Anzeige

Die dynamischen Skulpturen des bedeutenden britischen Bildhauers Tony Cragg können bis Mitte September im Schloss Museum Wolfenbüttel erlebt werden. SUBWAY traf den Künstler kurz vor der Vernissage.
IMG 20200701 173644 c Benyamin Bahri art
Glasobjekt von Tony Cragg in er Ausstellung Points of View im Schloss Museum Wolfenbuttel. Foto Florian Kleinschmidt bestpixels.de art
An einem Stock herumschnitzen, am Strand statisch Steine zu einem Turm stapeln oder aus Ton eine Vase töpfern – aus organischem Material etwas Neues zu formen, ist ein besonderer und fesselnder Erfahrungsprozess, den eigentlich jeder schon mal erlebt hat. Auch wenn es meist nur um Spielerei und Kurzweil geht, erfüllt das Werk seinen Erschaffer mit Stolz. Das einzigartige Empfinden beim Kreieren hinterlässt Spuren im Selbst.



Mit eben diesem Verwandeln von Stoffen in Formen und Skulpturen beschäftigt sich der Engländer Tony Cragg seit den späten 1960er Jahren. Gesammelte organische Materialien wie Ziegel, Bretter, Teppiche oder Rohre in eine neue, homogene Form zu transformieren, machte er sich damals zur Lebensaufgabe. Heute gehört der inzwischen 71-Jährige zu den berühmtesten Bildhauern weltweit, ein namhafter Künstler, der die Bildhauerei der Moderne maßgeblich geprägt hat. Eine Auswahl seiner Skulpturen kann noch bis zum 13. September im Schloss Museum Wolfenbüttel erlebt werden – Skulpturen, Zeichnungen, Radierungen und mehr aus den 1990er Jahren bis heute.

Blickpunkte der Kunst

Wer sich mit Kunst auskennt, der kennt Tony Cragg. Ihn als einen der bedeutendsten Künstler der Neuzeit zu bezeichnen, ist keineswegs übertrieben. Craggs Skulpturen fanden schon überall auf dem Globus einen Platz: Ausgestellt hat er auf der documenta 7 und 8, bereicherte als Vertreter für Großbritannien die Biennale in Venedig und erhielt Auszeichnungen wie den Lifetime Achievement in Contemporary Sculpture Award oder den Turner Prize der Tate Gallery in London. Seit Anfang Juli prägt auch am Berliner Bundestag, vor dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus eine Objekt des Engländers das Straßenbild – „Werdendes“ heißt diese sechs Meter hohe Bronzeskulptur.

Nun schon seit mehr als 40 Jahren lebt und arbeitet Cragg in Deutschland, lehrte an Hochschulen wie der Akademie der Künste in Berlin oder der Kunstakademie Düsseldorf, der er auch vier Jahre als Rektor vorstand. In seinem Wohnort Wuppertal eröffnete er mit seiner eigenen Stiftung 2008 den Skulpturenpark Waldfrieden, in dem neben seinen imposanten Werken auch andere namenhafte Künstler ausgestellt sind, unter anderem auch der Spanier Joan Miró.

„Kunst hat die Kraft, am Mysterium unserer Existenz zu kratzen.“

Schon als junger, ehrgeiziger Künstler, getrieben von nichts als Idealismus, begann Cragg neue Ideen zu entwickeln und diese ins Physische zu übersetzen. Es war eine Zeit, in der Bildhauerei in der etablierten Kunstszene längst nicht den Stellenwert besaß, den sie heute hat. Im Kern seines Schaffens standen schon damals die Fragen nach dem Was, Wie, Warum im Fluss von Raum und Zeit. Seine Ausstellung im Schloss Museum Wolfenbüttel trägt den Titel „Points of View“. Es geht darum, wie sich Dinge stetig selbst und gleichzeitig anderes verändern und wie auch der Blick darauf sich je nach Zeit und Perspektive unterscheidet; pantha rhei – alles fließt, heißt es in der offiziellen Ankündigung.
Stack Tony Cragg Bronze 2019 Schloss Museum Wolfenbuttel Foto Florian Kleinschmidt bestpixels.de art
Beim Pressetermin antwortet der gebürtige Liverpooler auf die obligatorische Frage nach seinem Lieblingswerkstoff nach kurzem Überlegen: „Das Gehirn! Am liebsten arbeite ich mit meinem Gehirn! Neuronen, Elektronen; das ist das Allerkomplizierteste, aus dem Gedanken, Gefühle und Ideen entstehen. Das Gespür für die eigene Existenz, wie der Mensch sich aus dem Nichts entwickelt, als eine Skulptur der Natur.“ Cragg reflektiert seine Arbeit fast schon religiös-philosophisch, wenn er analysiert: „Kunst hat die Kraft, am Mysterium unserer Existenz zu kratzen, auch wenn wir nie in der Lage sein werden, sie komplett zu begreifen – mehr noch als Wissenschaft. Es ist der Versuch sich der Natur anzunähern und sie zu ergründen. Denn Kunst bietet die beste Sprache um die Welt zu beschreiben – besser noch als die Wissenschaft“, so Cragg. Seine Herangehensweise verortet er universell: „Ich bin kein Designer, der mit einer konkreten Vorlage arbeitet. Aber auch niemand der etwas gegen eine Wand schmeißt und hofft, dass es gut aussieht. Ich bilde auch die Natur nicht eins zu eins ab. Seit meiner ersten Skulptur 1969 bewege ich mich in dem unglaublich großen Raum, der sich zwischen diesen Methoden befindet.“
Besonders interessiert ihn dabei die Wahrnehmung des Menschen, der „Point of View“, das Abbild der Realität. Die Transformation der Betrachtung einer Form in eine Emotion, wie beim Anblick eines Lächelns oder eines grimmigen Gesichtsausdrucks. „Beim Arbeiten spüre ich diesen Fluss von Emotionen durch meine Hände. Das ist, was ich mir von der Bildhauerei verspreche. Sie hat eine wahnsinnige Dynamik. Bildhauerei ist eine mächtige, kraftvolle Entwicklung durch Raum und Zeit.“ Zur aktuellen Corona-Situation, die auch vor dem Künstler keinen Halt macht, äußert Cragg ganz klar: „Ich lebe, verdammt!“ Inspiriert sei er immer ständig, morgens, mittags und nachts – mit oder ohne Corona-Pandemie.
Förderung durch Kunstkenner

Die Ausstellung in Wolfenbüttel sei genau so geworden, wie er sie haben wollte, erzählt Tony Cragg bei der Begehung den Pressevertetern. Auch wenn bis kurz vor Eröffnung noch viel verschoben und getauscht und neu arrangiert wurde. Maßgeblich möglich gemacht hat die hochkarätige Ausstellung die Wolfenbütteler Curt Mast Jägermeister Stiftung. Schon nach der Gründung vor 14 Jahren sind die Kulturförderung und die Unterstützung sozialer Projekte eines der Hauptanliegen der Stiftung. „Kultur liegt uns wirklich sehr am Herzen und sie ist auch für die Menschen hier sehr wichtig. Gerade jetzt in Zeiten der Pandemie muss Kultur gefördert werden. Die Menschen sind hungrig nach Kultur und deshalb passt die Ausstellung gerade jetzt wunderbar“, äußert sich Manja Puschnerus aus dem geschäftsführenden Vorstand der Stiftung über Craggs „Points Of View“. „Auch Wolfenbüttel hat diese Kunst verdient, nicht nur Weltstädte wie Berlin oder Paris.“ Kunstliebhaber Florian Rehm, Sprecher der Unternehmerfamilie Mast, der die Idee für die Ausstellung entwickelt und deren Realisierung ermöglicht hat, fügt vielversprechend hinzu: „Vielleicht bleibt nach der Ausstellung ja sogar auch eine Skulptur Craggs in Wolfenbüttel.“

Ein Schloss voller Plastiken

Das geschichtsträchtige Wolfenbütteler Barock-Schloss ist ein sehr außergewöhnlicher Ort zur Ausstellung der sehr modernen Exponate. Hier hat sich seit Jahrhunderten nicht viel verändert, doch die Skulpturen erzählen von Wandel, Veränderung, Entwicklung, Verformung. Ein besonderer Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der neue Perspektiven erlaubt – nicht nur auf Craggs Skulpturen, die sonst in hohen, weitläufigen, weißwändigen Galerien oder unter freiem ausgestellt werden. Auch der Blick auf die historischen Schloss-Räume verändert sich je nach Blickwinkel und Empfindung – ein außergewöhnlicher Spannungsbogen. Museumsleiterin Sandra Donner erhofft sich aus der Kombination aus neuer und historischer Kunst eine Vielzahl von interessierten Besuchern, die offen für Anregungen und frische Sichtweisen sind. „Wir bekommen nicht nur neue Perspektiven auf das  Zeitgenössische, sondern sehen auch das Historische anders und neu. Das gibt dem Projekt in unseren Augen die besondere Spannung“, erzählt sie im SUBWAY-Interview.
Der Bilderhauer Tony Cragg beim Ausstellungsaufbau im Schloss Museum Wolfenbuttel. Foto Florian Kleinschmidt bestpixels.de art
Tony Cragg ist eher für seine großen, beeindruckend-ausladenden Skulpturen bekannt. Die Ausstellung im Schloss Museum hingegen zeigt viele kleinere seiner Werke. Die Statik des jahrhundertalten Gebäudes erlaubt ausschließlich Objekte, die bis maximal 200 Kilogramm wiegen dürfen. Noch deutlicher wird das breite Spektrum von Craggs Kunst hierdurch: Skulpturen aus Bronze, Glas oder Holz treffen auf ebenbürtige Zeichnungen und Radierungen. Ein einziges sehr großes Werk ist dennoch Teil von „Points of View“. Nördlich vor dem Museum fällt „Stack“ als neues Teil des Stadtbildes im Wolfenbütteler Museumsdreieck am Lessingplatz jedem Passanten direkt ins Auge: Eine über zwei Meter hohe Bronzeskulptur, die schon jetzt für Diskussionen unter den Wolfenbüttelern sorgt. „Kunst muss nicht gefallen, sie soll uns anregen zum Betrachten, zum Nachdenken und zum Fühlen“, meint Leiterin Sandra Donner, die sich über die aktuellen und kommende Gespräche zur Skulptur freut.
Mehr als 200 Gäste ließen sich am Eröffnungs-Wochenende von der Imposanz der Skulpturen mitreißen. Noch bis zum 13. September besteht die Möglichkeit, die Ausstellung im und am Wolfenbütteler Schloss Museum zu erleben – eine einmalige Chance, Weltklassekunst hier in der Region ganz nah zu sehen. Und wer weiß, vielleicht ermöglichen Florian Rehm und die Curt Mast Jägermeister Stiftung ja sogar noch eine Verlängerung dieser einzigartigen Ausstellung.

Text Benyamin Bahri, Merle Scholz
Fotos Benyamin Bahri, Florian Kleinschmidt bestpixels.de

User Rating: 0 / 5

SUBWAY Newsletter

 

Mit SUBWAY verpasst Du kein Event mehr in Braunschweig und der Region. Hol Dir unseren Newsletter!

Kontakt

SUBWAY – Eine Region, ein Magazin

#Redaktion

oeding magazin GmbH
Erzberg 45
38126 Braunschweig

Telefon: 0531-48015-134
Telefax: 0531-48015-79
E-Mail: info@subway.de

Durch Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysen, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Weitere Informationen über Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.