SON

20. Mai / Aquarium (BS)

Singer-Songwriter SON stellt sein Debütalbum im Aquarium vor.
Timo Scharf ist seit vier Jahren unter dem Künstlernamen SON unterwegs. Seine Musik könnte man als Fernweh-affin bezeichnen, wenn da nicht die Liebe zu Braunschweig wäre, von der Timo immer wieder spricht. Sein ersten Album „An Absence of Colour” erzählt von der Suche nach sich selbst und der Definition von Heimat. Das Release-Konzert findet an einem besonderen Ort statt: Dem Aquarium im Kleinen Haus. Mit uns sprach SON über die ungewöhnliche Location und warum er aktuell nicht solo spielt.
Seit Kurzem hast du einen Plattenvertrag mit Motor Entertainment. Hat sich deine Arbeitsweise seitdem verändert?
Nicht wirklich, Motor ist für mich eher in beratender Funktion tätig. Es ist kein klassischer Deal, bei dem das Label die Entscheidungsgewalt hat, einem die Rechte abkauft und überall dazwischenfunkt. Allerdings ist das Niveau natürlich nun ein absolut professionelles und das fühlt sich gut an. Ich habe das Gefühl, dass meine Musik da ist, wo sie hingehört.

Dein Debütalbum „An Absence of Colour“ erscheint am 18. Mai. Welchen Fokus hat es?
Das Titelthema „An Absence of Colour“ ist im Wesentlichen meine Biografie und Familiengeschichte. Es ist das Portfolio meiner Gedanken der letzten zwei, vielleicht drei Jahre. Ich beschäftige mich sehr viel mit meiner Vergangenheit und warum ich zum dem geworden bin, der ich heute bin. Natürlich geht es auch darum, wie es für mich weitergehen soll. Themen, die mich mit Mitte dreißig mehr und mehr beschäftigen. Tod, Abschied, Verlust, Liebe. Was ist Glück? All diese Dinge.
Warum die „Abwesenheit von Farbe“?
Jeder ist in seinem Leben auf der Suche nach etwas. Der Titel beschreibt also gewissermaßen das Grundproblem. Es bedeutet, dass die Farbe fehlt. Es geht um Lebensfragen, die ich mir schon als Jugendlicher gestellt habe, und mit Mitte dreißig erneut stelle. Wo komme ich eigentlich her? Was hat mich zu dem gemacht, der ich bin? Wie hat mich meine Familie geprägt und wo will ich hin? Was ist das größte Ziel, was das größte Glück im Leben? Das ist die Farbe, die fehlt und die ich suche. Gleichzeitig ist sie das Sinnbild der Vergangenheit. Alte Filme im Fernsehen waren immer schwarz-weiß. Deshalb glaubte ich als Kind, dass früher die ganze Welt schwarz-weiß gewesen sein muss. Daher ist für mich „An Absence of Colour“ immer noch ein Symbol für alles, was vergangen ist.

Klingt melancholisch ...
Ja das stimmt, das Album-Cover ist eine Metapher auf das, womit sich all diese Songs beschäftigen. Ein schwarz-weißes Ich, das angemalt wird. Die Farbe kommt von außen, so wie man von seiner Umwelt geprägt wird. Gleichzeitig ist es ein altes Foto von mir. Ich schließe gewissermaßen auch mit Dingen symbolisch ab.
Vorab hast du den Song „Atlas“ veröffentlicht. Der Song ist deinen Eltern gewidmet ...
Meine Eltern haben ihr ganzes Leben nur gearbeitet und in den 80er Jahren drei Kinder durchgebracht, was man sich heute kaum vorstellen kann. Es ist schwer, drei Kinder großzuziehen, wenn man nicht gerade Akademiker ist. Meine Eltern haben viel dafür geopfert, dass ich jetzt diese Türen öffnen konnte, die sich mir geboten haben. Damit ich auf eine weiterführende Schule gehen und Abitur machen konnte. Das ist nicht selbstverständlich und dafür bin ich sehr dankbar. Mein Vater ist Maurer und hatte sogar zwischenzeitlich zwei Jobs gleichzeitig. Er ging morgens um sieben aus dem Haus, kam um sieben oder acht nach Hause und ist dann noch mal los, um irgendwo schwarz einen Hof zu pflastern, damit die Familie überleben konnte. Darüber habe ich in den letzten Jahren viel reflektiert und mit meiner Familie über unsere Biografie gesprochen. Inzwischen hat man eine andere Reife als etwa mit Anfang zwanzig. Der Song ist eine tiefe Verbeugung dafür, dass diese zwei Menschen ihre eigenen Wünsche und Träume für ihre Kinder hinten angestellt haben.
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Also bezieht sich „Atlas“ auf den Titan aus der griechischen Mythologie, der alles stemmt?
Genau, das ist mein Sinnbild dafür. Ich habe ganz lange einen Titel für diesen Song gesucht und fand ihn eigentlich erst zu spitz. Er ist ein bisschen overused, weil ihn schon viele Bands benutzt haben. Aber ich fand ihn so treffend für das, was ich damit sagen wollte. Gerade mein Vater hat sein halbes Leben auf dem Bau verbracht und die Last gestemmt – das fand ich als Kind immer sehr beeindruckend. Ich spreche ihn im Song direkt an, aber es geht natürlich um meine beide Elternteile.

Du hast ein Anker-Tattoo auf deinem Arm. Ist Braunschweig so etwas wie dein Heimathafen?
Meine Verankerung suche ich noch. Dafür steht auch das Tattoo symbolisch, es passt gut zu mir und meiner Musik. Ich habe schon viel auf Reisen geschrieben und mich auf eine Weltreise begeben. Das liebe ich am Musik machen: Man kommt an verschiedene Orte. Ob Braunschweig meine Heimat ist? Emotional kann ich das klar mit Ja beantworten. Allerdings habe ich auch schon an anderen Orten gelebt.

Ist einer deiner EP-Songs auf dem Album gelandet?
„Nebraska“. Ich fand ihn so schön, dass er drauf musste. Tatsächlich war es ein großer Kampf mit meinem Produzenten Rod Jones (Gitarrist der schottischen Band Idlewild; Anm. d. Red.), diesen Song auf die Platte zu bringen, weil es ihn schon so lange gibt und er so stark ist. Aber ich wollte ihn unbedingt haben und musste mich bis zuletzt durchsetzen.
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Wie selbstkritisch bist du und was würde Rod darüber sagen?
Ich bin enorm selbstkritisch, Rod muss mich immer ein bisschen ausbremsen. Er ist Co-Writer des Albums. Wir haben zusammen knapp zwei Jahre an der Platte gearbeitet. Wenn man während des Aufnehmens jeden Tag zehn Stunden zusammen im Studio verbringt, weiß man irgendwann nicht mehr, ob das jetzt cool ist, oder nicht. Ob die Leute, mit denen man arbeitet, oder du selbst das überhaupt noch gut finden. Irgendwann kommt ein Punkt, an dem man alles scheiße findet (lacht). Ich komme sehr schnell an diesen Punkt, weil ich enorm selbstkritisch bin. Rod ist jemand, der selber für seine eigenen Sachen so empfindet, aber mich die ganze Zeit auf Kurs gehalten hat. Er war nicht nur Musiker und Produzent für das Album, sondern auch mein Anker. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Früher warst du solo unterwegs, jetzt spielst du mit Band. Schränkt dich das ein?
Nein, überhaupt nicht. Ich schreibe meine Songs immer noch auf dem gleichen Weg – zu Hause oder auf Reisen. Eigentlich geht alles von der Gesangsspur aus, die ist meistens zuerst da. Ich begleite mich dann selbst auf der Gitarre. Die Band ist ein großes Geschenk. Mit ihr Musik zu machen, macht noch viel mehr Spaß als alleine. Das ist wie eine universelle Sprache, die Musiker sprechen. Dann gibt es manchmal auf der Bühne oder im Proberaum Momente, in denen alles stimmt. Man hat geübt, jeder spielt seinen Part mit so viel Seele, dass ich manchmal dolle Gänsehaut bekomme. Das bedeutet pures Glück für mich. Alleine kann ich das selten reproduzieren. Mit der Band kann ich mich einfach noch facettenreicher ausdrücken. Es war mir wichtig, das auf die Platte zu bringen, denn es ist keine reine Singer-Songwriter-Platte. Ich habe mich schon so lange mit Musik beschäftigt und so viele verschiedene Einflüsse gesammelt, die ich auf dem Album rüberbringen wollte. Das Arrangement kann am Ende so, wie es sein soll, in Gänze nur mit der Band performt werden.

Wie habt ihr euch gefunden?
Es sind alles Musiker aus Braunschweig und Hannover, zum Beispiel Andy Lindner der auch bei der Jazzkantine spielt. Ich bin Fan von jedem einzelnen und habe einfach gefragt, ob sie Bock drauf haben. Dann habe ich ihnen die Songs gezeigt und sie hatten zum Glück Lust, mitzumachen.
Was machst du bei einer künstlerischen Blockade?
Manchmal habe ich Output ohne Ende, dann muss ich nachts aufstehen, weil mir etwas eingefallen ist, das ich niederschreiben will. Manchmal fange ich direkt an zu spielen – was meine Nachbarn ganz toll finden (lacht). Ich habe immer etwas zu schreiben dabei oder nehme meine Ideen direkt mit dem Telefon auf. Wenn aus dem Nichts ein Song kommt, ist das für mich immer wieder etwas völlig magisches. Manchmal passiert aber auch lange gar nichts und man kann nichts dagegen tun. Es kann einem schon Angst machen, wenn keine Ideen mehr kommen.

Das Releasekonzert ist im Kleinen Haus, im Aquarium. Warum passt die Location?
Diese Frage habe ich mir so gar nicht gestellt. Ich wollte einfach einen besonderen Rahmen haben. Dadurch, dass es bis jetzt im Grunde genommen keine Spielstätte für Bands ist, auch wenn sich das ändern soll, fand ich die Chance, da zu spielen, total spannend. Ich habe es mir angeschaut: Es ist ein total schöner Raum, der die künstlerische Atmosphäre des Theaters innehat. Das ist toll und passt gut zu meiner Musik. Ich finde es natürlich ebenso cool, in abgeranzten Punk-Clubs und Kneipen zu spielen, da komme ich her und da gehe ich auch wieder hin. Aber gerade für das Release-Konzert war es mir wichtig, eine schöne, angenehme Atmosphäre für uns und die Zuschauer zu schaffen. Das Aquarium ist ein Traum, auch vom Sound her. Eine wunderbare Location. Da sollten unbedingt mehr Konzerte stattfinden und ich denke, dass das Staatstheater das auch angehen wird.

Hast du mal darüber nachgedacht, bei einer Casting-Show mitzumachen?
Nein. In einer Casting-Show geht es nicht um Musik. Auch nicht um den Künstler oder um ihn zu fördern, sondern nur darum, eine erfolgreiche TV-Show zu produzieren. Das finde ich ein bisschen verlogen, muss ich sagen.
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Du warst und bist viel in Schottland und England unterwegs. Die Weiten Schottlands hört man regelrecht aus deinen Songs heraus. Hast du auch schon ein Lied über Braunschweig geschrieben?
Oh ja, es ist sogar auf dem Album drauf (lacht). Darin geht es um meine Verwurzelung in Braunschweig. Ich habe hier fast mein ganzes Leben lang gewohnt. Aber Braunschweig tut für Musik und Unterhaltungskunst unglaublich wenig. Die Clubs gehen nacheinander vor die Hunde, es gibt kaum Förderung. Wenn man dann ein Konzert in der KaufBar gibt, und hört, die Leute wollen an der Tür keine sechs Euro für eine Band ausgeben, ist das ganz traurig. Das ist eine Entwicklung, die einen hier als Künstler einfach nicht weiterbringt. Deswegen müssen alle, die professionell Musik machen wollen, weggehen. Wie F.R. oder Bosse. Es liegt nicht daran, dass es keine Talente und Newcomer gibt, aber sie haben immer weniger Möglichkeiten, sich in Braunschwieg künstlerisch zu betätigen. Als Künstler müsste ich nach Hamburg oder Berlin gehen, weil da alle Leute sind, mit denen ich spiele und die ich immer wieder treffe. Für mich wäre das relevant, weil alle aus der Szene, Clubs oder Magazine dort sind. Mein Leben ist aktuell in Berlin und Hamburg. Ich pendle permanent hin und her. Seit Kurzem kann ich offiziell mit undercover als Braunschweiger Agentur zusammenarbeiten, darüber bin ich total froh. Das ist hier in der Region der Veranstalter und die Booking-Agentur überhaupt. Wir haben in der Vergangenheit schon so viel zusammengearbeitet, dass ich mich besonders freue, jetzt zur Familie zu gehören.
Was hast du von der britischen Lebenseinstellung gelernt und was können sich die Deutschen noch abgucken?
Man sagt den Schotten ja nach, dass sie geizig sind. Das stimmt meiner Erfahrung nach überhaupt nicht. Ich habe in den letzten zwei Jahren so unglaublich viel Zeit in Schottland verbracht, dass ich nur sagen kann, dass alle, die ich währenddessen kennengelernt habe, so warmherzig und offen waren, dass ich mich dort auch zu Hause fühle. Ich habe dort mittlerweile einen Freundeskreis und in diesem Jahr bisher mehr Zeit dort verbracht, als in Deutschland. Die Schotten sind sehr herzlich. Daran können sich die Deutschen ein Beispiel nehmen.

Deine typische Bestellung im Pub?
Leith Juice, ein local brew. Das ist etwas, das die Schotten nicht können: Bier machen. Doch noch etwas, das sie sich von uns abgucken können. Das Bier ist dort ganz furchtbar, die tun da Rosenextrakt und Nelken und so was rein, quasi Craft Beer aber ziemlich süß, blumig und ekelhaft (lacht). Das Studio ist in Leith, einem Stadtteil von Edinburgh. Leith Juice kommt dorther und ist das einzige Bier aus Leith, das ein bisschen schmeckt wie Pils.
Hat dir schon mal jemand gesagt, dass man deinen Künstlernamen nicht gut googlen kann?
(lacht) Ja, alle. Ich wollte das Album auch erst gar nicht betiteln, aber Motor hat darauf bestanden, weil man es dann besser im Internet finden kann. Als Solo-Künstler ein Debütalbum rauszubringen, auf dem vorne dein Gesicht drauf ist, dachte ich, wäre aussagekräftig genug. Außerdem ist das Cover alleine schon sehr stark. Aber ich weiß, dass SON schwer zu googlen ist, zum einen heißt es auf Französisch „Ton“. In vielen asiatischen Ländern heißt jeder zweite Typ im Telefonbuch so und in Südamerika ist es sogar ein eigenes Musikgenre. Also, es ist schwer. Aber deswegen hat den Namen sonst auch keiner.

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Album-Tipp
„An Absence of Colour“

Obwohl „Nebraska“ bereits als EP erschienen ist, musste der Song einfach auf die Platte. Er ist eingängig, melancholisch und der passende Auftakt für die nächsten zehn Tracks. Die handeln von Familie, Heimat – aber auch Veränderung. SON punktet mit persönlichen Texten und gefühlvollem Gesang. Perfekt, um seine Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen.

Weitere Termine
17.5. Radio Konzert TideTV, HH
20.5. Record Release Show, Braunschweig
24.5. Unser Aller Festival, Gifhorn
7.6. Festival der Hoffnung, Braunschweig
14.6. Plan B, Bielefeld
16.6. Whatever Happens Festival, Schloß Holte-Stukenbrock

Interview Katharina Holzberger
Fotos Sebastian Dorbrietz

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