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Schauspieler und Deutscher-Filmpreis-Kandidat Rainer Bock über „Atlas“
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Er spielte viele Jahre auf der Bühne, erst mit 50 begann Rainer Bock seine Kinokarriere als Bösewicht in Nebenrollen. Dafür aber gleich mit renommierten Regisseuren. Michael Haneke engagierte ihn als grausamen Arzt in „Das weiße Band“, Tarantino besetzte ihn bei „Inglourious Basterds“ und für Spielberg gab er den Offizier im Kriegsdrama „Gefährten“. Nach dem Gastspiel als Architekt Ziegler in der US-Serie „Better Call Saul“, übernimmt Bock im Debütfilm „Atlas“ nun erstmals eine Hauptrolle und zeigt, dass er zu den Besten seines Faches gehört. Als schweigsamer Möbelpacker Walter lebt er ein geruhsames Leben - bis ihn überraschende Ereignisse zum Handeln zwingen. Für die Rolle ist Bock für den Deutschen Filmpreis nominiert. Mit dem 64-jährigen Schauspieler sprach unser Kino-Redakteur Dieter Oßwald.
Herr Bock, Sie begannen erst mit 50 mit Film. Dann ging es von Haneke über Spielberg bis Tarantino. Und nun sind Sie für den Deutschen Filmpreis nominiert. Wäre „Die Letzten werden die Ersten sein“ ein passender Titel für Ihre Biografie?
Das hat ja auch immer ein bisschen mit Glück zu tun und damit, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen kennenzu lernen. Natürlich muss man solche Drehbücher auf den Tisch gelegt bekommen, wo man vielleicht die Chance hat, zu zeigen, was man womöglich kann. Es war ein schöner Glücksfall, dass mich Michael Hanke für „Das weiße Band“ besetzte.Daraus hat sich dann alles weitere entwickelt.

Werten Sie es umgekehrt als Pech, dass Sie bis zu „Atlas“ immer nur Nebenrollen angeboten bekommen haben?
Nein, überhaupt nicht. Es ist doch ziemlicher Unsinn, immer wieder in solchen Kategorien zu denken. Was wäre ein Fußball-Team mit elf Maradonnas? Das würde gnadenlos untergehen.
Um beim Bild zu bleiben: Spielberg oder Tarantino spielen in der Championsleague. David Nawrath gibt mit „Atlas“ sein Regie-Debüt. Wo liegen die Unterschiede für den Schauspieler?
Das entscheidende Kriterium für mich ist immer das Drehbuch, alles weitere entscheidet sich danach in den Gesprächen und im Kennenlernen. Dass es sich bei „Atlas“ um eine ganz besonderes Drehbuch handelt, war beim Lesen völlig klar. Allerdings hatte ich mich für eine Fehlbesetzung gehalten. In der Beschreibung der Figur stand „Hände wie Bratpfannen“ oder „Muskelspiel zeichnet sich unter dem Hemd ab“ – ich hatte zu der Zeit Muskeln wie ein Spatz, Krampfadern und zudem ein kleines Bäuchlein. Vielleicht ging ich deshalb so völlig entspannt zum Casting. (lacht)
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Wie ging es danach weiter?
Zwei Wochen später rief mich David Nawrath an und sagte jenen Satz, den ich jedem Schauspieler gönne und den man wahnsinnig gern einmal hören möchte: „Ich kann mir meinen Film ohne dich nicht mehr vorstellen!“. Ich war sehr gerührt und fragte, wo ist der Haken? Worauf David meinte, der einzige Haken sei, dass ich die nächsten neun Monate im Fitness-Center trainieren müsse. Wenn man keine 25 mehr ist, muss man sich da schon überwinden, aber irgendwann hat das Training sogar richtig Spaß gemacht.

Sie haben oft den Bösen gespielt. Wie groß müssen die Schnittmengen mit der Figur sein, damit man sie spielen kann?
Die Figuren kommen ja zu mir, ich suche sie mir nicht. Zu Beginn der Auseinandersetzung weiß ich selbst noch nicht, in welche Richtung das gehen wird. Irgendwann formt es sich, was neben dem schauspielerischen Handwerk sicherlich auch viel mit Lebenserfahrung zu tun hat.
Bei einem Sonderling wie Walter in „Atlas“ klingt das nachvollziehbar. Aber wie verhält es sich mit Bestien und Sadisten in Uniform?
Ich scheue mich vor Sätzen wie „Ich suche nach dem Menschlichen dieser Figur.“ Oder „Auch diese Figur ist nur ein Mensch.“ Wenn ich den KZ-Arzt Mengele oder Hitler darstellen sollte, hätte ich ein Problem. Da könnte ich einfach nichts finden, was ich lieben könnte. Ich wüsste nicht, wie man das dann spielt. Es geht irgendwie. Man kann sich schon hineinversetzen, aber fühlt sich sicher nicht immer unbedingt wohl dabei.

"Einen Karriereplan hat es bei mir nie gegeben – Und wird es auch nie“

Was sehen Sie als die allerwichtigste Qualität in Ihrem Beruf?
Auch wenn es pathetisch klingen mag: Die Liebe zu den Menschen gehört für mich zu den ganz wichtigen Qualitäten eines Schauspielers. Und die Freude am Zusammenspiel. Ich bin kein großer Freund von Monologen. Die meisten schönen Dinge entstehen dann, wenn man aufeinander zugeht und sich zuhört.

Weniger schöne Dinge entstehen, wenn man für Spielberg einen Soldaten spielt, der entgegen dem Drehplan diverse Ladehemmungen hat. Wie haben Sie diesen Rohrkrepierer in „War Horse“ erlebt?
Das war schon ein kleiner Alptraum. (lacht) In dieser Szene spielten über 450 Komparsen, Autos, Pferde und Motorräder - und alle mussten nach dem Malheur wieder auf ihre Position zurück, was gut eine Viertelstunde dauerte. Wenn Ihnen diese Panne dreimal hintereinander passiert, dann ist die ganze Uniform samt Mantel durchgeschwitzt. Spielberg hat mit einer unglaublich warmherzigen Souveränität reagiert. Da gab es kein „So ein Trottel von Schauspieler!“, sondern er fragte, „Wie können wir das Problem klären?“. Tatsächlich stellte der Waffenmeister fest, dass ein paar Sandkörner die Schiene blockierten, in die ich die Waffe hätte einführen müssen. Das konnte also gar nicht funktionieren –und ich war zum Glück völlig unschuldig.
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Gibt es unter all Ihren Filmen eine Szene, auf die Sie besonders stolz sind? Etwa jene Demütigungssequenz aus „Das weiße Band“?
Nein, so denke ich nicht. Diese Demütigungs-­Szene in „Das weiße Band“ war schon etwas, wo man mit klopfendem Herzen spielt. So möchte man nicht sein, aber muss man eben. Das war einerseits schwierig, andrerseits war das so brillant geschrieben, dass es auch wieder einfach war.

Haben Sie für die Rolle des Möbelpackers in „Atlas“ vorab im Milieu recherchiert?
Tatsächlich habe ich mich ein bisschen mit dem Berufsstand der Möbelpacker beschäftigt. Wenn ich irgendwo Umzüge gesehen habe, hielt ich öfters an, um mir anzuschauen, wie sich diese Leute bewegen und worüber sie reden. Entgegen dem Klischee sind das ja durchaus keine dumpfen Muskelpakete, die nur bis drei zählen können.

Gibt es nach all den Erfolgen mittlerweile einen Karriereplan?
Einen Karriereplan hat es bei mir nie gegeben – und es wird auch nie einen geben!
Welche Rolle spielt der Ruhm für Sie? Nach „Better Call Saul“ wurden Sie immerhin von Jugendlichen auf der Straße angesprochen...
Es war schon ziemlich lustig, dass ich zum ersten Mal von einer Altersgruppe unter dreißig angesprochen wurde. (lacht) Ruhm finde ich nicht wichtig, Anerkennung hingegen schon. Man wäre doch ein Idiot, wenn man Anerkennung für seine Arbeit nicht schätzen und genießen würde.

Sollte man beim Deutschen Filmpreis auf Sie wetten. Wie sehen Sie Ihre Chancen?
Ich bin ein echter Zocker. Ich wette gern auf Fußball, mit mir können Sie alles spielen: Poker, Skat, Schach, Billard. Aber das Fell des Bären vorher zu verteilen, wäre wenig klug. Ob ich den Filmpreis gewinne, ist fast zweitrangig. Ich habe mich über die beiden Nominierungen für „Atlas“ wahnsinnig gefreut. Alles andere überlassen wir der Laune der Kollegen und freuen uns auf einen schönen Abend bei der Verleihung.

Interview Dieter Oßwald
Fotos 235 Film, Tobias von dem Borne, Gerald von Foris

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