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The Twang

15. Juni / Brunsviga (BS)

The Twang feiern 20-jähriges Bestehen. Ex-SUBWAY-Kolumnist Hartmut El Kurdi berichtet über sein
Doppelleben als Gitarrist der Alternative-Country-Kapelle.
Viele Menschen führen Parallel-Existenzen. Weil ein einzelnes Leben oft nicht genug ist! Aber nicht alle Doppelleben sind so verstörend, wie die von Politikern und Managern, die sich abends von gelangweilten Dominas die Harnröhre mit drahtigen Pfeifenreinigern durchbürsten lassen, weil man das offensichtlich braucht, wenn man selbst den ganzen Tag Untergebene anschreit.
Meine Parallel-Existenz ist viel zivilisierter, aber mitunter doch prickelnd bizarr. Sie besteht darin, dass ich mit einer postmodernen, freundlich-ironischen Countryband durch die Lande ziehe und Orte aufsuche, where no man has gone before. Zumindest „no man“ ohne Stetson und Cowboy-Boots.
Wichtig ist dabei, dem Country-Universum stets mit Neugierde und nie mit Hochmut zu begegnen. Das bürgerliche Dasein ist viel zu langweilig, als dass ich es nicht zu schätzen wüsste, wenn Menschen auf so sympathisch durchgeknallte Ideen kommen wie zum Beispiel einen kompletten Western-Saloon in eine Lagerhalle mitten in einem niedersächsischen Gewerbegebiet einzubauen und dort defizitäre Country-Konzerte zu veranstalten.
Von außen denkt man: Der Schuppen gehört bestimmt einem Serienmörder, der darin Frauentorsi stapelt, dann aber tritt man durch die Tür – und es ist wie bei Alice im Wunderland. Man steht mitten in einer Märchenwelt: Die Industrie-Blechwände sind von oben bis unten im Blockhausstil holzverkleidet, Pferdehalfter überall, ein künstlicher Wasserfall stürzt von der Wand und pünktlich um 20 Uhr taucht der örtliche Line-Dance-Club auf, schreit „Yehaaw!“, und positioniert sich tanzbereit vor der Bühne.
Am gleichen Abend – passend zur x-ten TV-Wiederholung von „Brokeback Mountain“ – erscheinen dann noch zwei überraschend homosexuelle Cowboys, wippen erfreut zu unserer langsamen „tear-jerker“-Version von „Y.M.C.A.“ und machen beim Aftershow-Bier klar, dass sie nur zu gerne zwei bis vier Bandmitglieder mit nach Hause nehmen würden. Und während man das Angebot zum erotischen Herren-Rodeo möglichst höflich ablehnt, freut man sich, dass die Welt nicht so eindeutig ist, wie sie oft erscheint.

Kirschbrand im NVA-SALOON
Schön ist es auch, wenn man freitags im Prenzlauer Berg in einem Rock-Club von gepiercten Jung-Hedonisten ob des humoristischen Ansatzes bejubelt wird und am nächsten Tag als Höhepunkt des Sommerfestes eines todernsten ostdeutschen Western-Vereins spielen darf. Auf diesem Fest – das auf einem ehemaligen NVA-Gelände stattfindet – sind alle verkleidet: Soweit das Auge reicht nur Hüte, Staubmäntel und Western-Petticoats.

c Marek Kruszewski Art

Natürlich wird man dort wegen des abends zuvor gefeierten Ironieanteils misstrauisch beäugt. Und dann erfährt man auch noch, dass der Verantwortliche für die Auswahl der Band seine stattliche Country-Vokuhila-Frisur (in Amerika heißt diese Haartracht übrigens traditionellerweise „Tennessee Waterfall“) für uns verpfändet hat: „Jungs, wenn die eure Musik scheiße finden, dann muss ick mir’n Kopp rasieren. Dit is der Deal!“ So bangt man das komplette erste Set um die Haare des Veranstalters und hofft, dass die Colts, die die Ost-Cowboys mit sich herumtragen, nicht vielleicht doch echt sind. Und es regnet. Und das Konzert ist Open Air. Gerade als man beschließt, noch schnell alle Backstage in einem Oster-Körbchen dekorierten Kirschbrände und Mini-Pflaumenschnäpse („In eurem Vertrag steht doch, ihr wollt’n Obstkorb in der Garderobe!“) auszutrinken und dann heimlich in der Konzertpause zu türmen, fängt es an, dem Publikum zu gefallen. Wieder wird gelinedanced, dass das Stiefelleder kracht. Hinterher im NVA-Saloon wird man selbst auf die Tanzfläche gezerrt. Nach diversen Jim Beams folgen dann Geständnisse: „Erst ham‘wer jedacht, ihr seid arrogante Wessis, aber ... aber jetzt seid ihr doch echte Kumpels!“ Und dann wird der Abend irgendwie doch noch nett.

Zum Abschluss steht dann ein kleiner Mann mit Schlapphut vor einem und sagt: „Ick bin Festus Junior uss Berlin, ick steh uff New Country und FKK“ und man schaut ihm ins zerknitterte Gesicht und versteht sofort, warum er sich ausgerechnet diesen Kampfnamen ausgewählt hat. Am nächsten Morgen wacht man auf, nimmt eine Hand voll Aspirin und fährt zurück in die wirkliche Welt, wo ein Mann selten noch das tut, was er tun müsste ...

Text Hartmut El Kurdi
Fotos Marek Kruszewski

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