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Oscar-Preisträgerin Caroline Link über ihre Verfilmung der Hape-Kerkeling-
Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft“.
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Mit ihrem dritten Film „Nirgendwo in Afrika“ holte Caroline Link im Jahr 2003 den Oscar – weil ihre Tochter erkrankte, konnte sie den Preis nicht selbst entgegennehmen. Mit Karoline Herfurth, Corinna Harfouch und Josef Bierbichler entstand fünf Jahre später das Familiendrama „Im Winter ein Jahr“, das mehrfach für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde. Nach dem Vater-Sohn-Drama „Exit Marrakech“ mit Ulrich Tukur präsentiert Link nun die Verfilmung von Hape Kerkelings 2014 erschienenem autobiografischen Bestseller „Der Junge muss an die frische Luft“. Mit der Regisseurin unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.
Was hat Sie an der Lebensgeschichte von Hape Kerkeling interessiert?
Diese Kombination aus Komik und Trauer hat mich sofort sehr gerührt: Das Nebeneinander von Tragik und wirklich tiefem Schmerz auf der einen Seite und von Fröhlichkeit, Optimismus und vor allem Tapferkeit auf der anderen Seite. Als ich das Drehbuch bekam, lag ich nach einem Skiunfall mit meinem gerissenen Kreuzband im Bett. Ich wusste gar nicht, ob ich bis zum geplanten Drehbeginn überhaupt wieder laufen können würde. Aber diesen Film wollte ich unbedingt machen.

Welche Schnittmengen haben Sie mit dieser Geschichte?
Hape Kerkeling und ich sind beide Jahrgang 1964 und in der Provinz aufgewachsen, die Beschreibungen seiner Kindheit sind mir sehr vertraut. Auch ich hatte diese Onkel, Tanten und Verwandten, die noch gezeichnet waren vom Krieg. Wenn man sich deren Schicksale vor Augen hält, fragt man sich schon: Was haben diese Menschen durchmachen müssen? Wie konnten die überhaupt noch lachen? Wie konnten die einen Sommertag oder Familienfeste genießen? Und doch haben sich diese Menschen immer wieder aufgerappelt.
Welches Mitspracherecht hatte Kerkeling bei Ihrer Verfilmung?
Wir alle wollten natürlich, dass Hape Kerkeling den Film mag. Bei unserer Begegnung habe ich ihn als erstes gefragt, wie er sich die Tonlage bei der Verfilmung vorstellen würde. Wie verbindet man Leichtigkeit mit großem Schmerz und Trauer? Solche Schicksalsschläge wie in seiner Familie sind ja nicht lustig und lassen sich auch nicht relativieren. Wir haben lange darüber gesprochen, wie das funktionieren könnte.

Wie verlief die Diskussion?
Hape war vorsichtig mit der Tragik. Ihm war zwischendurch ein bisschen bange, dass es zu ernst ausfallen könnte, denn er möchte dem Publikum nicht zu viel zumuten. Meine Vorstellung war, je tiefer das Tal, durch das der Junge schreiten muss, desto mehr freut man sich mit ihm danach, wenn er es geschafft hat. Bei jener Szene mit der Frau vom Jugendamt ist man wirklich glücklich, wie der kleine Junge sich da aufrappelt.
Wie groß ist die Rücksichtnahme bei der Darstellung von lebenden Personen? Wie viel künstlerische Freiheit kann man sich dabei erlauben?
Einige Namen haben wir verändert, so heißt etwa der Bruder im Film ganz anders. Hape hat mich ermuntert, meine eigene Fantasie umzusetzen und mich damit bewusst ein Stück weit von der Wahrheit zu entfernen. Deswegen wollte er mir gar nicht all zu viele Details von damals erzählen. Es ging uns nicht darum, so faktentreu wie möglich zu sein, sondern der Geist sollte stimmen.

Wie mühsam fällt die stimmige Ausstattung der 70er Jahre aus?
Mühsam ist vor allem, dass man für jede gezeigte Titelseite an einem Kiosk etwas bezahlen muss. Man kann im Film also nicht jede beliebige Zeitung einfach aushängen, sondern benötigt dafür die Rechte. Andererseits macht es dem Team vom Szenenbild natürlich großen Spaß, allein schon wegen diesen Klamotten aus den 70er Jahren. Diese roten Ringelpullis oder bunten Vorhänge kenne ich alle von den Fotos meiner Kindheit.
Die obligatorische Frage nach dem gewonnen Oscar: Ist das Fluch oder Segen? Spürt man dauerhaften Erwartungsdruck?
Das machen ja immer nur die anderen daraus. Ich weiß doch, wer ich bin, was ich kann und nicht kann. „Nirgendwo in Afrika“ war mein dritter Film. Manche Dinge gelingen, andere gelingen weniger. Nur weil ich den Oscar dafür bekam, denke ich doch nicht, dass ich fortan alles grandios mache. Das ist doch nur eine äußere Bewertung.

Im Unterschied zum Roman hört der Film mit der Kindheit auf. Was aus dem Brief an Loriot geworden ist, erfährt man im Kino nicht mehr – oder gibt es eine Fortsetzung?
Dass Hape bei Loriot die Rolle des zwölfjährigen Dickie Hoppenstedt nicht bekommen hat, ist ja bekannt (lacht). Wir haben uns auf das sehr bewegende Kapitel seiner Kindheit beschränkt – die ja zugleich eine sehr typische deutsche Jugend in dieser Zeit gewesen ist. Mein Ambition war nicht, das Leben von Kerkeling bis zum heutigen Tag zu bebildern.

„Manche Dinge gelingen, andere gelingen weniger. Nur weil ich den Oscar dafür bekam, denke ich doch nicht, dass ich fortan alles grandios mache.“

Caroline Link
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Gefühle und Kitsch liegen auf der Leinwand oft nahe beieinander. Wie begegnet man den Gefahren der Rührseligkeiten?
In Deutschland traut man sich bei Gefühlen wahnsinnig wenig. Die Amerikaner übertreiben es bisweilen und schlagen über die Stränge. Bei dieser Frage kann ich mir nur selbst vertrauen. Ich muss dabei spüren, wie ich etwas machen will und warum auf diese Weise. Bei Hape verhält es sich da ganz ähnlich. Wenn er am Schluss zu der Erkenntnis gelangt: „Und das ist alles, was ich bin. Ich bin meine Mutter. Mein Vater. Ihr Lachen und ihr Schmerz.“ – das kann ich sehr gut nachvollziehen. Dieses Benennen von Gefühlen muss man sich im Kino doch trauen. Das ist nicht kitschig, sondern echt!
Warum haben Sie so wenige Kolleginnen? An Filmhochschulen studieren weit mehr Frauen als Männer, fast alle Filmfördergremien sind weiblich geführt. Und doch fehlt es an Regisseurinnen.
Bei einem Filmprojekt leiden alle privaten Aktivitäten ganz extrem. Wer häufig dreht, setzt sein Familienleben aufs Spiel. Regie ist tatsächlich ein familienfeindlicher Beruf, weil er enorm zeitintensiv ist und man häufig unterwegs sein muss. Die ungelöste Betreuungsfrage für die Kinder gerät da schnell zum zentralen Problem. In meinem Team arbeiten viele Frauen, aber nur ganz wenige haben eigene Kinder. Es ist ein richtig harter Job, den muss man wirklich wollen – und er kostet einen hohen Preis.

Interview Dieter Oßwald
Fotos Warner Bros.

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