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Der rumänische Regisseur Corneliu Porumboiu über seinen stilsicheren Thriller „La Gomera“
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Wirtschaftlich gilt Rumänien als Armenhaus. Kulturell fällt die Bilanz des Balkanstaats eindrucksvoll aus. Filmemacher wie Cristian Mungiu, Cristi Puiu oder Anca Damian räumen auf Festivals vielfach Goldene Bären, Palmen und Leoparden ab. Auch Corneliu Porumboiu, 44, gehört zur Riege der Regie-Talente. Mit seinem Debüt „12:08 East of Bucharest“ gewann er 2006 die Caméra d‘Or in Cannes. Neun Jahre später folgte dort der nächste Preis für „The Treasure“. Und auch mit seinem stilsicheren Polit-Thriller „La Gomera“ ging der Rumäne in Cannes an den Start und für sein Land ins Oscar-Rennen. Auf der titelgebenden Insel beherrschen die Einheimischen die Kommunikation durch Pfiffe – für Ganoven die ideale Geheimsprache für einen großen Coup. Mit dem Regisseur unterhielt sich SUBWAY-Kinoexperte Dieter Oßwald.
Herr Porumboiu, könnten wir dieses Gespräch auch mit Pfiffen statt mit Worten führen?
Das könnten wir gerne machen. Sie müssen die Fragen jedoch auf Englisch pfeifen. (lacht) Tatsächlich beherrsche ich im Unterschied zu meinen Schauspielern die Pfeif-Sprache leider nicht sehr gut, ich kenne lediglich einige Grundformen davon.

In dem türkischen Drama „Sibel“ vom Vorjahr spielt die Pfeif-Sprache gleichfalls eine wichtige Rolle. Die verblüffende Kommunikation scheint weiter verbreitet als vermutet?
Ich habe von „Sibel“ gehört, den Film allerdings nicht gesehen. Meine Idee stammt von einer Dokumentation, die ich vor zehn Jahren im Fernsehen sah. Bei der näheren Beschäftigung mit dem Thema entdeckte ich, dass diese Pfeif-Sprache nicht nur in der Türkei, in Griechenland sowie in Frankreich existiert, sondern auf allen Kontinenten zu finden ist. Ingesamt gibt es rund 40 Regionen auf der Welt, in denen auf diese Weise kommuniziert wird. Bereits die Ureinwohner von Amerika haben sich mit Pfiffen verständigt. Die Ursprünge dieser Sprache sind allerdings unklar.

Sie zeigen ausführlich, wie Ihr Hauptdarsteller die Pfeif-Sprache erlernt. Beim Zusehen scheint das erstaunlich einfach. Wie lange hat es gedauert, bis er sich auf diese Art verständigen konnte?
Die Pfeif-Sprache von „La Gomera“ wurde in das UN-Weltkulturerbe aufgenommen, deshalb gibt es auf der Insel eigens Sprachkurse dafür. Das wird in den Schulen unterrichtet und auch für Touristen angeboten. Wir haben die Leiterin dieser Kurse engagiert, um unsere Schauspieler zu unterrichten. Nach zwei Wochen Intensivkurs wurden die Lektionen per Skype fortgesetzt. Unser Hauptdarsteller hat das so schnell begriffen, dass wir lediglich in zwei Szenen ein Double eingesetzt haben, alles andere stammt von ihm selbst.
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Das Kino Ihres Landes sorgt international für viel Furore. Wie erklären Sie dieses rumänische Filmwunder?
Das ist für mich eine schwierige Frage, weil ich aus meiner Position ja lediglich die Innenansicht kenne. Zu Zeiten des Kommunismus war das Kino in Rumänien handwerklich stark entwickelt, weil Film als Propagandamittel genutzt wurde. Es gab eine regelrechte Filmindustrie bei uns. Seit 15 Jahren gibt es nun eine neue Generation, die zunehmend ihre eigene Kino-Sprache entwickelt.

Werden die neuen Filmemacher in Ihrer Heimat so wertgeschätzt wie auf internationalen Festivals?
Für Arthaus-Kino gibt es lediglich eine kleine Gemeinde von Interessenten. In den 90er Jahren wurden viele Kinos geschlossen und immer weniger Filme produziert. Dadurch verlor meine Generation und die meiner Eltern den Appetit auf Kino. Ab 2005 entstanden die Multiplexe in den Einkaufszentren und die jungen Zuschauer wollten Hollywood-Filme sehen. Zwischen Kommerz und Kunst entstand eine Lücke, die bis heute schwer zu überbrücken ist.

Wie überlebt man als Regisseur in einem Land, das keinerlei große Filmförderung bietet?
Es gibt durchaus Förderung vom Nationalen Filmzentrum, dort stellt man Anträge für seine Projekte wie in Deutschland oder Frankreich. Aber natürlich stehen bei uns bei weitem nicht so viele Subventionen zur Verfügung. Man muss sich nach internatio-
nalen Co-Produzenten umsehen. Für „La Gomera“ fanden wir französische, schwedische und deutsche Finanzpartner.

Auf der deutschen Seite fanden Sie die Unterstützung von Komplizen Film, die unter anderem schon „Toni Erdmann“ auf die Beine stellten. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Ich bin gut befreundet mit Maren Ade, der Regisseurin von „Toni Erdmann“ und Gesellschafterin von Komplizen Film. Auch die andere „Komplizin“ Janine Jackowski kenne ich schon sehr lange. Beiden schickte ich mein Drehbuch und sie mochten es. Das ging ganz unkompliziert.

„ZWISCHEN KOMMERZ UND KUNSt ENTSTAND EINE LÜCKE, DIE BIS HEUTE SCHWER ZU ÜBERBRÜCKEn ist“

Bekannte Songs sind selten zum Schnäppchenpreis für den Soundtrack zu haben. Hat „The Passenger“ von Iggy Pop nicht gleich Ihr Budget gesprengt?
Nein, in diesem Fall war das nicht so. Für mich setzt dieser Song zu Beginn gleich die richtige Stimmung. Auch der Text passt bestens zu unserer Geschichte. Später entwickelt sich der Soundtrack fast zur eigenständigen Figur, sei es mit „Carmina Burana“ in der Motel-Szene, mit Brechts „Mackie Messer“ oder dem großen Finale zu „Livin‘ La Vida Loca“.

Über das Genre von „La Gomera“ lässt sich streiten: Ist es Detektivfilm, Film noir, Western oder Komödie?
Für mich ist es vor allem ein Film noir. Beim Schreiben des Drehbuchs dachte ich an Figuren, die sich selbst ständig verstecken und auch ihre Absichten stets verbergen. Wie in all meinen Filmen versuchen die Helden, ihr Schicksal zu kontrollieren – was ihnen nicht gelingt. Und natürlich kommt dabei auch meine Art von Humor nie zu kurz. (lacht)
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Bisweilen erinnert Ihr Held an Kultschauspieler Buster Keaton ...
Ja, das ist seine Weise, die Kontrolle über die Situation zu bewahren. Dass er in allen denkbaren Situationen so ernst bleibt, lässt ihn komisch erscheinen. Mich amüsiert es, dieses Ungleichgewicht zwischen heroischem Anschein und der Realität herauszuarbeiten. Diese schrecklich ernste Seite unter allen Umständen verleiht meinen Filmen einen Hauch des Absurden.
Wie konzipieren Sie die visuelle Wundertüte, ohne dass die Ästhetik zur Parfüm-Reklame mutiert?
Meine Frau Arantxa ist Künstlerin und hat sich um den visuellen Stil gekümmert. Von ihr stammt auch die Idee mit den bunten Zwischentiteln, die die Kapitel unterteilen. An diesen Regenbogenfarben orientieren sich dann jeweils die Kostüme und die Ausstattung. Mein Kameramann Tudor Mircea und ich suchten nach einer visuellen Sprache, die sich auf Edward Hopper, Alfred Hitchcock und den klassischen Film noir bezieht.

Die Geschichte gerät raffiniert. Wie weit kann man beim Puzzle gehen, ohne das Publikum zu überfordern?
In der Mitte mögen die Dinge etwas kompliziert erscheinen, dafür wird man am Ende mit einer recht einfachen Auflösung belohnt und alles bekommt seinen Sinn. Mit „La Gomera“ sind wir allemal noch weit entfernt von kryptischen Filmen wie „Inception“ oder „Mulholland Drive“. (lacht)
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Interview Dieter Oßwald
Fotos Alamode Film

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