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Jonas Karnagel

noch bis 8. Mai / Kunst-Salon (BS)

Interview mit dem Braunschweiger Künstler Jonas Karnagel
Jonas Karnagel 1 art
Jonas Karnagel scheint das Künstler-Gen im Blut zu liegen: Sein Vater ist Künstler, sein Onkel ist Designer und selbst sein 11-jähriger Sohn zeigt bereits künstlerische Ambitionen. Der gebürtige Braunschweiger selbst hat Kunstgeschichte an der Technischen Universität Braunschweig und Grafikdesign an der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen studiert und arbeitet seit 2004 als Designer und freischaffender Künstler. Als Mitglied im Bund Bildender Künstler und der Künstlergilde, sowie mit seiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Prüfungsausschuss für Mediengestalter der IHK Braunschweig, in der Künstlergilde und der KreativRegion Braunschweig-Wolfsburg macht er sich für die Kreativwirtschaft der Metropolregion stark. Neben seiner Dozententätigkeit an der Universität Marburg und seinen Gestaltungsprojekten in Kindergärten gibt er sein Wissen auch an Hobby-und Nachwuchskünstler in einem Volkshochschulkurs weiter und das mit erstaunlichen Ergebnissen. Die Arbeiten seines letzten Kurses sind unter dem Titel „Crossover - alles ist erlaubt“ seit dem 8. März in einer Ausstellung im Kunst-Salon in der Jahnstraße 8 in Braunschweig zu sehen. Während des Entstehungsprozesses der unterschiedlichen Arbeiten wurden die Grenzen zwischen den künstlerischen Techniken aufgehoben. Konventionelle und unkonventionelle Methoden durften kombiniert werden, um so zu spannenden und gänzlich neuartigen Ergebnissen zu gelangen. Auch eine Auswahl von Karnagels eigenen Arbeiten ist in der Ausstellung zu sehen. Wir haben uns im Interview mit ihm über Kunst, Religion und Braunschweig unterhalten.
Jonas, du stammst aus einer Künstlerfamilie –dein Vater ist ein bekannter Braunschweiger Künstler, dein Onkel ist ein erfolgreicher Designer und es gibt noch mehr Kreative in deiner Familie. Inwiefern hat dich das in deiner Berufswahl und Tätigkeit als Künstler beeinflusst?
Mein Vater hat mich schon früh an das Malen, Zeichnen und plastische Gestalten herangeführt. Dadurch war er mein erster Lehrer in diesen Dingen – vermutlich auch der mit dem nachhaltigsten Einfluss auf meine freien Arbeiten. Zudem gibt es diverse Designer, Musiker und Puppenspieler in meiner Familie, sodass diese sogenannten brotlosen Berufe nicht als verwerflich galten und mir keine Steine bei meiner Berufswahl in den Weg gelegt wurden. (lacht)

Wo liegt der Unterschied zwischen deinen Arbeiten und denen anderer Künstler?
Ein entscheidender Punkt ist meine bevorzugt verwendete Technik und die damit verbundene Vorgehensweise. Ich selbst bezeichne meine Technik aufgrund ihrer Komplexität sowie der Verschränkung verschiedener Methoden und Medien als „Crossover“. So arbeite ich unter anderem mit Masken, wie sie im Theaterbereich verwendet werden. Ein Teil dieser Masken basieren auf meinem Gesicht. Sie werden von mir immer wieder bearbeitet, mit anderen Objekten arrangiert und fotografiert. Ähnlich wie von Menschen fertige ich Porträtaufnahmen der Masken an, kann aber Form und Oberfläche im Vorfeld durch Bemalung, Beschädigung, Füllung, Formung etc. beeinflussen. Die Fotografien bearbeite ich digital, verschmelze sie mit anderen, teils gemalten Bildern und drucke sie aus. Diese Ausdrucke werden von mir wieder auf verschiedenste Weise analog weiterbearbeitet. Die Bearbeitungstechniken wechseln dabei wiederholt zwischen Aufbau und Zerstörung. Neben Fotografie, Malerei, Collage, Zeichnung und digitaler Bearbeitung kommen Schleifen, Kratzen, Knüllen, Färben und Nähen zum Einsatz.
Bei deiner letzten Ausstellung „MENSCHliches – unMENSCHliches“ im Schlosscarrée im Januar 2018 hast du ein sehr breites Spektrum deines Schaffens gezeigt. Bei näherer Betrachtung deiner Arbeiten hatte man den Eindruck, dass Religion eine Rolle für dich spielt. Ist das so?
Einige meiner Arbeiten beziehen sich konkret auf biblische Themen. Bei der Bibel handelt es sich – unabhängig von der Religion – um eines der wichtigsten literarischen Werke überhaupt. Eine Auseinandersetzung damit lohnt sich dementsprechend immer. Meine Arbeitsweise ist zudem, wie bereits erwähnt, ein Wechsel aus Zerstörung und Aufbau. Das hat in übertragenem Sinne mit Tod und Auferstehung zu tun, was ich persönlich mit dem Christentum verbinde. Das muss für den Betrachter aber nicht zwingend so sein. Durch Erziehung und Interessen bin ich stark von der christlichen Kultur beeinflusst. Ich zitiere daraus in meinen Arbeiten oder spiele auf einzelne Aspekte an, wie in meinem Altarretabel „Siegfrieds Tod“. Zu guter Letzt bin ich Christ und das schimmert ab und zu durch. Aber auch das muss nicht für den Betrachter erkennbar sein und ist nicht für das Verständnis meiner Arbeiten entscheidend.

Was glaubst du, warum Religion und Kirche wieder zunehmend eine wichtige Rolle im Leben der Menschen einnehmen?
Tun sie das? Ich glaube, das trifft nur auf einen Teil der Menschen zu. Die christlichen Kirchen verlieren hierzulande meiner Ansicht nach sogar weiter an Bedeutung. Vielen Menschen verlangt es nach klaren Handlungsanweisungen für ihr Leben und diese bieten ihnen manche Religionen an. Das erklärt, warum eher strenge restriktive Religionen Zulauf haben. Allerdings entspricht das nicht meinem persönlichen Verständnis vom eigenverantwortlichen Menschsein sowie von menschlich-humanem Glauben.
Viele Braunschweiger kennen die von dir illustrierten „Erklärfilme“ der Stadt Braunschweig. Was ist dabei das Besondere?
Diese Filmchen sind kurz und knapp und vermitteln Hintergrundwissen zu Braunschweig-bezogenen Themen. Ich glaube, dass Wissen auf diese Weise spielerisch und gut vermittelt werden kann – nicht nur an Kinder. Bei Kindern kann man das aber am deutlichsten sehen. Sie achten nicht auf kleine Unzulänglichkeiten, die oft dem Budget geschuldet sind. Sie schauen sich einen solchen Film gern mehrfach an und verinnerlichen die Information tatsächlich, sofern das Thema altersgerecht ist. Ich glaube, die Erklärfilme sind auch hervorragend im Unterricht einsetzbar und sie haben natürlich einen Werbeeffekt für unsere, oftmals in ihren Qualitäten verkannte, Stadt. Inzwischen sind vier verschiedene Filmchen mit den Titeln „Die Sage um Heinrich und seinen Löwen“, „Die Reformation in Braunschweig“, „Wer war Herzog Anton Ulrich?“ und „175 Jahre Heinrich Büssing“ entstanden und ich hoffe, dass noch einige folgen werden. (lacht)
Karnagel Gehornter art
Karnagel persona Arbeit VII art

„Mein Vater hat mich schon früh an das Malen, Zeichnen und plastische Gestalten herangeführt“

Du bietest in der Volkshochschule Braunschweig unter dem Titel „Crossover – alles ist erlaubt“ einen Kurs an. Dazu findet aktuell eine Ausstellung im Kunst-Salon in der Jahnstraße statt. Was sind dort für Arbeiten zu sehen?
Die dort gezeigten Arbeiten sind überwiegend in meinem letzten „Crossover“-Kurs oder infolge dessen entstanden. Es sind Arbeiten der regulären Kursteilnehmer, meines ältesten Sohnes, der oft dabei war, sowie von mir selbst in der Ausstellung zu sehen. Namenspate für Kurs und Exposition war meine eigene Arbeitsweise. Entsprechend sieht man in der Ausstellung überwiegend Arbeiten, die in einem experimentellen Miteinander verschiedener Techniken entstanden sind. Alle Teilnehmer haben aber ihre ganz eigenen Arbeitsweisen entwickelt. Man kann dort viel Verfremdetes entdecken. Teils muss man zweimal schauen, sich in die Bilder hineinsehen, um ihre Motive entschlüsseln zu können. Es findet sich einiges Morbides in der Ausstellung, oft durch Darstellungstechnik und -form in seiner Krassheit abgeschwächt und mit einem Augenzwinkern dargestellt. Motivisch sind unter anderem Köpfe und Gesichter zu finden, darunter Bearbeitungen des wohl bekanntesten Gemäldes der Kunstgeschichte. Allerdings sind unsere dortigen Bearbeitungen umfangreicher als beispielsweise die von Marcel Duchamp, der der Dame einst nur einen Schnurrbart hinzufügte ... Momentan läuft der „Crossover“-Folgekurs und ich hoffe, der führt wieder zu einer solch schönen Ausstellung. (lacht)
Was stellst du selbst bei der Ausstellung aus?
Von mir sind verschiedene Beispiele meiner experimentellen Arbeitsweise zu sehen. Einige Arbeiten sind Adaptionen des besagten Duchamp-Gemäldes. Das bezieht sich direkt auf eine Aufgabe, die ich auch den Teilnehmern im Kurs gestellt hatte. Einige der anderen Arbeiten stammen aus meinem „persona“-Projekt, an dem ich seit mehreren Jahren arbeite. Eine für sich stehende Arbeit basiert auf einem alten T-Shirt von mir, auf das ich einen Schädel mittels Schablone gesprüht hatte. Leider fiel dies von mir heiß geliebte und gern getragene Shirt irgendwann auseinander und musste meinen Kleiderschrank verlassen. Da ich aber an meinem Motiv hing, habe ich es kurzerhand zum Kernstück einer Arbeit gemacht. Es steht jetzt quasi für den Tod meines Shirts, das durch die künstlerische Arbeit wieder zum Leben erweckt wurde. (grinst)
Was reizt dich besonders an der Arbeit mit Hobby- oder Nachwuchskünstlern?
Den Zusatz „Hobby“ würde ich eigentlich gar nicht verwenden. Zwar würde ich nicht so weit gehen wie Beuys und sagen „Jeder Mensch ist ein Künstler“, aber ich glaube, dass jeder Mensch ein Künstler sein kann. Kunst ist das, was jemand dazu erklärt. Dabei spielt keine Rolle, ob er Kunsthistoriker, Galerist oder jemand anderes ist. Jeder kann selbst entscheiden, ob er Kunst macht oder nicht. Über die Qualität der Kunst sagt das natürlich noch nichts aus, aber schlechte Kunst ist auch Kunst und die Definitionen von „gut“ und „schlecht“ sind sowieso immer subjektiv.

Was sind das für Charaktere, die an deinem Kurs teilnehmen?
Es sind kunstinteressierte Menschen, die selber schöpferisch tätig sein und dabei Neues ausprobieren wollen. Die Vorerfahrungen und individuellen Beweggründe, einen solchen Kurs mitzumachen, sind sehr unterschiedlich, sodass es mir schwerfällt alle Teilnehmer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Abgesehen von meinem Sohn und mir sind allerdings bisher alle Teilnehmer Frauen gewesen. Vielleicht interessieren sich Frauen mehr für schöpferische Tätigkeiten – man weiß es nicht. Natürlich sind Männer und Jungen herzlich eingeladen, an dem Kurs teilzunehmen.

Du hast dich lange Zeit mit Masken beschäftigt. Ist das für dich immer noch ein Thema?
Ja, ich arbeite immer noch mit Masken. Das tue ich nun seit bald zwanzig Jahren. Allerdings haben sich meine Arbeiten in dieser Zeit stark gewandelt und können verschiedenen Abschnitten zugeordnet werden. Die Arbeiten der letzten Jahre bezeichne ich als Teile des „persona“-Projektes. Mit „persona“ wurde ursprünglich eine im antiken Theater verwendete Maske bezeichnet, die eine Rolle typisierte und zudem als Schallverstärker diente. Im Lateinischen steht der Begriff für Larve, Maske und natürlich für Person.

Deinen Zivildienst hast Du in der Altenpflege absolviert, inwiefern sind diese Erfahrungen in deine Arbeit eingeflossen?
Ich weiß nicht, ob es direkt in meine Arbeiten eingeflossen ist, aber es hat natürlich etwas mit meiner Person zu tun und es hat meine Persönlichkeit geprägt. Ich habe dort Erfahrungen mit alten, einsamen und auch sterbenden Menschen machen dürfen, die ich nicht missen möchte. Es gab zum Teil harte, aber auch viele schöne Momente. Ganz sicher hätte ich ähnlich wertvolle Erfahrungen nicht bei der Bundeswehr machen können.

Karnagel Jana 01 art

Du bist gebürtiger Braunschweiger. Findest Du es schwierig, als Künstler in der Region wahrgenommen zu werden. Wäre es in Metropolen wie Berlin, Hamburg, Köln oder München einfacher als Künstler durchzustarten?
Als Künstler ist es nie einfach. In Braunschweig gibt es kaum Kunstkäufer, in Berlin gibt es zu viele Künstler, in München ist es schwer, Ausstellungsmöglichkeiten zu bekommen.
Aber wenn man es einfach haben will, sollte man nichts mit Kunst machen. Als Künstler wahrgenommen zu werden, ist in Braunschweig sogar noch vergleichsweise einfach, da die Stadt groß, aber überschaubar ist. Nur das Leben von der Kunst, beziehungsweise den Kunstverkäufen ist hier – wie gesagt – schwierig. Daher ist es immer gut, als Künstler ein zweites oder sogar drittes Standbein zu haben. Da passt es natürlich gut, dass mein Herz nicht nur für die Kunst, sondern auch für das Design schlägt und ich zudem beides anderen mit Begeisterung vermittle.

Was magst Du an der Braunschweig und der Region?
Ein Punkt ist ganz klar die in vieler Hinsicht ideale Größe. Nicht zuletzt, weil ich Radfahrer bin, ist das für mich von Bedeutung. Zudem haben wir in Braunschweig eine Menge historisches Kulturgut sowie eine Fülle kultureller Veranstaltungen, die das Leben hier lebenswert machen. In meiner Kindheit und Jugend war Braunschweig auch eine sehr grüne Stadt. In den letzten zwanzig Jahren ist davon aber viel verloren gegangen. Es wurden ganze Parks, einzeln stehende alte Bäume, Gärten und andere Grünflächen zwecks Bebauung beseitigt. Da hat dann der Konsum und vermeintliche Bedarf gesiegt, was die Stadt insgesamt jedoch nicht aufgewertet hat.

Was findest Du wichtiger, um die eigene Kunst zu vermarkten? Beharrlichkeit oder die richtigen Kontakte?
Die Kombination macht es aus, aber gute Kontakte sind sicher nützlicher als Beharrlichkeit. Mit guten Kontakten braucht man keine Beharrlichkeit mehr. Aber selbst wenn man beharrlich ist, braucht man gute Kontakte.

Wo siehst du dich in fünf Jahren mit deiner Kunst?
Für eine Antwort darauf müsste ich wie die antiken Hieromanten erst mal in den Eingeweiden eines toten Tieres lesen. Da ich aber Vegetarier bin, kann ich es dir nicht sagen (lacht)

Wird es dieses Jahr noch eine Einzelausstellung von dir zu sehen geben?
Klar, sogar zwei. Allerdings sind beide noch ein paar Tage hin. Eine größere Einzelausstellung wird am 29. August in der Welfenakademie in Braunschweig eröffnet, eine kleinere am 14. September in der Galerie von KiD. Bis zu den Ausstellungen muss man sich mit meinen Ausstellungsbeteiligungen begnügen. Am 11. Mai wird es ab 15 Uhr zum Beispiel ein kleines Künstlerfest mit Ausstellung geben. Dies findet ebenfalls in der Galerie von KiD in der Sandstraße 2 in Lauingen statt. Dort werden Arbeiten von Bärbel Moré, Uschi Korowski, meinem Vater Helge Karnagel und natürlich von mir zu sehen sein.

Interview Kerstin Lautenbach-Hsu
Fotos Jonas Karnagel, Justus Karnagel

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