Axel Bosse über sein siebtes Album „Alles ist jetzt“, Rassismus und sein Heimspiel auf der Volksbank BraWo Bühne im Raffteichbad nächstes Jahr.
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Wie schafft man es eigentlich, so viele Jahre am Zahn der Zeit zu bleiben? Wahrscheinlich nur, wenn man sich immer wieder mit sich selbst, seinen Fans und der Gesellschaft auseinandersetzt. Federleicht und tiefgründig präsentiert Bosse seine neue Platte, die direkt auf Platz eins chartete, und liefert gleich die passende Choreografie zum Nachtanzen. Besonderes Anliegen bleibt die Forderung nach mehr Toleranz und weniger Hass. Im Interview spricht „Aki“ über politisches Engagement und den Videodreh zur titelgebenden Single „Alles ist jetzt“.
Hi Aki, wie aufgeregt warst du kurz vor deinem Albumrelease von „Alles ist jetzt“?
Ich war dann doch ein bisschen aufgeregt. Aber es ist eine schöne Aufregung. Ich freue mich einfach total, dass das Album jetzt da ist. Dafür habe ich ganz schön viel gearbeitet – und viele andere Leute auch. Da kann man sich schon mal am Releasetag einen Rotkäppchen aufmachen (lacht).

Es geht darum, den Moment zu genießen, um Lebensfreude, aber auch um Politik und den Gegensatz von Liebe und Hass. Was möchtest du deinen Hörern vermitteln?
Es ist schon all das, was du gerade gesagt hast. Die letzten drei Jahre stand mir so oft die Kotze im Hals. Deswegen war es mir wichtig und ein Bedürfnis, Haltung zu zeigen. Vielleicht auch auf ein paar Wege hinzuweisen, wie man sich engagieren kann. Der Song „Robert De Niro“ beschreibt das Gefühl als die Montagsdemos anfingen, wo verbale Grenzen verschoben wurden und wie schrecklich und beklemmend das war, den Leuten beim Hassen zuzuschauen. Die Gesellschaft ist für mich ein großes Thema beim Schreiben.
 
Auf der anderen Seite geht es auch ziemlich viel um Familie, Freundschaft, Genuss und das Jetzt.
Ich wollte nach „Engtanz“, das ich als sehr dunkel empfunden habe, einfach ein helles Album machen. Musikalisch mit vielen Bongos, viel Uptempo, hellen Klängen und einer guten Grundenergie. Frisch, tief und sexy. Du sprichst dich besonders gegen Hass und Rassismus aus. Warum ist es heute wichtig, sich als Künstler zu engagieren und wieso haben viele bei diesem Thema immer noch Hemmungen?
Das ist nicht so leicht zu sagen. Ich fand immer schon, dass Sport und Musik – populäre Sachen, die es schon seit Jahren gibt – die besten Träger für Verbindungen und Kommunikation sind. Ich als Musiker liebe Freiheit, Demokratie und Fairness. Deshalb ist es mir ein Bedürfnis, mich auch politisch zu engagieren.

Im Video zum Titellied tanzen Prinz Pi, Mighty Oaks, Sebastian Madsen und Romano mit. Und Maike von Chefboss. Hat sie die Choreo mit euch gemacht?
Ja. Das war gut, weil ich mit ihr befreundet bin. Wir waren dann in Hamburg im Tanzstudio, ein bisschen Detlef-D-Soost-mäßig (lacht). Da haben wir dann drei Stunden lang eine kleine Mini-Choreo eingeübt. Ich tanze zwar gerne, bin aber schlecht bei Einstudiertem. Dann kamen noch die ganzen Tänzer von Deichkind dazu. Das war toll, weil die das natürlich besser tanzen konnten. Sonst habe ich einfach alle Freunde angerufen, die gerade so da waren, und die sind dann vorbeigekommen.

Hat sie dir nützliche Tipps geben können?
Nee, sie hat gesagt – und das kommt nicht oft vor –, dass sie wirklich gerne mag, wie ich tanze. Sie meinte, ich bin so schön frei. Dann habe ich gesagt, dann ist ja gut (lacht). Ich muss aber langsam mal aufpassen in meinem Alter. Ich tanze fast schon zu viel. Wenn ich dann einen Monat auf Tour bin, muss ich das besser kompensieren. Sie hat mir deswegen viel über Atempausen beim Tanzen auf der Bühne beigebracht.
In „Hallo Hometown“ erinnerst du dich an Teenager-Zeiten. Ist das tatsächlich ein Lied über Braunschweig? Du hast ja inzwischen mehrere Orte, an denen du heimisch bist.
In dem Lied kommt so ziemlich alles vor. St. Pauli, Istanbul, aber auch mein kleines Dorf bei Braunschweig, wo ich großgeworden bin. Eigentlich ist es ein großes, gemischtes Durcheinander aus Sachen, die für mich Nach-Hause-Kommen nach einer langen Zeit bedeuten. Ich bin so oft auf Reisen und wenn ich dann zurückkomme, laufe ich die Dorfstraße hoch. Dann riecht es an einem Sonntag plötzlich nach dem Perwoll der Nachbarin, nach Kartoffeln und Speck. Dann fühle ich mich wieder so wie mit vier. Da sehe ich mich dann mit Kickermatte auf einem Apfelbaum rumklettern. Und so habe ich das in manchen Städten oder an manchen Plätzen, wo ich schon länger gewohnt habe und mit denen ich etwas verbinde. Darum geht es in dem Song. Natürlich ist mein Zuhause immer da, wo meine Tochter Kung-Fu macht. In Braunschweig habe ich 90 Prozent meiner Erinnerungen, die meisten sind ja komischerweise doch immer aus der Kindheit oder Jugend, weil das so eine prägende Zeit ist.
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Wie haben Freunde und Familie beim ersten Hören auf das Album reagiert?
Ey, wenn ich ganz ehrlich bin, so viele Leute haben das vor Release gar nicht gehört. Na klar, meine Frau und meine Familie kannten alles, weil ich es fast ausschließlich zu Hause geschrieben habe. Die Hooklines haben die wochenweise um die Ohren gekriegt. Sonst zeige ich das einfach wenigen Leuten.

„Alles ist jetzt“ erscheint in einer Standard- und in einer Deluxe-Version. Von acht der zwölf neuen Songs hast du vier mit dem Kaiser Quartett aus Hamburg eingespielt. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Das war meine Idee, weil ich riesengroßer Chilly-Gonzales-Fan bin. Dann habe ich gemerkt, dass vieles, was ich von dem toll finde, mit dem Kaiser Quartett ist. Die schreiben eben einfach super gut. Ich habe da angerufen und das war ziemlich toll, weil die auch Fans von mir sind. Wir haben uns verabredet und dann haben die vier Songs von mir komplett volley genommen und einfach umgeschrieben. Ist immer mal gut, aus seiner eigenen musikalischen Favela rauszukommen.

„Mein Zuhause ist immer da, wo meine Tochter Kung-Fu macht“

Ansonsten ist in der Deluxe Box unter anderem Folgendes drin: Ein Schweißband mit Eis-Motiv, eine Schlafbrille, Kunstdrucke und Blumensamen. Wie passt das zusammen?
Ich wollte eine Box haben, die so wenig Plastik verwendet wie möglich, mit Dingen die ich selber gebrauchen kann. Ich finde, ein T-Shirt oder eine Cap, die meistens in solchen Boxen sind, kann man sich auch mal so kaufen. Das Schweißband ist dabei, weil ich immer schwitze wie ein Schwein – das ist eher ein Joke. Die Schlafbrille finde ich aber wirklich in Ordnung. So was kann man gut gebrauchen, gerade wenn man unterwegs ist. Aber das Wichtigste sind, klar, die Platte, das Konzert von der Trabrennbahn in Hamburg und eben die DVD davon. Die Box selbst, die man sonst immer wegschmeißt, ist eigentlich ein Bilderrahmen aus Holz. Ich habe meine Lieblingskünstler angerufen – so angebaggert wie das Kaiser Quartett – und gefragt, ob die Bock hätten, Bilder zu Songs zu malen. Die kann man sich da reinpinnen und dann hängt die Box plötzlich als Bilderrahmen an der Wand.

Welche Künstler hast du gefragt?
Ich war in Äthiopien. Da habe ich einen Künstler gefragt, der dort schon seit Jahren sehr erfolgreich ist, Ashenafi. Der hat zu „Die Befreiung“ gemalt. Dann Barbara Lüdde, eine meiner Lieblingskünstlerinnen aus Hamburg, die für ihre Tattoo-Kunst bekannt ist. Sie hat etwas zu „Robert De Niro“ gemacht. Und Antje Schröder, die sonst Sachen für Grand Hotel van Cleef macht, hat einen Siebdruck beigesteuert.
Bist du denn jemand, der Wert auf plastikfreies Einkaufen legt und auch mal in den Unverpackt-Laden geht?
Im Unverpackt-Laden jetzt nicht, das ist in Hamburg noch ein bisschen schwierig. Ich wohne dort etwas außerhalb, das sind dann eher Bauern, bei denen ich einkaufe, und da gibt es sowieso kein Plastik. Ansonsten bleibt es nicht aus, dass ich auch mal Plastik kaufe. Aber wenn man darauf achtet, bekommt man es hin, den Abfall stark zu reduzieren. Seitdem ist unser gelber Sack nur noch halb so voll. Außerdem baue ich auch selbst einiges an. Meine einzige Entspannung im Leben (lacht) – also ein Großteil davon – kommt von der Arbeit auf dem Acker und im Garten. Wenn ich ganz lange unterwegs war, habe ich einfach nur Lust, in die Natur zu gehen. Aber ich bin ja auch ein Dorfie, ne? Ich bin auf dem Dorf großgeworden und bei mir war das so: Bis 25 hatte ich da nie wirklich Bock drauf und dann mit 26 habe ich gemerkt, dass ich doch auf dem Acker sozialisiert bin.

Jetzt noch die obligatorische Fußball-Frage: Eintracht liegt (Stand Redaktionsschluss) auf dem letzten Tabellenplatz. Geht dir das nah?
Das geht mir mega nah. Ich weiß im Moment auch keinen richtigen Rat. Ich habe das erste Spiel zu Hause gesehen und hatte eigentlich ein tolles Gefühl. Das ist zwar jetzt Fußball-Talk, aber die haben so gut hinten raus gespielt und waren richtig frisch. Ich bin im Moment auch ein bisschen ratlos und werde sehr oft darauf angesprochen. Letzter der dritten Liga, scheiße.
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2019 bist du auch wieder auf der Volksbank BraWo Bühne zu sehen, inzwischen bereits zum vierten Mal. Was ist das Besondere an Location und Stimmung?
Genau, es haben mega viele Leute gemeckert, dass Braunschweig nicht bei der Tour dabei ist. Die denken, ich komme nie wieder n die Heimat. Dabei kann man ein Open Air natürlich auch nicht so früh bekanntgeben. Es muss erst mal alles geplant werden, auch wegen der Location. Ich freue mich sehr, das war vor zwei Jahren so toll. Es macht einen großen Unterschied, ob man in einem geschlossenen Raum spielt oder eben draußen. Für uns ist es so, wir kommen da an, dann springt der dicke Backliner direkt vom Fünfer. Damit fängt eigentlich auch schon der Urlaubstag an. Es ist immer alles so familiär. Jeder kann kommen, mein ganzer Fußballverein von früher, hinten wird gegrillt und ich habe das Gefühl, ich kenne fast alle.
KF Bosse art
Album-Tipp
Tanzbare Popsounds treffen auf reflektierte Politnummern: Während der eingängige Titelsong zum neuen Album „Alles ist jetzt“ noch tagelang im Gehörgang hängen bleibt, positioniert sich Bosse in „Robert De Niro“ mit Zeilen wie „Hass kommt von sozialer Ungerechtigkeit. Vielleicht von fehlendem IQ. Aber das da ist einfach nur Nazi-Scheiß, die allerschlimmste unmenschliche Wut“ klar gegen Rechts. Authentisch, leicht und facettenreich geht die Platte in Kopf und Beine.

Interview Katharina Holzberger
Fotos Tim Bruening

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