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Ängste, Depressionen, Panikattacken – Was man tun kann, wenn das Kopfchaos zu viel wird, erfahren Interessierte beim
Paritätischen Wohlfahrtsverband Wolfenbüttel. Dessen Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe, kurz KISS, berät Einzelpersonen, vermittelt
Selbsthilfegruppen und begleitet diese. Ich war in Wolfenbüttel zu Gast bei der Gruppe Don’t Panic und unterhielt mich mit den Betroffenen.
„An manchen Tagen habe ich so sehr Angst vor irgendetwas, dass ich mich nicht bewegen kann.“ Vanessa* (18) sitzt mir am Ende einer Tischreihe gegenüber. Die Schülerin trifft sich gerne und oft mit Freunden, geht aber dennoch so gut wie nie aus dem Haus. Nicht freiwillig. Sie ist mit Abstand das jüngste Mitglied der Gruppe, die ich heute besuche. Ich befinde mich im Zimmer der Wolfenbütteler Selbsthilfegruppe Don’t Panic, zusammen mit fünf jungen Menschen zwischen 18 und 32 Jahren. „Eine Therapie habe ich ganz lange nicht gewollt, aber vor einigen Monaten gemerkt, dass es doch wieder bergab geht. Bevor ich eine Therapie mache, wollte ich gucken, ob es hier funktioniert“, führt Vanessa fort. Auf die Frage nach ihrem Krankheitsbild antwortet sie: „Ich weiß es tatsächlich nicht genau. Die Vermutung ist Bipolarität. Ganz vieles bei mir ist psychosomatisch.“ Als Auslöser nennt sie den Selbstmord eines Bekannten im Jugendalter, sie selbst war zu dem Zeitpunkt elf Jahre alt.
In der Gruppe Don’t Panic, unterstützt durch die Kontakt- und Informationsstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, hat Vanessa endlich Gleichgesinnte getroffen, die ihre Gefühlswelt teilen. Panikattacken, Angstzustände und Depressionen sind die Hauptgründe für den Austausch unter den jungen Erwachsenen, der zwei Mal im Monat stattfindet. Diagnose und Therapie dieser Krankheiten sind nicht immer einfach. Oft kann neben einem Psychologen gerade der Austausch mit Leidensgenossen helfen.
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Auch Florian hat Traumatisches durchlebt. Nach der Grundschule wechselt er vom Dorf nach Wolfenbüttel, wird körperlich und emotional gemobbt. Heute ist der 32-Jährige arbeitslos und verlässt selten die Wohnung. „Wenn man merkt, was für einen Gewaltgrad Kinder im gleichen Alter schon besitzen, ist man einfach hilflos, weiß nicht, was man tun soll. Während dieser ganzen Jahre in der Schule hat sich bei mir eine Art Schutzkokon entwickelt, damit ich niemanden an mich heranlasse. Ich habe keine Freunde und bin bis heute nicht in den sozialen Netzwerken, damit ich bloß nicht enttäuscht werde“, erzählt der Wolfenbütteler leise. Ich frage, ob es einen Vertrauenslehrer gab, jemanden, der Hilfe angeboten hat. Aber die Lehrer und Rektoren hätten zu viel damit zu tun gehabt, den Ruf der Schule zu wahren. Erst als seine Mutter damit drohte, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, passierte endlich etwas. Leider zu spät. „Auf der Hauptschule ging das noch mal vier Jahre lang weiter. Das Verhaltensmuster der Schuldirektion war das gleiche. Irgendwann habe ich es einfach nur noch ausgehalten.“ Seit fast einem Jahr ist Florian nun bei Don’t Panic. Seinen Depressionen, Angst- und Panikattacken und sozialen Phobien möchte er hier entgegenwirken, obwohl es ihn Überwindung kostet. „Ich kam her, um während meiner Therapie eine neue Grenze zu durchbrechen. Damit ich in einem fremden Raum mit fremden Leuten sitze, die teilweise auch die gleichen Probleme haben wie ich. Und um endlich auch zu erkennen, dass ich nicht der Einzige auf der Welt bin, der diese ­Probleme hat. Das war eine riesen Erfahrung für mich.

Ich war schon bei verschiedenen Therapeuten. Mal haben sie aufgegeben, mal ich.“

Ihre Sorgen und Ängste, aber auch Erfolgserlebnisse teilen die fünf in ihrer Gruppe. „Wir besprechen, was seit unserem letzten Treffen schwierig war, was in der Zukunft ansteht oder was einem gerade zu schaffen macht. Wir schauen, wie die anderen das sehen und ob wir uns gegenseitig unterstützen können. Es muss aber niemand etwas sagen, wer will, der sagt was. Es ist sehr ungezwungen“, erklärt Timo. Er ist 25, arbeitet Vollzeit in der Verwaltung und leidet unter Panikattacken. „Die haben im Nachhinein die Depression ausgelöst, weil ich nicht so konnte, wie ich wollte.“
Die Ursachen für solche Probleme können vielfältig sein und sind oft nicht leicht zu bestimmen. „Ich habe lange nach einem Auslöser gesucht, aber nie gefunden“, erzählt Markus. Allerdings fügt er hinzu: „Im Job gibt es sehr viel psychischen Stress, sowohl durch die Arbeit selbst als auch durch die Kollegen und das gesamte Umfeld.“ Um bei Angstzuständen den Kopf freizubekommen, macht der 31-Jährige viel Sport. Die Symptome fallen bei jedem unterschiedlich aus. Patrick (27) erläutert: „Direkt Panikattacken habe ich nicht. Bei mir sind es eher lang anhaltende Angstzustände. Eigentlich ist es ein Dauerzustand, der mehr oder weniger abgeschwächt wird. Wenn ich Erfolgs- oder Glückserlebnisse habe, dann überwiegt die Freude und die Ängste rücken in den Hintergrund. Aber sobald dieser Moment vorüber ist, treten die Ängste wieder auf. Instinktiv und wider besseres Wissen ziehe ich mich zurück, meide den Kontakt mit Menschen, weil ich weiß, dass ich dann nicht besonders umgänglich bin. Ich möchte mein Umfeld nicht belasten, aber gerade in dieser Situation würde ich mir wünschen, mit jemandem in Kontakt zu treten oder zu reden und mich jemandem anzuvertrauen. Das sind die beiden Gegensätze, die sich abwechseln. Man möchte sich nicht zurückziehen, sondern um Hilfe bitten, aber man kann es nicht. Das passiert immer und immer wieder.“ Eines der größten Probleme bleibt die Tabuisierung des Themas. Während Burn-out inzwischen als Arbeitskrankheit anerkannt ist, gilt Depression oft noch als Schwäche der Betroffenen. Patrick hat nicht selten mit Vorurteilen zu kämpfen. „Gerade in der Familie ist das der Fall. Die Großeltern kommen aus der Nachkriegsgeneration, da ist überhaupt kein Verständnis zu erwarten. Da wird dann argumentiert: Damals gab es noch richtige Probleme. Stell dich nicht so an.“
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Dass dieses Unverständnis von außen, dunkle Gedanken und eine zunehmende Aussichtslosigkeit lebensgefährlich für die Betroffenen werden können, erzählt ­Florian: „Bei mir war es in der Neujahrswoche 2008. Ich bin mitten in der Nacht aus unserem Haus gegangen, als noch alle schliefen. Ich habe ein Küchenmesser mitgenommen und wollte alles im Lechlumer Holz beenden. Mich hat dann nicht die Freude an positiven Dingen aufgehalten, sondern die Angst davor, was ich meiner Familie damit antue. Der letzte Suizidgedanke war Ende 2015. Das war die Initialzündung dafür, dass ich mich wieder in Therapie begeben habe. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich am Computer ein Testament geschrieben habe. Dann dachte ich, was mache ich hier eigentlich?“ „Ich glaube, jeder, der Depressionen hat, hat zumindest schon mal über Selbstmord nachgedacht“, fügt Timo hinzu. „Es war bei mir genauso, kam aber nie so weit, dass ich eine Gefahr für mich dargestellt hätte. Ich wollte immer leben, will es immer noch. Egal, wie schwer es ist. Ich klammere mich an die Hoffnung, dass irgendwann alles wieder gut ist. Es gibt so viele Dinge im Leben, die ich noch machen will. Mit meinem Leben könnte ich gar nicht so unzufrieden sein.

Ich habe mich dabei ertappt, wie ich am Computer ein Testament geschrieben habe

Der einzige Wunsch ist eigentlich, dass Depressionen und Ängste der Vergangenheit angehören. Ansonsten kann alles so bleiben, wie es ist. Klar, ich möchte irgendwann mal heiraten und eine Familie haben, aber besondere und unerreichbare Wünsche habe ich nicht. Ich glaube daran, dass ich das irgendwann erleben kann und dass ich mit meiner Krankheit nicht bis an mein Lebensende zu kämpfen habe. Man darf die Hoffnung nur nicht aufgeben.“ Dass die Treffen in der Selbsthilfegruppe einen positiven Effekt haben, darin sind sich alle Teilnehmer einig. Bei meinem Besuch habe ich gelernt, dass man auf sich selbst aufpassen und offener über Depression oder Ängste reden muss. Wer selber darüber nachdenkt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, kann sich unverbindlich an die KISS in Wolfenbüttel wenden.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.
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Termine
Jeden 1.+3. Mittwoch im Monat, 18 Uhr
Roncallihaus (WF), Treffpunkt vor der Tür
selbsthilfe-wolfenbüttel.de

Text: Katharina Holzberger
Fotos: oatawa, Tiko - Fotolia.com

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