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Dendemann

18. Juli /Deichbrand Festival

(CUX-Seeflughafen)

Wortakrobat Dendemann im SUBWAY-Interview und im Juli beim Deichbrand
KF dendemann pressefoto2 fotocredit NilsMueller art
Einigen dürfte er erst seit seinem Engagement beim Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann ein Begriff sein. Dabei ist Dendemann schon eines der älteren Semester im Rapgame und wie beim guten Wein scheint auch in Sachen Hip-Hop die Vollmundigkeit mit dem Alter zuzunehmen. Dendemann präsentierte mit „da nich für!“ erst im Januar dieses Jahres sein fünftes Album. Das allerdings ging gleich mal auf die Eins der Charts und straight in die Herzen der großen Dende-Fangemeinde. Wir haben mit dem gebürtigen Sauerländer über seinen bevorstehenden Gig beim Deichbrand Festival, Hip-Hop-Kultur und seine persönliche Abneigung gegenüber kohlensäurehaltigen Getränken gesprochen.
Du spielst beim Deichbrand Festival ...
Ja man, ich hab richtig Bock. Ich bin zum ersten Mal da. Und soweit ich gesehen habe, gibt es echt ein geiles Line-up. Ich freu mich auf die Kollegen! Man guckt ja immer schonmal drüber, um zu sehen, wer noch so da ist. Dann entwickelt sich sofort ganz viel Vorfreude, nur um dann festzustellen, dass die anderen alle an einem anderen Tag spielen. Dendemann und Fettes Brot: Jetzt wird’s alt. (lacht)

Ebenfalls auf dem Deichbrand spielen Bonez MC und Raf Camora, die Deutschrap machen, der sich stark von deinem unterscheidet. Wie kommst du damit klar, dass sowas gerade extrem erfolgreich ist?
Ach joa. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Ich habe die beiden zwei Mal getroffen, finde die super und unabhängig von dem, was sie bedienen und wen sie bedienen, muss man das erst mal hinkriegen, was sie geschafft haben. Diese Epoche im Deutschrap ist eine absolute Erfolgsstory. Ich glaube Raf ist jetzt auf dem Forbes Cover, die haben eine Nike Werbung in Berlin gehabt, die sich über zwei komplette Hauswände erstreckt hat. So etwas hat es mit einem deutschen Künstler in der Form noch nicht gegeben. Das war früher ausgeschlossen. Und es ist krass, dass sowas heute passiert. Das ist Hip-Hop.

Dein Twitter ziert das Zitat „Jede Zeit kriegt die Kunst, die sie verdient.“ Was ist da dran?
Das hab ich von einem Moses&Taps Graffiti, da ist unglaublich viel dran und vor allem ist es so schön wertfrei ausgedrückt. Was man aus dem Spruch macht, entsteht dann in deinem Kopf. Das mag ich an solchen Zitaten. Der Satz ist nur so negativ, wie man selbst.
Wie wichtig sind dir die Hip-Hop-Grundwerte?
Eigentlich nicht so sehr. Wenn man da zu viel Wert drauf legt, muss man zwangsläufig früher oder später den Spaß verlieren. Ich vergleiche das mal damit, überzeugter Demokrat zu sein im aktuellen politischen Geschehen. Für die gab es auch schon mal schönere Zeiten. (lacht) Irgendwie sowas bin ich ja im Hip-Hop letztlich. In Zeiten, wo sich beef- oder promobedingt eher aufs Maul gehauen als gebattled wird, ist der Kerngedanke von Hip-Hop natürlich erstmal ad absurdum geführt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass der Mittelstandsgeprägte Deutschrap eine Adaption der „realness“ war und von uns sehr frei interpretiert ausgelebt wurde. Der Opportunismus ist geblieben, das Bewusstsein für die eigene Angriffsfläche ist futsch. Der neue Ton ist ignorant bis populistisch, aber es ist auch immer noch Rap und auch wenn ich es in letzter Zeit zu oft gesagt habe, die größte Schwäche deutschen Hip-Hops war die oft halbherzige Awkwardness und die höre ich zunehmend verschwinden. Die Natürlichkeit des Rappens an und für sich ist hier durch den kommerziellen Erfolg entstanden, nicht durch ein paar Schlüssel-Platten auf die sich alle einigen können. Es ist eigentlich wie immer im Leben, wenn dein Beitrag zum Thema relevant genug ist, du die besseren Songs machst und besser rapst als der Rest, dann kann man sich auch mehr erlauben.
KF dendemann pressefoto5 fotograf nilsmueller art
Dein neues Album „da nich für!“ ist in Deutschland auf Platz 1 gechartet, in Österreich auf Platz 2. Wie wichtig sind dir solche Zahlen?
In den Zeiten, wo das was bedeutet hat, war es für mich weder wichtig, noch habe ich es geschafft. Und heute ist es ein bisschen Auslegungssache. Man kann sagen, dadurch, dass die Zahlen für mich so unbedeutend sind, hat mich ausschließlich Platz 1 interessiert. Alles andere hätte ich als herben Misserfolg empfunden. Ich war beim Radio mit K, der Radiosendung von Kraftklub zu Gast und habe da die gleiche Frage gestellt bekommen. Ich hab mal wieder den typischen Quero gegeben und rumgemeckert. Währenddessen hat mein geschätzter Kollege Yassin, der auch gerade ein Album released hat, ganz aufrichtig geantwortet, dass er sich echt gefreut hat, in den Top 10 zu sein, weil er früher immer die Chartshow geschaut hat und Michael Jackson und andere Größen genau da waren, wo wir jetzt auch mal auftauchen. „Was für ‘ne geile Antwort“, hab ich mir da gedacht. Warum sag ich nicht mal sowas? (lacht) Meine Platte hat auch wirklich lange auf sich warten lassen. Das liegt daran, dass ich mir Zeit genommen habe, damit sie wirklich auch da landet, wo sie jetzt ist. Natürlich steht bei mir auf keinem Zettel, dass ein Nummer-1-Album wichtig ist und ich da jetzt ein Häkchen hinter mache, aber wir haben sie wirklich erst rausgebracht, als ich der festen Überzeugung war, dass sie das schaffen kann.
Hohe Messlatte …
Ja definitiv. Aber man muss dazu sagen, ich hatte wirklich starke Hilfe bei dieser Platte. Der Monk vom Produzententeam The Krauts hat die meisten Songs mit mir aufgenommen. Der ist selbst so ein unglaublich guter Schreiber und Rapper, der hat mich teilweise echt am Sack gehabt. Dazu kommt natürlich noch der Neo Magazin Scheiß. Früher konnte ich noch sagen: „Jo, ich schreib das um und komm dann am Wochenende wieder“, heute sieht das keiner mehr ein und sagt stattdessen: „dann geh halt ‘ne halbe Stunde rüber, wir wissen doch, dass du das kannst.“ Dadurch, dass ich fürs Neo Magazin so viel geschrieben habe, kam ich im Studio halt mit diesen Ausreden nicht mehr durch, weil sie dann dachten, ich könnte das ja inzwischen sehr spontan.
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Hat das Engagement beim Neo Magazin Royale dich weitergebracht?
Ja, ich habe begriffen, dass die Tracks, die ich für‘s Fernsehen gemacht habe, nicht so gemessen werden, wie normale Stücke. Ich musste mir bei denen keinen Kopf machen, ob ich ewig hinter ihnen stehen würde, denn ich hatte ja Rückendeckung einer ganzen Sendung und von Jan Böhmermann, dem Hauptsündenbock höchstpersönlich, auf dessen Kappe das letztlich immer gegangen wäre. Dazu kommt noch dieser Bildungsauftrag: Fahr den Zeigefinger so weit aus wie es geht und wenn das nicht reicht, dann nimm noch deine andere Hand mit dazu. All das, was ich in meiner eigenen Musik nie wollte, war hier mein Auftragsjob. Aber das kam meiner Platte dann auch zugute. Ich konnte mir die moralischen Zeigefinger im Fernsehen richtig abstoßen und auf meiner Platte dann wieder Musik machen, die auch ohne politische Rahmenbeding funktioniert. Bei meiner Zeit im Fernsehen habe ich mich tatsächlich zum ersten Mal richtig als funktionaler Rapper gefühlt, der das was er denkt, aus dem Stehgreif in einen geilen Rap verpackt und dann raushaut. Das hatte vorher nie meiner Arbeitsweise entsprochen, ich bin sehr froh diesen Ansatz hier gelernt zu haben.

Wie eng hast du mit Böhmermann gearbeitet?
Eigentlich immer erst am Sendungstag. Ich glaube das Ganze hat auch deswegen so gut funktioniert, weil mir viel Vertrauen entgegengebracht wurde. Bestenfalls konnten die in der Generalprobe mal eine Strophe hören, manchmal waren die Texte da noch gar nicht fertig. Ich hatte in allen Belangen über zwei Jahre hundert Prozent künstlerische Freiheit. Dieses Vertrauen habe ich genauso zurückgegeben. Für die meisten Sachen, die in der Sendung ausgestrahlt wurden, würde ich meine Hand ins Feuer legen. Sowas wie der Varoufakis-Mittelfinger, ist für mich praktisch Banksy des Fernsehens. Das war einfach richtiges Systemficken. Das war einfach gut durchdacht. Und es ging ja nicht um Griechenland, so wie es beim Erdogan-Schmähgedicht nicht um die Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei ging. Das war immer nur Medienkritik. Was macht ihr mit eurem Infotainment? Ihr manipuliert. Hört auf damit!

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Böhmermann hat selbst einige Raptracks veröffentlicht, die teilweise richtig groß geworden sind. Hast du ihm da unter die Arme gegriffen?
Ich stand unter Verdacht damit zu tun zu haben! (lacht) Gott sei Dank, hat er seine Gema-Anmeldung gepostet, aus der hervorgeht, dass da alles von ihm ist. Der schreibt schneller als ich! Und ganz ehrlich, er bringt alles mit, um ein echter MC zu sein. Er ist früher Drummer gewesen, heißt über sein Taktgefühl müssen wir nicht sprechen. Er trifft jeden Ton, hat nie einen versemmelt in den zwei Jahren, die ich dabei war. Dagegen treffe ich keinen einzigen. (lacht) Er kann schreiben, er kann reimen. Seine Tracks sind jetzt nichts, was ich mir über Kopfhörer auf dem Weg zum Flughafen anhören würde, aber er könnte wirklich als vollwertiger MC durchgehen.

„Das war einfach richtiges Systemficken. Das war einfach gut durchdacht“

Was bedeutet Durstlöscher für dein Leben?
Ich habe es wiederentdeckt. Wiederentdeckt in Posts von jugendlichen Cloudrappern, die irgendwie den schlimmsten Getränkegeschmack haben. (lacht) Früher hab ich’s gemocht, weil tatsächlich recht viel drin ist und weil ich ehrlich gesagt kein großer Limonadentrinker war. Ich kann mir nicht an der Tanke eine Cola kaufen. Das macht mich irre. Vielleicht zwei Mal im Jahr irgendwie ne Dr. Pepper, quasi als Hooddrink, mit leichtem Importfeeling auf die alte Zeit. Aber herkömmliche deutsche Limonaden machen mich aggressiv. Irgendwann war die Eistee-Phase, die hab ich natürlich mitgemacht. Vielleicht bin ich einfach nicht der Kohlensäuretyp. Club Mate etwa ist furchtbar. Auch aus der Perspektive eines Kaffeetrinkers kompletter Quatsch.
Du teilst auf Twitter auch gerne Mal Skatevideos. Bist du ein guter Skater?
Nie gewesen, aber dieses Steckenpferd sitzt sehr tief. Gerade auch als ich die Street League vor ein paar Jahren entdeckt habe, habe ich gemerkt, dass mich das sehr unterhält, egal was das für ein kommerzieller Irrsinn ist. So sehr, dass ich die Zeit nicht merke, die ich damit verbringe. Ich selber nutze mein Board nur noch als Fortbewegungsmittel von A nach B. Eine Zeit lang hatte ich es auch immer mit auf Tour, da bei den Venues, wo ich spiele, häufig coole Skateparks sind. Aber die Vorstellung, dass ich mir mittags vor dem Soundcheck einen Bänderriss hole und das Konzert absagen müsste, erscheint mir so furchtbar, dass ich diesen Vorwand benutze, um es nicht zu tun. Ich kann doch kein Konzert absagen, wegen eigener Dummheit. Das ist zu hart. (lacht) Denn wenn ich falle, weiß ich genau, es bleibt nicht heile. Dafür bin ich zu alt.

Interview Simon Henke
Fotos Nils Mueller

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