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Premiere „Anomalie“

5. November | Eulenglück (BS)

Braunschweigs Rap God MC Rene hat sich wieder mal einer neuen
Form der Kunst gewidmet: Seine Dokumentation „Anomalie“ premiert am
5. November beim International Filmfest Braunschweig.
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Rauschend-dezente Boombap-Beats, schwarz-weiß Aufnahmen zeigen einen stattlichen Mann auf einem prunkvollen Balkon: MC Rene ist zurück in Braunschweig und blickt nachdenklich auf seine Stadt. Die Kamera fährt zurück, das Bild verschwimmt immer mehr, Rene beginnt aus dem Off an zu erzählen. Gemeinsam begeben wir uns mit seiner Dokumentation „Anomalie“ auf eine rund 24-minütige Reise in die Vergangenheit, zurück zu den Wurzeln des Rap-Urgesteins MC Rene.
Angefangen hat alles in der Weststadt, Hochhaussiedlung. Eindringliche Drohnenaufnahmen zeigen die einengende Architektur des Viertels. Dort wuchs Rene in zerrütteten Familienverhältnissen auf, wie er in der Doku erzählt. Geprägt von vielen Jahren im Frauenhaus und dem stetigen Gefühl, nirgends richtig zu Hause zu sein und nirgends richtig dazuzugehören, fand der rastlose Junge jedoch irgendwo im Grau der Weststadt seine Passion, die ihn bis heute antreibt: die Liebe zum Hip-Hop. „Anomalie“ zeigt neben Erzählungen mit Fotos und Videos von damals, wie diese Leidenschaft in den frühen 90ern Kids des Braunschweiger Westen zusammengeführt hat und gemeinsam getextet, gerappt und aufgelegt wurde. Wegbegleiter wie Tim Zellmar aka DJ Royal T von Such a Surge und sein Jugendfreund Oliver Holzhausen kommen im Kurzfilm ebenso zu Wort wie Renes Mutter – persönlich, nahbar und authentisch. Im Rahmen des upcoming 35. International Filmfest wird MC Renes Filmdebüt am 5. November premieren. Wir haben dieses exklusive Ereignis zum Anlass genommen, unseren alten Freund Rene wieder mal an die Strippe zu holen und über sein neuestes Projekt auszuquetschen.
Rene, was hat dich dazu motiviert, einen eigenen Film zu machen?
Im Zuge der Produktion meines aktuellen Albums „Irgendwas stimmt“ habe ich mich textlich auch mit Initialisierungsmomenten meines eigenen Hip-Hop-Werdegangs beschäftigt. Aber auch davor hatte ich immer mal wieder das Gefühl, dass es interessant wäre, mal diese ganze Anfangszeit zu beleuchten. Das wollte ich aber nicht einfach nur irgendwie machen, sondern ich wollte ein richtiges Thema dafür finden. Ein Thema, das von mir ist. Da hat das Wort „Anomalie“ ganz gut gepasst, weil es um das Gefühl geht, zwischen den Stühlen zu stehen, nicht Fisch nicht Fleisch, halb und halb. Einfach irgendwie fehl am Platz. Gleichzeitig geht es aber auch darum, dann etwas in seinem Leben zu finden, wo man sich zu Hause fühlt. Und diese Initialisierungsmomente mit der Hip-Hop-Kultur und meiner Zeit in Braunschweig das beleuchtet auch der Film. Er ist keine ganzheitliche MC-Rene-Doku über meinen gesamten Werdegang, sondern ich wollte dieses Gefühl beschreiben, wie es war, Anfang der 90er in Braunschweig aufzuwachsen.

Wie lange habt ihr daran gearbeitet?
Also wir hatten technisch gesehen nur einen Drehtag, an dem wir die Leute interviewt haben. Aber die Filmproduktion an sich hat sich über drei, vier Monate gezogen, weil wir verschiedene Materialien noch zusammenfassen mussten. Wir haben uns viel Mühe mit dem Film gegeben, weshalb wir da dann auch ein bisschen länger dran gearbeitet haben. Gerade das ganze alte Archivmaterial und das Fotos raussuchen, das hat sich als sehr langwierig herausgestellt. Auch, wenn der Film jetzt „nur“ 24 Minuten lang ist.

Warum hast du dich für den schwarz-weiß-Stil entschieden?
Weil ich wollte, dass Braunschweig-Weststadt eher aussieht wie Brooklyn statt Salzgitter-Lebenstedt! (lacht) Es hat also eher ästhetische Gründe. Ich finde diesen Stil sehr zeitlos und es sieht einfach schick aus. Und es war mir sehr wichtig, dass sich das unterscheidet von einer, ich sag mal, RTL II-Dokumentation. Es sollte auf jeden Fall auch einen künstlerischen Anspruch haben – genauso wie meine Musik. Wir haben auch Wert darauf gelegt, die Architektur der Weststadt einzufangen und danach im Kontrast natürlich auch das innerstädtische Braunschweig.
So eine Architektur sagt ja auch was.
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Was hat dich in Braunschweig für dein musikalisches Schaffen am meisten geprägt?
Am prägendsten sind immer die Begegnungen. Dass das jetzt in Braunschweig war, wo genau zu der Zeit eine Hip-Hop-interessierte Generation vorhanden war, ist natürlich ein toller Zufall. Da gab es Graffiti-Writer, Breakdancer aber vor allem auch MCs. Der erste, den ich kennengerlernt habe, war Oliver Schneider von Such a Surge. Der war damals Teil der Gruppe State of Departmentz und der hat gegenüber von der IGS gewohnt, auf die ich gegangen bin. Und der kam einfach immer zum Basketball spielen auf den Platz und so haben wir uns kennengelernt. Also das war eine absolute Zufallsbegegnung – nicht durch ein Szene-Magazin oder durch die Medien, sondern einfach so.
Und da er älter war als ich, hat er mir viele Sachen gezeigt, Rapmusik… Man darf sich das ja nicht so wie heute vorstellen – heute ist Hip-Hop oder Rap absoluter Mainstream. Damals waren das nur ein paar Leute und die waren schon auffällig. Früher hat man den Leuten ihren Musikgeschmack an den Klamotten angesehen. Das ist heute ja nicht mehr ganz so. Damals war das eine absolute Nische und man hatte die Leute dann daran schon erkannt, bevor man sich so Mikro-Informationen besorgt hat. Es gab aus Ost-Berlin so einen Radiosender, der hieß DT64 und den konnten wir auch in Braunschweig empfangen. Darüber habe ich quasi aus dem Osten Musik in mein Braunschweiger Weststadt-Kinderzimmer importiert und meine Tapes aufgenommen.

Warum hast du dich für eine Kurz-Doku von 20 Minuten entschieden? Es gibt doch sicherlich noch einiges zu erzählen und zu zeigen?
Ich hatte sogar eigentlich nur elf Minuten geplant, aber ich wusste ja, dass ich nur diesen einen Drehtag habe. Der hat dann aber viel mehr hergegeben als gedacht. Der Regisseur hat nach dem Schnitt auch gesagt, dass der Film eigentlich noch viel länger hätte gehen können. Ich wollte es dann aber bei knapp 24 Minuten lassen, weil irgendwann auch einfach die Locations ausgeschöpft sind – Weststadt, Innenstadt und das Staatstheater. Bei einer längeren Doku hätte ich mich auch messen müssen mit einer richtig professionellen und hochbudgetierten Dokumentation, obwohl ich ja nur diesen Ausschnitt zeigen wollte und der schien mir in dieser Länge sehr, sehr gut erzählt. Diese Doku ist durchaus auch modular erweiterbar – vielleicht beleuchte ich in anderen Filmen noch einmal andere Aspekte meines Werdegangs. Über die 90er Jahre in Braunschweig hätte man noch viel, viel tiefergehen können. Die Doku beschreibt lediglich diesen für mich auch sehr spannenden und persönlichen Anfangsabschnitt.

In „Anomalie“ treten zwei deiner Weggefährten auf – wieso gerade die und wieso nicht noch andere?
Du, ich sag dir ganz ehrlich, man hätte das natürlich noch viel, viel größer und viel, viel mehr machen können. Ich musste das aber einfach ein Stück weit reduzieren und habe versucht, mich aufs Wesentliche zu beschränken; auf die Beschreibung des Gefühls, das ich zu dem Zeitpunkt hatte, als ich angefangen habe. Dementsprechend habe ich es auch privater gehalten. Deshalb kommt meine Mutter zu Wort, daneben noch ein Freund, mit dem ich zusammen aufgewachsen bin und dann noch einen DJ-Kollegen, der quasi sinnbildlich für die Braunschweiger Szene steht, über den man an die Musik angedockt ist. Das sind so die drei wichtigen Elemente, auf die ich mich fokussiert habe.
Was meinst du erfahren die Leute durch die Doku über dich, was du in der Musik noch nicht erzählt hast?
Ich vermute, es sind schon vor allem diese familiären, privaten Details. Dass sich meine Eltern sehr früh haben scheiden lassen und wir einige Zeit im Frauenhaus gelebt haben. Ich denke, das ist auch relativ unique, darüber habe ich in meiner Musik noch nicht zwingend gesprochen. Es gibt ein paar private Einblicke, die natürlich auch in Hinblick auf die Musik spannend sind, die ich mache. Es ist immer spannend, zu sehen, wo jemand herkommt, wie derjenige aufgewachsen ist, der das macht, was er macht. Es gibt sicherlich viele neue Einblicke, weil wir ja auch über eine Zeit sprechen, die gar nicht so gut dokumentiert ist.

Warum das Staatstheater als einer der zentralen Orte, an denen du erzählst?
Das ist sowas wie eine Erhöhung meines künstlerischen Ichs. Ich lebe ja nicht mehr in der Weststadt, deswegen fängt die Doku auch dort nicht an. Für den Start habe ich also so eine Art metaphorisches Refugium gesucht und da fand ich das Staatstheater ganz passend, weil es ja auch irgendwie etablierte Kunst symbolisiert – auch architektonisch. Also wollte ich auch da im Theater sitzen, die Kunst im Zentrum. Früher wäre ich da gar nicht hingegangen, obwohl ich es immer schön fand. Jetzt bin ich aber auch mit mir und meiner Kunst im Leben angekommen, ich habs geschafft und dafür ist das eine Art Metapher. Nicht so wie das übliche Narrativ vom Tellerwäscher zum Millionär, darum geht’s in meiner Geschichte auch nicht, aber so das Ding von der Weststadt ins Staatstheater, diese Kontraste und ja, dieses Ankommen.

Wie ist es für dich heute, in die Weststadt zurückzukehren?
Seltsam fühle ich mich. Klar, architektonisch hat sich einiges verändert. Meine Schule zum Beispiel ist heute in einem ganz neuen Gebäude. Das Jugendzentrum Rotation hingegen sieht noch genauso aus, dieselben Griffe, dieselben Mauern. Das Haus, in dem ich gewohnt habe, sieht noch genauso aus. Die Hochhäuser haben sich vielleicht von der Farbe verändert, aber ich merke dann schon, wie vertraut mir diese Wohngegend immer noch ist. Gleichzeitig merkt man auch, wie weit weg man davon ist und wie sehr das Vergangenheit ist. Dieses Spannungsgefühl zwischen Vertrautheit und Fremdheit ist wirklich seltsam. Da kommt direkt wieder dieses Zwischen-den-Stühlen-Gefühl von damals hoch. Nur war ich damals noch ein Junge und heute bin ich erwachsen.

Die Weststadt in drei Worten?
Ein hässlicher Abenteuerspielplatz! (lacht)
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Was ist dein cineastischer Bezug? Würdest du dich als Cineast bezeichnen?
Hmm, es gibt bestimmt einige, die mehr Film-Nerd sind als ich, aber natürlich bin ich kinoaffin. Definitiv. Ich kenne viele Klassiker, aber auch moderne Filme. Zuletzt hat mich „Der weiße Tiger“ ziemlich beeindruckt. Der hat auch Einblicke in eine ganze andere Welt gewährt und aufgezeigt, was man vielleicht tun muss oder würde, wenn man keine andere Wahl hat und man durch die Gesellschaft so sehr getriggert wird. Unsere gesellschaftlichen Narrative sind ja auch sehr durch Filme und die Werbeindustrie geprägt und wir sind ja auch alle sehr amerikanisiert. Im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung kommen ja glücklicherweise auch viele Geschichten in unseren öffentlichen Fokus der westlichen Welt, die auch mal anders sind. So lernen wir auch ein Stück weit ganz andere Realitäten kennen.

In den vergangenen Jahren haben viele Rapper Dokumentationen über ihre Geschichte rausgebraucht. Wieso müssen Rapper sich vielleicht mehr erklären als andere?
Naja, die Gesellschaft tuts ja nicht. Für die Gesellschaft ist Rapmusik ja, auch wenn sie finanziell massiv dabei partizipiert, immer sowas wie ein Schmuddelkind. Das, was an Image im Deutschrap ist, diese ganze Misogynie oder Schwulenfeindlichkeit ist ja nicht Problem der Musik an sich, sondern ein Problem der Gesellschaft. Die Gesellschaft mag sich aber selbst nicht dafür, also lagert sie das aus und skizziert einen Sündenbock. Und aufgrund von gelebter politischer Unkorrektheit in diesem Genre oder dass man die Grenzen dort ein bisschen durchbricht, wird das ganze Genre immer eher klischeehaft beurteilt. Nur dann, wenn einer da massiv Erfolg hat oder Mainstream-kompatibel ist, wird das vielleicht mal beleuchtet. Aber es gibt ja viele einzelne Geschichten, die ja auch mit dazu beigetragen haben, dass das so ist wie es ist. Ich glaube, du hast Recht, wenn du sagst, dass man sich da so erklären will, aber ich muss da nichts erklären. Ich nutze die Möglichkeiten, die mir gegeben sind, um meine Geschichte zu erzählen. Das tue ich ja auch in meiner Musik, also kann ich es auch in nem Film tun. Nichts, was ich in „Anomalie“ sage, ist irgendwie geschickt hingeskripted. Ich behaupte nichts – ich erzähle einfach so, wie es war und wie es ist.
Und am 5. November wird der Film dann in Braunschweig zu sehen sein… 
Ja, ich habe mich einfach mal beim Braunschweiger Filmfest beworben und das hat dann alles schnell super gepasst. Wir wollten eine gemütliche Location für die Premiere finden und im Boardjunkies war ich ja schon sehr oft. (lacht) Deshalb wird es jetzt voraussichtlich in der Eule stattfinden und ich glaube, die Location passt schon ganz gut. Vielleicht reiche ich den Film auch noch bei ein, zwei anderen Festivals ein, aber das Coolste ist ja erstmal, dass er hier in Braunschweig Premiere feiert und zu sehen sein wird. Ich freue mich jedenfalls sehr, dass der Film so viel Anklang gefunden hat beim Braunschweiger Filmfestival.

Und geht’s danach für eine Post-Lockdown-Party in die Silberquelle?
Das steht seit unserem letzten Interview noch aus!(lacht) Das steht wohl noch auf meiner To-Do-Liste. Ich lasse mich überraschen, wenn ich im November in Braunschweig bin.

Interview Louisa Ferch
Fotos Alexander Matern

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