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A Traitor Like Judas

14. - 15. Dezember / B58 (BS)

Nach 18 Jahren Bandgeschichte ist es endgültig vorbei: Die Metalcore-Hippies A Traitor Like Judas verabschieden sich mit einem emotionalen Feuerwerk.
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A Traitor Like Judas sind heute Jasper, Sören, Dennis, Justus und Andy. Aber das waren auch Björn, Kevin, Florian, Christoph, Jan, Tille, Phillip, Dennis T. und Jochen. Das selbsternannte Traitor-Kollektiv blickt auf eine 18-jährige Bandhistorie zurück, in der eine EP, zwei Split-CDs und vier Alben entstanden sind. Die sympathischen Braunschweiger waren bei vier Musiklabels unter Vertrag und sind durch Europa, Brasilien und Afrika getourt. Auch ohne lange Haare sagen sie von sich selbst: „Wir sind Hardcore-Kids, die Metal-Riffs spielen.“ Die Mischung aus beiden Musikrichtungen zieht sich durch ihre Songs. Als sie im Januar auf Facebook das Ende ihrer Karriere ankündigten, waren viele Fan-Herzen gebrochen. Umso größer war die Freude über eine Farewell Tour und einen neuen Song. Inzwischen neigt sich 2018 dem Ende zu – die Auflösung naht. Wir haben mit Sänger Jasper und den beiden Gitarristen Sören und Dennis ein letztes Interview vor ihren Abschiedskonzerten im B58 geführt.
Vor 18 Jahren fing alles in Braunschweig an und hier nimmt es nun ein Ende. Was geht bei dem Gedanken daran in euch vor?
Jasper Es ist auf jeden Fall ein krasses Gefühl. Braunschweig war immer unsere Bezugsstadt – ich glaube, die ersten 14, 15 Jahre haben wir ausschließlich im B58 geprobt. Da fing alles an, da wurden die ersten Platten geschrieben und die ersten Release-Shows gespielt. Deshalb haben wir die Stadt immer als unsere Heimat angesehen, auch wenn hier zwischenzeitlich keiner von uns gewohnt hat, und deswegen ist es der Ort, an dem wir begraben werden wollen.

Euer angekündigtes Ende hat eingefleischte Traitor-Fans überrascht. Wie kam es dazu?
Sören Das ist schwierig zu beantworten. Für mich steht fest, dass ich mit der Band, die mir sehr wichtig ist, nicht in einen Auslauf-Modus gelangen möchte, in dem sie keine Relevanz mehr hat. Glücklicherweise haben wir einen geilen Festivalsommer und die ganzen Clubshows hinter uns, die zeigen, dass wir jetzt relevant sind. Bisher sind wir jedes Mal mit einem Lächeln von der Bühne gegangen und haben uns gesagt: „Krass, wie geil ist das denn?“ Das bedeutet mir sehr viel.
Jasper Die letzten zehn Jahre waren ungelogen die krassesten meines Lebens. Wir waren auf verschiedenen Kontinenten und sind mit den verrücktesten Bands getourt. Irgendwann drehte sich alles um die Frage: „Was machen wir jetzt, schreiben wir ein neues Album? Damit hängen wir hinterher …“ Irgendwann kamen wir zum Ergebnis, dass wir Traitor einfach beenden müssen. Anfangs haben wir gedacht, wir machen nur ein geiles Konzert in Braunschweig. Dann haben wir mit unserer Booking Agentur gesprochen und plötzlich sind um die 50 Shows daraus geworden. Wir hätten nie gedacht, dass es mit so einem riesen Knall zu Ende geht.
 

Die Gründungsmitglieder von ATLJ sind aus verschiedenen Gründen ausgestiegen. Warum habt ihr den Namen weitergeführt?
Jasper Als wir die „Endtimes“, unser drittes Album, im Kohlekeller aufnahmen, hatte das letzte Originalbandmitglied eine Art Lebenskrise, ist aus allem ausgestiegen und ins Ausland gezogen. Da standen wir vor der Entscheidung: „Was machen wir jetzt?“ Aber zu dem Zeitpunkt war ich schon zwei Jahre dabei und habe super viel Energie, Zeit und Geld in die Band gesteckt – die Aufnahmen waren ja bezahlt, das Label hatte alles gedruckt, also man hätte die CD wegschmeißen müssen. Da haben wir gemeinsam entschieden, es einfach durchzuziehen. Ich glaube auch, dass wir Traitor auf ein neues Level gebracht haben, weil wir mehr Shows auf mehr Kontinenten gespielt haben, als es vorher möglich war.

Inwiefern könnt ihr euch mit der biblischen Figur „Judas“ identifizieren?
Jasper An der Namensgründung waren wir ja nicht beteiligt, deshalb ist unsere Perspektive eine andere. Wir möchten der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, weil sich die Menschheit bei jeder einzelnen Handlung quasi ständig selbst verrät. Das ist der Punkt, bei dem der Judas ins Spiel kommt, wenn sich Menschen gegenseitig verarschen und nicht die Verantwortung für ihre eigenen Taten übernehmen. Wir möchten der Welt etwas Positives zurückgeben, sie verändern.
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Spätestens mit „Guerilla Heart“ kam eure Kampfansage „change the fucked up world“. Wie kann jeder in seinem Alltag dazu beitragen, dass unsere Welt ein kleines bisschen besser wird?
Sören Mit so vielem. Ich habe heute erst wieder random Plastikmüll aufgesammelt und weggeschmissen. Das ist jetzt nur ein Beispiel und da gibt es so viel mehr. Aber wir würden nie mit dem Finger auf andere zeigen.
Jasper Dieses „change the fucked up world“ ist auf verschiedenen Ebenen zu verstehen: Die Umwelt ist definitiv ein Gedanke davon, dass man recycelt und nachhaltig lebt. Zum Beispiel trage ich nur faire Klamotten, die in Europa hergestellt werden, versuche nachhaltig einzukaufen, wenig Plastik zu benutzen und ökologische Produkte regional zu kaufen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich die soziale Schiene im Sinne von: „Unterstütze diejenigen, die Hilfe brauchen!“ Wenn alle ein bisschen helfen würden, könnte diese Welt so viel besser werden.

Laut Spotify wurde „What Counts“ von ebendiesem Album mehr als 146 Tausend Mal gehört. Wieso kommt dieser Song so gut an und wie reagieren eure Fans, wenn ihr ihn live performt?
Sören Man muss dazu sagen, dass diese 146 Tausend Klicks noch nicht im Playlisten-Zeitalter gepusht wurden – das sind also ehrliche Hörer. Die Beliebtheit kann ich mir selbst nicht so richtig erklären. Ich meine, das war ein Song, den wir am Ende des Albums schnell zusammengeschustert haben. Als der Gesang dazukam, hatte ich so ein Gespür dafür, dass der Song gut werden könnte.
Jasper Inhaltlich geht es darum, was im Leben wirklich zählt. Es ist aber auch eine gewisse Gesellschafts- und Szenekritik enthalten. In einer Textzeile heißt es, dass einige Menschen mehr Wert auf eine saubere Schuhsohle als auf wahre Tugenden wie Hilfsbereitschaft legen. Hinzu kommt noch die Aussage: „Verschwendet nicht eure Zeit!“ Der Song ist fünf Jahre alt und auch heute kleben alle Leute nur an ihren Smartphones, sei es Netflix, Instagram oder Snapchat. Aber was zählt im Leben, what counts? Das Lied ist gefühlt aktueller denn je.

Europa, Brasilien, Afrika: Es ist beeindruckend, wie viel ihr als Band herumgekommen seid. Welches Konzert der letzten Monate ist euch besonders in Erinnerung geblieben?
Jasper Das Tells Bells Festival, da haben wir gegen 16, 17 Uhr gespielt und dachten erst, um die Uhrzeit wird kaum jemand vor der Bühne stehen. Plötzlich war dieser riesen Platz gefüllt mit mehreren Tausend Menschen, die total verrückt abgegangen sind und mitgesungen haben. Die Leute waren von rechts nach links und links nach rechts am Stagediven, davon war ich ziemlich gerührt und musste schon ein, zwei Tränen drücken. Wir haben das Konzert in unserem Video zu „Darkest Hour“ verewigt – alles was draußen aufgenommen wurde, kommt vom Tells Bells.
Dennis Das Entscheidende war aber nicht die Masse sondern die Vibes, also die Energie der Crowd. Wenn die Leute Bock haben, können auf einem Konzert auch nur 30 Leute sein und es ist trotzdem geil sein. Aber dieses Jahr war das Tells Bells auch mein absoluter Favorit.

„Es sind dunkle Zeiten, in denen wir leben, und trotzdem darf die Hoffnung nicht erlöschen“

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Schon 2016 habt ihr uns verraten, dass ihr die Musik als Sprachrohr nutzt: Welche Message enthält euer Abschiedssong „Darkest Hour“?
Jasper Wenn ich den Song ankündige, sage ich: „Passt zur Zeit.“ Wir leben in einer Welt mit verschiedenen Autokraten, sei es ein Trump, Putin, Kim Jong-un oder Erdoğan. Aber auch die Tatsache, dass in einigen Ortschaften die AfD oder andere rechte Parteien an die 20 Prozent der Wählerstimmen bekommen haben. Da sagen wir: Es sind dunkle Zeiten, in denen wir leben, und trotzdem darf die Hoffnung nicht erlöschen. Das transportieren wir im Text, dass man vor allem in schweren Zeiten den Mut haben muss, zu sagen: „Das kann ich so nicht akzeptieren.“ – Aus jedem kleinen Funken kann ein Feuer entstehen …
Dennis Die Thematik des Songs liegt auf der Hand. Wir haben gemeinsam daran gefeilt, wie man das metaphorisch verpacken kann, was alles momentan in unserer Gesellschaft schief läuft.
Sören Ein kleiner Fun Fact: Wenn wir einen Song fertig geschrieben haben, haben wir einen Kumpel aus England drüber gucken lassen, um den Native-Speaker-Aspekt zu berücksichtigen. Er hat ohne unser Zutun eine wichtige Floskel eingebaut, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Wenn man nach „speak truth to power“ sucht, findet man diesen Satz verknüpft an verschiedene Ereignisse der Vergangenheit, in denen Menschen ihre kritische Meinung geäußert haben, obwohl sie in der Minderheit waren. Eine Message ist also: Man sollte das Richtige tun, auch wenn man dafür Risiken eingehen muss.
Welche Risiken habt ihr in Kauf genommen, wie sah euer jahrelanges Engagement konkret aus?
Jasper Wir arbeiten neben PETA ZWEI und Kein Bock auf Nazis eng mit der Hardcore Help Foundation zusammen, die sich weltweit für Menschen in Not einsetzt. Die Organisation hat uns nach Kenia gebracht, wo wir als erste europäische Metalcore-Band aufgetreten sind. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit gab es verschiedene Specials: Wir haben Vinylplatten gebastelt, diese verkauft und Erlöse im vierstelligen Bereich gespendet. Dann haben wir verschiedene T-Shirts mit dem „Refugees Welcome“-Logo mit einer Flüchtlingsunterkunft konzipiert oder an einem Weihnachtsfest Kekse in der Guerilla-Heart-Form gebacken.
Sören Ich bin froh darüber, dass wir innerhalb der Band so engagiert waren und weiß nicht, ob ich ohne die Band an Organisationen wie Kein Bock auf Nazis herangetreten wäre. Das hat mir definitiv die Augen geöffnet.

Beim Gedanken an euer Abschiedskonzert im B58 werden wir wehmütig. Was erwartet uns?
Jasper Es werden viele Freunde da sein, die als Bands vorweg spielen. Die Traitor-Urbesetzung – auch Jochen und Tille, die acht Jahre bei ATLJ waren – wird so zwei, drei Songs spielen, das wird auf jeden Fall ein großes Highlight. Also vor allem für mich, weil ich mit einem Großteil von allen auf der Bühne gestanden habe. Wir werden ein bisschen rumheulen und alles feiern, was in den letzten Jahren passiert ist.
Dennis Für mich ist es eine krasse Sache – ich bin ja erst seit zwei Jahren dabei und doch ein Stück weit großgeworden mit Traitor. Ich freue mich, ein Teil davon zu sein und war auch schon vorher auf einigen Shows. Dann ist es halt heftig zu sehen, dass es wirklich zu Ende geht.
Könnt ihr euch vorstellen, in ein paar Jahren vielleicht doch wieder gemeinsam aufzutreten?
Jasper Wenn die Kohle fehlt (lacht). Sag niemals nie, auch wenn es im Moment unvorstellbar ist. Auf der anderen Seite läuft es dieses Jahr so gut, dass ich auch schon gesagt habe: „Lasst uns weitermachen!“ Was man andererseits nicht bringen kann. Keine Ahnung, was in fünf Jahren ist …
Sören Wahrscheinlich sind wir im Januar alle todtraurig. Uns fällt die Decke auf den Kopf und dann sagen wir: „Hey Leute, was geht?“ (lacht).
Dennis Musik macht man ja trotzdem weiter. Ob wir das Projekt irgendwann wieder ins Leben rufen? Puh, keine Ahnung.

Last but not least: Was möchtet ihr euren Traitor-Fans mit auf den Weg geben?
Sören Danke für die letzten Jahre! Ohne so viel Zuspruch wäre die Geschichte schon vor ein paar Jahren vorbei gewesen. Es hat für uns nur Sinn gemacht, weil es Leute gab, die sich das angucken wollten. Auch wenn es die Band nicht mehr geben wird, hoffe ich, dass wir ein paar Samen säen konnten und die Leute unseren „change the fucked up world“-Gedanken weitertragen.
Jasper Leute, glaubt an euch und macht was aus eurem Leben. Werdet glücklich! Verändert die Welt so, dass alle glücklich werden können. Wir sind die Hippies des Metalcore (lacht). Eins noch: Es ist nicht einfach, alles zu kriegen, aber wenn man für seine Träume kämpft, wird man glücklich im Leben. Es lohnt sich!

Interview Viktoria Knapek
Fotos Darian Schätzl_Crowdsalat Magazin

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