Thorben Grabenhorst im Interview | Der 33-jährige Gruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr Salzgitter-Reppner war bei der großen Überschwemmung, die unsere Region Ende Juli getroffen hat, im Einsatz. Er half mit zahlreichen anderen in Hildesheim, im stark betroffenen Rhüden bei Seesen und in Wolfenbüttel. Im Interview berichtet der Mitarbeiter der Öffentlichen Versicherung Braunschweig von den Rettungs- und Hilfsaktionen.

Sie haben in Wolfenbüttel geholfen, als die Stadt vom Hochwasser überschwemmt wurde. Warum war es Ihnen wichtig zu helfen?
Die Stadtfeuerwehrbereitschaft Salzgitter war, bevor sie in Wolfenbüttel eingesetzt wurde, bereits in Hildesheim und in Rhüden bei Seesen im Einsatz. Als Feuerwehrmann hilft man eben da, wo man gebraucht wird, um die betroffenen Menschen zu unterstützen.

Hatten Sie im Vorfeld Erfahrung mit Fluthilfe?
Ja, ich war 2013 beim Elbe-Hochwasser in Magdeburg auch dabei, das eine noch deutlich größere Dimension hatte. Allerdings war ich im Hafen eingesetzt und hatte daher wenig mit den betroffenen Bürgern zu tun. Diesmal war ich, zum Beispiel in Rhüden, auch direkt an den Aufräumarbeiten beteiligt. Daher war ich näher an den Menschen dran und habe die Notsituation viel intensiver wahrgenommen.

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Wie sieht so ein Hilfseinsatz konkret aus?
Das Tätigkeitsfeld kann sehr unterschiedlich sein, je nachdem, wie unser Einsatzbefehl lautet. Das Füllen der Sandsäcke über den Transport bis zum Verbauen der Sandsäcke zur Gefahrenabwehr sind wichtige Teile unserer Arbeit. Hier werden auch die meisten Einsatzkräfte gebraucht, da ein Sandsack circa 20 Kilo wiegt und es auf Dauer schon sehr anstrengend ist, diese Massen auch zu bewegen.
Desweiteren gehören das Umpumpen der Wassermassen genauso dazu wie das Abpumpen des Wassers aus den Kellern und den Gebäuden.
In Rhüden waren wir mit drei Zügen vor Ort: Wir fuhren zugweise durch die betroffenen Ortschaften und haben überall gefragt, ob jemand Hilfe benötigt – vom Auspumpen der Keller und Wohnzimmer bis hin zur Rücknahme der Sandsäcke. Denn die insgesamt 14 000 verbauten Sandsäcke allein in Rhüden müssen hinterher auch wieder eingesammelt werden. Für Hildesheim haben die Kameraden übrigens rund 40.000 Sandsäcke angefertigt.
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Was hat Sie bei dem Einsatz beeindruckt? Was ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
In Wolfenbüttel gab es einen Fahrradfahrer, welcher mit einer Tauchpumpe, Eimern und Wasserschiebern bepackt war. Er fuhr so durch die Straßen und fragte, ob jemand seine Hilfe gebrauchen kann. Ansonsten haben mich die Mitbürger beeindruckt, die uns Einsatzkräfte mit Essen und Getränken versorgt haben und so ihre Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht haben. Durch die lieben Worte, die uns entgegengebracht worden sind, haben wir gemerkt, dass die Menschen froh waren, dass wir für Sie da sind.

Haben Sie es zusätzlich zu den Sachschäden auch direkt mit Verletzten oder Vermissten zu tun gehabt?
Als wir unseren Einsatz gerade beendet hatten und uns abfahrbereit gemacht haben, rief jemand: „Aufsitzen, Kind in Oker!“ Wir waren rund 200 Meter Luftlinie entfernt von der Oker. Ein Kinderfahrrad mit einer Mütze am Lenkrad wurde dort am Ufer gefunden. Sofort haben wir uns aufgeteilt, um die Ufer abzusuchen und von der Brücke aus nach dem Kind zu schauen. Acht Boote der Feuerwehren aus Wolfenbüttel und Umgebung, eine Tauchergruppe der Salzgitter AG sowie ein Polizeihubschrauber aus Hannover waren am Einsatz beteiligt.
Insgesamt circa 185 Einsatzkräfte. Nach fast zwei Stunden Suche kam glücklicherweise der Vater mit dem Kind an die Einsatzstelle, um das Fahrrad abzuholen: Es stand schon einige Zeit da, weil es einen Platten hatte. Ein besorgter Bürger hatte die Feuerwehr gerufen, als er das Rad dort stehen sah. Da ich selbst erst vor acht Wochen Vater geworden bin, ging mir diese Situation ganz besonders nahe. Einsätze mit Kindern gehören zum Schlimmsten, was wir Rettungskräfte erleben können.

Solche Katastrophen folgen keinen Regeln oder einem Zeitplan, was würden Sie im Nachhinein den Anwohnern raten?
Anwohner, die schon öfter vom Hochwasser betroffen waren, sind mit Rückschlagventilen, Tauchpumpen und ein paar Sandsäcken meistens bereits gut ausgerüstet. Wenn das Wasser langsam steigt, hat man genügend Zeit, um seine Sachen rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Kommt das Wasser aber sehr schnell, ist man in der Regel machtlos.

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Bei einem größeren ungeplanten Hilfseinsatz wie diesem stehen die Helfer unter großem Stress – wie behalten Sie die Ruhe?
Man muss die Situation, so wie sie ist, annehmen und dann die Lage konsequent nach unseren Schemata abarbeiten. Wir Feuerwehrmänner sind sehr gut ausgebildet und wissen, was zu tun ist, auch bei unübersichtlichen Einsatzstellen und stressigen Situationen. Durch regelmäßige und realistische Übungen bereiten wir uns auch auf hektische Situationen vor, um im Ernstfall immer einen kühlen Kopf zu bewahren.

Es gab während des Hochwassers Probleme mit Gaffern und Katastrophen-Touristen, besonders in Goslar, haben Sie das mitbekommen?
An den Stellen, wo ich eingesetzt war, waren durchaus vereinzelt Menschen, die sich das Treiben aus der Ferne angeschaut haben, jedoch ohne uns Einsatzkräfte zu behindern.

Was sind nach euren Aufräumaktionen – die nächsten Schritte? Wie geht es für die Betroffenen weiter?
Das große Aufräumen wird sich noch etwas hinziehen. Für die Menschen fängt jetzt die Bürokratie an: Wer eine Elementarschadenversicherung abgeschlossen hatte, fängt ab sofort an, sich mit der Versicherung auseinanderzusetzen. Wer aber keine Versicherung hat, hat sein gesamtes Hab und Gut verloren und muss leider zusehen, wie er an neue Einrichtungsgegenstände kommt. Jeder kann selbst schätzen, was seine eigene Einrichtung zu Hause eigentlich wert ist. Und wenn das dann auf einmal alles weg ist … und da sind die Schäden an den Gebäuden noch nicht mal mit eingerechnet. Mit den extrem teuren Trocknungskosten fängt es ja erst an.

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Wenn das Wasser langsam steigt, hat man genügend Zeit, um seine Sachen rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Kommt das Wasser aber sehr schnell, ist man in der Regel machtlos.

Thorben Grabenhorst
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Während solcher Ereignisse sind Solidarität und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung besonders hoch. Wie würden Sie Menschen motivieren, die nicht recht wissen, wie sie helfen können?
Ich kann allen nur empfehlen, sich bei den verschiedenen Hilfsorganisationen zu informieren, sich dort die Arbeit anzuschauen und selbst einmal beim Übungsdienst mitzumachen. So bekommt man den richtigen Einblick. Wenn man die für sich passende Organisation gefunden hat, kann man sich entsprechend ausbilden lassen. Bei Einsätzen kann man das Erlernte dann aktiv anwenden und wird so Helfer in der Not. Ich selbst habe den Spaß am Feuerwehrdienst bei meiner Zeit bei der Jugendfeuerwehr entdeckt. Die tolle Kameradschaft, die bei uns herrscht, und natürlich auch die zahlreichen Erfahrungen. das alles macht für mich das gesamte Löschwesen so ungemein interessant.

Wie kommt man dazu, sich zusätzlich zu Fulltime-Job und Familie noch ehrenamtlich zu engagieren?
Vorangestellt ist für mich der Spaß am Feuerwehrdienst, der Kameradschaft und, wie gesagt, natürlich auch die Erfahrungen aus dem Einsatzgeschehen. Dazu komme ich auch aus einer richtigen Feuerwehrfamilie: Mein Opa war in meinem Heimatort 24 Jahre Ortsbrandmeister, mein Onkel zwölf Jahre. Mein Vater ist auch Brandmeister und über viele Jahre Gruppenführer gewesen. Außerdem hat er im Ort die Jugendfeuerwehr neu aufleben lassen, die mein Patenonkel bereits in den 70ern gegründet hatte. Direkt zur Neugründung bin ich also mit zwölf Jahren selbst in die Jugendfeuerwehr eingetreten und mit 16 war ich im aktiven Feuerwehrdienst tätig. Man benötigt aber auch auf jeden Fall das Verständnis des Arbeitgebers und den Rückhalt der Familie – denn Einsätze kündigen sich in der Regel nicht vorher an: Wenn ich alarmiert werde, lasse ich alles stehen und liegen und rücke mit meinen Kameraden zu jeder Zeit aus.

Interview: Kathleen Kalle, Sebastian Heise
Fotos: Öffentliche Versicherung Braunschweig, privat

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