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Kunst oder Krawall? Die RA Crew hält in Braunschweig die Graffiti-Fahne hoch.
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Graffitikultur hat heutzutage unendlich viele Facetten, ist en vogue und Mainstream, findet sich in Mode, Werbung, Kunst und für horrende Preise sogar in den exklusivsten Galerien der Welt. Das Spektrum dieser Kunst reicht quasi von der Kugelschreiber-Schultoiletten-Kritzelei bis hin zur millionenschweren Banksy-Leinwand. Irgendwo dazwischen ordnen sich die „Bombings“ ein, illegal und großflächig gesetze Buchstabenkombinationen, die das Straßenbild jeder Großstadt weltweit prägen und in der Regel hohen Sachschaden verursachen – sofern sie denn entfernt werden. Trotz ihrer Salonfähigkeit sind Graffiti und Streetart daher ein Problem, mit dem sich Gruppen wie Hauseigentümer, die Deutsche Bahn und natürlich die Polizei Tag für Tag rumschlagen müssen. Zwar ist Graffiti in Braunschweig im Vergleich zu den 1990er Jahren, als an fast jeder Hausecke ein Piece zu sehen war und man in der Straßenbahn kaum mehr durch die zugetaggten Fenster sehen konnte, heute nur noch ein geringes Problem. Dennoch gibt es zwei Buchstaben, die im ganzen Stadtgebiet immer wieder aus dem Nichts auftauchen und zumeist groß in Chrom ins Auge stechen: „RA“. Wir haben Kontakt zu drei Mitgliedern der berüchtigten und umtriebigen Sprüher-Crew aufgebaut und ein paar Statements aus den vorsichtigen und defensiven, aber dennoch stolzen und freundlichen Writern herausgequetscht.
Seit wann seid ihr aktiv?
Am Anfang waren wir zwei Leute und haben RA hier in Braunschweig gegründet. Im Jahr 2010 haben wir in Salzgitter unser erstes Bild gemalt. Das ist heute noch zu sehen. Inzwischen haben wir fünf bis fünfzehn Leute zwischen 20 und 30 Jahren und leben in Berlin, Stuttgart und Frankfurt am Main. Wir sind ganz normale Jungs mit normalen Jobs, die gern Spaß haben und halt ein verrücktes Hobby, von dem nur die engsten Freunde wissen.

Welche Bedeutungen hat „RA“?
Die beiden Buchstaben haben tausend Bedeutungen. Zum Beispiel „RAsierer“, „RadioAktiv“, „RAver“, „RAtten“, „Reaktion Aktion“, „Rote Augen“, „Richtig Asozial“ … Am treffendsten ist wohl „RAndale“.

Welcher Style inspiriert euch? Wo liegen eure stilistischen Wurzeln?
Das ist eine ganz bunte Mischung aus allen möglichen Stilen, egal ob Bombing, Wildstyle oder sonstwas. Den größten gemeinsamen Nenner finden wir aber wohl alle in dem ganz alten New-York-Shit. Back to the Roots!

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Wo habt ihr bisher gemalt?
Außer natürlich in Braunschweig und Umgebung haben wir in jeder größeren Stadt in Deutschland und den Nachbarländern Bilder gemalt. Dazu kommt noch der ganze Metro-Hustle in Städten wie Paris, London, Rom, Kopenhagen, Athen, Wien, wo wir es speziell auf die U-Bahn-Züge abgesehen haben. Vereinzelt waren wir sogar auch in den Staaten in New York oder Chicago unterwegs. Wir haben auch Kontakte in alle möglichen Städte. Wenn man sich für eine Subkultur wie Graffiti interessiert, trifft man automatisch früher oder später Gleichgesinnte auf der ganzen Welt.

Gibt es neben euch einen anderen Graffiti-Platzhirsch in der Region?
Nein, im Moment keinen. Höchstens „WG“ oder die „HC“-Jungs, die Autobahn und Straße gut bedienen. Als die Crews BTC, PBS, QSK und DRB hier in der Region richtig extrem am Rad gedreht und um die Vorherrschaft gekämpft haben, waren wir so jung, dass wir noch keine Büchse halten konnten.

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Wie ist das mit der Konkurrenz … Gibt es Rivalitäten zu anderen Crews? Spielt Gewalt dabei eine Rolle?
Ernstzunehmende Rivalitäten gibt es eher weniger, schon allein dadurch, dass es lang nicht mehr so viele Crews gibt wie früher. Natürlich kommt es mal zu Auseinandersetzungen mit anderen Sprühern, bei denen auch Gewalt angewendet wird. Aber unser Fokus liegt immer einfach auf dem Sprühen. Trotzdem kann man sagen, dass man mit einer Reaktion rechnen muss, wenn man mit uns Stress anfängt.

Dosen kosten Geld. Wieviel gibt man da so aus …? Wie teuer ist eine „Bombe“?
Für ein buntes Wholecar mit vielen Farben, also ein Bild auf der ganzen Länge eines U-Bahn- oder Zug-Waggons, geht schon eine Menge Kohle drauf. Da nimmt man auch gerne mal in Kauf, ein paar Tage lang nur Nudeln mit Ketchup zu essen. Für eine ganz normale Schwarz-Chrom-Bombe kann man so 20 bis 30 Euro veranschlagen.

Macht ihr neben Sprühen noch andere „Sachbeschädigungen“?
Um unseren Namen nach vorne zu bringen, ist uns jedes Mittel recht. Egal ob Sprühen, Streichen mit Farbrollen, Scratchen, also Ritzen, Ätzen mit Säure oder Farbe riesengroß durch Feuerlöscher verteilen. Hauptsache RA!
Habt ihr ein Bewusstsein dafür, dass ihr der Gesellschaft und auch Privatpersonen schadet? Kein schlechtes Gewissen?
Was kann man anmalen und was nicht? Ich persönlich renne nicht blind durch die Stadt und springe von einer Straßenseite zur anderen und tagge jedes Haus voll. In der Stadt erwischt es schon zum Großteil Häuser, aber meistens werden da große Reihenhäuser, Mehrfamilienhäuser oder Hochhäuser angemalt, in denen viele Parteien nur zur Miete wohnen und die großen Firmen oder Gesellschaften gehören. Und da habe ich überhaupt keinen Krampf mit, die anzusprühen. Es ist was anderes bei Einfamilienhäusern. Da hat sich jemand einen abgespart und sich ein Haus gegönnt. Da lass‘ ich die Finger von. Aber Häuser von großen Konzernen oder so … Pffff, die male ich an. Ich glaube auch, dass die meisten Leute Graffiti an dem Wohnhaus, in dem sie leben, gar nicht richtig stört. Wenn man Mieter irgendwo im dritten Stock ist und unten am Haus ein paar Tags sind, wen stört das? Wenn man sonst im Leben keine Probleme hat, kann man sich über ein bisschen Farbe aufregen.
Geht es nur um Zerstörung oder auch um Kunst und Selbstverwirklichung?
Erst einmal geht es nicht um Kunst, sondern um Graffiti. Ich sehe mich nicht als Künstler, sondern als Sprüher. Wenn andere sagen, dass das künstlerisch wertvoll ist, freue ich mich da aber natürlich drüber. In erster Linie geht es uns um Spaß, eine gute gemeinsame Zeit, Abenteuer, Nervenkitzel und ganz stark auch um kreative Selbstverwirklichung. Um Schäden, wütende Hausbesitzer und Bürger, die damit nichts anfangen können, machen wir uns keine Gedanken.

Seid ihr euch der Gefahren immer bewusst? Spielen Alkohol und Drogen bei besonders gewagten Aktionen eine Rolle?
Wenn du nüchtern nicht die Eier dazu hast, in Bahndepots einzusteigen, auf Gebäude zu klettern, Schlösser zu knacken oder mitten auf offener Straße zu sprühen und gegebenenfalls vor der Polizei wegzurennen, dann lass es lieber einfach bleiben. Ein klarer Verstand ist unbedingt nötig und natürlich von Vorteil, wenn du dich zum Beispiel auf irgendwelchen Abstellanlagen rumtreibst, versuchst, unauffällig zu sein, dich rein- und rauszuschleichen und so weiter. Man muss manche Spots wochenlang ausspionieren, um den besten Weg zu finden, das versaut man sich dann nicht. Natürlich gibt und gab es auch immer wieder mal irgendwelche Suff-Actions, die sind aber teilweise nach Hinten losgegangen und haben manchmal auch gut Geld gekostet, wenn sich jemand hat erwischen lassen. Wenn man ein fettes Teil irgendwo hingesetzt hat, dann kann man feiern und es richtig krachen lassen.
Am Bahnhof Weddel ist ein 19-Jähriger von einem Güterzug erfasst worden und gestorben. Die Polizei sagt, man solle Gerüchten aus den sozialen Medien nicht glauben, wonach er ein Sprüher war. Was wisst ihr über die Sache?
Der Tod von Max, die Berichterstattung und nicht zuletzt die Polizeiarbeit werfen für uns noch immer viele Fragen auf. In keiner Zeitung stand, dass er dort mit einer anderen Crew Sprühen war, es wird lediglich geschrieben, dass er vom Zug erfasst wurde. Aber warum er mitten in der Nacht in Weddel auf den Gleisen stand, das konnte von der Polizei nicht ermittelt werden? Leider hat die zweite Person eine Gedächtnislücke von dem Unfall. Seine letzte Erinnerung ist, dass ein Auto gegenüber von der Schallschutzwand aufgetaucht ist und die beiden sich versteckt haben. Als er wieder zu sich kam, hatte er mehrere Wunden am Körper und Max war tot. Was war das für ein Auto und woher kommen die Wunden? Erst vier Tage später wurde die Öffentlichkeit informiert und schon nach nur etwa einer Woche hat die Polizei die Ermittlungen eingestellt. Wir haben einen Tag nach dem Unglück seine Dosen in der Nähe von seinem Bild an der Schallschutzwand gefunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er aus Unachtsamkeit einen Güterzug überhört oder übersehen hat. Passieren kann es natürlich, aber es bleibt ein Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt an der ganzen Geschichte … Ruhe in Frieden Max!

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Was ist eigentlich sonst mit der Polizei?
Die haben uns auf jeden Fall auf dem Schirm und wissen, wo sie klingeln. Man kennt sich. Hausdurchsuchungen gab es schon einige, aber da niemand von uns sein Zeug zu Hause bunkert, gehen Herr Meier und seine Soko-Kollegen in den meisten Fällen immer wieder erfolglos zurück in die Wache. Man weiß, dass das jederzeit passieren kann, dementsprechend sind unsere Buden immer sauber.

Würde es euch genauso viel Spaß machen, wenn ihr legal malen dürftet?
Legal kann jeder. Uns geht es ganz klar darum, sich von dem ganzen Rest, egal wie etabliert und talentiert, abzuheben. Graffiti-Kunst in Galerien oder so ist kein Stück mehr Straße. Wenn jemand mit seinem Hobby Geld macht, ok – hab‘ ich erst mal Verständnis für. Jedoch verliert es dadurch an Charakter.

Ihr führt ja ein ganz schönes Doppelleben … Denkt man da mal ans Aufhören?
Ich wollte schon immer Maler sein. Aber dass ich jetzt so krass unterwegs bin, hätte ich als Jugendlicher nicht gedacht. Deswegen kann ich auch überhaupt keine Prognose für mein weiteres Leben geben. Ich kenne Maler, die seit Jahrzehnten aktiv sind und bei denen sich nicht abzeichnet, dass sie ihr Hobby aufgeben. Warum auch? Wenn man sein ganzes Leben Rennrad fährt, hört man ja auch nicht mit 40 auf. Es kann gut sein, das man irgendwann in der Zeitung liest, „70-Jähriger beim Sprühen gefasst“. Dann war das einer aus der ersten Generation, der einfach nicht aufgehört hat mit malen. Natürlich ist Graffiti ein außergewöhnliches Hobby und es gibt wenig Vergleichbares. Es gehört zu unserer Persönlichkeit. Manchmal kommen Fragen wie: „Wann wirst du endlich erwachsen?“ Bestimmt werde ich irgendwann ruhiger und nicht mehr so harte Aktionen reißen und stattdessen lieber an entspannten Stellen meine Bilder malen. Besonders wenn ich mal Frau und Kinder haben sollte. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, Graffiti irgendwann komplett aufzugeben. Ich finde es eine sehr coole Vorstellung, irgendwann mit 65 an einer legalen Wand zu stehen und an einem Sonntag ganz entspannt ein Bild zu sprühen. Ich denke nicht, dass ich Graffiti jemals den Rücken kehren werde.

Text Benyamin Bahri
Fotos Privat

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