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MC Rene

10. Oktober / 
KufA Haus

Braunschweiger Rap-Urgestein MC Rene trommelt für it’s all good #13
seine alte Crew zusammen: Am 10. Oktober feiern Torch, Toni L und Retrogott gemeinsam mit Rene auf der Bühne des KufA sein 30-jähriges Rap-Jubiläum.
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Schon letztes Jahr haben die Orga-Jungs der Hip-Hop-Sause it’s all good ein 90s-Legends-Line-up auf die Beine gestellt; dieses Jahr knüpft daran an: Statt New Yorker Hip-Hop-Größen kommt Braunschweigs wohl größter Rap-Star MC Rene zurück in seine Hometown und bringt gleich noch seine Weggefährten Torch und Toni L von Advanced Chemistry sowie seinen Musikerfreund Retrogott aus Köln, wo Rene mittlerweile lebt, mit. Die drei Musketiere Torch, Toni und Rene haben in den 90ern einen der größten und wichtigsten Beiträge zur Entwicklung des deutschen Hip-Hop geliefert und eine „Neue Reimgeneration“ mit kritischen und politischen Lyrics begründet. 30 Jahre liegen die Rap-Anfänge des ehemaligen State of Departmentz-Mitglied MC Rene nun zurück – eine lange Zeit, in der er immer wieder seine Wandlungsfähigkeit und Wortgewandtheit bewiesen hat und der Musik stets treu geblieben ist. Zehn Alben tragen mittlerweile Renes Unterschrift, erst 2019 erschien „Master of Ceremony“ – ein zeitloses und dennoch freshes Hip-Hop-Album, das seine Fans auch heute noch begeistert und zurück an die 90er denken lässt, als die Baggys fast in den Kniekehlen hingen und kein Shirt kleiner als XXL war. Es war keine große Überraschung, dass die Show am 22. Oktober im KufA Haus im Nu ausverkauft war, aber dennoch eine große Message an den MC, der während seiner Karriere auch einige Tiefschläge einstecken musste. Der starke Support und Rückhalt seiner Fans hat ihn jedoch bis heute nie aufgegeben lassen. Wir haben mit Braunschweigs verlorenen Sohn in großer Vorfreude auf das saftige Hip-Hop-Event im Oktober schon mal ein bisschen über die alten und neuen Zeiten, Disse und Erfolg geplaudert.
Rene, im Oktober trittst du mit deinen alten Wegbegleitern Torch und Toni L auf. Meinst du, es könnte auch ein Comeback mit der ganzen „Alte Schule“-Crew geben? 

Das denke ich nicht. Der Sampler steht alleine für sich und die Zeit, in der er entstand. Viele der damaligen Acts auf dem Sampler sind live oder musikalisch gar nicht mehr aktiv oder arbeiten mittlerweile in anderen Bereichen. Linguist ist Dozent für Sprachwissenschaften in China. Boulevard Bou ist ein erfolgreicher DJ und Radiomoderator und so weiter. Von daher würde sich das eher gezwungen anfühlen, jetzt krampfhaft auf „Alte Schule“ zu machen. Ich will auch keine Liveshow auf die Bühne stellen, die ausschließlich auf einem Nostalgiefaktor beruht, sondern vor allem auf die Energie, die sich in dem Augenblick entfaltet, sobald der MC ans Mic steppt.
Warum war es dir ein Anliegen, alle nochmal zusammen auf die Bühne zu holen?

Ein weiterer sehr wichtiger Gast in meinem Line-up wird mein alter Freund und Weggefährte Retrogott sein. Mit ihm hab ich seit meinem Comeback-Album „Renessance“ immer wieder kollaboriert und er ist zweifelsohne einer der besten und cleversten Texter und MCs in Deutschland. Torch und Toni L sind natürlich Pflichtprogramm zu einem 30-jährigen MC Rene-Jubiläum. Sowohl Torch als auch Toni waren meine ersten echten Vorbilder, was das Rappen und die Live-Performance angeht. Torchs Klassiker-Album „Blauer Samt“ ist in der gesamten deutschen Rap-History ohne Beispiel geblieben. Live sind die beiden einfach nicht zu schlagen und wer sie bereits live erleben durfte, wird wissen, was ich meine. Da ich nur Musik mit Leuten mache, die ich persönlich mag und musikalisch schätze, beantwortet sich die Frage so automatisch.
Das Motto der Show im Oktober ist „30 Jahre Hip-Hop“. Wünschst du dir manchmal den Hip-Hop-Vibe von früher zurück? 

Eigentlich geht es um 30 Jahre MC Rene, da ich mit 13 mit Rap angefangen habe. Aber in meinem Zusammenhang kann man auch immer von der Hip-Hop-Kultur sprechen, da mich bis heute das Grundkonzept von Hip-Hop fasziniert und ständig neu motiviert. „Peace, Love, Unity and having Fun“ – aus wenigen Mitteln was Besonderes und Schönes zu schaffen. Einen positiven und kreativen Weg im Leben zu wählen, auch wenn die Situation ausweglos scheint und keiner an dich glaubt. Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe, Nationalität oder Religion zu beurteilen, sondern es ging und geht nur um die Skillz, um die Kreativität und wie du als Mensch bist und nicht als Star. Von daher kann ich mir keinen Vibe zurückwünschen, den ich heute nach 30 Jahren immer noch genauso fühle, liebe und lebe wie damals. Alles ist jetzt. Ich bin dankbar, dass ich mit einer unfassbaren Hip-Hop-Vielfalt aufgewachsen durfte – von Run-D.M.C., Public Enemy, A Tribe Called Quest, N.W.A., 2 Live Crew, Mobb Deep, Ice -T, Wu-Tang Clan und Hunderten mehr. Musik ist für mich etwas Zeitloses, aber es ist natürlich klar, dass man immer von dem geprägt bleibt, was man damals als Jugendlicher auf dem Weg zum Erwachsenen gehört hat. Aber generell höre ich mir Hip-Hop-technisch privat alles an, was mir gefällt, auch weit über meinen Tellerrand hinaus wie beispielsweise Phony PPL, Travis Scott oder Kendrick Lamar.

Schon 2000 haben Torch und Toni L „Wir waren mal Stars“ gerappt. Was würdest du heute 20 Jahre später in diesem Zusammenhang texten? 

Man muss kein Star sein, um sein Ding zu machen. Kein Teil einer Kommerzindustrie, um den Weg zu seinen Fans zu finden. Das Wichtigste ist und bleibt deine Community. Unsere Konsumgesellschaft ist permanent auf Wachstum ausgelegt – natürlich spiegelt sich das auch in der Rapmusik wieder. Generell bleibt mir dazu nur zu sagen: Egal was die andern sagen, bleib dir selber treu, sei originell und kein Wannabe. Beharrlichkeit rules.
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Es scheint, als standen damals coole Reime in den Lyrics mehr im Vordergrund als heute, wo es oft um Image, Videos, harte Sprache und Social Media geht…

Ich persönlich sehe das etwas elaborierter. Es gibt wirklich auch im deutschensprachigen Rap extremst viele Facetten was Styles, Flows und Beats angeht. Um früher Musik zu machen, brauchtest du teures Equipment und extremes Know-how. Heute kannst du mit deinem Handy einen dopen Beat machen und sogar dein Album aufnehmen.
Das bedeutet natürlich, dass es jeder tun kann. Dadurch hast du eine riesige quantitative Masse und sehr viel Schrott, aber auch sehr viele neue Talente mit progressiven Ideen und neuen Facetten. Ich selbst bin natürlich durch den Rap-Sound der 90s geprägt, der stellt für mich aber heute eher eine sounddesignte Ästhetik da als Nostalgie. Auch die Art, mit Samples zu arbeiten, ist selbstverständlich nicht stehen geblieben und hat sich extrem weiterentwickelt. Was mir persönlich an dieser Art der Musik gefällt ist, dass man so viele verschiedene Musikrichtungen aus allen Epochen entdecken kann, ihnen Respekt erweisen kann, von ihnen lernen kann. Längst verloren geglaubte Schätze zu entdecken, sie wieder neu zusammenzusetzen, einen neuen akustischen Raum zu schaffen und ihn in einen neuen Moment zu übersetzen. In dieser Tradition sehe ich auch meinen Style – ich bin eine Rap-Zeitmaschine, ich nehme dich mit durch Raum und Zeit. Images und maskuline Narrative werden im Rap oder anderen Musikrichtungen nichts für die Zukunft sein. Wir orientieren uns in Deutschland zu sehr am Pop und danach, ob etwas Erfolg, Klicks oder Streams hat und denken dann, dass es deshalb gut sein muss. Diesen Mechanismus fand ich schon in den 90s unfassbar wack. Die Leute sind generell schon sehr gebrainwashed und gelabelt von der Werbeindustrie. In meinen Texten spiegele ich natürlich meine Sichtweise auf das Leben, Erfahrungen und Beobachtungen wider, vielleicht hier und da mit gesellschaftlich kritischen Tönen. Ich sehe mich eher als so eine Art Rap-Dinosaurier, der aus einer Bernsteinmücke neu geklont wurde, nur mit etwas mehr Gehirn, aber ausgestattet mit den Jagdinstinkten eines Tyrannosaurus rex.
Wie stehst du zur Trap-Entwicklung im deutschen Rap?

Ich kann auf jeden Fall nachvollziehen, was die Leute daran feiern. Das ist jetzt der zeitgemäße Vibe und Trend. Der Sound hat einen ganz anderen Bounce und Energiekatalysator als beispielsweise die Musik, die ich mache. Textlich hab ich manchmal das Gefühl, dass einige direkt bei der Pharmaindustrie gesignt sind. Ich hab auch früher sehr viele Texte gehört, die versaut waren oder von Drogen handelten, um mir cooler vorzukommen als ich bin. Wenn man die Geschichte vom Trap kennt und aus welchem gesellschaftlichen Milieu er herkommt, macht der Hustle nach Geld und Drogen, wenn du vielleicht nur aufgrund deiner Hautfarbe immer die letzten Geige in der Gesellschaft spielst, natürlich Sinn. Dieser Drogen-Lifestyle hat leider schon zu vielen großartigen naiven Talenten das Leben gekostet – ich wünsche mir das nicht für die Artists, die diesem Lifestyle in Deutschland nacheifern.

Wie gehst du mit Dissen gegen dich um? Findest du es wichtig, darauf öffentlich zu reagieren?

Es gab mal eine Zeit, in der ich extremst angefeindet wurde, weil ich eben auch anders war als die anderen und nicht in das Bild passte, was Rap abgeben wollte. Ich habe mich dazu nur ein einziges Mal 2005 in dem Track „Die Enthüllung“ geäußert. Da musste ich mal richtig auspacken. Dadurch konnte ich mir meinen damaligen Frust von der Seele rappen, was extremst heilsam war für mich. Für die Hip-Hop-Historiker unter euren Lesern sicherlich mal eine Recherche wert. Ich würde mich momentan aber lieber nicht mit mir am Mic anlegen, ich bin zurzeit extrem gut bewaffnet was Punchlines angeht. (lacht)

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Wie wichtig sind dir Erfolg und Verkaufszahlen? 

Ich bin seit 30 Jahren am Start, hab mich durch Höhen und Tiefen gekämpft, bin mit mir und meinen Issues ins Reine gekommen, habe 10 Alben veröffentlicht, hatte meine eigene Hip-Hop-Show im Fernsehen und habe weit mehr als 1000 Auftritte absolviert. Ich bin vier Jahre lang ohne festen Wohnsitz mit einer Bahncard 100 durch Deutschland gefahren und habe es geschafft, am Ende ein Buch darüber zu veröffentlichen. Ich lebe mehr als solide von meiner Musik und meinen Projekten, ich bin Familienvater und bekomme beides unter einen Hut. Ich kann mit Stolz sagen, dass ich mein Leben lebe. Ich kann jeden Morgen aufstehen und das machen, was ich liebe. Ich finde, das soll mir erst mal jemand nachmachen. Erfolg bedeutet Ausgeglichenheit in allen Bereichen seines Lebens zu erreichen – ich versuche weiter, daran zu arbeiten. Ich bin ganz bestimmt nie der Karrierist oder darauf fixiert gewesen, es ganz nach oben zu schaffen. Ich wollte einfach nur ein bisschen rappen und vielleicht mal eine Platte veröffentlichen. Für mich bedeutet Erfolg, ihn mit seinen Freunden und seiner Familie teilen zu können, nur darum geht’s.
Dein Konzert im Oktober in Braunschweig war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft und deine Fans bleiben dir über all die Jahre treu – wie fühlt sich das für dich an?

Es fühlt sich an, wie nach Hause zu kommen.

Du hast Braunschweig mit auf die Hip-Hop-Landkarte gebracht. Was bedeutet dir die Stadt als Musikstadt heute noch?

Braunschweig ist die Stadt, in der ich geboren wurde, meine ersten Schritte gemacht habe, das erste Mal verliebt war, meine ersten Reime geschrieben habe. Alles, was mich heute ausmacht, hat in Braunschweig angefangen. Das werde ich niemals vergessen. Aus musikalischer Sicht war es damals mit Acts wie Such a Surge, Jazzkantine, Aleksey, State of Departmentz, Rap Nation Records und so weiter sicherlich etwas populärer als heute. In jüngster Vergangenheit gab es aber auch neuere Artist wie Fabian Römer oder negatiiv OG, die ihre Erfolge verbuchen konnten.
Du bist dem Rappen über all die Jahre immer treu geblieben, auch wenn der Erfolg heute ein anderer ist als Mitte der 90er. Kannst du dir vorstellen, auch im Renten-Alter noch zu rappen?

Früher dachte ich, dass ich mit 40 bestimmt nicht mehr rappen werde. Heute fühlt es sich ganz normal an, genau das zu tun. Ich mache das, worauf ich Lust habe und nicht, was gesellschaftliche Konventionen von mir erwarten. Ich werde bestimmt nochmal ein Buch schreiben und dann wieder auf eine ausgedehnte Lesereise gehen. Ich arbeite auch an einem Podcast über die deutsche Rap-Geschichte und ein neues Album liegt auch schon wieder in der Schublade. Wir werden sehen, was noch so passieren wird.

Wenn du eine Sache in 30 Jahren Rene anders machen könntest, welche wäre das? 

Kein Mensch hat immer in seinem Leben alles richtig gemacht, aber ich bin trotz aller Ups und Downs eigentlich ganz zufrieden mit meinem Leben.

Womit hast du dir während der Corona-Quarantäne die Zeit vertrieben? 

Texte schreiben, Recorden und Familie.

Wo wird die erste Party nach dem Lockdown sein, auf die du gehen wirst?

Das wird in der Silberquelle sein. (lacht)

Interview Louisa Ferch
Fotos Nils Müller, privat

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