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Lehre eröffnet Chancen

Zu Besuch bei Flüchtlingen

Bettina Isermann ist Ehrenamtlerin im Verein „Willkommen in Lehre“ und engagiert sich dort insbesondere für die Bildung und Ausbildung von Flüchtlingen. Einen Tag lang besuchten wir mit ihr Geflüchtete, die jetzt Schüler an der Heinrich-Büssing-Schule sind und Lamine Haidara, der ein EQ-Praktikum auf dem Bau absolviert.

Geringe Deutschkenntnisse und mangelnde Schulerfahrung – die Hürden für einen Berufseinstieg von Flüchtlingen sind äußerst hoch. Der Verein „Willkommen in Lehre“ begleitet und berät Geflüchtete. Zudem organisiert der Verein Patenschaften zwischen Flüchtlingen und Ehrenamtlichen. Auch das Erklären wichtiger Briefe, das gemeinsame Üben von Vokabeln und, falls nötig, auch die Unterstützung bei der Wohnungssuche zählen zu den Vereinstätigkeiten. Die Braunschweigerin Bettina Isermann übt bei „Willkommen in Lehre“ ein Ehrenamt aus.

DAS EQ-PRAKTIKUM
Bettina Isermann betreut unter anderem den 25-jährigen Lamine Haidara, der im malischen Bamako geboren wurde. In seinem Heimatland konnte er nur die Grundschule abschließen. Dies hat den Hintergrund, dass in afrikanischen Ländern die Schulbildung aus dem Privatvermögen bezahlt werden muss und da sich viele Familien das nicht leisten können, verfügen die Kinder meist nur über eine geringe oder keine Schulbildung.

Ich bin alleine hier, ohne Familie. Aber ich habe jetzt eine deutsche Familie mit den anderen Geflüchteten – auch Bettina gehört dazu.

Lehre eröffnet Chancen Einzelbild Standbohrer

Lamine wünscht sich, in der Bauhandwerk-Branche zu arbeiten. Der erste Schritt dafür ist schon einmal getan: Bettina Isermann konnte Lamine in ein Einstiegsqualifizierungs-Praktikum (kurz: EQ-Praktikum) vermitteln und seit vier Wochen unterstützt der Flüchtling das Team der Wolfsburger Firma Rainer Bode Innenausbau. Wir besuchen den Praktikanten bei seiner Arbeit auf einer Baustelle in der Major-Hirst-Straße in Wolfsburg. Freundlich begrüßt er uns zusammen mit Bauleiter Ingo Poppen. Lamine strahlt bei seiner Arbeit und es ist deutlich zu erkennen, dass er mit Spaß bei der Sache ist. Ingo Poppen bestätigt das: „Lamine macht sich sehr gut. Ich habe bisher nur Lob von den Kollegen bekommen, alle sind sehr zufrieden. Er ist engagiert und packt super mit an“.

DAS BERUFSVORBEREITENDE JAHR UND DIE BERUFSFACHKLASSE
Ken Flomo, Moustapha Kanoute und Victor Davies machen an der Braunschweiger Heinrich-Büssing-Schule ein berufliches Vorbereitungsjahr. Neben Deutsch, Mathe und Englisch stehen auch berufsbezogene und praktische Inhalte auf dem Stundenplan. „Wir machen sie für eine Ausbildung in Berufen wie Elektro- oder Metalltechnik fit“, erklärt berstudiendirektor und Schulleiter Jürgen Beißner.

Yannick Kaza, Benjamin Kuth Yei und David Brice Zeh Nkamwa besuchen an der Schule derzeit eine Klasse für Fahrzeugtechnik. Beißner erläutert weiter: „Jeder von diesen jungen Leuten hat einen Traum und weiß, wo er hin möchte. Meine Erfahrung ist, dass sie zum Teil außerordentlich zielstrebig, ehrgeizig und fleißig sind, teilweise mehr als die deutschen Schüler.“ Träume haben die geflüchteten Schüler auf jeden Fall, wie Yannik beschreibt: „Ich wollte immer Basketballer werden. Ich bin sehr gut in dieser Sportart und habe sie auch in meiner Heimat Burundi immer ausgeübt. Hier in Deutschland habe ich seit Kurzem ein Team gefunden, mit dem ich endlich wieder spielen kann.“
Die Geflüchteten sind froh, die Chance bekommen zu haben, an der Heinrich-Büssing-Schule zu sein: „Ich war nach meiner Flucht aus Burundi in Belgien. Dort war ich insgesamt sechs Jahre. Als ich nach Europa kam, war ich noch minderjährig und hatte bisher nie eine Chance, so richtig zur Schule zu gehen. Ich danke der Schule und dem Verein sehr dafür. Wenn man hier ist, mit den ganzen Problemen und nichts macht, sich nicht ablenken kann, das macht einem den Kopf kaputt.Das was sie für uns getan haben, die Chance, hier zur Schule zu gehen, ist nicht selbstverständlich.

Lehre eröffnet Chancen Gruppenbild mit Paten

Aber wenn ich in die Schule komme und den Unterricht besuche, dann vergesse ich für ein paar Stunden alle Probleme, wie zum Beispiel das Schicksal meiner toten Familie, denn es lenkt mich ab“. Problematisch war auch die Flucht von Benjamin aus dem Süd-Sudan. Er ist erst über den Landweg geflohen und als er am Mittelmeer angekommen war, stieg er mit anderen in ein Schlauchboot, das ihn nach Europa brachte. Bei der Überfahrt ist sein Reisepass nass und damit unbrauchbar geworden. „Natürlich hatte ich Angst während meiner Flucht. Doch du denkst dir: Egal, ob tot oderlebendig, hauptsache weg aus dem Krieg“, so der 26-Jährige, „wir versuchen hier unser Bestes und ich glaube, wir können das schaffen. Aber man muss natürlich auch wollen“. Sein Mitschüler David führt das Gespräch fort: „Alles, was ich hier gelernt habe, ist neu. Die Worte, die Themen. Vor der Schule habe ich ein Praktikum in einem Autohaus gemacht. Theorie und Praxis sind zwei unterschiedliche Dinge. Es ist nicht immer einfach, aber wir bemühen uns.“

 

 

INFOS

Welche Praktika dürfen Flüchtlinge annehmen?
Grundsätzlich dürfen Asylbewerber jede Form von Praktikum absolvieren, müssen sich jedoch vor Beginn des Praktikums mindestens drei Monate lang legal in der Bundesrepublik befinden. Es kommen Pflichtpraktika, berufsorientierende Praktika oder auch ausbildungsbegleitende Praktika in Frage.
 
Wer muss einem Praktikum zustimmen?
Anerkannte Flüchtlinge haben für die Dauer ihrer Aufenthaltserlaubnis grundsätzlich freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Asylbewerber brauchen eine schriftliche Erlaubnis der Ausländerbehörde. In bestimmten Fällen muss auch die Agentur für Arbeit zustimmen. Für weitere Informationen kann der Verein „Willkommen in Lehre“ kontaktiert werden: Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

In ihrer Freizeit haben sich die Schüler in Lehre auch schon mit der deutschen Küche vertraut gemacht. Moustaphas deutsches Lieblingsessen ist Spiegelei mit Kartoffeln und Spinat und Kartoffelsalat kommt bei David richtig gut an. Der 22-Jährige geht auch gerne in den heimischen Afro-Shop, doch dieser ist etwas teurer, wie er sagt. Wenn er afrikanisch kocht, lädt David auch ab und zu seinen Freund ein und sie kochen gemeinsam. Der Gabuner ist allein nach Deutschland geflüchtet. Seine Reise trieb ihn über Dortmund und Braunschweig bis nach Lehre: „Ich bin alleine hier, ohne Familie. Aber ich habe jetzt eine deutsche Familie mit den anderen Geflüchteten – auch Bettina gehört dazu“. Bettina Isermann zeigt sich über die Kooperation mit der Heinrich-Büssing-Schule sehr erfreut: „Ich bin froh, dass Integration an dieser Schule so groß geschrieben wird. Die Suche nach geeigneten Plätzen für die Jungs ist nicht einfach, denn die meisten  berufsbildenden  Schulen hier in der Gegend haben eine Altersgrenze von 21 oder maximal 25 Jahren.“ Die Ehrenamtlerin hofft, auch weiterhin gute Schulplätze und geeignete Praktikumsplätze für Flüchtlinge in Firmen zu finden, mit dem Ziel, eine Ausbildung vermitteln zu können.
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Text: Lisa Matschinsky
Fotos: Lisa Matschinsky

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