Anzeige

Anzeige
Kraftklub

15. November
20 Uhr | VW-Halle (BS)


kraftklub.to

Eine laute Stimme ihrer Generation: Kraftklub stürmen mit ihrem neuen Album „Kargo“
am 15. November die Volkswagen Halle Braunschweig.
KF KRAFTKLUB Pressebild 05 c Philipp Gladsome
Die fünf Chemnitzer nehmen die Faschos, die Angstmacher und die Wohlstandsgesellschaft aufs Korn. Mit Sänger Felix Brummer und Gitarrist Steffen Israel sprach Olaf Neumann über ihre Zusammenarbeit mit Tokio Hotel, Heimatverbundenheit und Vermeidungsstrategien.
In „Teil dieser Band“ heißt es selbstironisch: „Ich kann nicht singen/ Ich spiel kein Instrument/Aber alle am Springen/Und ich schrei den Refrain“. Wundern Sie sich manchmal selbst, dass Sie jetzt schon so lange von der Musik leben können?
Felix: Es ist auf jeden Fall ein durchgehendes Wundern. Im Sommer hatten wir das Vergnügen, mit einer studierten Musikerin zusammenarbeiten zu dürfen, die Max zeitweise am Schlagzeug ersetzt hat. Da hat man gemerkt, wie es ist, mit richtigen Profis zu spielen. Philo konnte an zwei Tagen erlernen, was wir uns in zehn Jahren im Proberaum mühsam draufgeschafft hatten.
 
Ist Karriere größtenteils das, was einem zufällig passiert? Oder steuert man sie selbst?
Steffen: In geringerem Maße als vielleicht der Zufall eine Rolle spielt.
Felix: Man neigt immer dazu, die eigene Leistung und den eigenen Fleiß höher zu hängen, als sie eigentlich sind. Zufälle und glückliche Verbindungen spielen auch eine sehr große Rolle.

Ihr hätten ja auch einen Uni-Abschluss machen und ein ruhiges, bürgerliches Dasein fristen können. Warum haben Sie ausgerechnet diese „seltsame“ Lebensform gewählt?
Steffen: Meine Eltern übten nie Druck auf mich aus. Sie freuten sich, als ich anfing, Medientechnik zu studieren, aber ich habe es nicht zu Ende gebracht. Meine Eltern unterstützten mich dann auch bei meiner Musik sehr.
Felix: Das liegt auch an der Sozialisierung durch die DDR. Bei der Generation unserer Eltern spielte der Erwerbsdruck nie eine große Rolle. Das Vorsichhinwurschteln war State of the Art. Die große Angst, was aus einem werden soll, wenn es mit der Kunst nicht klappt, gab es nicht. Zur Not ist man Lkw-Beifahrer geworden.
 
Wie treffen Sie Ihre Lebensentscheidungen? Geht die Band stets vor?
Steffen: Es gab den Punkt, wo wir uns entschließen mussten, ob wir das professioneller machen wollten. Ab da hatte die Band Priorität. Dewegen war auch wenig Zeit da für mein Studium.

KF KRAFTKLUB Pressebild 01 c Philipp Gladsome


Kraftklub existiert mittlerweile seit zwölf Jahren. Wenn eine Band älter und erfolgreicher wird, geht ihr zuweilen die Kreativität verloren. Was kann man dagegen tun?

Felix: Immer mal wieder eine Fünfjahrespause einfließen lassen! Indem der Frontmann zwischendurch ein Soloalbum macht, wird das Bandleben beflügelt. Tatsächlich haben wir bei der neuen Platte keinen Druck verspürt. Es fühlte sich an, als würden wir wieder ein Debüt aufnehmen. Das ist einer der wenigen positiven Aspekte dieser komischen Zeit.
Steffen: Solange man Input hat, schwindet die Kreativität auch nicht. Man macht sich manchmal selber Druck, weil man das Musikmachen als Job sieht. Aber meistens ist das nicht harte Arbeit. Es geht einher mit dem Leben und dem, was einem Freude bereitet.
 
Dieses Jahrzehnt scheint zu einer Ära der Krisen zu werden: Klimakrise, Krieg, Rechtsruck, Pandemie - was sind die Folgen dieser Krisen für Sie als Künstler?
Felix: Die haben auf uns als Künstler keine anderen Auswirkungen als auf andere Berufsgruppen.
Steffen: Manchmal ist die Musik für uns als Künstler wie eine Flucht vor dem Weltuntergang, wenn es einen emotional herunterzieht. Sie ist ein Weg, sich abzulenken und diese Dinge zu verarbeiten.
 
Öffnet diese Großkrise für Sie Türen hinsichtlich der Kreativität?
Felix: So würde ich es nicht formulieren wollen, denn das wäre ja Krise als Chance. Das fühlt sich unangebracht an.
Steffen: Es kann schon passieren, dass sich Emotionalität in eine Kreativität umwandeln kann, aber bewusst findet das nicht statt.
Felix: Und auch mit viel größerem Abstand. Bei dem Song „4. September“ habe ich gemerkt, wie viel Zeit es brauchte, bis ich das in einem Musikstück artikulieren konnte, obwohl es eigentlich auf der Hand lag. Man kann also nicht sagen, dass die Kunst in Krisen erst recht gedeiht.
 
Unter dem Motto „Wir sind mehr" fand am 3. September 2018 in Chemnitz ein kostenloses Großkonzert als Antwort auf die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in der Stadt statt – mit Kraftklub, den Toten Hosen und vielen anderen. Wie sehen Sie Ihr Engagement rückblickend? Hat es sich gelohnt?
Felix: Wir finden darauf keine richtige Antwort. Es ist ein sowohl als auch. Der Song „4. September" erzählt von diesem kurzen Moment, in dem man sich dabei erwischte, von der Energie ergriffen zu sein - und von dem ernüchternden nächsten Tag, als man merkte, dass sich durch solch ein Konzert im strukturellen Bereich nichts geändert hat. Aber es hatte auch etwas Gutes, denn man hatte das Gefühl, nicht allein und füreinander da zu sein.
 

Resignieren Sie bei der Frage, was man gegen Rechtsextremismus wirklich tun kann?
Felix: Wir als weiße Sachsen müssen versuchen, so gut es geht für die Betroffenen von Rechtsradikalismus da zu sein.
Steffen: Man darf es nicht hinnehmen, auch wenn man vielleicht nicht viel daran ändern kann.
 
Nimmt die Polizei den Rechtsextremismus im Osten wie im Westen wirklich ernst?
Brummer: Wenn man strukturelle Rassismusprobleme innerhalb der Polizei im Osten kritisiert, dann erfolgt immer die Reaktion, dass es das auch überall sonst gebe. Das seien ja nur Einzelfälle. Solange das die vorherrschende Reaktion auf diese Art von Kritik ist, wird sich an dem schwerwiegenden Problem definitiv nichts ändern. Da wurden 30 Jahre lang falsche Schlüsse gezogen.
 
Was halten Sie von Versuchen der AfD, mit Kampagnen wie „Wende 2.0“ die ostdeutsche Seele anzusprechen? Profitiert der Osten davon?
Felix: (lacht) Da sind wir die falschen Ansprechpartner! Am meisten auf den Sack geht mir die Reaktion der CDU in Sachsen. Statt sich klar von der AfD abzugrenzen, versucht sie, noch rechter zu werden. Was für eine bescheuerte Idee!
 
Sie besingen auf dem Album die Ängste der deutschen Wohlstands- und Kleinbürger. Sind die Bedrohungen wirklich real, und ist diese Angst objektiv begründet?
Felix: Die AfD profitiert sehr von den Ängsten der Ostdeutschen, so viel ist mal sicher. Es ist gar nicht so entscheidend, ob diese objektiv begründet sind. Es gibt Leute, die schüren diese Ängste noch, und welche, die versuchen, sie abzubauen. Aber am Ende des Tages fürchte ich mich selber vor den Leuten, die ein bisschen zu viel Angst haben und darin immer ernster genommen werden. Das führt zu solchen Ereignissen wie 2018.
Befanden auch Sie sich während der Pandemie in einer psychischen Ausnahmesituation?
Steffen: Es war auf jeden Fall eine erdrückende Zeit. Der einzige Hoffnungsschimmer war, dass man dachte, nächstes Jahr wieder Konzerte spielen zu können.
Felix: Man hat sich immer damit getröstet, dass man so lange durchhalten muss, bis sich alle schön impfen lassen und wieder auf Konzerte gehen können. Und dann kam der Impfstoff. Ab dem Moment habe ich den Glauben an alles verloren, weil ich im Winter 2021 trotz Vakzin und Zugangskonzept eine Tour abbrechen musste. Das war wirklich frustrierend. Und es ist nicht ausgemacht, dass es im nächsten Winter wieder so ist.
 
Hat sich die Situation der Musikbranche halbwegs normalisiert?
Steffen: Manche kriegen es besser hin, manche weniger. Es ist nicht annähernd so wie vor der Pandemie. Natürlich herrscht in der Branche ein großer Personalmangel.
Felix: Viele Acts und Konzertveranstalter:innen haben ganz schön zu knabbern. Alle dachten, die Pandemie ist irgendwann vorbei und dann wird es die neuen ausschweifenden Zwanzigerjahre geben. Klar gehen 130.000 Leute zu Helene Fischer, aber es gibt auch junge Künstler:innen, die gerade an der Existenzgrenze stehen. Das gilt auch für Clubs. Diese Ungewissheit ist grässlich.
 
In „Wittenberg ist nicht Paris" heißt es, in Ostdeutschland sei viel mehr schlecht als woanders. Liegt das daran, dass dem Osten nach der Wiedervereinigung vieles übergestülpt oder als übergestülpt empfunden wurde?
Felix: Das kann man leider nicht pauschal sagen. Ich selber habe dafür auch keine griffige Formel. Es mag ja sein, dass da auch Unrecht geschehen ist. Das mit der Treuhand war sicher traumatisierend für viele Menschen im Osten, und bestimmt ist hier viel Lebensleistung nicht gewürdigt worden. Das ist für mich leider immer noch kein Grund, die AfD zu wählen. Diesen Song hätten wir wahrscheinlich nicht geschrieben, wenn wir nicht in Ostdeutschland leben würden. Würden wir woanders leben, würden wir unsere Heimat wahrscheinlich nicht so kritisch besingen.
Bei dem Ohrwurm „Fahr mit mir (4x4)“ gastieren die Jungs von Tokio Hotel. Die gelten in Indie-Kreisen eher als uncool. Fühlen Sie sich mit der Band verbunden aufgrund der gemeinsamen ostdeutschen Herkunft?
Felix: Diese Zusammenarbeit war sehr unkompliziert. Tokio Hotel wurden Weltstars, als ich jung war. Mir war damals nicht bewusst, dass wir im selber Alter sind. Wir haben auch gemeinsame Biografiepunkte, weil wir in ähnlichen Oststädten aufgewachsen sind. Wenn man sich überlegt, was der Skateboarder Steffen und der Hip-Hopper Felix so in Chemnitz erlebt haben, kann man sich ausmalen, was jemand mit Dreadlocks und Kajalstift in Magdeburg erlebt haben muss.
 
Sie meinen Anfeindungen, weil man anders ist als die Masse?
Steffen: Anfeindungen haben alle erlebt, die in der Zeit im Osten aufgewachsen sind und irgendwie aus dem Raster fielen, weil sie links oder Punks waren.
 
Lernt man auf diese Weise, sich durchzusetzen?
Steffen: Ganz im Gegenteil: man wird eher vorsichtiger.
Felix: Man lernt Vermeidungsstrategien. Es ist leider nicht so, dass man durch das Stahlbad im Osten der frühen 2000er-Jahre gegangen ist. Man hat eher gelernt, dass man nicht auf die Polizei vertrauen kann, wenn man sie ruft. Gerade im Nachtleben galt das Gesetz des Stärkeren. Man hatte das Gefühl, dass sich Stärkere oft in einer Fascho-Blase aufgehoben fühlen.
Steffen: Als 14-jähriger Skater hattest du schlichtweg keine Chance gegen zehn erwachsene Faschos. Wenn dich zwei von denen vom Skateboard schubsen, wirst du ganz kleinlaut. Da bleibt dir nichts anderes übrig als zu rennen.
Felix: Wir haben gelernt, richtig professionell wegzurennen!

KF KRAFTKLUB Pressebild 06 c Philipp Gladsome
 
Brauchte man für die Straße eine gewisse Angstfreiheit?
Steffen: Man wurde von klein auf mit den Rechten konfrontiert und hatte mit der Zeit einen Umgang mit ihnen gefunden, um trotzdem sein Ding zu machen. Irgendwann konnten wir echt schnell rennen.
Felix: Erst jetzt mit 30 wird einem klar, wie komisch das eigentlich war. In meiner Jugend habe ich die Faschos nicht als großes Drama empfunden, sondern als Naturgesetz, mit dem man zurechtkommen musste.
 
Wie oft haben Sie Prügel bezogen?
Felix: Viel weniger als es jetzt vielleicht rüberkommt. Die paar Mal reichten aber aus, um dir ein Gefühl von Sicherheit zu nehmen.
 
Die Kaulitz-Zwillinge sind vor Jahren nach Los Angeles geflüchtet, wo „keine Fahnen in den Kleingartenanlagen wehen“.
Felix: Die Utopie, die in dem Song „Fahr mit mir (4x4)" beschrieben wird, sind mitnichten die USA. Ich glaube, die eine oder andere Fahne kann man auch dort im Vorgarten wehen sehen. Diesen Ort eines Tages zu finden, ist eher ein Wunschtraum.
 
Warum sind Sie bis heute im heimatlichen Chemnitz geblieben?
Felix: Man redet in Interviews immer über die negativen und wenig über die positiven Aspekte, weil die natürlich ein bisschen langweilig sind, für uns persönlich aber Gewicht haben: Freunde zum Beispiel. Familie. Ruhe. Platz für Sachen, die man in anderen Städten schwerer umsetzen kann. Wir haben zu Hause ein tolles Umfeld von ganz verschiedenen Künstlern. Und Chemnitz wird 2025 Kulturhauptstadt Europas.
 
Und Sie verstehen sich als Botschafter Ihrer Stadt?

Felix: Nein, so lange ich dort noch lebe, habe ich die Tendenz, mich kritisch mit mir selber und meinem Umfeld auseinanderzusetzen. Aber wenn ich wegziehe, fange ich vielleicht an, heimatverliebte, sehnsuchtsvolle Songs zu schreiben.
 
Werden Sie sich mit einem eigenen Beitrag am Projekt „Kulturhauptstadt" beteiligen?
Felix: „Kargo" ist unser Beitrag! Wir sind freundschaftlich verbunden mit Leuten, die an dieser Bewerbung beteiligt waren und werden sicherlich da auch Sachen machen im Rahmen unserer Möglichkeiten.
KF KRAFTKLUB Pressebild 02 c Philipp Gladsome
KF KRAFTKLUB Pressebild 03 c Philipp Gladsome
Bitte aktivieren Sie Marketing Cookies, um das Video zu sehen.

Interview Olaf Neumann
Foto Philipp Gladsome

User Rating: 5 / 5

SUBWAY Newsletter

 

Mit SUBWAY verpasst Du kein Event mehr in Braunschweig und der Region. Hol Dir unseren Newsletter!

Kontakt

SUBWAY – Eine Region, ein Magazin

#Redaktion

oeding magazin GmbH
Erzberg 45
38126 Braunschweig

Telefon: 0531-48015-134
Telefax: 0531-48015-79
E-Mail: redaktion@subway.de