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Regisseur Johannes Naber im Interview über seine Polit-Satire „Curveball“
KI 6 Curveball art
Mit seiner scharfsinnigen Habgier-Komödie „Zeit der Kannibalen“ gelang Johannes Naber vor sechs Jahren der große Coup, beste Presse, reichlich Publikum sowie der Deutsche Filmpreis. Bereits mit seinem Debüt „Der Albaner“ sorgte der Regisseur für Furore, neben dem Max-Ophüls-Preis gewann er auf dem Filmfestival in Moskau eine Auszeichnung. Nach der Verfilmung des Hauff-Märchens „Das kalte Herz“ präsentiert der Regisseur nun eine furiose Polit-Satire um bundesdeutsche Geheimdienst-Fälschungen über biologische Waffen im Irak, die einen Krieg rechtfertigen sollen – unglaublich, aber wahr! Mit Johannes Naber unterhielt sich unser Filmexperte Dieter Oßwald.
Herr Naber, die Schauspielerin Sandra Hüller bekam unlängst das Bundesverdienstkreuz aus der Hand des Bundespräsidenten. Sie erheben im Film heftige Vorwürfe gegen Herrn Steinmeier. Würden Sie eine Auszeichnung von ihm annehmen?
Mir geht es mit „Curveball“ nicht darum, Herrn Steinmeier in die Pfanne zu hauen. Der Film möchte aufzeigen, dass Institutionen uns Antworten schuldig sind. Es wurden Dinge unter den Teppich gekehrt, ohne dass es Konsequenzen gab. In anderen Ländern, etwa den USA, sind einige Politiker-Karrieren im Zusammenhang der Machenschaften mit dem Irak-Krieg beendet worden. In Deutschland ist das alles einfach so durchgelaufen. Der damalige Leiter des Kanzleramts und Koordinator der Geheimdienste ist heute Bundespräsident, was bezeichnend ist. Darum geht es mir, aber ich habe kein Mütchen zu kühlen mit Herrn Steinmeier.

Der Film nennt klar die Namen von Politikern, die in die Sache verwickelt sind: Ex-Außenminister Joschka Fischer, Ex-Kanzler Schröder ...
Es wurde damals von vielen gemutmaßt, dass die Begründung der Amerikaner für den Irak-Krieg eine glatte Lüge ist. Und es gab Leute, die dafür Beweise in der Hand hatten, aber dies für sich behielten. Ich möchte zumindest einmal die Frage stellen: Warum habt ihr das getan? Das war für mich der Grund für diesen Film. Mich interessiert die Verstrickung unseres Geheimdienstes und der Bundesregierung in dieser Sache.
Hatten Sie bei der Vorbereitung und den Dreharbeiten ein Knacken im Telefon gehört?
Mit dem Knacken in Telefonen hatte ich gerechnet, erstaunlicherweise gab es jedoch nichts dergleichen. (lacht) Die Tatsache, dass wir diesen Film machen konnten, hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass wir in Deutschland leben. Ich weiß nicht, ob solch ein Film in Russland möglich gewesen wäre. Wobei der Film ausschließlich Informationen benutzt, die öffentlich bekannt sind. Wir enthüllen keine Geheimnisse.

Warum hat das die Medien Ihrer Meinung nach damals kaum interessiert?
Es gab Artikel im Spiegel und anderswo, aber eben keine große Titelgeschichte. Die öffentliche Aufregung hat sich in Grenzen gehalten, für die Protagonisten bestand nie ein Druck, sich zu den Dingen zu äußern. Was sicher damit zu tun hat, dass die Wahrheit nur scheibchenweise und zudem mit großen Zeitabständen ans Tageslicht kam.

Zu Beginn des Films gibt es den Hinweis „Dies ist eine wahre Geschichte. Leider.“ Würde der Zuschauer diese absurde Story sonst als Märchen abtun?
Wir versuchen mit „Curveball“ die Balance zwischen grotesker Komödie und investigativer Dokumentation. Dabei den richtigen Ton zu finden, hat uns lange beschäftigt. Die Hinweis-Tafel zu Beginn soll dem Publikum ein Gefühl vermitteln, dass wir Dinge auch ironisieren. Es geht darum, das Groteske an dem Vorgang darzustellen.

Politisches Kino gilt als ausgestorben. Fühlen Sie sich ein bisschen als Saurier in der Filmlandschaft?
Ich wundere mich tatsächlich schon, weshalb diese Art von Kino so wenig stattfindet und so unmodern geworden ist. Zum Glück bekomme ich von Leuten immer wieder zu hören, wie wichtig sie meine Arbeit finden. Wie ein Saurier fühle ich mich jedenfalls nicht.
KI 1 Wolf Sebastian Blomberg Copyright Sten Mende art
KI 1 Curveball Key Visual art
KI 2 Wolf Sebastian Blomberg Copyright Sten Mende art
Drehbuch-Ikone Wolfgang Kohlhaase ist an „Curveball“ beteiligt. Wie sah die gemeinsame Zusammenarbeit aus?
Kohlhaase war in der sehr frühen Phase der ­Stoffentwicklung mit an Bord. Er hat sich sehr für die Geschichte interessiert und wir haben uns oft getroffen. Am Ende entschied er sich allerdings dagegen, das Drehbuch selbst zu schreiben. Gleichwohl stand er mir dann als dramaturgischer Berater zur Verfügung. Zum Beispiel bei der Frage, wie man mit Humor umgeht.

Was war dabei die Erkenntnis?
Man muss nicht versuchen, lustig zu sein. Sondern man sollte besser das Groteske in der Realität finden und herausschälen – das haben wir jedenfalls versucht.

Einmal mehr setzen Sie dabei auf Sebastian Blomberg. Was sind seine Qualitäten?
Sebastian zählt für mich zu den besten deutschen Schauspielern. Er ist unglaublich mutig, wirklich zu spielen, statt sich hinter einer mimischen Reduktion zu verstecken. Blomberg hat große Lust auf ein expressives Spiel, was viel risikoreicher ist, als einfach nichts zu machen. Zudem besitzt er einen Humor, der sehr unterschwellig funktioniert.


KI 4 Wolf Sebastian Blomberg Copyright Sten Mende artKI 5 Wolf Sebastian Blomberg Copyright Sten Mende art


Reichlich Humor besitzt auch Fahri Yardim, der hier als Produzent auftritt. Wie kam es zu dieser Konstellation?
Fahri ist eingestiegen in die Firma meines Produzenten. Für mich war das eine schöne Erfahrung, weil er sich engagiert mit dem Projekt befasste und ein paar ganz erfrischende Sichtweisen auf vieles hatte.

Weshalb haben Sie darauf verzichtet, die reale Schlüsselfigur der Geschichte, den Informanten Rafid Alwan, zu treffen?
Er hat seine Geschichte schon oft und vor vielen Kameras erzählt. Wir entschieden uns gegen einen Kontakt mit Alwan, weil wir uns durch ihn nicht instrumentalisieren lassen wollten. Er sollte nicht behaupten können, dass wir die Dinge so darstellen, wie er es uns erzählt hat.
Und es soll uns auch niemand vorwerfen können, wir hätten vor allem seine verdrehte Sichtweise der Dinge reproduziert. Zudem muss man einfach sehen, dass er eine massiv unglaubwürdige Quelle ist. Darauf wollten wir uns nicht stützen.

Der Bundespräsident gibt sich gern als leidenschaftlicher Kinogänger. Wie würde er wohl auf Ihren Film reagieren?
Vermutlich wird er wütend sein und sagen, das wäre doch alles ganz anders gewesen. Oder er fühlt sich missverstanden. Ich würde mir wünschen, wenn Herr Steinmeier seiner Wut dann Luft macht, indem er sich endlich einmal dazu äußert.

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Interview Dieter Oßwald
Fotos Sten Mende

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