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Regisseur Francis Lee im Interview über seine vielfach Award-nominierte Lovestory „Ammonite“
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Mit seinem Kinodebüt „God’s Own Country“ sorgte Francis Lee vor vier Jahren für Furore. Die schwule Lovestory um einen jungen Bauern und einen Erntehelfer aus Osteuropa räumte reichlich Festivalpreise ab und bekam euphorische Besprechungen. Das dürfte mit dem zweiten Streich „Ammonite“ ganz ähnlich passieren, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen Mitte des 19. Jahrhunderts. Oscar-Preisträgerin Kate Winslet gibt die vom Leben enttäuschte Fossilien-Händlerin in der Provinz, der von einer jungen Besucherin gehörig der Kopf verdreht wird. Wie schon in „Der Vorleser“ zeigt Kate Winslet wenig Scheu vor Nacktszenen. Nicht minder freizügig präsentiert sich die vierfach für den Oscar nominierte Saoirse Ronan. Gewidmet ist die Lovestory der echten Mary Anning (1799-1847) aus dem englischen Küstenort Lyme Regis in Dorset. Sie gilt historisch als eine der ersten Paläontologinnen weltweit. Mit Regisseur Francis Lee sprach unser Filmexperte Dieter Oßwald.
Mister Lee, es gibt etliche Großaufnahmen von Spinnen und Käfern im Film. Was hat es damit auf sich?
Für mich liegt der besondere Reiz am Kino darin, dass es ein visuelles Medium ist. Ich erzähle Geschichten lieber mit Bildern als mit Worten. Aufnahmen von Insekten oder der Natur sind Metaphern, die ein Geschehen verstärken und verdeutlichen, was in den Figuren vorgeht.

Steht die Metapher für eine unerbittliche Natur versus menschlicher Emotionen?
Mich interessieren die harten Seiten der Menschen, ebenso die rauen Aspekte der Natur. Auch wir gehören zu dieser Natur, aber deren Gesetze laufen unbeeindruckt weiter, ganz egal in welchen emotionalen Zuständen wir Menschen uns befinden. In der Natur geht es nur ums Überleben und um Vermehrung. Als Kontrast dazu möchte ich die menschlichen Emotionen stellen.
Ihre Heldin Mary Anning hat sich als Außenseiterin die Paläontolgie selbst beigebracht. Sehen Sie Parallelen zur Ihrer Karriere vom Bauern zum Filmemacher?
Das ist sicher kein Zufall. Ich stamme aus der traditionellen Arbeiterklasse im Norden von England. Ich hatte keine großartige Ausbildung. Aber schon in jungen Jahren hat mich das Schreiben fasziniert, auch Regie fand ich spannend. Jedoch hatte ich keine Ahnung, wie man das macht. Als ich mich über die Filmindustrie informierte, kam mir das wie eine fremde Welt vor. Das waren privilegierte Leute aus der Mittelschicht mit guter Schulbildung. Zudem konnte ich mir die Filmschule finanziell gar nicht leisten. Deswegen habe ich mir die Dinge selbst beigebracht. Es dauerte jedoch einige Zeit, bis ich meine eigene Stimme schließlich gefunden hatte.

Sie haben auf einem Schrottplatz gearbeitet. Kommt daher Ihr Wissen, wie Finger nach harter Arbeit aussehen?
Ich wuchs auf einem Bauerhof auf und weiß sehr gut, wie sich harte Arbeit auf die Hände auswirkt. Bei den Recherchen für den Film fiel mir auf, wie lädiert die Finger von Fossilien-Suchern an der Küste waren. Ich schlug Kate vor, dass sie ebenfalls Steine klopfen soll, und zwar nicht nur an einem Tag, sondern über Wochen hinaus. Das machte sie an jenem Strand, an dem schon Mary Anning gearbeitet hatte. Sie benutzte dabei dieselben Werkzeuge und war richtig gut. Kate hat dieser Realismus ausgesprochen gut gefallen.

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Wird das Handwerk zum Bonus für Ihre Schauspieler:innen? In Ihrem Film „God’s Own Country“ lernte Josh O’Connor, wie man eine Mauer baut ...
Stimmt. Ich finde, dass solche handwerklichen Fertigkeiten den Schauspielern ein ziemlich gutes Gespür für ihre Figur geben. Kate war ja auch diesem schrecklichen Wetter an der Küste ausgesetzt, das gibt einen ganz anderen Zugang für eine Rolle.

Wie schwierig ist es, Kate Winslet für Nacktszenen zu überreden?
Intime Szenen haben für mich ihre Berechtigung, wenn man dadurch mehr über diese beiden Figuren erfährt und wenn sie die Geschichte voranbringen. Das hat Kate überzeugt, Nacktszenen waren für sie nie ein Problem. Sie verstand, dass es um visuelles Erzählen ging. Mit ihrer Filmpartnerin Saoirse Ronan haben Kate und ich fünf Monate lang geprobt, um die Figuren zu gestalten. Dadurch hat sich eine starke und vertrauensvolle Bindung entwickelt, die zu einer guten Basis für die Arbeit wurde.

„Intime Szenen haben ihre Berechtigung, wenn man dadurch mehr über die Figuren erfährt“

Es gibt immer wieder die Diskussion, ob queere Figuren von queeren Darsteller:innen gespielt werden sollten. Was ist Ihre Position dazu?
Wenn ich einen Schauspieler oder eine Schauspielerin zum ersten Mal treffe, würde ich sie nie nach deren sexuellen Präferenzen fragen. Zum einen, weil einige das nicht beantworten wollen. Zum anderen, weil einige befürchten könnten, eine Rolle deswegen nicht zu bekommen, weil sie nicht dieselbe Orientierung haben wie die Figur, die sie spielen wollen. Wie jemand die eigene Sexualität leben möchte, ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Entscheidend für mich ist allein, ob sie ihre Figur und deren emotionale Welt verstehen. Ich bin ein großer Anhänger von Diversität, bei „Ammonite“ haben wir das im Team sehr stark umgesetzt. Aber ich halte es für problematisch, wenn LGBTQ+-Rollen nur von LGBTQ+- Menschen gespielt werden sollten.
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Ihr Produzent Iain Canning betont seine queere Orientierung ganz gerne ...
Als Filmemacher sollte man jede Geschichte erzählen, die einen berührt. Mir ist es völlig egal, ob heterosexuelle Regisseure einen schwulen Film machen. Umgekehrt hoffe ich für mich auf dieselbe Reaktion.

Sollte man bei der kommenden Oscar-Verleihung auf „Ammonite“ wetten?
Wer weiß das schon? Wegen Corona habe ich meinen Film noch nie gemeinsam mit Publikum sehen können. Ich lese auch bewusst keine Artikel darüber. Deswegen habe ich überhaupt keine Ahnung, wie Zuschauer auf „Ammonite“ reagieren. Für mich ist es ein großer Erfolg, wenn ich sagen kann: Das ist genau der Film, wie ich ihn machen wollte!
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Interview Dieter Oßwald
Fotos TOBIS

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