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Interview mit Luca Guadagnino zu „Call Me By Your Name“.
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Für sein Kinodebüt konnte sich Luca Guadagnino gleich Tilda Swinton sichern. Sie spielt 1999 im Thriller „The Protagonists“ eine Regisseurin, die eine Dokumentation über einen Mordfall drehen will. Zehn Jahre später folgte mit Swinton das Beziehungsdrama „Ich bin die Liebe“, das auf das Festival von Venedig eingeladen und für den Golden Globe nominiert wurde. Abermals in Venedig startete „A Bigger Splash“, ein Remake des Erotik-Klassikers „Der Swimmingpool“. Statt Romy Schneider und Alain Delon turteln nun Tilda Swinton und Matthias Schoenaerts am Beckenrand. Der große Coup folgte im Vorjahr bei Robert Redfords Sundance-Festival mit „Call Me By Your Name“, einer radikal romantischen Liebesgeschichte zwischen einem 17-jährigen, ungestümen Schöngeist und einem 24-jährigen US-Sonnyboy im sommerlichen Bella Italia der 80er Jahre. Eine Fortsetzung ist bereits geplant. Abgedreht ist „Suspiria“, ein Remake des Dario Argento Thrillers. Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald auf dem Filmfestival Zürich.
Herr Guadagnino, Ihre Lovestory bekam bei den Kritik-Auswertern „Metacritic“ und „Rotten Tomatoes“ die Traumquote von superlativen 98 Prozent. Wo blieben die restlichen zwei Prozent?
Was soll ich sagen? 98 Prozent sind fantastisch. Da kann man nur stolz sein – auch auf das ganze Film-Team.

Wie viel eigene Biografie steckt im Film?
Die Geschichte spielt im italienischen Crema, wo ich aufgewachsen bin. Viele Szenen haben wir sogar in meinem Haus gedreht. Zu dieser ganz persönlichen Vertrautheit kommt hinzu, dass Bilder dieser Landschaft zwischen Mailand und Bologna meine Kinoerfahrung prägten: Antonioni und Bertolucci haben vor dieser Kulisse wunderbare Filme gedreht.

Welche Rolle spielt der jüdische Hintergrund dieser Familie?
Der jüdische Hintergrund ist im Roman von André Aciman so vorgegeben und hat mir gut gefallen. Denn er zeigt eine ganz besondere Verbundenheit dieser Familie. Das führte mich zu der Szene, in der die Mutter den Davidstern am Halsband ihres Sohnes mit den Händen umschließt. Es bedarf gar keiner Worte, um hier die große Nähe spürbar zu machen.
Sie selbst haben eine muslimische Mutter. Wäre der Umgang mit dem schwulen Sohn ähnlich liberal ausgefallen wie im Film?
Mit 13 bin ich in Palermo in ein Buchgeschäft gegangen und habe mir einen Bildband von Robert Mapplethorpe gekauft. Obwohl man seine Fotos als homoerotisch oder pornografisch bezeichnen könnte, lag dieses Buch ganz offen bei uns zu Hause herum. Alle haben es gesehen, niemand hat sich daran gestört. Man sollte islamische Gesellschaften, in denen Misogynie herrscht, nicht mit Religion gleichsetzen. Tatsächlich ist die muslimische Kultur sehr tolerant. Insbesondere wenn es um Mütter und Familien geht.

Im Unterschied zum Roman spielt der Film nicht 1988 sondern fünf Jahre früher. Was hat es damit auf sich?
Für mich ist das Jahr 1983 sehr wichtig, weil es zumindest in Italien einen Einschnitt markiert: Es bedeutete den Verlust der Unschuld. Die ganze Aufbruchstimmung seit den 68er-Jahren und den 70ern mit ihren politischen Entwürfen war plötzlich vorbei. Ronald Reagan kam an die Macht und mit ihm ein gnadenloser Ultra-Neoliberalismus. 1983 können wir noch die letzten Augenblicke eines wunderschönen Sonnenuntergangs zeigen.

Dort greift eine junge Frau, die ihre Sexualität unterdrückt, nach einer Blume und massiert zärtlich deren Blüte. Diese Szene ist absolut erotisch! Für mich gehört sie zu den zwei erotischsten Sequenzen der Filmgeschichte.

Ihre Helden wirken wie Models eines Edelschneiders. Wäre solch eine Geschichte auch möglich, wenn die Hauptfiguren Bauch und Buckel hätten?
Für mich gehört Timothée Chalamet keineswegs in die Welt der Werbung und Models, ich finde ihn einfach wahrhaftig. Beim ersten Treffen beeindruckten mich seine Intelligenz, sein Ehrgeiz und eine Disziplin, die ihn perfekt für diese Rolle machen. Im Roman wird die Figur als sehr intellektuell beschrieben, was wir um eine reale Körperlichkeit ergänzten. Für sein Gegenüber brauchten wir jemanden, der im Buch von allen als Golden Boy und Hollywood-Star beschrieben wird – und diese Qualitäten bringt Armie Hammer mit. Ich fände es einen falschen Ansatz, diese Rollen bewusst mit unattraktiven Darstellern zu besetzen.

Weshalb sind die Rollen mit heterosexuellen Schauspielern besetzt?
Sind sie heterosexuell? Ich bin nicht sicher. Ich frage niemanden nach seiner sexuellen Orientierung, auch meine Schauspieler nicht. Ich freue mich immer auf Überraschungen (lacht).

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Sie lassen sich beim Erzählen sehr viel Zeit ...
Ich lasse mir Zeit, um eine besondere Reaktion zu verdeutlichen, beispielsweise mit Pausen in einem Gespräch. Meine Absicht war nie, einen langen Film zu machen. Aber mein Schnittmeister hat mich oft zu längeren Einstellungen ermutigt. Etwa jenen Fahrrad-Szenen, die langsam in der Landschaft verschwinden. Bei dieser Sequenz haben wir drei Versionen probiert: Die kurze Variante war gut, aber es fehlt das Begehren. Die mittlere wirkte wie Fernsehen. Erst bei der langen Version spürte man die Schmetterlinge im Bauch der Akteure vor ihrem ersten Kuss. Scorsese sagte einmal, man müsse auf den Rhythmus hören und dabei auch Grenzen überschreiten, um einen Effekt zu erreichen.

Ist die Szene mit dem Lustgewinn per Pfirsich Ihre Antwort auf den warmen Kuchen in „American Pie“?
Die Antwort ist leider langweiliger: Der Pfirsich ist eine Reverenz auf „Am Ufer des Flusses“ von Manoel de Oliveira. Dort greift eine junge Frau, die ihre Sexualität unterdrückt, nach einer Blume und massiert zärtlich deren Blüte. Diese Szene ist absolut erotisch! Für mich gehört sie zu den zwei erotischsten Sequenzen der Filmgeschichte.

Welche wäre die andere?
Die andere stammt aus „Im Rausch der Farben und der Liebe“ von Im Kwon-taek. Ein alter Maler hat Sex mit einer jungen Geisha. Dann kommen Soldaten und zerren ihn kurz vor dem Höhepunkt aus dem Körper der Frau heraus. Das sind fantastische Momente der Erotik im Kino.
Hat es Sie nicht überrascht, dass Sony als großes Hollywood-Studio diesen Film in die Kinos bringt?
Michael Barker und Tom Bernard, die Gründer von Sony Classics, gehören zu den großen Hoffnungen für das Arthouse-Kino. Mit ihnen wollte ich schon lange zusammenarbeiten. Wir hatten ihnen lediglich eine Szene unseres Films gezeigt und sie sagten: „Okay, kaufen wir!“. Für uns ist das großartig, weil er mit diesem Verleih mit viel mehr Kraft in die Kinos gebracht wird.

Zu den beeindruckendsten Szenen gehört das Vater-Sohn-Gespräch gegen Ende.
Das ist ja auch ein Familienfilm. Für mich geht es um die Weitergabe von Wissen über Generationen. Mein größter Wunsch wäre, wenn Eltern den Film mit ihren Kindern anschauen würden. Meine ultimative Idee war es, die Arthouse-Version von einem Disney-Film zu machen.
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Was haben Sie für Pläne?
Ich würde sehr gerne einmal die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann verfilmen. Das Buch habe ich mit zwölf Jahren zum ersten Mal gelesen und es begeistert mich bei jeder neuen Lektüre bis heute. Dieser Roman hat sehr großen Einfluss auf mich und meine Arbeit.

Mit deutschen Schauspielern haben Sie ja bereits Erfahrung durch Ihr Dario-Argento-Remake „Suspiria“ ...
Stimmt, in „Suspiria“ spielen etliche Deutsche mit. Neben Ingrid Caven auch Angela Winkler – wäre die nicht grandios als Ehefrau in „Buddenbrooks“? Und Ingrid die perfekte Großmutter?

Wie kam es zu dem Remake?
Ich sah „Suspiria“ mit 14 in Palermo und war noch lange Zeit schockiert von der Wucht der Bilder. Das hat sich in meinem Kopf festgesetzt und ich machte immer wieder Notizen, wie ich diesen Film inszenieren würde.

Text Dieter Oßwald
Fotos Sony Pictures

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