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Annett Louisan

25. Oktober | Stadthalle (MD)
26. Oktober | Großes Haus (BS)

Annett Louisan ist inzwischen eine gereifte Künstlerin der Pop-Zunft, die sich schon vielfach bewiesen hat. Mit „Große Kleine Liebe“ hat die Hamburgerin im März erstmals ein Doppelalbum veröffentlicht und hat mehr zu sagen, als je zuvor. Auf Tour spielt sie auch Shows in der Region.
AnnettLouisan Covermotiv c Marie Isabel Mora art
Annett Louisan interpretiert bereits seit 15 Jahren deutsche Popmusik in einem Gewand, dass sie von modernen Poperscheinungen à la Giesinger und Glasperlenspiel abhebt. Inspiriert von französischem Chanson und bedacht auf Witz und Tiefengehalt ist sie über all die Jahre relevant geblieben – im Turbokarussell der Musiklandschaft keine Selbstverständlichkeit. Mittlerweile ist sie 42 Jahre alt und ist in Text und öffentlicher Wahrnehmung sichtlich gereift. Mit „Kleine Große Liebe“ hat sie im Frühjahr ihr achtes Studioalbum vorgelegt, den Rest des Jahres spielt sie Konzerte. Auch neben der Kunst ist Annett übrigens sehr beschäftigt, ist sie schließlich im Juli 2017 Mutter einer Tochter geworden. Wir haben mit ihr über ihren Werdegang, die Liebe und natürlich über die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Bühne gesprochen.
Vor 15 Jahren hast du dein Debüt „Bohéme“ veröffentlicht. Gibt es etwas, das du deinem damaligen Ich mit deiner heutigen Karriereerfahrung mitteilen würdest?
Eine ganze Menge. Ich würde mir wahrscheinlich sagen: „Du kannst ganz gelassen sein, Babe. Das alles geht auch vorbei. Genieß auch mal.“ Es war damals wirklich so, dass ich durch das Leben gerannt bin und manchmal vergessen habe, mich nochmal umzuschauen und zu denken: „Wow, das ist toll!“ Aber das ist oft so mit ganz besonderen und speziellen Momenten. Erst hinterher merkt man, was da wirklich los war. Ich hoffe, dass ich mir ein bisschen näher gekommen bin. Es ist ein bisschen wie in der Astrologie. Am Anfang ist man mehr sein Aszendent und erst dann wird man zu seinem wahren Sternzeichen. Ich kann dem Gedanken etwas abgewinnen, weil man tatsächlich irgendwann erst herausfindet, wer man ist. Erst hat man so viele Möglichkeiten, man probiert tausend Dinge aus und irgendwann kommt man sich näher. Ich würde ihr, glaube ich, auch sagen, dass ich jetzt gar nicht mehr so gerne 25 wäre. (lacht) Ich bin gerne aus diesem Alter raus. Ganz ehrlich. Aber jetzt würde ich gerne nicht noch älter werden. (lacht) Andererseits: Mein Rucksack wird über die Jahre immer schwerer. Ich kann heute viel mehr sagen. Am Anfang war es noch wichtig, wie ich aussehe und so weiter, aber das fällt nach und nach alles flach. Das ist toll! Mit zunehmendem Alter geht es immer mehr um Inhalte, die Oberflächlichkeit vergeht. Man darf neurotisch werden, Ecken und Kanten entwickeln. Das fühlt sich gut an.
Hast du damals mehr Spaß gehabt, als heute?
Das ist gar nicht so klar zu sagen. Aber ich glaube, mein Leben war früher sehr viel spaßorientierter und mystischer. Klar, wenn man jung ist, fühlt man sich unbesiegbar. Man wird dann vorsichtiger, gar nicht weil man will, sondern weil man es muss. Ich glaube nicht, dass der Mensch mit Absicht vernünftig wird. Aber heute gehen der Spaß und das Glück irgendwie tiefer. Ich weiß es mehr zu schätzen. Ich war früher ein Glückskind und dachte, man wäre immer auf der sicheren Seite. Aber es ist ja so, dass jederzeit immer alles passieren kann. Irgendwie ist heute mehr Qualitytime. Ich betrachte das Leben bewusster.

„Ich bin niemand, der immer nur die heile Welt zeichnen kann. Wahrheit ist manchmal hart“

KF Annett Louisan 19 1 credit Christoph Koestlin art
Worauf freust du dich beim Touren besonders? Und wird deine Tochter mit dabei sein?
Ohne meine Tochter könnte ich nicht touren. Ich muss sie mitnehmen. Aber sie ist darin schon geübt. Sie war bei meiner letzten Tour schon dabei, als ich im siebten Monat schwanger war. Sie ist ein totales Reisebaby, wir haben das trainiert. Es ist schön morgens um zehn in der nächsten Stadt den nächsten Spielplatz ausfindig machen zu müssen und zu versuchen ein kindgerechtes Freizeitprogramm aufzustellen. Wir sehen das als ein Abenteuer. Ich freue mich auch, meine Band und die Crew wiederzusehen. Klar, es wird sich anders anfühlen, so wie sich nun alles anders anfühlt. Das Loslassen fällt mir noch ein bisschen schwer, gerade weil sie erst anderthalb Jahre alt ist, aber auch das werde ich lernen. Auch muss man als Mutter gut zu sich sein und sich manchmal auch dazu zwingen, sich Auszeiten zu gönnen, um ins Kino oder zum Sport zu gehen. Das habe ich durch die großen Frauen meiner Familie gelernt: Meine Großmutter hat auf ihrem Sterbebett gesagt, sie hätte mehr für sich tun sollen. Auch meine Mutter hat das erst so mit fünfzig gelernt, als sie in die Wechseljahre kam und mit sich aufgeräumt hat und geschaut hat, wer sie ist und was sie eigentlich möchte. Ich hab auch erst jetzt mit vierzig gelernt, freundlicher zu mir zu sein, nicht mehr so viel Angst vor Fehlern zu haben und zu akzeptieren, wer ich bin. Meine Tochter wird all das hoffentlich noch viel früher lernen.

Als Künstler beschäftigt man sich viel mit sich selbst, muss sich selbst entwickeln und auch mal von Bestehendem lösen. Ist diese Freiheit für dich schwieriger geworden, seit du Mutter bist?
Wir Menschen sind genauso ambivalent, wie das Leben. Wir brauchen Kontrolle. Aber zumindest der Kontrollverlust gehört für mich auch dazu. Ich weiß aber auch, dass es mehrere Säulen im Leben geben muss, verschiedene Dinge, die einen glücklich machen. Ich setze nie so gerne alles auf eine Karte, obwohl ich oft dazu neige, extrem zu sein. Ich merke, dass es mir gut getan hat, nicht ständig um mich selbst zu kreisen. Das ist irgendwie gesünder – in jeder Beziehung. Und es hat auch dazu geführt, dass es mehr um die Musik geht und nicht mehr so viel um Erfolg oder mich selbst. Ich hab das Gefühl, dass ich das Glück im Kleinen besser sehen kann. Das große Leben habe ich ja gelebt. Es ist halt manchmal wichtig, sich auf kleine Sachen zu besinnen. Das ist auch ganz prägend für das Album gewesen – diese zwei Seiten zu beleuchten, diese Ambivalenz des Lebens, die kleine Liebe wie die große Liebe. Die Liebe, die man sowieso nicht bewerten kann, aber immer wieder versucht, es doch zu tun. Ich fand es wahnsinnig spannend, das als Album-Konzept zu verwenden.
Annett Louisan 19 4 credit Christoph Koestlin art
Die große Liebe kennt jeder, aber was ist denn eigentlich die kleine?
Die Liebe zum Detail. Das Nichtbewerten von Liebe. Ich glaube, Liebe ist Antriebskraft für alles, was wir tun. Ohne Liebe gibt es keinen Hass. Man sollte sie nicht bewerten und nicht nur das große Leben lieben, sondern auch kleine Momente.

Das Album umfasst sehr viele Themen und Aspekte. Wieso hast du dich für so ein umfangreiches Doppelalbum entschieden, in einer schnelllebigen Zeit, wo viele Künstler nur EPs und Singles veröffentlichen?
Das stimmt. Ich bin gerne antizyklisch und am allerliebsten zeitlos. Ich finde es wunderschön, wenn etwas nicht festgelegt werden kann. Und ich glaube, dass gerade in dieser schnelllebigen Zeit – einer Zeit der wahllos zusammengestellten Playlists – Menschen trotzdem und gerade deswegen ein Bedürfnis nach Inhalten haben und sich Zeit nehmen, ein durchdachtes Album mit einer bestimmten Songreihenfolge wirklich durchzuhören, bei dem jemand mit vielen Liedern ein großes, ganzes Bild zeichnet. Ich vertraue darauf, dass mein Publikum und ich uns finden werden. Das haben wir immer, deswegen bin ich da ganz entspannt.
Und warum gleich ein Doppelalbum?
Die Idee für ein Doppelalbum ist ganz automatisch entstanden. Ich habe in den letzten fünf Jahren einfach Lieder für zwei Alben geschrieben. Als ich letzten Sommer angefangen habe, diese zu produzieren, habe ich gemerkt, dass ich keins davon wegstreichen kann, weil sie alle wichtig sind und sie sich auch musikalisch unterscheiden. Auf beiden Seiten hätte ich Kompromisse machen müssen und in der Kunst will ich das nicht. So konnte ich zwei unterschiedlich klingende Alben machen, die aber inhaltlich zusammenpassen und auch gehören.

Kannst du dir durch deine lange und erfolgreiche Karriere jetzt mehr künstlerische Zeit lassen?
Man kann sich nie auf dem Erfolg von früher ausruhen. Aber es stimmt schon. Mit 25 hätte ich vieles noch anders gemacht. Ich bin mir sehr dankbar, dass ich mir beim Album keinen inneren und äußeren Stress gemacht habe – gerade am Anfang, als meine Tochter auf die Welt kam. Ich hatte nie das Gefühl, etwas zu verpassen und finanzielle Sorgen hab ich auch nicht gehabt, sodass ich auch nicht gleich wieder los musste, um Geld zu verdienen.
0511 c Thomas Fahnrich art
Die „Große Liebe“ klingt teilweise anders als bisherige Werke: Etwas elektrolastiger und kräftiger. Wo kam die Inspiration dafür her?
Ich bin mit Popmusik aufgewachsen und hatte eine wahnsinnige Sehnsucht danach. Die Platte ist eine Hommage an die Musik meiner Kindheit in den 1980er Jahren und irgendwie habe ich gemerkt, dass Popmusik speziell sein muss, um zu mir zu passen. Wir sind alle Kinder unserer Zeit und von etwas geprägt. Ich hatte das Bedürfnis, auch mal tanzbare Musik zu machen und auszuprobieren, wie es ist, wenn meine Stimme synthetisch umhüllt wird. Auf der anderen Seite ist es toll, mir selbst auf der „Kleinen Liebe“ als Chanson-Sängerin und dem Weg, den ich schon so lange gehe, treu geblieben zu sein.

Das ist ja schon etwas konträr zu deiner anfangs erwähnten Ruhe und Zufriedenheit …
Es ist ja so, dass man oft, wenn man so mutig ist, Dinge auszuprobieren und zu sich findet, dafür am Ende belohnt wird. Das ist in allen Berufen, die einen sehr erfüllen so. Nach zehn Jahren stellt sich eventuell eine gewisse Unzufriedenheit ein und man fängt an, von anderen Sachen zu träumen. Das muss man dann befriedigen. Man kann nicht immer nur die Erwartungen von anderen erfüllen. Daran ginge man zugrunde.

Mit „Two Shades Of Thorsten“ hast du schon das zweite Lied über einen Thorsten geschrieben. Was hat es mit den „Thorstens“ auf sich?
Das ist eine gute Beobachtung. (lacht) Ich finde, Thorsten hat ein Comeback verdient. Alle fragen sich: „Was ist eigentlich aus Thorsten geworden?“ Nach 15 Jahren gibt es jetzt ein kleines Update. Ich finde rote Fäden schön und mag es, wenn ab und zu mal etwas wiederkehrt – ein Instrument oder ein Stilmittel. Dieses Thema hat so gut gepasst. Es ist einfach ein gespielter Witz.
KF Annett Louisan 19 3 credit Christoph Koestlin art
In „Belmondo“ geht es um die Tristesse einer Langzeitbeziehung und in anderen Liedern wie „Sexy Loverboy“ oder „Herrenabend“ geht es um Polygamie. Was rätst du gelangweilten Paaren?
Es ist doch total normal, dass es in einer Beziehung nicht nur Hochs gibt. Es kann einfach nicht immer auf einem Level bleiben. Und ich finde es gelogen, wenn Leute behaupten, dass das bei ihnen immer so wäre. Das glaube ich einfach nicht. Ich finde es auch überhaupt nicht schlimm. Es gibt eben Zeiten, in denen man sich nicht so nahe ist. Hauptsache ist, man spricht dann darüber oder macht es sich bewusst und hat dann den Wunsch, es wieder anders werden zu lassen. Gerade den Song „Belmondo“ halten viele für traurig. Ich empfinde es aber gar nicht so, sondern finde das Lied wahnsinnig zärtlich und voller Liebe. Denn offensichtlich lieben die beiden Protagonisten einander ja und versuchen, das Leben miteinander zu meistern. Ich bin niemand, der immer nur die heile Welt zeichnen kann. Die Wahrheit ist manchmal hart.

Ein Song heisst „Zweites erstes Mal“. Wann ist dein zweites erstes Mal gewesen?
Ich erlebe durch meine Tochter jetzt viele Dinge wieder zum ersten Mal – durch ihre Augen! Das ist ein schönes Geschenk und fühlt sich an, als ob man den Staffelstab jetzt weitergeben würde. Es ist wundervoll, wie wir durch Kinder die Gelegenheit bekommen, die Welt nochmal neu zu beobachten. Man fühlt das mit ihnen, nimmt ihr Tempo an, betrachtet etwa ein kleines Kleeblatt und versucht zu erklären, woher das jetzt kommt. Man stellt sich dann vor, wie das wohl ist für einen kleinen Menschen, der zum ersten Mal eine Leiter sieht oder in den Zoo geht. Das ist wirklich ganz toll.

Interview Benyamin Bahri/Simon Henke
Fotos Christoph Koestlin, Marie Isabel Mora, Thomas-Fähnrich

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