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Provinz

28. November / Swiss Life Hall (H)

Sie legten einen Raketenstart hin und schossen vom Dorf in die weite Welt:
Die Newcomer Provinz im SUBWAY-Interview.
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Eigentlich läuft es ja so: Es gibt da diesen Traum von der großen Bühne und um den zu verwirklichen, muss es ab nach Berlin. Mit Schlabberklamotten am Leib und 'ner Mate in der Hand wird man da sicherlich aus der Masse herausstechen. Abgesehen von Kraftklub, die sich mit „Ich will nicht nach Berlin“ lautstark gegen die Hipster-Metropole positioniert haben, gibt es nun auch eine Newcomerband aus Ravensburg, deren Bandname bereits auf ihre Vorliebe fürs Dorf schließen lässt. Die Rede ist von Provinz und die haben die Großstadt für ihren Major-Label-Vertrag gar nicht gebraucht. Inzwischen werden die vier Jungs von Tim Tautorat, der unter anderem bei AnnenMayKantereit und Faber die Regler schiebt, produziert. Im vergangenen Jahr veröffentlichten Provinz mit „Wir bauten uns Amerika“ ihr Debütalbum voller mitreißender Indie-Pop-Songs über die Jugend, das Leben und die Liebe. Dabei sticht vor allem die heiser-emotionsgeladene Stimme des Frontsängers Vincent heraus, die einen mitten ins Herz trifft und mit Songs wie „Verlier Dich“ oder „Tanz für mich“ nicht mehr loslässt. Nachdem die Band ihre Tour mehrmals verschieben musste, steht am 28. November endlich ihr Konzert in Hannover an, das aufgrund der so großen Nachfrage hochverlegt wurde. Vorab haben wir mit Schlagzeuger Leon über den Provinz-Hype, Amerika und eine politisch motivierte Generationen Z gesprochen.
Leon, wie geht’s dir und der Band gerade?
Hey Louisa, uns geht es so weit allen sehr gut, danke der Nachfrage! Wir hatten jetzt von August bis Mitte September einen gut gefüllten Festivalsommer und waren viel unterwegs. Und im Moment stecken wir viel in Vorbereitungen fest für die endlich anstehende erste Tour. Es wird aber auch viel Musik geschrieben, geprobt und an Merch gearbeitet.

Wie konntet ihr in den wenigen Wochen der Konzert-Pause Kraft tanken?
Die Zeit zwischen Sommer und Tour hat jeder etwas für sich genutzt. Natürlich gab es viel zu tun, aber jeder hat an seinen Aufgaben gearbeitet und konnte dann durch den Abstand etwas abschalten. Zudem waren alle noch etwas unterwegs, im Urlaub oder viel Freund:innen besuchen. Das hat auf jeden Fall gutgetan. Und jetzt sind alle super gehyped auf die anstehende Tour! Die hat ja jetzt auch etwas auf sich warten lassen und ist nach wie vor unsere erste richtige Clubtour. Das macht auch etwas nervös und aufgeregt, aber die Vorfreude überwiegt in der ganzen Crew!

Vom Bandpool-Wettbewerb zum Major-Deal – wie fühlt sich so ein riesiger Sprung an?
Das ist tatsächlich gar nicht so leicht zu sagen. Es ist so viel passiert, aber das realisiert man immer erst mit etwas Abstand und Luft. Davor steckt man in der eigenen Bubble fest, in welcher man zwar alles wahrnimmt, aber nicht direkt verarbeitet. Jetzt durch Corona ist bei uns das erste Mal so richtig angekommen, was wir alles Schönes erleben durften und wie schön es ist, die Musik zum Beruf gemacht zu haben. Und das ist auf jeden Fall eine Achterbahnfahrt der Gefühle, hauptsächlich aber Dankbarkeit und Stolz.
Trotz Corona konntet ihr im vergangenen Jahr richtig durchstarten und habt sogar die 1Live Krone für den „Besten Newcomer Act“ gewonnen. Was glaubst du, worin die Ursache des Hypes um euch liegt?
Es ist natürlich immer leichter, das andere beurteilen zu lassen! (lacht) Aber ich glaube, wir treffen mit der Musik ein bestimmtes Gefühl, das viele in ihrer Coming-of-Age-Zeit durchleben oder damals durchlebt haben. Damit sprechen wir Themen an, mit denen sich die einen oder anderen identifizieren können. Und gerade zur aktuellen Zeit sind Künstler:innen abseits von Rap und Trap im Aufschwung, wovon wir natürlich auch profitieren.

Wieso lieber Provinz als Großstadt?
Es ist gar nicht so, dass wir wirklich eine Ablehnung gegen die großen Städte haben. Wir betrachten Berlin und Co. einfach etwas mehr als Außenstehende. Dadurch fallen uns Aspekte negativ und positiv auf. Und im Moment leben wir ein bisschen zwischen den Welten, wir sind viel unterwegs und pendeln viel durch den ganzen Trubel und kommen danach wieder zurück ins ruhige Ravensburg. Dadurch genießt man beide Vorteile: Man freut sich immer genauso darauf, wegzugehen wie auch wieder heimzukommen.

Habt ihr manchmal Angst, euch zu verlieren, so wie ihr es in „Großstadt“ besingt?
Im Moment sind wir eigentlich ganz gut geerdet. Auch, weil wir immer wieder nach Hause kommen und dort der altgewohnte Alltag herrscht. „Großstadt“ ist während des ersten Lockdowns geschrieben worden. Und da war es in diesem spezifischen Moment so, dass wir froh waren, in der Provinz zu sein. Da ist Lockdown noch weniger auf die eigenen vier Wände beschränkt, man kann immer noch viel rausgehen. Vielleicht kann man die Zeile darauf beziehen, da war das Risiko „sich zu verlieren“ nicht so sehr gegeben.
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Was ist das Besondere am Landleben?
Das Schöne daran ist natürlich die Natur und die Ruhe. Bei uns ist es um neun Uhr abends einfach meistens still. Man kann abschalten und runterkommen. Und es ist schön, hier aufzuwachsen. Außerdem hat man hier, wahrscheinlich den Umständen geschuldet, weniger Freunde, dafür aber sehr gute. Man verliert sich nicht so sehr aus den Augen und wenn man sich das erste Mal nach drei Monaten wiedersieht, ist es, als hätte man sich erst gestern das letzte Mal gesehen.

Was ist für dich so ein ganz klassischer „Dorfkind-Moment“?
Man kickt mit den Freunden auf der Straße, wie jeden Tag im Sommer. Und alle fünf Minuten schreit einer „Auto!!!“ und man räumt hektisch die Schuhe, welche als Tor dienen, zur Seite und steht mit Ball unter dem Arm und dem Autofahrer einen genervten Blick hinterherwerfend am Straßenrand, bis es weitergehen kann. Oder dass man seit dem 18. Lebensjahr immer diskutieren muss, wer heute alle mit dem Auto nach dem Feiern heimbringt, weil der letzte Bus nach Hause um 22 Uhr fährt.

„Unsere Generation hinterfragt sehr stark die generationen vor uns und versucht, daraus zu lernen“

Trotzdem trägt euer Album den Titel „Wir bauten uns Amerika“ – schlummert in euch doch irgendwo eine Sehnsucht nach dem Großen und Wilden?
Amerika war für uns ein Sinnbild. Es bezieht sich auf den vergangenen „American Dream“, das längst widerlegte Bild von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten, das Amerika vor wahrscheinlich 150 Jahren noch hatte. Und irgendwie hat ja jeder so ein „Amerika“ für sich, einfach einen Traum, an dem man arbeitet, weil man ihn irgendwann mal zur Realität machen will. Und für uns war das unser erstes Album. Außerdem gefiel uns die maximale Diskrepanz zwischen Provinz und Amerika. Und es zieht uns auch in die Stadt, in den Trubel, in den Kontrast zur Provinz. So geht es wahrscheinlich den meisten jungen Menschen aus der Provinz.

Ihr seid vor Kurzem bei Fridays for Future in Essen aufgetreten. Ist die junge Generation politischer als jemals zuvor?
Ich weiß nicht, ob man sagen kann „politischer als jemals zuvor“. Es gab natürlich auch Generationen vor uns, die für ihre Prinzipien laut wurden. Aber unsere Generation ist defintiv sehr politisch. Und durch Social Media und das Internet haben sich auch globale Bewegungen wie Fridays for Future gebildet. Das ist auf jeden Fall eine andere Größe. Es ist einfach zum Glück bei vielen wichtiger und auch „cooler“ geworden, seinen Verstand einzusetzen, sich eine Stimme zu verschaffen und sich auch kritisch selbst zu hinterfragen als es vor 30 Jahren war. Und das muss unsere Generation aufrechterhalten.
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Was hat euch mit „Hymne gegen euch“ dazu bewegt, politisch zu werden?
Wir sind der Meinung, dass mit der Reichweite, die wir uns aufgebaut haben, auch eine Verantwortung einhergeht. Es hören einem Leute zu und das muss man dann auch nutzen, um zumindest aufmerksam zu machen, zum Informieren und Nachdenken anzuregen und sich zu positionieren. Und einen politischen Song zu schreiben, hatten wir schon länger im Kopf. Es musste aber intuitiv passieren, damit es authentisch und ehrlich ist. Der Auslöser für „Hymne gegen euch“ war ein Moment, in dem Vincent mit unserem Tontechniker telefonierte, während vor seinem Fenster 5 000 Querdenker gegen Sinn und Vernunft auf die Straße gingen.
Familienväter, gebildete Leute, junge Menschen genauso wie Rechte und AfD-Wähler. Und das während andere seit einem Jahr durch Corona einfach arbeitslos waren und sich keiner für die ganze Kulturbranche interessierte, sondern Korruptionsskandale und inkompetente Entscheidungen die Nachrichten machten. Durch den Trigger kam dann der Ansporn, diesen Song zu schreiben.

Was denkst du, macht die Generation Z aus? Wie würdest du diese Generation beschreiben?
Ich glaube, unsere Generation hinterfragt sehr stark die Generationen vor uns und versucht, daraus zu lernen, während wir gleichzeitig mit dem Internet und Social Media klarkommen müssen und uns da unsere ganz eigenen Probleme schaffen.

Wollt ihr sonst noch gerne etwas loswerden?
Seid alle lieb zueinander, vergesst nicht, den richtigen Menschen „Danke“ zu sagen, versucht umweltbewusst zu handeln und fragt eure Mitmenschen ernsthaft, wies ihnen geht.
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Interview Louisa Ferch
Fotos Max Menning, Mike Kipper

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