Würde Luther das liken? 

Die Luther-Euphorie ist zum 500. Jubiläum allgegenwärtig.
Am 31. Oktober 1517 hat der Rebell seine Thesen an eine Kirchentür genagelt und sich als Mega-Influencer unsterblich gemacht.

Pfarrerin Johanna Klee von der Jugendkirche Braunschweig hat mit uns über Luther-Fanartikel gesprochen und darüber, was Luther wohl zur heutigen Welt gesagt hätte.

Johanna Klee
Luther wird zum Jubiläum gerade besonders gehypt und auch kritisiert. Wie revolutionär waren seine Forderungen wirklich?
Martin Luther wurde zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren. Und er sprach die richtigen Worte. Er war ein Kind seiner Zeit, im Anbruch der Neuzeit. Der Buchdruck war gerade erfunden worden, die Welt wurde erforscht. Martin Luther kam mit seinen Forderungen dem Zeitgeist entgegen. Durch ihn konnten sich die Fürsten nach und nach vom Papsttum lösen und das Kaiserreich attackieren, um ihre Macht auszubauen. Auch die Städte erlangten durch Luthers Thesen mehr Unabhängigkeit. Es gab natürlich auch andere, die ähnliche Forderungen hatten, doch niemand prägte die Geschichte so nachhaltig. Ohne ihn wäre weder die protestantische Kirche entstanden, noch eine einheitliche deutsche Sprache, noch ein „Deutschland“. Aber auch die Kritik an Luther ist berechtigt: Seine Aussagen zu Frauen, Juden, Türken und Bauern sind durchaus sehr kritisch zu sehen. Auch sie sind vom Zeitgeist geprägt und oftmals sehr obrigkeitsgläubig. Manchmal denke ich, er hätte sich schon mehr für andere einsetzen können, aber das war durch seine Abhängigkeit von den Fürsten wohl gar nicht so möglich.
Es gibt inzwischen vom Quietscheentchen-Luther über Socken, Backmischung und Ausstechform bis hin zum Luther-Lutscher alles, was das Lutheranerherz begehrt. Haben Sie auch einen Luther-Fanartikel?
Ich habe die Lutherfigur von Playmobil geschenkt bekommen. Außerdem habe ich Luther-Bonbons für Halloween. Mein wichtigster Luther-Artikel ist natürlich die Luther-Bibel. Außerdem habe ich ein paar Werke von ihm. Insgesamt kann ich dem Luther-Hype nicht so richtig was abgewinnen. Nicht nur, weil es auch andere bedeutende Reformatoren und Reformatorinnen gab, sondern auch, weil es den Blick von Luthers Ideen weglenkt. Ich bin mir nicht sicher, wie Luther den Hype sehen würde. Ich denke, er fände es sehr befremdlich, eine solche Berühmtheit war er zu seinen Lebzeiten ja noch nicht. Ein bisschen erinnert mich das an heutige Influencer. Vielleicht hätte Luther heutzutage einen YouTube-Kanal mit drei Millionen Abonnenten, er würde zweimal in der Woche Videos hochladen und Merchandise-Produkte wie sein eigenes Modelabel herausgeben. (lacht)

JuKi 6

Vielleicht hätte Luther heutzutage einen YouTube-Kanal mit drei Millionen Abonnenten, er würde zweimal in der Woche Videos hochladen und Merchandise-Produkte wie sein eigenes Modelabel herausgeben. (lacht)

Johanna Klee

Es gibt verschiedene Versuche, Jugendliche „abzuholen“ wie „Predigt-Slams“, „Celebrations“ oder ganz aktuell die begehbare „Tetzel-Kiste“ der Stadtfinder. Steht das in der logischen Nachfolge Luthers?
Luther hat mit seiner Bibelübersetzung genau das versucht: Den Glauben für alle Menschen verständlich werden zu lassen. Glaube ist immer veränderlich. Er wird in jeder Zeitepoche anders ausgedrückt, mit anderen Worten, mit anderer Musik und so weiter. Das liegt einfach daran, dass Glaube eine Erfahrung von Menschen ist. Predigt-Slams, Braunschweig Connect und die Tetzel-Kiste sind ganz unterschiedliche Ideen von verschiedenen Anbietern mit jeweils eigenen Motivationen und zeigen vielleicht einfach nur, dass es ein Interesse an kirchlichen Themen gibt und die ganz vielfältig ausgedrückt werden können, so wie Menschen und Sprache eben vielfältig sind. Ich selbst habe ja auch schon bei Predigt-Slams mitgemacht – auch, weil es einfach unglaublich viel Spaß macht. Und weil Kunst und Kirche sich nicht ausschließen, sondern schon seit Jahrhunderten gegenseitig inspirieren.


Luther wollte die katholische Kirche reformieren, weil sie sich zu weit von ihrem Ursprung entfernt hat. Die Ablassbriefe sind heute vergessen, aber wie sieht es mit seinen anderen Kritikpunkten aus, etwa der Panikmache vor Gottes Strafe und den Reichtümern der Kirchen – man denke an den Bling-Bling Bischof Tebartz-van Elst. Wie viel hat sich wirklich verändert? 
Die katholische Kirche kommt einigen vielleicht sehr konservativ vor, ist aber sogar jünger als einige orthodoxe Kirchen wie die koptische oder die aramäische. Aber auch innerhalb der katholischen gab es natürlich sehr viele Reformen. Auch dort ist die Hölle inzwischen, glaube ich, kein Thema mehr. Was da bei Tebartz-van Elst schiefgelaufen ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Es ist nicht so, dass – zumindest die protestantische – Kirche über sehr viele Reichtümer verfügt. Es gibt viele Kirchen in Deutschland, die sehr arm sind und sich schon den Gebäudeerhalt kaum leisten können. Die Spenden, die erbeten werden, sind in der Regel zweckgebunden und werden entweder für Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder für Projekte in einer Kirchengemeinde verwendet, worüber die Ehrenamtlichen der Gemeinde demokratisch abstimmen. 

Kanu Tour 1

 

 

Kanu Tour 2
Was würde ein moderner Luther zu den großen Kirchengemeinden heute sagen? Ist beispielsweise das systematische Ausschließen von Homosexuellen, Transgendern und vielfach auch Frauen noch zeitgemäß?
Ich denke, dass die Kirche ein Spiegel der Gesellschaft ist: Frauen sind in Deutschland schlechter aufgestellt als Männer – sie verdienen weniger Geld, die „Ehe für Alle“ gibt es erst seit diesem Jahr, Transgender müssen sich langwierigen, entwürdigenden Prozessen aussetzen. Manchmal sind die Kirchen dem Staat sogar voraus: Die EKBO, die Landeskirche von Berlin/Brandenburg, hat schon letztes Jahr die Gleichstellung der heterosexuellen und homosexuellen Trauung beschlossen. Es gibt schwule, lesbische, bisexuelle, queere, transidente Pfarrer und Kirchenmitarbeiter und immer mehr Frauen gelangen in kirchliche Führungspositionen. Ich fände es schön, wenn die Kirche sich noch mehr für solche als liberal bezeichneten Positionen einsetzt und die Rechte von Minderheiten stärkt. In Amerika gibt es eine Gemeinde „For All Sinners and Saints“, die von der Pfarrerin Nadia Bolz-Weber geleitet wird. In ihr sind vor allem Menschen beheimatet, die in der Gesellschaft ausgeschlossen werden – insbesondere LGBTIQ. Von einer solchen Gemeinde träume ich manchmal. Und ich versuche, genau das zu vermitteln: Hier sind alle willkommen. Vielleicht würde auch Luther sich heute dafür einsetzen.

Luther hat mit seinem „Einheitsdeutsch“ die Deutschen zusammengeführt. Wie würde er unsere heutige christliche aber globalisierte Gesellschaft gestalten, dass sie weniger darin lebende Menschen ausschließt?
Ich glaube, wir müssen einfach viel mehr miteinander reden und versuchen, uns gegenseitig zu verstehen. Hin und wieder sind bei uns in der Jugendkirche Flüchtlinge zu Gast. Wir kochen gemeinsam oder fahren Kanu. Das baut Vorurteile und Ängste auf beiden Seiten ab. Denn es ist vor allem das Unwissen, was Angst macht und zu religiösem, politischem oder kulturellem Fundamentalismus führt. So wie Luther sich dafür eingesetzt hat, dass alle Menschen die Bibel selbst lesen können, um sich ein eigenes Bild vom Glauben machen zu können und um miteinander ins Gespräch zu kommen, würde er sich heute auch dafür einsetzen, dass wir umeinander wissen und voneinander lernen. Die Globalisierung bietet dafür viele Chancen. Natürlich macht das auch Angst, aber je mehr wir verstehen, je mehr wir uns gegenseitig kennenlernen, desto größer wird das gegenseitige Vertrauen.
KufA e.V
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Interview: Evelyn Waldt
Fotos: Jugendkirche, KufA e.V.

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