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DOTA

26. Oktober | Pavillon (H)

Liedermacher-Quartett DOTA stürmt mit neuem Album „Die Freiheit“ Hannover. Ein Gespräch über Rape-Revenge, Machtkonzentration und Billigflüge.
KF DOTA Die Freiheit Band Foto von Annika Weinthal profil art
DOTA – das sind Konzerte, die vor Empörung und Sehnsucht sprühen, und Songs, die sich mal wie Zuckerwatte auf dem Rummel und mal wie Graffiti-Spayen im Reichenviertel anfühlen. Die Berliner Liedermacherin Dota Kehr hat mit ihrer Band gerade ein leichtherzig-funkelndes Album herausgebracht und beehrt auf ihrer großen Releasetour auch unsere Region. Im Interview sprachen wir mit der „Kleingeldprinzessin“ und poetischen Zeitkritikerin über Abgründe auf „Die Freiheit“ und in der Gesellschaft.
Hallo Dota, wie hast du die Festivalsaison überstanden?
Super, hat tierisch Spaß gemacht. Als nächstes lasse ich mir einen Penis wachsen und spiele dann bald auf den großen Hauptbühnen (lacht). Aber weißt du, was unglaublich für uns war, da waren so viele Menschen, die bei den neuen Singles schon richtig krass mitgesungen haben. Das hat mich total überrascht, da merkt man erst, es gibt wirklich Leute, die das verfolgen und sich auf unseren Release freuen.

Über welchen neuen Song bist du am glücklichsten?
Ich denke, am meisten über „Prinz“. Wenn wir den live spielen, reagieren da manche – also vor allem Männer – ganz stark negativ drauf. Da geht’s um eine Frau, die ihrem Partner sagt, wir sind zwar jetzt zusammen, aber wenn einmal jemand besseres daherkommt, bin ich offen. Es geht um ein typisches Phänomen unserer Zeit, dass sich der Selbstoptimierungs-Wahnsinn auch auf die Partnerschaft erstreckt und Gefühle von Loyalität und Zueinanderstehen darunter leiden können. Natürlich ist das eine total abstoßende Haltung und in der Überzeichnung entlarvend, aber ich wurde auch schon gefragt: Meinst du das ernst?
Und wie reagieren die bestimmt vielen Yoga-Fans unter deinen Hörern auf den Titelsong?
Ich will mich damit eigentlich gar nicht über irgendwas lustig machen und habe auch überhaupt nichts gegen Yoga … Aber die Art und Weise macht deutlich: Was sind das für Luxusprobleme! Ein klitzekleiner Teil der Weltbevölkerung hat so viel Freiheit, dass er sich fragt, was er mit der ganzen freien Zeit anfangen kann. Und das waren schon immer die Allermächtigsten. Zum einen müsste die Freiheit gerechter verteilt sein, zum anderen ist es ein großes Ziel zu lernen, wie man mit Freiheit umgeht, mit der Verantwortung, immer alles selber zu entscheiden. Freiheit macht Angst und ist auch anstrengend.

Das neue Album wirkt aber insgesamt hoffnungsvoller, weniger empört als sonst …
Ja, im Verhältnis zu anderen ist es sehr fröhlich, aber es hat auch schon so ein paar Abgründe … Für „Nackte Beine“ werde ich wahrscheinlich auch ein bisschen Ärger von meiner Hörerschaft kriegen (lacht).

KF DOTA live konstanz1 Credit Chris Danneffel art

DOTA Band Foto von Annika Weinthal 16 art

KF DOTA Banner Credit Celine Werdelis vor

Einer meiner Lieblingssongs auf dem Album!
Das ist auch der Lieblingssong der Band. Das ist so eine Geschichte über einen nicht näher benannten sexuellen Übergriff – also auf keinen Fall über einen manifesten Missbrauch, in der Art könnte man nicht darüber singen. Eher so eine eklige Anzüglichkeit und dann rächt sie sich am Ende eben. Mir haben auch Leute nach dem Song gesagt: Das geht nicht, das ist ja ein Aufruf zur Selbstjustiz, aber so ist das nicht gemeint. Ich finde die musikalische Umsetzung macht sehr viel Spaß zu hören und „Rape-Revenge“ ist im Film ein ganzes Genre, aber so einen Song gibt es glaube ich noch nicht.

Wie bist du auf den irren Text gekommen?
Die ganz wahre Entstehungsgeschichte ist, wir waren zum Baden nachmittags auf so einem Dauercamper-Campingplatz und da war so eine wahnsinnig beklemmende Stimmung. Irgendwie ist die in mein Unterbewusstsein gesickert. Der Song hat mich beim Schreiben selber so ein bisschen schockiert und ich habe versucht, ihn umzuschreiben. Aber jede andere Form war so viel schwächer und langweiliger und da musste ich ihn eben so lassen. Es ist ein Spiel mit einem Lachen, das einem im Halse steckenbleibt und vielleicht mein Befreiungsschlag davon, immer so ganz politisch korrekte und super liebe Lieder zu schreiben.
Bei „In der Hand“ sprichst du über den wachsenden Polizei- und Überwachungsstaat. Was sagst du zum neuen Polizeigesetz?
Total schockierend. Den Song hatte ich damals nach den Snowden-Enthüllungen angefangen und erst später fertiggestellt. Inzwischen kommt er mir schon zu harmlos vor. Und genauso oder fast bedenklicher ist es ja, von den ganzen Konzernen in derselben Form überwacht zu werden. Ich kann einfach nicht verstehen, wie sich Leute so eine Alexa in die Wohnung stellen und sich permanent abhören lassen. Es ist einfach eine sehr naive Annahme zu sagen, ich habe nichts zu verbergen, also habe ich nichts zu befürchten. Das macht mir große Angst, mal sehen wo es noch hinführt.

Wie können wir uns noch wehren – Online-Petitionen?
Ich weiß auch nicht, wir haben das natürlich alles erst so mächtig gemacht. Wir lassen uns davon leiten, dass das, was bei Google nicht auftaucht, scheinbar nicht existiert.
Alle Läden sind jetzt davon abhängig. Warum bestellen alle ihre Bücher bei Amazon? Jeder Buchladen bestellt und es ist am nächsten Tag da. Die Machtkonzentration wird noch viel krasser, wenn wir aus dieser Denkweise nicht rauskommen und einfach unsere local dealer supporten. Auch bei Musik: In diesem Streamingmarkt, wo alles immer mehr hingeht, liefern sich die größten Firmen der Welt gerade einen gnadenlosen Konkurrenzkampf. Wir leben in einer Renaissance der großen Major-Labels, nachdem sie mit den Tauschbörsen und selbstgebrannten CDs in den Nullerjahren erst mal in die Knie gegangen waren.

„Mein Befreiungsschlag davon, immer ganz politisch korrekte und super liebe Lieder zu schreiben“

Aber bei Spotify bist du auch.
Ja, dafür habe ich mich diesmal entschieden. Es ist eben super wichtig für Promo: Wenn man da drin nicht stattfindet, wird man nicht gefunden. Und um die richtigen Leute zu erreichen, muss man in die Vorschläge-Playlisten reinkommen und schon habe ich den Fuß im Nacken von Spotify. Die sagen: Jetzt müssten ja auch alle alten Alben hier rein und dann müssen bei Facebook Posts gemacht werden und Screens davon, die genau kontrolliert werden … Neulich habe ich über so eine „Indie“-Künstlerin gelesen, die natürlich bei Universal ist: Die hat bei Spotify mehr Klicks als Helene Fischer. Kein Wunder, dachte ich, denn ihr habt die Macht, sie überall auf Platz eins dieser Listen zu setzen, die einfach so im Hintergrund durchlaufen und eine Schein-Popularität herstellen. Ein Play ist ein Play. Für richtige Independent-Künstler wie mich ist es da super schwer und ein riesen Kompromiss.

Das Gute ist wenigstens, dass jetzt auch deine alten Songs gehört werden, denn viele haben ihre Aktualität nicht verloren.
Stimmt. Am liebsten hätte ich „Grenzen“ noch mal auf dieses Album getan. Den werden wir auch weiterhin spielen und weiter die orangene Schwimmweste mitnehmen und für Spenden für die zivile Seenotrettung werben. Das ist das einzige, was wir in dieser verzweifelten Lage machen können.

Momentan wird echt viel zu viel auf die falschen Leute gehört …
Dass sich diese menschenfeindlichen, faschistoiden Strömungen jetzt so manifestieren, ist wirklich ein Problem. Es reicht aber nicht zu sagen, „Nazis raus!“ – raus, aber wohin denn? Nazidenken raus aus den Köpfen. Dafür muss man viel früher ansetzen, mit vernünftiger Jugendarbeit auf dem Land und kulturellen Zentren. Ich habe total viele Ansätze gehabt, etwas über diesen Rechtsruck zu schreiben, aber so funktioniert es leider beim Schreiben nicht, dann werden die Stücke so verkopft. Vielleicht klappt‘s ja für das nächste Album.
Ansonsten bleibt uns nur noch die Erdflucht-Rakete. Aber ob später dafür noch Kerosin übrig ist, ist eine andere Frage …
Ich habe den Pilotenstreik gerade echt gefeiert: Die Belegschaft soll sich mal richtig auf die Hinterbeine stellen und die doppelte Bezahlung verlangen. Das sind alles scheiß Arbeitsplätze. Ich fänd’s zum Beispiel auch ok, wenn der BER-Flughafen nie fertig wird. Man braucht echt nicht noch mehr Flugreisen, ganz grundsätzlich. Innerhalb von Deutschland zum Beispiel muss man überhaupt nicht fliegen und wenn man den Klimaschutz ernst nehmen möchte, ist es auch innerhalb Europas geboten, die Start- und Landegenehmigungen mal zu begrenzen. Ich werfe es niemandem vor, wenn die Möglichkeit besteht, übers Wochenende nach Spanien zu fliegen, dann wird’s auch gemacht. Aber Flugreisen sind einfach viel zu billig. Wenn man die ökologischen Kosten da mit reinrechnet und berücksichtigt, dass der Treibstoff nicht mal richtig besteuert wird, ist das klimapolitisch eine komplette Katastrophe.

Wohin würdest du dich beamen, wenn es ohne Kerosin ginge?

Oh, ich würde unheimlich gerne meine Freunde in São Paulo wiedersehen. Da hatte ich eine Weile gelebt und auch Musik mit anderen Künstlern gemacht. Das ist schon ein bisschen länger her und ich würde sehr gern an diese Zusammenarbeit noch mal anknüpfen.

Aktuell hast du aber auch ein schönes Kooperationsprojekt …
Das war so eine spontane Idee, Gedichte von Mascha Kaléko zu vertonen, weil ich die einfach sehr gern mag. Einige Texte haben mich so angesprungen, dass ich dazu unbedingt eine Melodie machen wollte. Und jetzt ist es eine kleine Reihe geworden, eins mit Alin Coen, eins mit Felix Meyer und zwei sind noch in Planung mit Sarah Lesch und Max Prosa. Vielleicht bringen wir das auch als eigene kleine Produktion raus, dazu hätte ich große Lust.

Danke für deine Zeit, Dota, ich wünsche dir ganz viel Erfolg mit dem Album und wir sehen uns in Hannover!
Danke für das schöne Gespräch! Wir freuen uns sehr darauf, die Songs live zu performen. Vielleicht gibt es ja auch ein paar Überraschungen, die wir in die Arrangements einbauen – du kannst gespannt sein.

Interview Evelyn Waldt
Fotos Annika Weinthal, Chris Danneffel

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