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Wim Wenders zur Dokumentation „Papst Franziskus –
Ein Mann seines Wortes“.
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Vor 30 Jahren gewann Wim Wenders mit „Der Himmel über Berlin“ in Cannes die Goldene Palme. In diesem Jahr geht der Regisseur außer Konkurrenz an den Start. Mit „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ präsentiert er eine ungewöhnliche Dokumentation über den Pontifex und seine radikalen Ansichten. Vom Vatikan bekam er eine Carte Blanche, konnte also tun und lassen, was er wollte. Drei Oscar-Nominierungen erhielt Wenders, 72, bislang für seine cineastischen Biografien: Den Musikern vom „Buena Vista Social Club“ folgte Tanz-Ikone „Pina“ Bausch sowie der Fotograf Sebastião Salgado in „Das Salz der Erde“. Beim Papst dürfte es dann wohl heißen: Wir sind Oscar. Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.
Herr Wenders, Sie waren öfter als jeder andere in Cannes – mit welchen Gefühlen reisen Sie dorthin? Sie bekamen dort einst die Palme, wurden aber auch ausgeraubt ...
Ich habe in Cannes Höhen und Tiefen erlebt. Cannes war gut zu mir und Cannes hat mich gegen die Wand laufen lassen. Das kann man sich nicht aussuchen. Cannes ist kein Ponyhof, sozusagen.

Sie hatten in einer ersten Variante ­geplant, dass viele Leute – und auch Promis – Fragen an den Papst stellen. Was kam dabei an ungewöhnlichen Beiträgen heraus?
Da waren natürlich durchaus interessante Fragen dabei, auch von klugen Leuten. Dass wir das alles dann doch nicht in den Schnitt genommen haben, hat sich allmählich ergeben. Jeder, der eine ­Frage stellt, zieht natürlich auch Aufmerksamkeit auf sich selbst oder will erklären, was ihn an dieser Frage interessiert und warum. Und das hat einfach jedes Mal abgelenkt, und hat den Film „konventioneller“ gemacht: Gerade amerikanische Dokumentarfilme bestehen ja aus lauter „Talking Heads“. Wir haben beim Schneiden gemerkt, dass der Film dies alles nicht brauchte. Auch ich komme als Fragesteller nicht vor, weder im Bild noch im Ton. Mein zugrundeliegendes Konzept wollte ja eine größtmögliche Nähe zwischen Papst Franziskus und jedem Zuschauer herstellen. Und da hat jede konkrete andere Person einfach dazwischengefunkt. Als wir den Film dann das erste Mal ganz ohne Fragen geschnitten und angeschaut haben, war es offensichtlich, wie viel geradliniger er dadurch geworden war.
Was haben Sie bei dem Projekt Neues über Franziskus ­erfahren?
Erst in der konkreten Begegnung war offensichtlich, wie sehr für Papst Franziskus wirklich alle Menschen gleich sind. Auf jedem unserer Drehs hat er jeden vom Team begrüßt, und sich auch von jedem einzeln verabschiedet. Das hat mich echt beeindruckt, dass er sein Bestes tut, auf alle persönlich einzugehen, ohne Unterschiede der Funktion oder der „Wichtigkeit“. Ich hatte mir ja schon vorher gedacht, dass er ein mutiger Mann ist, aber gerade in unseren langen Gesprächen und in den direkten, spontanen Antworten kam heraus, wie furchtlos, offen und geradeheraus er ist.

Wie verlief die Begegnung?
Für unsere eigenen Interviews haben wir den Papst vier Mal für jeweils ein paar Stunden alleine treffen können. Für diese Gespräche haben wir eine Technik verwendet, bei der der Gefragte scheinbar in die Kamera sieht, tatsächlich aber in das Gesicht des Fragestellers. Papst Franziskus hat mir also in die Augen geschaut und ist somit Auge in Auge mit jedem Zuschauer.

Haben Sie mit Franziskus auch über Kino gesprochen? Kennt er Ihre Filme?
(lacht) Wir hatten wichtigere Themen.
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Was ist für Sie das wichtigste Thema des Films – Migration, Konsumverhalten oder soziale Gerechtigkeit?
Den Papst beschäftigen viele Themen – Umwelt und Klimaschutz, Gerechtigkeit, soziales Gleichgewicht, Armut, Migration und die Probleme von Flüchtlingen ... aber alle diese Themen lassen sich vielleicht zu einem einzigen zusammenfassen: Das „Allgemeinwohl“. Das ist wirklich das beste Wort, das mir dazu einfällt. Dafür steht in unserer heutigen Welt niemand mehr. Jeder verfolgt seine eigene Agenda und seine eigenen politischen Interessen. Der Papst hingegen steht für den sozialen Ausgleich zwischen den 20 Prozent der Menschheit, die über 80 Prozent des Reichtums dieser Welt verfügen und den anderen 80 Prozent, die von dem leben, was übrig bleibt.

„Berührt von der Wahrheit, die der Papst in seinen Antworten und Gedanken ausdrückt. Selbst ungläubige und hartgesottene Zuschauer hatten Tränen in den Augen.“

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Welche Rolle spielt Religion in Ihrem ­Leben? Zahlen Sie Kirchensteuer, gehen sonntags in den Gottesdienst?

Ich bin ein gläubiger Mensch, sehe mich aber als ökumenischen Christen. Als wir in den USA gelebt haben, bin ich eine in presbyterianische Kirche gegangen. In Berlin wechsele ich zwischen katholischen und evangelischen. Mein Lieblingsphilosoph des 20. Jahrhunderts ist ein jüdischer Denker, Martin Buber. Und im Moment lese ich viel von einem Franziskaner, also einem katholischen Schriftsteller und Geistlichen, Richard Rohr.
Wie verhält es sich, wenn man vom Vatikan den Auftrag für eine Dokumentation erhält? Wie groß bleibt die Freiheit und wie viel Kritik ist unter solchen Bedingungen überhaupt möglich?
Ich habe das nicht als Auftrag empfunden. Die Frage kam schriftlich: „Hätten Sie Lust, mit uns über einen Film zu reden, der Papst Franziskus zum Thema hätte?“ Ja, Lust hatte ich, allerdings war ich noch mit einem anderen Film beschäftigt, was dann aber kein Problem war. Als ich Dario Viganò, den Präfekten der Kommunikationsabteilung des Vatikans schließlich getroffen habe, hat er mir völlig freie Hand gegeben. Carte Blanche. Ich habe dann auch das Konzept des Films allein geschrieben und Don Dario zwischendurch mehrere Schnittfassungen gezeigt, um ihn auf dem Laufenden zu halten. Und den fertigen Film hat er natürlich als einer der ersten gesehen. Er hat nie eine Kritik geäußert, sondern im Gegenteil jede meiner Entscheidungen nachvollziehen können.
Was würden Sie sich wünschen, was das Publikum aus Ihrem Papst-Film mit nach Hause nimmt?
Das muss der Film schon selbst beantworten. Was ich aus den Reaktionen derjenigen, die den Film bisher gesehen haben, erkenne, ist, dass sie alle tief berührt waren. Berührt von der Wahrheit, die der Papst in seinen Antworten und Gedanken ausdrückt. Selbst ein paar durchaus ungläubige und hartgesottene Zuschauer hatten Tränen in den Augen. Ich wünsche mir, dass die Zuschauer mit einem Gefühl der Hoffnung und einer Sehnsucht nach einer besseren Welt aus dem Film gehen.

Für Ihre drei filmischen Biografien haben Sie jedes Mal eine Oscar-Nominierung bekommen. Wie gelassen sehen Sie den nächsten Academy Awards entgegen? Wäre ein Oscar das Sahnehäubchen Ihrer Karriere oder zählt das „Vergelt’s Gott“ vom Papst mehr?
Da mache ich mir nun gar keine Gedanken drüber (lacht). Aber eins ist nach drei Anläufen klar: Auch die Oscars sind kein Honigschlecken, und ob es da den Sahne-Zuschlag gibt, liegt an allem Möglichen, nur nicht unbedingt am Film.
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Gibt es andere Personen, die Sie als Objekt biografischer Begierden reizen würden? Frau Merkel? Jogi Löw?

Ich arbeite an einem Langzeitprojekt über den Architekten Peter Zumthor. Und mit Laurie Anderson mache ich mir Gedanken zu einem Film über Lou Reed.

Interview Dieter Oßwald
Fotos Universal Pictures

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