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Penetranter Electro-Punk aus Braunschweig: Goldsahne geben mit „Komm,
wir zünden Häuser für den Frieden an“ Vollgas.
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Der breiten Braunschweiger Musikfreunde-Schar sind Sascha Dettbarn und Malte F. Kettler wohl eher als Indie-Folk-Duo Deerwood bekannt, aber das Musiker-Dreamteam hat viele bunte Gesichter und kann weitaus lauter sein, als es die akustisch-samtigen Gitarrenklänge von Deerwood vermuten lassen. Ihr zweites Musikprojekt heißt Goldsahne – eine artsy Mischung aus Trash und Anspruch, Humor und Gesellschaftskritik. Dazu ballert klanglich das Beste aus Electro, Hip-Hop und Punk. Erinnert euch irgendwie an Deichkind? Goldrichtig. 2019 erschien Goldsahnes Debütalbum „Komm, wir zünden Häuser für den Frieden an“, das so richtig auf die Kacke haut: Ein Feuerwerk des Unsinns, einer Anarcho-Attitüde und deutschen Texten. Goldsahne singt mit Worten wie „Ich mach alles kuschelig, Stacheln mach ich wuschelig“ Oden an den Weichspüler und kritisiert gleichzeitig eine verwöhnt bequeme Waschlappen-Gesellschaft.
Bereits seit elf Jahren machen Sascha und Malte schon gemeinsam Musik und seit diesem Jahr geben sie mit ihrem Podcast „Pudelautopsie“ auch noch themenorientiertes Geplauder auf die Ohren. Während Malte auch noch als Musiklehrer tätig ist, ist Sascha als freier Künstler unterwegs und lässt seiner Kreativität auch in Gemälden, Fotografie oder diversen Solomusikprojekten wie Kolibri Ghost oder Sopora freien Lauf. Mit Goldsahne können sich Sascha und Malte allerdings von jedmöglichen musikalischen Traditionen losreißen und auf der Spielwiese der klanglichen Sonderbarkeiten so richtig austoben. Wir haben es uns mit den Jungs mal gemütlich gemacht und uns über ihr doppelbödiges, glamour-trashiges Musikprojekt, Schamgefühl und Satire unterhalten.
2019 habt ihr euer Debüt-Album veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Sascha Goldsahne fing als klassische Schnapsidee an. Rummelbudentechno und Hip-Hop sind genau das Gegenteil von den Sachen, die wir bisher gemacht hatten und dann noch auf Deutsch. Es war sehr befreiend, mal komplett spielerisch dranzugehen. Aber Song um Song ist uns das Projekt dann so ans Herz gewachsen, dass wir beschlossen haben, eine feste Band daraus zu machen und ein Album aufzunehmen.
Malte Bei unserem ersten fertig-produzierten Song „Das Produkt“ hielten sich Stolz, Scham und Verwirrung über die eigene musikalische Identität noch die Waage, nach und nach kam dann die Akzeptanz: Das sind jetzt wohl auch wir. Goldsahne macht auf jeden Fall soviel ekstatischen Spaß, dass weitere Alben kaum zu vermeiden sind.

Wie sind die Aufgaben bei Goldsahne verteilt? Wer von euch macht was?
Sascha Durch jahrzehntelanges Rumgeschraube habe ich ein riesiges und stets wachsendes Archiv an Ideen aus allen möglichen Richtungen und wenn irgendwas davon nach Goldsahne klingt, zeige ich das Malte und wir gucken, ob wir damit irgendwie resonieren. Wenn das der Fall ist, setzen wir uns gemeinsam an Melodie und Text. Ab und an kommt Malte noch mit Ideen oder Feedback zur Musik, aber ein fundamentaler Unterschied zwischen Goldsahne und Deerwood ist, dass ich die Musik mache. Bei Stimme und Text sind wir allerdings zu gleichen Teilen involviert. Das ist auch der intensivste Prozess, weil es keine Seltenheit ist, stundenlang über eine Formulierung zu debattieren.
Was reizt euch an diesem deichkindesken Electro-Punk, in dem ihr euch bewegt?
Malte Es geht nicht um Harmonie und Klang, sondern um Energie und Barrierenüberwindung. Ich kann auch heiser auftreten. Das entspannt. Und deutsche Texte sind schwerer zu überhören!
Sascha Die Penetranz und das eher sound-orientierte Songwriting. Das performative Element ist viel ausgeprägter, wenn man keine Instrumente auf der Bühne spielen muss.

Gemeinsam macht ihr auch noch den Podcasts „Pudelautopsie“. Was mögt ihr an dem Format? Hat es für euch sowas wie einen gesprächstherapeuthischen Charakter?
Sascha Wenn man ein gedachtes Publikum im Hinterkopf hat, während man ein Gespräch führt, ist man irgendwie präziser und schwafelt hoffentlich weniger. Und sie sind ein guter Anlass, sich gezielt zu einem Gespräch zusammenzusetzen, was sich im Alltag vielleicht nicht so einfach ergibt. Man schenkt sich gegenseitig für eine Stunde die volle Aufmerksamkeit und das fühlt sich sehr gut an. In der deutschen Podcast-Landschaft kenne ich mich nicht so aus, aber dass das Ganze auch oft was von Therapie hat, kann ich definitiv unterschreiben.
Malte Sascha ist eh mein Sorgenfresser, wir haben uns seit wir uns kennen oft gegenseitig das Ohr abgekaut. Einen Podcast zu machen, war da nur folgerichtig. Im Podcast-Format setzte ich mich zudem intensiver mit einem Thema auseinander als im normalen Gespräch. Regelmäßig die eigene Stimme im Langformat zu hören ist außerdem hilfreich, wenn man Komplexe wegen Nuscheln entwickeln möchte. (lacht)
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Woher nehmt ihr all eure positive Energie?
Malte Ich kann da nur für mich sprechen, aber ich empfinde es als wesentlich energieraubender, mich in Diskussionen nicht permanent zu Wort zu melden. Vielleicht helfen die Podcasts mir dabei, mein titanisches Geltungsbedürfnis in Schach zu halten.
Sascha Ich persönlich finde es wichtig, Positivität zu kultivieren, weil ich vom Naturell her eher ins Gegenteil tendiere. Und um die Energie müssen wir uns keine Sorgen machen, weil wir uns augenscheinlich
Wie liefert ihr bei Live-Konzerten ab? Ich hab Malte da in einem Koboldkostüm gesehen ...
Sascha Hochprozentige Frontalbespaßung mit lyrischem Leistungskursansatz.
Malte Gelegentlich gibt‘s sogar auch mal Seifenblasen.

Ihr nehmt euch selbst ganz schön auf die Schippe. Was ist euch peinlich und was würdet ihr auf der Bühne oder auf YouTube nicht bringen?
Sascha Je absurder wir aussehen, desto weniger schäme ich mich, weil ich dann leichter in die Rolle wechseln kann.
Malte Ich würde nie einen Porno drehen. Aber ich würde vielleicht Live-Sex vor der Kamera haben, wenn mir jemand „KUNST!” ins Gesicht schreit. Alles für die Selbige.

„Vom Gipfel des Patriarchats aus können wir zwar über alles sprechen, aber nie für andere Menschen“

Inhaltlich kombiniert ihr scharfe Gesellschaftskritik mit Humor. Gibt es für euch auch Themen, die zu ernst sind, um sie aus einer humorvollen Perspektive zu betrachten? Beispielsweise die aktuellen Entwicklungen in den USA – würdet ihr darüber einen Song machen?
Sascha Ich bin der Meinung, dass man über alles reden kann, was aber nicht unbedingt heißt, dass man das auch muss. Wir schreiben Songs über Dinge, die uns bewegen und zu denen wir etwas zu sagen haben oder zumindest etwas darüber sagen möchten. Musik ist textlich gesehen auch eher ein begrenztes Medium und für komplizierte Ideen manchmal nicht ausreichend. Ich weiß nicht, was man über die Lage in der USA aktuell noch Schlaues sagen kann, was nicht schon gesagt wurde und Parolen zu wiederholen, reizt uns nicht.

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Malte Meiner Meinung nach darf Satire alles und ich würde uns schon eine omnipräsente satirische Überspitzung vorwerfen wollen. Die Sorge, falsch verstanden zu werden oder sogar jemanden verletzen zu können, kenne ich aber dennoch sehr gut. Am Ende sind Sascha und ich auf die Perspektive verwöhnter weißer Mittelschichts-Cis-Heten begrenzt. Vom Gipfel des Patriarchats aus können wir zwar über alles sprechen, aber nie für andere Menschen. Konkret auf die aktuelle Situation in den USA bezogen würde ich sagen: Demut tut gut.

Interview Louisa Ferch
Fotos Goldsahne

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