwämmen zum Beispiel stellen Wissenschaftler Bakterienkonzentrationen fest, wie sie sonst nur in Fäkalproben vorkommen. Wurden die Schwämme mit heißem Wasser ausgewaschen oder in der Mikrowelle behandelt, stieg danach sogar der Anteil der für uns gefährlichen Bakterien an. Daher bleibt nur ein regelmäßiges wöchentliches Austauschen der Schwämme als effektive Hygienemaßnahme. Auch die TV-Fernbedienung ist ein Sammeltaxi für Keime, wenn sie in der Familie kreist und kann auch leicht eine Erkältung übertragen, weil zum Beispiel Rhinoviren bis zu 24 Stunden darauf überleben. Ein Abreiben mit einem Brillenputztuch kann hier aber schon Abhilfe schaffen.

Laut der Studie eines britischen Dienstleisters zählt die Handtasche zu den größten Keimfallen im Haushalt. Warum?
Unsere Handtasche begleitet uns wie ein Bodyguard überall hin. Wir stellen sie auf jeden Boden und danach wieder auf den Esstisch. Daher sammeln die Taschen viele Umwelt und Fäkalkeime auf. Also öfter mal reinigen, auch innen und nicht so viel „Sondermüll“ wie Kekskrümel oder alte Kosmetiktuben herumtragen.
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„Bei einem leidenschaftlichen Kuss verpassen wir uns sozusagen selbst eine Schluckimpfung“

Bei einem leidenschaftlichen Kuss tauschen wir zahlreiche Bakterien aus. Sollten wir besser mit dem Küssen aufhören?
Beim Küssen werden 80 Millionen Bakterien zwischen den Partnern übertragen. Das ist aber keine Gefahr, weil es eigentlich vielmehr unser Immunsystem mit fremden Keimen des Partners trainiert. Wir verpassen uns sozusagen selbst eine „Schluckimpfung“.

Dein Blog »Mikrobenzirkus« wurde gerade bei der Wahl zum Wissenschafts-Blog 2018 im Januar mit Bronze ausgezeichnet. Spornt dich ein solcher Erfolg besonders an?
Nach vier Jahren bei einer Wahl unter mehr als 20 Wissenschaftsblogs auf den dritten Platz zu kommen ist ein toller Erfolg. Aber meine Motivation sind keine Preise, sondern eher der Spaß am Erklären. Ich freue mich über das positive Feedback meiner Leser und Leserinnen in den Kommentaren, wenn sie einen Zusammenhang erstmals hören und verstehen.
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Du bist außerdem auch eine leidenschaftliche Fermentista und gibst in deinem Blog sehr viele Tipps, wie man dabei die positiven Eigenschaften von Bakterien und Hefen nutzen kann ...
Das ist der praktische Teil im Blog. Wer selbst mit Bakterien und Hefen fermentiert, der hat wirklich die Angst vor Mikroben verloren. Außerdem sind die natürlichen probiotischen Lebensmittel auch sehr gesund für unseren Darm und damit für das Immunsystem.

Last but not least: Hast Du eigentlich eine Lieblings-Mikrobe?
Lactobacillus, das Milchsäurebakterium, welches zum Beispiel auch den Joghurt produziert und maßgeblich an der Fermentation beteiligt ist. Das Plüschbakterium war auch mein Maskottchen bei diesem Buch.
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Über die Autorin
Susanne Thiele, geboren 1970 in Bernburg, ist Mikrobiologin und Wissenschaftsautorin. Ihr erstes Sachbuch „Sex macht Spaß, aber viel Mühe” erschien 2014 im Orell Füssli-Verlag als Koautorin im Autorenteam mit Steffen Münzberg und Vladimir Kochergyn. Im Jahre 2017 wurde das Buch als Taschenbuch im Dumont Sachbuchverlag unter dem Titel „Warum wir es tun, wie wir es tun” publiziert. Wenn sie keine Sachbücher schreibt, leitet Susanne Thiele die PR-Abteilung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig, schreibt für Zeitungen und Journale oder auf ihrem Blog „Mikrobenzirkus“.

Interview Kerstin Lautenbach-Hsu
Fotos nuzza11, grki, Kateryna Kon - Fotolia.com (alle drei), Verena Meier

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