Martin Kroner hat nach zwei EPs gerade seine neue Single „Ich bin noch hier“ herausgebracht. Der ambitionierte Deutsch-Poet hat bereits unter anderem Revolverheld, Bosse,
Tonbandgerät, Luxuslärm und Ryan Sheridan supportet und natürlich die Massen bei unserer 30-Jahre-SUBWAY-Ausstellung im Horten-Tunnel begeistert.

 

Wir haben den 26-jährigen Liedermacher über seine Musik ausgefragt.

Hi Martin, erzähl mir von deiner Single!
Das ist eine neue Zusammenarbeit mit Ole Sander vom Studiowerk. Die Single heißt „Ich bin noch hier“, das passt witziger Weise auch, weil von mir seit etwa zwei Jahren nichts mehr rausgekommen ist. Hat aber damit eigentlich gar nichts zu tun. Es geht in dem Song um einen großen Streit, ein Auseinandergehen, mit dem man nicht einverstanden ist und wogegen man noch ankämpft. Es ist sehr intim und geht auch viel darum, sich Schuld einzugestehen. Ich habe eine eigene Geschichte, die mir letztes Jahr passiert ist und wo ich es nicht richtig geschafft habe, damit fertig zu werden. Aber ich habe versucht, den Song so offen zu schreiben, dass sich die Leute, die das hören, damit identifizieren können.

Worüber schreibst du sonst?
Bisher war es so, dass alle meine Texte biografischer Natur waren. Ich glaube einfach an die Prämisse, dass Lieder, die 100 Prozent ehrlich sind, am ehesten bei anderen zuhause ankommen, darum schreibe ich vor allem über das, was mich beschäftigt. Bei der letzten EP war es zum Beispiel sehr stark die Angst, die mich begleitet hat, als ich angefangen habe, nur noch von der Musik zu leben, also die Angst vor dem nächsten Monat. Es ging viel darum, wo man gerade ist und wo man hin will. Und in der davor ging es viel um Mädchen. Da war ich selber gerade erst ein Jahr aus der Schule raus und da haben mich die Themen „Liebe“ und „Vermissen“ noch mehr bewegt.

Wie wird aus einer Erfahrung ein Song?
Voll verschieden. Das Beste, was passieren kann, ist, dass ich beim Spazierengehen oder unterwegs sein plötzlich eine Melodie und einen Satz dazu im Kopf habe. Einen bestimmten Satz, der irgendwie treffend ist und genau das beschreibt, worüber ich nachdenke. Wenn mir dann noch zwei, drei andere Stellen einfallen, singe ich das erst mal auf die Memofunktion auf meinem Handy ein. Zuhause setze ich mich dann an die Gitarre und versuche, die Akkorde zu finden, Struktur und Strophen reinzubringen und alles schön zu machen. Der andere Weg ist, dass man da mit Fleiß rangeht, sich hinsetzt und erst an einer Melodie bastelt. Und wenn was Schönes rauskommt, überlegt man sich einen guten Text dazu. Das mache ich gerade viel in Berlin mit meinem Homerecording-Studio. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Melodien kreativer werden, wenn man sich nicht am Anfang so sehr an die Worte bindet. Wichtig ist mir bei meinen Texten aber auf jeden Fall, dass da keine „Reimzweckzeilen“ drin sind, die finde ich ganz schrecklich.
Du bist letztes Jahr nach Berlin gezogen.
Das habe ich gemacht, weil ich ein bisschen Frischluft brauchte. Natürlich auch wegen der Kontaktmöglichkeiten, das ist einfach ein Zentrum für Musiker. Ich habe da erst auf Sofas gewohnt und jetzt eine ganz chaotische, sehr tolle WG gefunden. Ich bin natürlich noch super viel in Braunschweig und der Region, weil meine Freundin hier wohnt, meine Bandkollegen und auch das Studio, bei dem ich aufnehme, hier sind. Es ist einfach schön, in Berlin ein Zuhause zu haben. Man hat draußen dieses Großstadtleben und drinnen die Ruhe, kann sich dahin verziehen, um zu schreiben oder aufzunehmen. Das ist ein Ort, den ich unbedingt für mich haben wollte, selbst wenn es Monate gibt, in denen ich viele Konzerte habe und teilweise nur anderthalb Wochen da bin.

Du hast dein Studium für die Musik hingeschmissen. Harte Entscheidung?
Ich habe schon zu Schulzeiten gewusst, dass ich Musiker sein will und Straßenmusik gemacht, seit ich 15 war. Nach dem FSJ habe ich in Vechta angefangen, Erziehung und Sozialwissenschaften zu studieren, um was „Ordentliches“ für die Hinterhand zu haben. Dafür musste ich vier Stunden pro Strecke pendeln. Das habe ich gehasst. Als dann meine erste EP Ende 2012 rauskam, war für mich nach dem Release-Konzert einfach klar, dass ich nicht mehr zurück kann. Zum Glück haben mich meine Eltern voll unterstützt und gesagt, ich soll auf mein Herz hören. Ich bin ein riesiger Jim-Carrey-Fan. Es gibt diese Netflix-Dokumentation über seinen Dreh von „Man on the Moon“. Da erzählt er, dass er von seinem Vater gelernt hat, dass die Chance zu scheitern sowieso groß ist, auch mit Berufen, die man nicht liebt. Dann sollte man doch lieber mit einem scheitern, den man liebt. Krasse Aussage, finde ich. Viel zu viele Menschen setzen so sehr auf Sicherheit. Das ist einfach komplett eine Illusion, die gibt es sowieso nicht.

Machst du noch Straßenmusik?
Letztes Jahr habe ich das erste Mal damit aufgehört. Ich habe gesagt, ich mache erst wieder Straßenmusik, wenn ich wirklich nicht mehr muss, sondern weil ich es möchte. In Berlin will ich das auch gar nicht machen. Vor zwei, drei Jahren habe ich das einmal gemacht und fand das ziemlich scheiße. Weil sich da keiner an die Regeln hält. Auf dem Alexanderplatz sind allein sieben Musiker verteilt und wer um halb zehn morgens da ist, besetzt den Platz den ganzen Tag. In Braunschweig ist das klar geregelt: Jede halbe Stunde woandershin. Und wenn du nicht selbst dran denkst, kommt einer aus den Geschäften raus und erinnert dich.

KF Kroner2 Art

Hier hat dir das aber Spaß gemacht?
Ja. Braunschweig ist meiner Meinung nach von der Größe her eine der besten Städte für Straßenmusiker. Wenn ich in andere Städte gefahren bin, hat es sich selten so gelohnt wie hier. In Großstädten wie Hamburg oder Berlin sind zu viele Leute, zu viel los, die Leute kommen nicht mit so einer Ruhe vorbei, um anzuhalten und zuzuhören oder Geld dazulassen. Hier, besonders am Kattreppeln, ist einfach ein wunderbarer Ort dafür, weil die Leute einen gut hören und manchmal über 200 Meter lang mit deiner Musik im Ohr da langgehen und am Ende bei dir stehen und dann auch gerne was reinschmeißen. Natürlich gibt es auch einige Läden, die gut darin sind, sich zu beschweren.

Du tourst gerade mit deiner Liveband, machst aber auch Soloauftritte mit einer Loopstation.
Mit der Band mache ich vor allem Festivals, Stadtfeste und größere Supportkonzerte. Ich mache parallel aber auch Kneipenauftritte und kleinere Solokonzerte. Dann ist es allein einfach schneller organisiert, weil ich alles in mein Auto packen und hindüsen kann. Ich habe eine Loopstation, ein Vocal-Effektgerät und ein Samplepad, die ich mitnehme. Damit habe ich erst im Sommer letztes Jahr angefangen. Ich habe gemerkt, dass mich das in meiner Performance super stärkt. Man lernt, die Leute ganz alleine über anderthalb Stunden zu unterhalten. Man weiß immer mehr, was man erzählen muss in stillen Momenten und die Musik ist einfach anders, obwohl es teilweise dieselben Lieder sind. Wenn man alles alleine arrangieren kann, macht das unheimlich Spaß. Ich verwende dann verschiedene Rhythmusinstrumente, die ich mir vorher eingestellt habe und was auch super ist, ist die Möglichkeit, sich mit dem Vocal-Effektgerät in Echtzeit eine zweite Stimme draufzumachen.

Wichtig ist Mir bei meinen Texten auf jeden Fall, dass da keine „Reimzweckzeilen“ drin sind, die finde ich ganz schrecklich

Du bist schon viel rumgekommen und hast viele große Musiker begleitet. Was war bisher dein fettestes Konzert?
Das fetteste? Das ist einfach. Das war am 15. Dezember 2013 als Support für Bosse in der Swiss Life Hall in Hannover. Da habe ich mich ein bisschen reingeschummelt. Er hat im Sommer so ein Grill & Chill bei 89.0 RTL gemacht und ich habe da angerufen und erzählt, dass ich ein Zitat von ihm tätowiert habe. „Wir sind die Irritierten, diese Zeiten werden schön“, das ist ein älterer Text von ihm. Das Tattoo hatte ich, weil dieser Song viel mit Braunschweig und mit Musik zu tun hat und ich natürlich ein großer Bosse-Fan war. Und dafür habe ich Tickets bekommen, habe gleich meine Gitarre mitgebracht und denen meine Lieder vorgespielt. So durften wir dann Bosse supporten. Da waren mehr als 4 000 Leute in der Halle, die sind total abgegangen und haben voll mitgemacht. Man hätte auf der Bühne einfach alles sagen können und die hätten darauf applaudiert. Die Bosse-Fans sind einfach sehr leidenschaftliche Menschen.

Hattest du auch schon Auftritte mit ganz wenig Publikum? Wie geht man damit um?
Das Schlimmste war bei mir mal, vor acht Leuten zu spielen. Für mich als einen weniger bekannten Musiker hängt ja viel von der Arbeit der Veranstalter im Vorfeld ab. Ich versuche das dann mit Humor zu nehmen. Mit 20 Leuten kann man noch Stimmung machen, aber mit acht … Ich habe dann in der zweiten Hälfte des Konzerts alles ausgesteckt und nur noch Akustik gespielt. Ich dachte mir: „Mach das Beste draus, mach es authentisch und gemütlich.“ Man kann nur hoffen, dass die Leute auch Sinn für Humor haben. Und die acht haben sich total gefreut, dass sie quasi diese private, intime Nummer bekommen haben.

Persönliche Frage: Was macht dir Angst?
Mir macht am meisten Angst, mit dem Ding nicht voranzukommen, Stillstand. Wenn ich zu sehr darüber nachdenke, gerate ich in noch mehr Stillstand. Ich bin dann nicht mehr fähig, richtig zu arbeiten und zu funktionieren und dann kommt kreativ nichts mehr durch. Das ist genau wie mit allen anderen Dingen im Leben, wenn man die zu sehr versucht festzuhalten und einzudämmen, geht gar nichts mehr. Wenn ich die Ruhe selbst bin und mich dann ans Schreiben setze, ist alles gut, aber wenn ich mal irgendwie mit dem falschen Fuß aufstehe und denke: „Scheiße, es kommt nix, es kommt nix“, dann kommt auch nix. Es gibt einfach Tage, an denen kreativ nichts passiert, dann kann man nur Papierkram erledigen.
Wie stehst du zu politischen Aussagen? Sollten Musiker sich heutzutage positionieren?
Ich habe ganz lange die Ansicht vertreten, dass man alles tolerieren muss, um tolerant zu bleiben. Aber diese Zwickmühle, dass wenn man jemanden toleriert, der für Intoleranz steht, man selbst eigentlich nicht mehr tolerant ist, muss man schon so sehen. Ich bin der Meinung, dass man bei Parteien wie der AfD absolut den Mund aufmachen und öffentlich sagen muss, dass man gegen sie ist. Wenn ich mit Leuten über solche Dinge rede, sage ich, dass ich bunt und für Liebe, Multikultur und alle Menschen bin.

Welches Kompliment oder welche Beschreibung würdest du gern über dich lesen?
„Von dem wird man noch viel hören!“, das wäre, was ich am liebsten lesen würde. Ansonsten vielleicht, dass wenn man sich einmal auf die Musik einlässt, man Tiefe findet. Ich mache zwar „Deutschpop“, das hat generell nicht das Image, besonders deep zu sein, aber ich versuche auf jeden Fall, die Singer-Songwriter-Note immer beizubehalten. Natürlich möchte ich unheimlich gern einen Hit schreiben, aber nicht aus dem Vorsatz heraus, einen Hit zu landen. Das muss etwas sein, was durch Gefühle rübergebracht wird. Der Herbert-Grönemeyer-Weg sozusagen: Etwas so gut und emotional und echt zu schreiben, dass es dadurch ankommt.

Danke dir für das Gespräch! Willst du zum Schluss noch etwas loswerden?
Einen keinen Aufruf, dass die Leute anfangen, mehr zu Konzerten zu gehen von Künstlern, die sie nicht kennen und sich einfach mehr für neue Sachen interessieren. Ansonsten natürlich up to date bleiben, was meine Musik angeht: Ich habe dieses Jahr viel vor, erst mal einen regelmäßigen Output an Singles und Videos, sehr viele Stadtfeste mit meiner Liveband und mindestens noch ein großes Konzert in Braunschweig. Die Leute sollen wissen, dass ich noch da bin und tierisch Hunger habe.

Interview: Evelyn Waldt
Fotos: Evelyn Waldt, Florian Koch

User Rating: 0 / 5

twitter

subway_magazin
📸 Wir waren am Wochenende für euch unterwegs: Fotos von willy_nachdenklich, hgich.t_official,… https://t.co/xmFWyompDr
subway_magazin
Morgen in Stereowerk: Goa-Party mit hgich.t_official. 🔥🎉 Zieht euch warm an, packt eine 🍌ein und… https://t.co/7kN1Ypv1pW
Follow subway_magazin on Twitter

SUBWAY Newsletter

 

Mit SUBWAY verpasst Du kein Event mehr in Braunschweig und der Region. Hol Dir unseren Newsletter!

Kontakt

SUBWAY – Eine Region, ein Magazin

#Redaktion

oeding magazin GmbH
Erzberg 45
38126 Braunschweig

Telefon: 0531-48015-134
Telefax: 0531-48015-79
E-Mail: info@subway.de

Durch Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysen, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Weitere Informationen über Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.