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Interview mit Wotan Wilke Möhring zu „Happy Burnout“

Interview mit Wotan Wilke Möhring zu „Happy Burnout“ | Er war Elektriker, Türsteher, Punk und Fallschirmspringer bei der Bundeswehr, dann wurde Wotan Wilke Möhring 1997 für „Die Bubi-Scholz-Story“ entdeckt. Inzwischen hat er in über 90 Produktionen für Kino und Fernsehen gespielt, darunter „Das Experiment“, „Lammbock“, „Soul Kitchen“, „Männerherzen“ oder zuletzt „Lommbock“. Zudem ist er als „Tatort“-Kommissar im Rennen. Nun kommt Möhring an der Seite von Anke Engelke in der Komödie „Happy Burnout“ in die Kinos – als ein in die Jahre gekommener Punk, der in einer Psychiatrie-Klinik landet.

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Herr Möhring, nach dem wilden Kiffer-Auftritt in „Lommbock“ geben Sie nun auch als Punk in „Happy Burnout“ dem Affen Zucker – ist das der definitive Traum für jeden Schauspieler?
(lacht) Also, der Frank in „Lommbock“ ist noch eine andere Nummer, denn bei ihm gibt es überhaupt keine Reflektion, geschweige denn eine Selbstreflektion. Bei „Happy Burnout“ hingegen wird die Provokation des Helden im Verlauf der Geschichte entlarvt und der Punk muss sich all dem irgendwie stellen – was er überhaupt nicht mag! Ihm wäre lieber, er könnte so weitermachen, in seiner charmanten, aber extrem oberflächlichen Art die Welt zu provozieren. Und sich mit den linksintellektuellen Argumenten ständig auf der Gewinnerseite zu fühlen.


Wie groß muss die Schnittmenge mit einer Figur sein, die Sie spielen?
Beim Frank in „Lommbock“ waren das natürlich 100 Prozent, inklusive der Frisur. Ansonsten ist die Größe der Schnittmenge mit einer Rolle gar nicht so ausschlaggebend, entscheidend für mich ist, dass es einen Zugang zu der Figur gibt. Bei „Happy Burnout“ war das besonders einfach, weil der Autor Gernot Gricksch diese Rolle auf mich zugeschnitten hat. Er wusste, dass ich lange in der Punk-Szene unterwegs war und mir dieser Habitus samt der provokanten Sprache recht geläufig ist. Ich habe mich jedenfalls sofort sehr wohl gefühlt, wieder einmal sechs Wochen lang Springerstiefel zu tragen.


Sie hatten auch Einfluss auf das Drehbuch, haben Sie sich den Kuss mit Anke Engelke selbst in den Film geschrieben?
Nein, an diesem Kuss trage ich keine Schuld! (lacht) Mein Einfluss auf das Drehbuch bestand nur in der Feinabstimmung zum Schluss. Das Buch selbst stammt voll und ganz von Gernot Gricksch, der ein viel zu begnadeter Autor ist, als dass er Ratschläge von anderen bräuchte.

Da ich über das Prinzip „Lust“ funktioniere, heißt mein schlichter Anspruch an ein Drehbuch: Es muss Lust machen!

Ein bisschen weht der Geist des Klassikers „Einer flog über das Kuckucksnest“ über diese Psycho-Klinik ...
Absolut! Die Parallele zu „Einer flog über das Kuckucksnest“ habe ich auch immer so gesehen. Allerdings geht es bei uns schon etwas leichter und nicht ganz so krass zu. Auch das Ende fällt versöhnlicher aus als bei Jack Nicholson. Aber diese Konstellation, die man gerne als „fish out of water“ bezeichnet, also eine Figur, die sich plötzlich in einer fremden Welt wiederfindet, beschreibt genau die Situation von unserem Punk Fussel – niemand ist weiter von einem Burn-out entfernt als er.

Das Thema Burnout ist sehr ernst, da es viele Menschen existentiell betrifft. Wie groß ist die Verantwortung, das nicht nur als Vorlage für Gags zu benutzen?
Die richtige Balance ist bei so einem Thema ausgesprochen wichtig und Burnout wird im Film nie der Lächerlichkeit preisgegeben. Es wird niemand ausgelacht, sondern man lacht mit den Figuren. Wir erfahren mit Fussel zusammen, ab welchem Moment man sich der Ernsthaftigkeit nicht mehr entziehen kann. Für ihn ist es ein Prozess des Erwachsenwerdens, wenn er die Probleme dieser Burnout-Patienten tatsächlich ernstnehmen muss. Er lernt, zuzuhören. Er entdeckt die eigene Empathie langsam wieder und kann so schließlich auch seine eigenen Probleme entschlüsseln. 

Sie haben über 90 Filme gedreht – wo liegt noch der Kick, wenn Sie ein Drehbuch lesen?
Es gibt noch so viel zu entdecken. An sich selber. Über sich selber. Und über die Welt. Ich will jetzt nicht sagen, das wäre ein Fass ohne Boden. Aber jedes Projekt bietet tatsächlich die Chance, ein neues Land zu bereisen. Eine neue Stadt zu entdecken – oder einen neuen Menschen. Da ich über das Prinzip „Lust“ funktioniere, heißt mein schlichter Anspruch an ein Drehbuch: Es muss Lust machen!

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Es kam beim ganzen Dreh nie zu ungeplanten Lach-Anfällen?
Den einen oder anderen Lach-Kick hat man natürlich hier und da. Aber das liegt nicht an der Komik einer Szene, sondern daran, was zwischen zwei Schauspielern geschieht und sich dann hochschaukelt. Wenn ein Fehler passiert oder man einen Satz anders interpretiert, dann schaut man sich nur an und muss lachen.

Die Dialoge wirken sehr entspannt, wie viel Improvisation war dabei möglich?
Wie schon bei „Lammbock“, wurde auch diesmal überhaupt nicht improvisiert. Alles, was gesagt wird, hat Christian Zübert genau so im Drehbuch vorgegeben. Wenn ein Text derart gut geschrieben ist, eröffnet das dem Schauspieler die Möglichkeit, frei damit umzugehen. Wenn es anschließend wie improvisiert wirkt, ist das ein tolles Kompliment.

Eigentlich wollte Christian Zübert gar keine Fortsetzung machen, aber Sie hätten ihn dazu gezwungen – stimmt das?
Gezwungen nicht wirklich. Aber klar, ich hätte immer unheimlich gerne eine Fortsetzung gemacht. Ich verstehe allerdings, dass Christian nach seinem Debüt mit „Lammbock“ erst einmal andere Filme drehen und sich ausprobieren wollte. Irgendwann war die Zeit gekommen, dass man über die Figuren etwas Neues erzählen konnte, was mehr war, als eine bloße Aneinanderreihung von blöden Kiffer-Anekdoten. Christian hat das aufgeschrieben und es hat zu unser aller Überraschung sehr gut funktioniert. Da war klar: Jetzt wird’s richtig lustig!

Warum war die Lust auf Hollywood bislang noch nicht vorhanden?
Hollywood hat sich einfach noch nicht ergeben. Das wäre auch nicht mein allergrößter Traum. Ich fühle mich im deutschen Film sehr wohl, auch mit den Themen. Es gibt auch bei uns viele gute Geschichten zu erzählen – deswegen bin ich mit meiner Situation eigentlich ganz zufrieden.


Was ist die wichtigste Qualität im Schauspiel-Beruf?
Die wichtigste Qualität besteht darin, Chaos, Lust und Disziplin unter einen Hut zu bekommen.


Ist das Leben als Schauspieler etwas für Feiglinge?
Absolut nicht! Der Beruf des Schauspielers braucht Mut. Nicht so sehr, weil man körperlich bisweilen einiges an Einsatz zeigen muss. Sondern, weil man in diesem Job sein Innerstes auf den Tisch legen muss, was sehr viel Mut verlangt. Feigheit und Schauspielerei – das geht überhaupt nicht zusammen.


Sie sind mittlerweile auch als „Tatort“-Kommissar im Einsatz, was bedeutet das für Sie?
Der „Tatort“ ist eine Institution. Sich an einem Stück deutscher Fernsehgeschichte und ihrer Fangemeinde zu beteiligen, ist eine aufregende Sache. Reizvoll ist für mich, dass es die erste Serie ist, die ich drehe. Außerdem wird die Geschichte meiner Figur nicht zu Ende erzählt, sondern entwickelt sich mit jeder Folge weiter. Und ich bin der, der bleibt. Regie und Kamera wechseln.


Welche Besonderheiten zeichnen Ihren Kommissar aus?
Es war mir wichtig, dass dieser Kommissar aus dem Bauch heraus entscheidet, wie ich das auch größtenteils mache. Was ihm an Akribie fehlt, macht er durch Intuition wett. Er hat eine Partnerin, mit der er sich in dieser Beziehung gut ergänzt. Und außerdem trinkt er gern Milch.

Text: Dieter Oßwald
Fotos: Thomas Kost

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