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MC Rene im Interview

Der Dokumentarfilm von Michael Münch „Wenn der Vorhang fällt“ lässt die größten Protagonisten des deutschsprachigen Raps der letzten 30 Jahre zu Wort kommen. Wir sprachen mit dem „Rapper ohne Special-Effects“ über seine Zeit in Braunschweig, seine Meinung zum Film und sein neues Album „Khazraje“.

Seht den Film beim Kino-Event im C1 CINEMA:
18. Mai um 20.30 Uhr | 19. Mai um 23 Uhr | 21. Mai um 17.45 Uhr

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Hallo Rene, du bist ja Braunschweiger. Was verbindest du noch mit der Stadt?
Meine ganze Jugend. Ich bin in Braunschweig geboren und zur Schule gegangen. Ich habe da den Großteil meines Lebens verbracht, mit Braunschweig assoziiere ich also auch immer so ein Stück Heimat und Nostalgie.

Was waren deine Lieblingsorte hier? Wo hast du gerne abgehangen?
Der Basketballplatz auf der IGS in der Weststadt. Da hab ich um die Ecke gewohnt und da sind wir immer Basketball spielen gegangen. Aber ich weiß nicht, ob der Platz überhaupt noch existiert. Ich glaube, die IGS, die Wilhelm-Bracke-Gesamtschule, gibt’s auch gar nicht mehr in dieser Form. Da habe ich jedenfalls die meiste Zeit verbracht, definitiv mein Lieblingsort gewesen. Und natürlich der Prinzenpark, auch einer meiner Lieblingsorte der Stadt.

Warum bist du damals weg?
Weil ich in die große weite Welt raus wollte. Da ich schon als 15-16-jähriger Jungrapper viel in Deutschland unterwegs war, hat mich auch das über den Teller rausgehen sehr gereizt. Ich hatte dann nach der Schule die Möglichkeit, in Köln Zivildienst zu machen und habe die Chance genutzt, Braunschweig einfach mal den Rücken zu kehren, um rauszukommen und was anderes zu sehen.

Hast du früher auch die SUBWAY gelesen?
Ja, klar hab ich die SUBWAY gelesen, lag ja überall aus. (lacht) Im Café Zeit haben wir immer ganz cool die SUBWAY gelesen. Ich kannte damals ja den Chefredakteur Christian Göttner, er hat auch mal ein Interview mit mir geführt. Das war noch in Zeiten, als es eine Band namens Such A Surge gab. Vor allem hat die SUBWAY für mich natürlich mit meiner Jugend zu tun, dadurch dass ich die ganzen letzten Jahre gar nicht in Braunschweig war. Aber ich sag mal, wenn ich heute ‚Subway‘ die Sandwichmarke sehe, denke ich eher an das SUBWAY Magazin. (lacht)
Lass uns über den Dokumentarfilm „Wenn der Vorhang fällt“ von Michel Münch sprechen, bei dem du auch mitgemacht hast.
Ich kannte den Michael Münch schon von einem früheren Projekt, wo er als Cutter für mich gearbeitet hat. Ich bin was solche Doku-Projekte angeht eigentlich eher skeptisch, aber ich fand, das war eine gute Sache und stand gern, mit meinem Wissen und meinem Erfahrungsschatz in Bezug auf deutschsprachigen Hip-Hop zur Verfügung. Wir haben uns zu einer großen Interviewsession getroffen, bei der er seine ganzen Fragen zu den verschiedenen Episoden des Raps in Deutschland abgegrast hat, und ich habe Rede und Antwort gestanden. Über die Jahre hat er mich aber immer auf dem Laufenden gehalten.

Bist du zufrieden mit dem Endprodukt?
Ja, ich hatte ja schon mit dem Michael Münch zusammengearbeitet, da wusste ich, dass er eine hochwertige Doku machen wird und da wurde ich auch nicht groß überrascht. Es gibt die Zwischenbilder, die einen Kontrast zu den ganzen Wortbeiträgen bilden sollen, mit Musik und Breakern. Da ich ja in den Entstehungsprozess involviert war, wusste ich auch, wie das musikalisch ungefähr klingen wird.
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Heutzutage gilt das oft so: wenn es kein Hit ist, ist es scheiße. Das ist eine eindimensionale, oberflächliche Denkweise. Das ist wie Fastfood-Rap.

Hat dir etwas gefehlt?
Was mir gefehlt hat, ist der Aspekt, dass Frauen überhaupt auch zu Wort kommen. Das wurde schon von Vielen kritisiert. Es sind eben alles Männer. Da muss ich den Michael aber in Schutz nehmen, es ist nicht so, dass er nicht daran gedacht und es nicht versucht hatte. Er hat einfach nicht jeden bekommen, den er für dieses Projekt angefragt hat. Es hätte dem Ganzen natürlich gutgetan, eine weibliche Perspektive zu dieser ganzen Männerdomäne aufzuzeigen. Die Doku spiegelt schon ganz gut diese ganzen Epochen des deutschen Rap wider. Aber ich bin so tief drin, was auch die Roots angeht, das ist für mich gar nicht mehr so interessant. Ich kannte das ja eh alles, weil ich in der Zeit und der Szene selbst dabei war. Was jeder gesagt hat, wusste ich schon vorher. Mein persönliches Interesse geht eher dahin, wie diese ganze Kultur überhaupt entstanden ist. Das geht dann zum Beispiel schon in die 60er und 70er der USA zurück. Das Deutsche hat sich dann aus sich selbst heraus entwickelt, nachdem die Inspiration aus Amerika kam. Das ist ein guter Film für Leute, die vielleicht denken, sie haben Ahnung von deutschsprachigem Rap, die kriegen dadurch hoffentlich ein bisschen mehr Repertoire. Es sind schon viele wichtige Protagonisten zu Wort gekommen, aber das ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt so viele Rapper, die relevant sind, die gar nicht dabei sind, so viele verschiedene Facetten auch in der jüngeren Geschichte. Man kann natürlich nicht alles abdecken.
Hat dich auch etwas überrascht?
(überlegt) Ahja, ein bisschen überraschend fand ich das Ende mit dieser Autotune-Geschichte. Ich weiß nicht, ob das so der beste Abschluss ist. Es ist natürlich heutzutage relevant, deutschen Rap mit Autotune zu assoziieren, da viele Leute den Effekt benutzen, um einen Stil zu kreieren. Aber das ist aus meiner Sicht nur ein Teil der Zukunft von deutschsprachigem Rap. Ich hätte mir eher ein Ende gewünscht, das ein bisschen mehr offen lässt, meine persönliche Meinung. Vielleicht Hinweise auf die verschiedenen Facetten, visuell dargestellt wie ein Stammbaum mit ganz vielen Ästen und Zweigen. Das Kontrastreiche, die Diversität abseits vom Mainstream. So ein Ende hinterlässt natürlich Diskussionsbedarf, ich habe mich ja auch mit Freunden darüber unterhalten und so sollte das ja für eine gute Doku auch sein.

Der Film zeigt, wie sich die Hip-Hop-Szene in den letzten 30 Jahren entwickelt hat.
Wie war dein Weg, wie bist du zum Rappen gekommen?

Auf dem Basketballplatz. Ich war so zwölf und ein älterer hatte seinen Ghettoblaster dabei und hat da Rap-Musik gespielt. Ich kannte das ja nicht, ich dachte erst, das ist eine Gruppe und habe mich gewundert, wie unterschiedlich die klingen können und wie viele Stimmen die haben. (lacht) Völlig naiv. So hab ich das für mich entdeckt und wollte das selber auch machen. Dass da eine ganze Kultur dahinter steht, habe ich erst später mitbekommen. Hip-Hop ist für mich ja eher eine Lebenseinstellung. Ich hab damals angefangen zu rappen, weil es Spaß gemacht hat, coole Rhymes zu kicken, freestyle vor allem, ohne Text, und im Studio zu sitzen und sich gute Geschichten auszudenken. Ich bin da so reingerutscht und bin froh, dass ich davon leben kann. Ich bin vielleicht nicht der Superstar, aber ich mache, was ich will, kann meine Konzerte spielen, bringe meine Platten raus, habe Leute, die das geil finden und freue mich darüber. Jetzt bin ich 40 und habe noch genauso Spaß daran wie mit 15. Es war aber auch ein Auf und Ab: Ich habe auch dann noch Musik gemacht, als es gar nicht für mich lief, was die Wenigsten tun. Meine Motivation ist also älter, als nur berühmt zu werden und Kohle zu verdienen. Mir wäre das zu wenig, als Konsument: „Ok, du bist berühmt und hast voll viel Kohle, das erzählt jeder, erzähl mir was anderes.“ Ich finde es gut, wenn man sich ein bisschen was einfallen lässt.

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Du beschreibst dich selbst eher als Geschichtenerzähler?
Ja, ich bin kein Battlerapper, das ist nicht meine Passion. Meine Passion ist eher, Stories zu erzählen, auf welche Art auch immer. Das kann lustig sein oder ernst, manchmal was Persönliches, manchmal auch gesellschaftskritisch. Ich bin definitiv eher ein Content-Rapper, also ich habe schon den Text eher vor Augen als nur auf Effekte zu setzen. Ich bin ein Rapper ohne Special-Effects.

Was macht für dich guten modernen Hip-Hop aus?
Ich mag mehr Rap-Musik, die vor zehn oder in zehn Jahren hätte entstehen können. Ich mag generell an Musik eher die zeitlose Komponente. Früher zum Beispiel, was hab ich denn richtig gefeiert? (überlegt) 50 Cent oder P.I.M.P. zum Beispiel. Wenn ich das jetzt höre, denke ich: „Aaah, diese Zeit!“ Es war also nicht zeitlos, sondern genau diese Zeit, in der das ein Hit war. Aber es gibt auch Musik, beispielsweise aus den 90ern, der Golden Era von Hip-Hop-Musik, wie man sagt, die hat aber noch dieselbe emotionale Bedeutung. Es gibt Rapper, die können total geil rappen und haben die freshesten Rhymes, aber die können zum Beispiel keine Hits schreiben. Ist eben die Frage, ob ein guter Rap wirklich ein Hit sein muss. Heutzutage gilt das oft so, wenn es kein Hit ist, ist es scheiße, das ist eine eindimensionale, oberflächliche Denkweise. Das ist wie Fastfood-Rap: Wenn du einen Big Mac auch nur kurz stehen lässt, hast du schon gleich keinen Bock mehr drauf. So ist das auch bei der Musik. Ich mag mehr, auch wenn es teurer ist, Delikatessen. Verkaufen sich nicht so gut, weil es mehr Anspruch ist, als zum Beispiel ‚Subway‘, die Sandwichkette, aber das höre ich mir dann lieber ernsthaft an, als einen Typ, der seit zwei Jahren rappt und denkt, er ist mit seinem Iphone der Shit und macht einen auf Autotune. In zwei Jahren interessiert der keinen mehr. Heute wird auch Vieles als genial gefeiert, was dilettantisch ist, weil sie denken, das wäre authentisch. Bei denen ist der Vorhang dann gefallen, bei mir fehlt der Vorhang. (lacht)

Hast du das auf deinem neuen Album „Khazraje“ umgesetzt?
Die zeitlose Komponente denke ich schon. Ich habe mit Figub Brazlevič zusammengearbeitet. Man nennt das, was der macht, Boom-Bap-Sound. Uns hat beide die Sozialisation ausgemacht, in den 90ern inspiriert worden zu sein. Die Platte klingt aber nicht wie früher, sondern wie früher, nur heute: vom Sounddesign fresher gemacht. Wie er die Beats gemacht hat und ich die Rhymes, mögen die Leute sagen, es erinnert mich an etwas, ist aber trotzdem 2017. Meine Texte handeln von Identitätssuche, dem Weg zu sich selber, von Marokko, wo mein Vater herkam.

Dafür bist du extra nach Marokko gefahren. Was hast du für dich mitgenommen?
Ich habe Anschluss gefunden an den marokkanischen Teil meiner Familie und, dass es darauf ankommt, sich nicht so sehr den Kopf zu machen. Ich habe dort mein Selbstwertgefühl gestärkt, bin mit mir ins Reine gekommen. Es war sehr bereichernd. Damit bin ich in die Musik gegangen. Ich musste gar nicht viel nachdenken, der Figub hat einen Beat gemacht und ich habe losgelegt. Wir haben in 14 Tagen die ganze Platte gemacht. Das ist diese Lockerheit aus Marokko. Wir machen uns hier zu viele Gedanken um die Konsequenzen, haben Zweifel und Ängste. Ich hab mich davon freigemacht, weil ich mich durch die Reise und die Sonne stark gefühlt habe und neuen Schwung bekommen habe. Und damit kam die Gelassenheit und das Vertrauen in mich selbst.

Text: Evelyn Waldt
Fotos: MCRene

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