Anzeige

Europäische Perspektiven auf junges Theater

Interview mit Fast-Forward-Kuratorin Barbara Engelhardt

Vom 24. bis 27. November versammelt das Braunschweiger Fast Forward-Festival junge Talente im Regiefach, die in den unterschiedlichsten Ländern Europas studieren.

Die Künstlerische Leiterin und Kuratorin Barbara Engelhardt verrät im Interview ihre Festival-Highlights, spricht über die Gründungsgeschichte und junge Regisseure.

Frau Engelhardt, bitte beschreiben Sie Ihre Position beim Fast-Forward-Festival. 

Als Künstlerische Leiterin verantworte ich die Idee und das Programm von Fast Forward. Als Kuratorin recherchiere ich, wo sich vielversprechende Projekte und künstlerische Werdegänge anbahnen könnten, und bereise dann Europa, um alle Arten von Theater zu sehen und junge Künstler kennenzulernen. Und schließlich treffe ich die Wahl der Gastspiele, die bei Fast Forward gezeigt werden. 

Was wird die Besucher erwarten? 

Eine Reise durch sieben europäische Länder – wie jedes Jahr ein Ausblick auf spannend tiefgründige, oft witzige Theater- und Spielformen, die das Theater in Europa gerade in seiner Widersprüchlichkeit so reich machen. Mit insgesamt acht Gastspielen, die das Publikum in vier, oder, wenn es sich auf einen Marathon einlässt, sogar innerhalb von zwei Festivaltagen komplett sehen kann, geht es über Norwegen, Holland, die Schweiz, Deutschland, Türkei, Griechenland bis nach Georgien. Alle Theatermacher und RegisseurInnen bringen sehr unterschiedliche Alltags- und Lebenserfahrungen in ihre Auseinandersetzung mit Theater, dessen Traditionen und Möglichkeiten ein. Ihre Arbeiten spiegeln so immer auch ihre Herkunft, ein politisches Umfeld, ein kulturelles Koordinatensystem, und das unabhängig davon, ob sie diese konkret zum 

Thema ihrer Inszenierung oder Performance machen. 

Was sind Ihre Highlights dieses Jahr? 

Die Frage nach den Highlights gebe ich gern an die Zuschauer weiter, die in einem neu geschaffenen Publikumspreis ihren Favoriten küren können. Mein persönliches Anliegen ist eher, möglichst Viele an den Entdeckungen teilhaben zu lassen, die ich bei meinen Theaterreisen mache und die mich aus verschiedenen Gründen ansprechen, begeistern oder – im besten Sinne des Wortes – aufregen. Die Festivalausgabe 2016 trägt einem weiten Theaterbegriff Rechnung. Während dieses Jahr auch Klassikerinszenierungen in eigenwilligen Interpretationen zu sehen sind, inszenieren andere ihre eigenen neuen Stücke. Mal trumpfen Regisseure mit starken Schauspielensembles auf, mal brechen sie diese bewusst in eher choreografischen oder performativen Formen auf. Dreht es sich hier um die Frage nach dem Glauben in der Gesellschaft heute, geht es dort wiederum um den Einfluss von Medien auf unsere Phantasie und Denkstrukturen. Die einen dokumentieren scharf analytisch, die nächsten gehen bildstark und empathisch vor. Das Festival lässt sich einfach nicht auf ein Thema oder einen Ansatz herunterbrechen. Aber mir scheint doch allen gemeinsam, dass sie die Bühne für ein persönliches Anliegen nutzen und dabei um eine Haltung ringen. 

Wie ist das Fast-Forward-Festival ursprünglich entstanden? 

Als wir Fast Forward 2010 gründeten, fehlte in Deutschland ein Festival, das sich nicht nur als Nachwuchsfestival definiert, sondern von wirklich europäischer Dimension ist. Joachim Klement, damals gerade als Intendant ans Staatstheater berufen, kam auf mich zu, weil ich als Kuratorin in Frankreich bereits auf diesem Gebiet Erfahrung gesammelt hatte. Unsere Festivalidee fand schnell eine weitsichtige finanzielle Unterstützung, ohne die solche Unternehmungen an einem Stadttheater, das ja übers Jahr seinen alltäglichen Repertoirebetrieb stemmen muss, nicht möglich wären. Und es fand in Braunschweig ein hier ansässiges oder auch von weither anreisendes Publikum, das sich für die jungen Künstler und ihre sehr eigenen Umgangsformen mit Spiel und Raum, Texten, Stoffen und Befragungen von Anfang an begeistern ließ. 

Was fasziniert Sie persönlich an diesem Braunschweiger Festival? 

Fast Forward setzt auf die Neugier, sich auf unberechenbar vielgestaltige, hybride Formen und Denkspiele einzulassen. Das Spannende an diesem Festival finde ich, wie die junge Generation von Theatermachern die alte Kunstform Theater sehr entschieden nutzt, um akute Fragen und Ideen zu formulieren und jenseits geläufiger Form- und Stilkategorien lustvoll auf der Bühne zu experimentieren. 

Fast Forward setzt auf die Neugier, sich auf unberechenbar vielgestaltige, hybride Formen und Denkspiele einzulassen.

Fakten über Fast Forward

Seit 2011 gibt es das internationale Festival für junge Regisseure am Staatstheater Braunschweig.

~~~

Gegründet wurde das Festival von Barbara Engelhardt auf Initiative von Generalintendant Joachim Klement.

~~~

Die diesjährige Preisverleihung und Abschlussparty finden am 27. November ab 20 Uhr im Großen Haus statt.

 

 

 

Fast-Forward Europäisches Theaterfestival Braunschweig Kuratorin Barbara Engelhardt

Die Faszination geht von den Künstlern und Theatergruppen selbst aus – davon, wie sie ihren Gedanken und Zweifeln über Welt und Kunst Ausdruck verleihen und dabei die Zuschauer nicht aus dem Auge verlieren, weil sie tatsächlich ein Anliegen haben, das sie eher teilen als mitteilen wollen. Die europäische Vielsprachigkeit bei Fast Forward – auch wenn alle Arbeiten deutsch und englisch übertitelt werden – ergibt ein buntes Bild im Gesamten, und sicherlich sehr persönliche Highlights für jeden Einzelnen. 

Fast Forward richtet sich an junge internationale Regisseure. Wie jung war der oder die Jüngste? Und ist Erfolg immer mit dem Alter oder der Herkunft gekoppelt? 

Als „europäisches Festival für junge Regie“ nimmt Fast Forward zwar den Nachwuchs in den Blick – aber das biologische Alter ist kein Kriterium. Was zählt, ist die Fülle bisheriger professioneller Arbeiten. Die Jüngsten befinden sich kurz vor Abschluss ihres Studiums, 

die Älteren haben sich zum Teil spät, als bereits erfolgreiche Schauspieler zum Beispiel, für die Regie entschieden. Dieses Jahr bietet Fast Forward auch in diesem Sinne die ganze Palette. Ob Erfolg mit Alter und Herkunft zu tun hat? Das würde ich bestreiten oder mit der Frage koppeln, wie wir Erfolg innerhalb der deutschsprachigen Theaterlandschaft definieren. Aber für junges Theater ist die Luft in vielen Ländern Europas zurzeit einfach dünn, Subventionen und Strukturen speziell für die Nachwuchsförderung werden vielerorts aus wirtschaftlichen und eben auch politischen Gründen gefährlich knapp. Wenn Fast Forward die Wahrnehmung von international noch unbekannten Künstlern auch jenseits ihrer Herkunftsländer ermöglicht, kann das natürlich zu Erfolg verhelfen. Erfolg in dem Sinne, dass die Gastspiele auf andere Festivals eingeladen werden oder sich neue Arbeitsverbindungen ergeben. Und nicht zuletzt für jene, die durch den Preis der internationalen Fast-Forward-Jury die Chance erhalten, ihre 

nächste Inszenierung an einem deutschen Stadttheater herauszubringen. Das verschafft Regisseuren, die unbeachtet auch am Rande Europas fulminantes, kreatives Theater machen, die Möglichkeit, das relativ hermetische Stadttheater auf sich aufmerksam zu machen. 

Richtet sich die Arbeit der jungen Regisseure automatisch an ein junges Publikum wie Studenten, Schüler, junge Erwachsene? 

Nein, Fast Forward wendet sich keinesfalls an ein sogenanntes Zielpublikum, egal ob jung oder alt! Ich würde mal sagen: Die Voraussetzung, darin Vergnügen und Anregung zu finden, ist eine unvoreingenommene Neugier auf Theater, Tanz, Literatur, Performance, auf Themen und Fragen, die sich in einem überraschend neuen Licht präsentieren. Nützlich wäre natürlich auch eine gültige – und das ist uns tatsächlich wichtig: eine auch für ein junges Publikum bezahlbare – Eintrittskarte oder besser noch: eine Festivalcard, eine Art Sesam-öffne-dich für eine viertätige Theaterreise durch Europa.

Fast-Forward Theaterfestival Braunschweig Szenebild
Fast-Forward Theaterfestival Braunschweig Szenebild Masken

Text: Lisa Matschinsky
Fotos: Staatstheater Braunschweig, Alexandre Schlub

User Rating: 0 / 5

SUBWAY Newsletter

 

Mit SUBWAY verpasst Du kein Event mehr in Braunschweig und der Region. Hol Dir unseren Newsletter!

Kontakt

SUBWAY – Eine Region, ein Magazin

#Redaktion

oeding magazin GmbH
Erzberg 45
38126 Braunschweig

Telefon: 0531-48015-134
Telefax: 0531-48015-79
E-Mail: info@subway.de

Durch Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysen, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Weitere Informationen über Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.