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Der Braunschweiger Retroartikel-Kaufmann Jochen Rath liebt historische Reklame. Mit seinem Partner Marco Heuberg ist er über einen Schatz gestolpert, ihr persönliches Bernsteinzimmer. Ein bildstarkes Buch über die Bergung – „Blech is beautiful“ – erscheint am 1. Oktober.
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Sammeln ist eine Sache, mit begehrtem Sammlergut Handeln eine ganz andere. Dass man mit dem An- und Verkauf wertvoller Kuriositäten gutes Geld verdienen kann, wenn man geschickt genug ist, hat der gebürtige Braunschweiger Jochen Rath (Foto, links) schon als Teenager erkannt. 1994 began er im Alter von zwölf Jahren damit, auf dem Schützenplatz-Flohmarkt die damals boomenden Überraschungsei-Figuren von A nach B zu schieben. Häufig sogar noch vor der Schule: „Erster Bus Richtung Flohmarkt, um 4.41 Uhr in der Früh. Zack, zack, zack – ein bisschen Kohle machen“, erinnert sich der heute 36-Jährige. „Nach einiger Zeit habe ich mehrere hundert Mark im Monat gemacht. Meinen Eltern habe ich dann gesagt, bevor wir Streit um Geld haben: Ihr braucht mir kein Taschengeld mehr zahlen.“ Als der abgebrühte Piefke damals zwischen den Klapptischen vor der einstigen Eissporthalle D-Mark gemacht hat, hätte er sich wohl noch nicht träumen lassen, dass er einmal Lagerhallen voll mit tausenden verschiedenen Verkaufsartikeln besitzen, Händler vom Bodensee bis Fehmarn beliefern, Weihnachtsmarktstände in mehreren norddeutschen Großstädten parallel betreiben und sogar seine eigene Replikate-Serie auf den Markt bringen würde.  
„Ich habe neben Schule, Studium und Job Schritt für Schritt immer weiter gemacht. Lego, Playmobil, Hörspielkassetten verkauft – alles, was Menschen haben wollten. Irgendwann bin ich dann auch mit Blechschildern in Berührung gekommen.“ Bei einem Tauschgeschäft hat er sich ziemlich ahnungslos sein erstes Blech-Reklameschild andrehen lassen, vermeintlicher Gegenwert: 100 Euro. Erst hat der damals 18-Jährige gezögert, doch das alte Seifenpulver-Schild aus den 20er Jahren schließlich angenommen, einigie Jahre beiseite gelegt und damit unbewusst den Grundstein für seine Lebensleidenschaft gelegt. „Die Antiquitäten und Blechschilder sind private Sammlung, Altersvorsorge, Herzblut“, fasst Rath zusammen.
Heute genießt der Selbstständige in der europäischen Reklameschilderszene – in Deutschland etwa 1 000 Personen – einen erstklassigen Ruf als fachkundiger Sammler und stets fairer Händler. „Weil ich gut bezahle, ehrlich und loyal bin. Kein geldgeiler Vollidiot. Und weil die Leute wissen, sie können mir Geheimnisse anvertrauen.“ Einen Höhepunkt hat Raths Faszination für Blechreklame im Spätsommer 2016 erreicht, als er mit einem guten Freund und Geschäftspartner unerwartet über einen Sensationsfund gestolpert ist, der in ihrem Metier nur als Schatz zu werten ist. 
Blech-Begierde
Besonders im ganz frühen 20. Jahrhundert wurden unzählige liebe- und kunstvoll gestaltete, Werbe- und Hinweisschilder kreiert. Shell, Sinalco, Maggi, Persil und viele mehr haben bis in die 1970er Jahre Unmengen farbenfroher Schilderreklame entwickelt, mit Claims, die wir heute häufig amüsiert und abgeklärt belächeln, etwa: „Esst Bananen. Sie sind gut!“ oder „Kaffee Hag schont Herz und Nerven“. Heute erreichen die seltensten und besterhaltentsten Exemplare dieser besonderen Reklamekunst Sammlerpreise von bis zu 80 000 Euro.
Einstiger Branchenprimus zur Blütezeit der Blechschildfertigung war die 1904 gegründete Berliner Gesellschaft für Blechemballage und Plakat-Industrie, später Berliner Blechschild Manufaktur, die für lokale aber auch weltmarktführende Automobil-, Bier-, Zigaretten- und Lebensmittelunternehmen, Fluglinien und Ausflugsorte in einem einzigartigen Verfahren Schilder entworfen und produziert hat. Unzählige Musterexemplare, Entwürfe, Prototypen und Dummys sind dabei entstanden, die es nie in die Produktion geschafft haben und über die Jahrzehnte in fabrikneuem Zustand im Archiv der BBM eingelagert wurden.
Als 2015 bekannt wurde, dass die renommierte Firma aufgegeben wird, erreichte Branchenkenner Rath eine E-Mail. „Darin hieß es mehr oder weniger: ‚Alles muss weg. Spezielle Konditionen. Reklame aus den letzten 100 Jahren‘“, zitiert er. „Da klingelte es in meinen Ohren, der Puls ging hoch.“ Tatkräftige Unterstützung für ein bald geplantes Räumungsgeschäft besorgte er sich von seinem guten Freund und Geschäftspartner Marco Heuberg, einer der bekanntesten Comichändler Deutschlands und zudem „so ein bisschen C-Promi und viel mehr Rampensau als ich“, wie Rath ihn beschreibt. Heubergs Expertise für Kuriositäten und Antiquares hat der 49-Jährige schon als Moderator im TV-Format „Der Trödeltrupp“ unter Beweis gestellt.
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Mit einer Sprinter-Flotte machten Sie sich auf nach Neukölln, um als erste Käufer exklusiven Zugang zum sagenhaften und verheißungsvollen BBM-Archiv zu erhalten und die darin möglicherweise enthaltenen, für sie unbezahlbaren Einzelstücke zu bergen. Doch dann: Verschlossene Türen! Zum Verkauf standen lediglich Unmengen billiger Replikate, an denen die Schatzjäger wenig geschäftliches Interesse hatten. Es folgte ein geld- und kräftezehrendes Hin und Her mit dubiosen Ansprechpartnern, wechselnden Geschäftsführern und verschiedenen Abwicklern des Bestandsverkaufs; mit großer Geheimnistuerei, obskuren Ab- und Zusagen, mehreren gut gemeinten Käufen des ungeliebten Repro-Bestandes und immer wieder Märchen vom verschwundenen Schlüssel zur Schatzkammer – dem verschlossenen Archivraum. „Weißt du, wie viele scheiß Nächte ich nicht mehr dran geglaubt habe? Nicht mal ansatzweise? Es wurde halt immer so ein bisschen geflunkert, gemauschelt und herumgedruckst“, erzählt Rath. „Das war zwar ein bisschen wie Roulette, aber die Intuition sagt, dass es gut ist. Und dass da drin das Holy-Number-One ist. Und dass es sowas nie wieder gibt. Dafür brauchst du einige Erfahrung als Selbstständiger und das Bauchgefühl eines Sammlers.“
Sechs Monate nach der ersten Kontaktaufnahme mit der Berliner Blechschild Manufaktur war es dann soweit: Ohne zu wissen, ob sich überhaupt etwas Brauchbares in dem sagenumwobenen Raum befinden würde und mit der Befürchtung, dass längst ein anderer Käufer das Archiv leer geräumt hat, öffnete Rath mit schlotternden Knien die Tür. „Als wir reinkamen habe ich sofort gemerkt: Okay, das ist alles alt. Krass. Herzrasen. Schweißausbrüche. Alles auf einmal!“, so Rath. Ein Jahrhundertfund.

Bunte und braune Schilder

Der Schatz, den Rath und Heuberg schließlich aus ihrem persönlichen Bernsteinzimmer schaffen durften, lässt die beiden in all seinen Facetten bis heute Staunen: „Der Raum war so 25 Quadratmeter groß. Die Regale darin waren randvoll nur mit Originalen, thematisch sortiert. Circa 1 000 Stück. Nur Blech, keine Reproschilder, keine Emaille“, beschreibt Rath den Fund. „Ich habe nach drei Minuten in diesem Raum erkannt, dass ich das Richtige tue.“ Reklameschilder in etlichen Formen und Farben für den Norddeutschen Lloyd, Blaupunkt, Gillette, Michelin, Opel, zahlreiche Biersorten und vieles Weitere, auch Schilder für die Märkte in Russland, Holland oder Indonesien waren mit dabei.

„Ich habe nach drei Minuten in diesem Raum erkannt, dass ich das Richtige tue“

Die Wertspanne der Schilder schätzen Rath und Heuberg auf 50 bis 5 000 Euro. An Liebhaber veräußert werden soll ein Teil der Sammlung über einen exklusiven Shop, der am 3. Oktober auf www.schildermafia.de online mit dem Verkauf der meisten Stücke startet. Rath und Heuberg geht es aber nicht vordergründig ums Geld Verdienen. „Es würde Jahre dauern, bis alles verkauft ist. Vielleicht kommt ein Museum auf uns zu, vielleicht ergeben sich neue Kontakte zu Sammlern. Der Shop soll uns als Plattform dienen.“
Ein bestimmter Teil der Sammlung wird aus gutem Grund nicht zum Verkauf angeboten. Etwa 20 Schilder, die während des Nationalsozialismus entstanden sind, befanden sich im Archiv – Hinweise zum nächsten Luftschutzbunker, „Blut und Boden“-Plaketten und jede Menge Hakenkreuze. Krasse Motive, die die Herzen extremer Militaria-Sammler und rechter Fanatiker höher schlagen lassen würden. Doch das wollen Rath und Heuberg in jedem Fall vermeiden. Der Nazi-Bestand wird sehr kritisch bewertet. Falls die Schilder irgendwann doch an ein Museum oder ähnliches verkauft werden sollten, würde das Geld einem guten Zweck gespendet werden.
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Blechschildträume auf 512 Seiten
Über ihren großen Coup haben die glücklichen Sammler nun ein Buch geschrieben und in Eigenregie verlegt. Einen zweisprachigen 512 Seiten und drei Kilo schweren Wälzer mit mehr als 950 farbigen Abbildungen, der am 1. Oktober in regionalisierten Fassungen für Berlin und Bremen erscheinen wird und Sammler, Kenner sowie Geschichts-, Grafik- und Werbeinteressierte gleichermaßen ansprechen soll. Ein Sonderteil im Buch beschäftigt sich mit den Schildern aus dem Dritten Reich. Auf diesen weniger farbenfroh gestalteten Seiten mit braunem Hintergrund sind die Schilder neben – teils bislang unveröffentlichten – Fotografien aus dem Krieg abgebildet, etwa vom zerbombten Berlin. „In dieser Kombination soll jedes einzelne Schild ein Mahnmal sein“, erklärt Rath.
In die Produktion des hochwertigen, großformatigen Buches und den wahnwitzigen und kostenaufwändigen Aufkauf des Bestandes der Berliner Blechschild Manufaktur hat Jochen Rath einen Großteil seines Vermögens gesteckt – ein Beweis für seine Leidenschaft. Viel Mühe, Kraft und Nerven sind in das Projekt geflossen, Geldmittel haben sich in Sachwert verwandelt. Wofür der ganze Aufwand? Hat sich die Sache gelohnt? Für den Liebhaber Jochen Rath keine Frage: „Wir wollen einfach dieses Buch veröffentlichen. Wir haben das alles hier drin festgehalten. Für die Nachwelt. Das ist Kultur. Das ist einzigartig. Das ist alles durcheinander. Die Sammler werden ausflippen!“


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Text Benyamin Bahri
Fotos Lars Neumann

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