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Nach ihrem internationalen Erfolgsfilm „Systemsprenger“ durfte Jungregisseurin Nora Fingscheidt in L.A. für Netflix drehen. SUBWAY sprach mit ihr über „The Unforgivable“.
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Von Braunschweig nach Hollywood: Gestern noch an kleineren deutschen Filmproduktionen mitgewirkt und heute am Set als eine der großen Stars der Filmwelt gefeiert. Zumindest grob könnte man Nora Fingscheidts Werdegang so zusammenfassen. Die in Braunschweig geborene 38-jährige Regisseurin hat mit ihrem großartigen Erziehungsdrama „Systemsprenger“ im Jahr 2019 international für eine echte Überraschung gesorgt und auch zum Start von „The Unforgivable“, ihrem neuesten Werk, das für Netflix in Zusammenarbeit mit Superstar Sandra Bullock und „The Departed“-Produzenten Graham King entstand, ist sie in den Medien wieder allgegenwärtig. Realitätsnah, ungeschönt und authentisch sind ihre bisherigen Filme schon fast dokumentationsartig und greifen inhaltlich meist einen gesellschaftlichen Missstand auf. Auch in „The Unforgivable“ geht es um eine Frau, die unter dem System und gesellschaftlicher Ablehnung zu scheitern droht. Wie es war, in den USA zu drehen und warum sie so oft Geschichten über Außenseiter behandelt, verriet uns Nora im Interview.
Nora, wie fühlt sich der große Sprung von Deutschland nach Hollywood an?
Ein wenig verrückt auf jeden Fall. Er war und ist aber vor allem eine tolle Erfahrung.

Wie unterscheiden sich die Möglichkeiten, in Hollywood zu produzieren, zu denen in Deutschland? Wie erlebst du das?
In Deutschland habe ich ja nur Low-Budget-Produktionen inszeniert und nie als Regie an einem großen Set gestanden. Hier in Amerika war es dann gleich ein Riesenprojekt. Da decken sich die Erfahrungen leider nicht genug ...

Gibt es Dinge, die du an kleineren Produktionen deiner früheren Karriere vermisst?
Die Zeit von kleineren Projekten ist für mich definitiv nicht vorbei. Es hängt vom jeweiligen Projekt ab, welche Teamgröße am meisten Sinn ergibt. Toll an einem kleinen Team ist, dass alle wie eine Familie zusammenwachsen.

Wie ist es für dich, mit Stars wie Sandra Bullock und Graham King arbeiten zu dürfen?
Ich habe viel von ihnen gelernt. Das sind ja Leute, deren Filme ich schon als Teenagerin geschaut habe. Und ich hätte nie gedacht, sie mal persönlich kennenzulernen. Aber gleichzeitig macht man dann eben einen Film zusammen und landet ganz schnell im täglichen Arbeitsaustausch. Dann fühlt sich alles plötzlich sehr normal an.
Wie sind die beiden privat – habt ihr auch mal zusammen einen Wein getrunken?
Ja klar, haben wir. Die sind sehr nett und leben mit Herz und Seele für Film und Kino.

In „Systemsprenger“ und jetzt auch „The Unforgivable“ stehen Menschen im Mittelpunkt, die gesellschaftlich eher verstoßen werden und durch das System fallen. Spielen bei der Motivation für solche Geschichten auch deine persönlichen Erfahrungen eine Rolle?
Bestimmt. Ich habe mich in der Schule eher als Sonderling erlebt und mich schon immer zu Menschen hingezogen gefühlt, die nicht unbedingt ins Raster passen. Das führte dann zwangsläufig auch auf gesellschaftlicher Ebene zu einer Faszination für Randgestalten. Ich habe mal einen Dokumentarfilm gedreht, „Ohne diese Welt“, über eine fundamentalistisch christliche Sekte, die Altkolonier-Mennoniten. Das sind Menschen, die im Norden Argentiniens leben wie im 18. Jahrhundert, ohne Strom oder fließend Wasser, und ein altertümliches Deutsch, sogenanntes „Plautdietsch“, sprechen. Das war bislang das Extremste hinsichtlich Außenseiter-Daseins, was ich je erleben durfte.
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„The Unforgivable“ handelt auch von dem Schicksal, das den Menschen durch ihre Geburtspräposition auferlegt wird. Was hältst du in dieser Hinsicht von Sprüchen wie: „Jeder ist seines Glückes Schmied“?
Hm, naja. Klar, hat man Einfluss auf sein Leben, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Es gibt schon viel Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt. Manche Menschen werden in so harte Umstände hineingeboren, da ist es einfach sehr schwierig – aber nicht unmöglich – herauszukommen. Da braucht man schon Menschen, die einem helfen und an einen glauben.

Ihr habt in Vorbereitung auf den Film verschiedene Frauen im Gefängnis besucht. Welche Erfahrung hast du davon mitgenommen?
Die Recherche war nachhaltig beeindruckend. Vor allem wurde uns klar, wie schnell inhaftierte Frauen ihr soziales Netzwerk verlieren. Keiner kommt sie mehr besuchen und je länger sie drin sind, umso krasser wird der Schock, wieder draußen zu sein. Da bekommen sie 40 Dollar und müssen sich in einer Welt zurechtfinden, die sich total verändert hat. In Deutschland hatte ich im Rahmen eines Dokumentarfilms für die Caritas über ein Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart Menschen kennengelernt, die früher mal inhaftiert gewesen waren. In einem deutschen Gefängnis war ich jedoch noch nie.

Hast du noch Bezug zu Braunschweig und der hiesigen Kultur- und Filmszene?
Meine Familie wohnt zum Teil noch in Braunschweig, ein paar Freunde sind auch noch da. Beim Braunschweiger Filmfest war ich öfters – nun bin ich wegen des Drehs und Corona aber leider seit zweieinhalb Jahren nicht mehr in Deutschland gewesen.

Setzt du jetzt nach dem Start von „The Unforgivable“ erst einmal auf Entspannung oder können wir uns schon auf Neues von dir freuen?
Neue Projekte sind zwar in Arbeit, aber vor allem sind mir gerade ein paar Monate Babypause und Zeit für die Familie wichtig. Es waren zwei wilde Jahre, nun ist Zeit für ein wenig mehr Ruhe. 
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Interview Moritz Reimann
Fotos Kimberly French/Netflix, Rachel Murray

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