Digital Slam

15. November | Hallenbad (WOB)


Beim zweiten Digital Slam im Hallenbad werden aktuelle Schwerpunkte der Digitalisierung fachlich, kritisch aber auch lustig besprochen. Titelverteidiger Karsten Daniel und Moderator Patrick Schmitz im Gespräch.
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Informatiker, Tasten-Akrobaten, Nerds – sie sind alle gleich: Stock-pragmatisch und kontaktscheu kauern sie in fensterlosen Kellern zwischen Festungen aus Computer-Towern und verwirrten Steckdosenleisten, wo sie auf grün-herunterflimmernde Matrix-Bildschirme starrend Pizza zu Code konvertieren und die Regierungsserver der Welt zerhacken.
Halt, Stopp, nicht gleich die Bot-Armee losschicken – selbstverständlich sind das alles hanebüchene Klischees und lange überholte Vorurteile! Längst schätzen auch die hartnäckigsten Analogisten unter uns die Bodenständigkeit und aufopferungsvolle Hilfsbereitschaft des einen Informatikers im Freundeskreis, der für sämtliche Druckkopfreinigungen und kniffelige Toolbar-Deinstallationen im Internet Explorer 3.0 herhalten muss. Und sich nicht einmal darüber beschwert.

Oder die Kollegen aus der IT-Abteilung, unsere Jedigitalritter gegen die täglichen Angriffe aus den unendlichen Internetweiten, deren kreativ kreierte Programme uns Techasthenikern manchmal wie reinste Sith-Magie vorkommen. Unnahbar sitzen sie hinter meterhohen Bildschirmmauern, kippen einen nachtschwarzen Kaffee nach dem anderen und sagen kryptische Dinge wie „Wir machen keine Backups mehr, wir haben doch RAID.“ oder: „Tu mehr Flash auf die Seite!“ oder Ähnliches. Und die uns manchmal diesen ganz bestimmten, zurückhaltend-schmunzelnden, fast schon väterlichen Blick zuwerfen. Nämlich immer dann, wenn sie eigentlich etwas sagen möchten wie: „Das fliegende Glitzer-Einhorn, das du dir gerade als Software gewünscht hast, gibt es so nicht wirklich und wenn doch, sind die eher zu teuer. Vielleicht tut’s dein olles Dreirad noch eine Weile, wenn wir es fix mit Glitzerfarbe optimieren?“
Bleib kein n00b, 1!35
Die Einhorn/Dreirad-Metapher stammt aus dem letztjährigen Digital-Slam-Text von Karsten Daniel. Herrlich ausgeschmückt und ausgewalzt bis zum Pferdemissbrauch hatte sie ihm regelrechte Lachsalven und die Flasche Kraken Rum für den Punktesieg eingebracht. Der 46-Jährige, der tagsüber als Systemanalytiker in der Wolfsburger „IT:City“ die Digitalisierungsstrategie von Volkswagen mitgestaltet, setzt abends seine Poetry-Superpower dafür ein, für die „mit Respekt und Misstrauen beäugte Bevölkerungsgruppe um Verständnis zu werben und praktische Hinweise zum Umgang mit uns zu geben“. Als eine Art Dr. Hirschhausen der Informatik möchte der Uelzener mit seinen Vorträgen die Fachbarrieren überwinden, um seine beruhigenden Botschaften in die analoge Welt zu tragen: „Auch ITler sind Menschen und brauchen Liebe.“ Die Themen der Digitalisierung für IT-Muggel verständlich zu machen und dabei möglichst auch die anwesenden mehr-oder-minder-Nerds zu unterhalten, ist auch beim diesjährigen zweiten Digital Slam im Hallenbad Karstens Ziel und das der anderen sieben Teilnehmer. Und Klärungsbedarf besteht ja, spätestens seit vor zehn Jahren das Smartphone in unsere Taschen und Herzen gezogen ist, kommt niemand mehr unbeschadet an der Digitalisierung vorbei, von den Zukunftsimplikationen der Industrie 4.0, Künstlicher Intelligenz, Big Data, Fahrautonomie, Internet of Things, Blockchains und Co. abgesehen. Wer nicht gerade vorhat, in ein Sachsen-Anhalter Walddorf zu ziehen, tut gut daran, die Mythen beiseite zu schieben und sich mit den Akteuren dieser Welt zu verbrüdern.

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RTFM, ID10T
Wie können wir aber die Sprachbarriere überbrücken, frage ich Karsten, einen der Daywalker unter den Nerds bei einem Treffen. „Das Einhorn-Bild ist ein vereinfachendes Beispiel aus meinem Berufsalltag mit der sogenannten ‚agilen Softwareentwicklung‘. Aber ganz unabhängig vom Inhalt haben solche Begegnungen stets eine persönliche Dimension, da interagieren ja Menschen. Man muss versuchen, einen Draht zueinander aufzubauen und dann klappt das schon. Die wirklich technikbezogenen Probleme sind meist nur das Drumherum.“ Ok, logisch, aber Hand aufs Herz: Ein paar von euch wirken nicht gerade offen und gesprächig, böse Zungen behaupten sogar, dass sie sich uns Kulturfuzzis durch das Bewusstsein überlegen fühlen, dass in wenigen Jahren nur noch sie und die BWLer richtig Geld verdienen werden, und mit ihrer Süffisanz nicht hinterm Berg halten: So viele Informatiker-Flachwitze es gibt, mindestens so viele Nerdwitze gibt es über die Unwissenden!

„Naja, dieser Standard-Nerd, den man sich so vorstellt, ist sicherlich stolz darauf, dass er schlau ist“, lacht Karsten. „Aber es gibt schon eine große Vielfalt unter uns und fließende Kompetenzabstufungen zwischen den von dir erwähnten Kellerkindern und zum Beispiel Wirtschaftsinformatikern. Ich persönlich finde ich es aber charmant, wenn Menschen Charakter haben. Wenn ich also etwa so einen Nerd im schwarzen T-Shirt mit weißem Sinnspruch darauf sehe, finde ich das schön. In der IT zählen diese Menschen sogar zu den Rock’n’Rollern und haben oft sehr Interessantes zu erzählen. Wenn man sie einfach bei ihrem Stolz nimmt und sagt: Du bist schlau, ich hör‘ dir zu und akzeptier‘ dich, wird man nach meiner Erfahrung auch von deren Seite akzeptiert.“
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Level 8 Probleme
Verstanden, den Nerd als solchen gibt es nicht. Es gibt Developer, Coder, Online- und Offline-Gamer, Comic- und Manga-Geeks, Hightech- und Figuren-Enthusiasten, Trekkies und viele weitere Nischennerds ebenso wie -nerdinnen. Manche davon sind mathematisch und/oder technisch völlig unbegabt und ihre sozialen Kontakte pflegen sogar ITler nicht nur über den IRC. Einige sprechen dabei gern elbisch, andere klingonisch, fließend aber die allermeisten ironisch. Und sind wir nicht alle ein bisschen Nerd? Wenn wir bald von smarten Kühlschränken und Filterblasen gelenkt und unsere Krankenkassen und Finanzämter über jede unserer vermeintlichen Verfehlungen informiert werden, sollten wir es zumindest ein Stück weit werden. Hast du Angst vor der durchdigitalisierten Zukunft, frage ich Karsten. „Als Informatiker hege ich einen sehr rationalen Umgang mit Technik und wende sie gerne da an, wo sie mir einen Vorteil bietet“, überlegt er. „Aber ich sehe schon einige Dinge, in denen unsere Gesellschaft reifen muss. Etwa beim Themenkomplex ‚Algorithmen‘. Scoringverfahren, die zum Beispiel entscheiden, ob jemand einen Kredit kriegt, werden mit haufenweise Daten gefüttert, wo nachher im wahrsten Sinne des Worts kein Mensch mehr weiß, wie die Entscheidung zustande kam. Die Gesellschaft muss klären, wo solche Mechanismen rentabel sind und wo wir regulieren müssen.“

Dreht man die Kristallkugel noch ein paar Stufen weiter und fragt nach generellen Künstlichen Intelligenzen, wird auch die vorsichtigste Prognose düster: „Sollten die irgendwann einmal existieren, haben wir etwas in der Welt, das intelligenter als wir ist und die Möglichkeit hat, einen eigenen Willen durchzusetzen. Da müssen wir uns fragen: Können wir dafür sorgen, dass diese KI uns dauerhaft lieb hat? Dazu müsste man wissen, was ‚Gefühle‘ sind und wie man die technisch abbildet.“ In der Robotik-Forschung sei schon viel gute Hard- und Software verfügbar, die in etlichen Bereichen sehr segensreich eingesetzt werde. Im besten Fall könne sie dazu führen, dass weniger menschliche Arbeit anfällt, führt er aus: „Durch effiziente Maschinen und Algorithmen entstehen natürlich wirtschaftliche Vorteile. Auch hier ist eine öffentliche Debatte wichtig, wie diese fair aufgeteilt werden können. Wir könnten in einer Gesellschaft mit viel Armut und Elend leben, wir könnten aber auch den Wert der sozialen Marktwirtschaft, mit dem die Bundesrepublik über viele Jahre gut gefahren ist, weiter leben und mehrheitlich von den Vorteilen profitieren.“

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Grüße aus Nerdistan
Um das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit über die Tragweite der Digitalisierung zu schärfen, ist die von Volkswagen initiierte Slam-Veranstaltung ideal. Der Braunschweiger Slammaster Patrick Schmitz, der zusammen mit Dominik Bartels den Wolfsburger Digital Slam moderieren wird, berichtet: „Wie viele große Konzerne arbeitet Volkswagen gerade mit Hochdruck daran, die Themen der Digitalisierung und Industrie 4.0 in der Gesellschaft voranzutreiben. Ich bin als technischer Redakteur auch in dem Bereich tätig, die Firmen können kaum mit dem Tempo Schritt halten.“ Augmented Reality sei das nächste große Ding, erzählt er. „Bald schmeißen wir alle die Handys weg und laufen nur noch mit Headsets herum. Eigentlich ist das super, meine Befürchtung ist nur, dass die Individualisierung damit weiter abnehmen wird, weil ich noch viel erreichbarer für bestimmte Beeinflussungen werde.“ Die große Chance der Digitalisierung sieht er darin, langfristig ein Star-Trek-Gesellschaftsideal anzustreben. „Ich bin ein großer Freund des geregelten Grundeinkommens, auch von einer guten Summe. Die Firmen, die jetzt richtig von der Digitalisierung profitieren, ziehen die Mehrerträge eher ab und investieren sie wieder, um irgendwie noch dranzubleiben oder die Vorherrschaft zu behalten, statt sie der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Aber ob so eine Art ‚Robotersteuer‘ kommt, sehe ich eher skeptisch.“

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Die tollsten Slammer sind ja auch gar nicht die, die gewinnen, das denken immer nur die, die sich damit nicht auskennen.“ Auch Karsten, der mit dem Slammen erst vor sechs Jahren angefangen hat und inzwischen etliche Erfolge und eine gewisse Prominenz im VW-Konzern verbuchen kann, aber noch davon träumt, im Vorprogramm von Julia Engelmann aufzutreten, findet: „Gut ist vor allem, wenn ich den Eindruck habe, da steht eine Persönlichkeit hinter und ich kann eine gewisse Individualität im Beitrag erkennen. Was ich beim Poetry Slam nämlich sehr wertvoll finde, ist die Einheit von Vortrag und Werk: Die Texte werden ja von den Menschen gelesen, die am besten wissen, wie sie gemeint waren. Das passt zusammen, auch wenn es vielleicht einmal nicht die gewisse Professionalität einer Schauspieler-Lesung hat.“


Das Beste an den Veranstaltungen ist, da sind sich beide einig, die Menschen hinter den Texten zu treffen. „Es ist ein sehr offener Menschenschlag, der sich an der Besonderheit anderer Künstler erfreut. Die tolle Atmosphäre backstage ist für mich ähnlich wichtig wie die Anerkennung auf der Bühne und hat schon zu vielen Freundschaften geführt“, erzählt Karsten.

LiveLeak, Baby
Wer über seine eigenen Alltags- oder Zukunftssorgen, Innovationen und Fun-Gadgets mit Gleichgesinnten quatschen oder einfach einen lustig-lehrreichen Slam-Abend verbringen möchte, ist beim Digital Slam gut aufgehoben. „Wir bieten eine schöne Mischung aus Poetry Slammern, die in Bereichen der Digitalisierung arbeiten und von innen heraus einen witzigen Blick auf das Ganze werfen. Mit Paul Weigl ist ein deutscher Poetry-Slam-Vizemeister dabei, der der komplette Windows-Nerd und Gamer-Typ ist und das Digitale lebt. Aber auch ein Kommunikationswissenschaftler und ein Psychologe werden das Thema von einem eigenen Standpunkt aus betrachten.“

Was würden die erfahrenen Slam-Hasen Digital-Slam-Noobies für ihren ersten Auftritt mitgeben? „Leute, bei Poerty Slams geht’s echt nicht um den Sieg, sondern darum, zusammen einen guten Abend zu verbringen“, meint Patrick. „Das Beste ist immer, ihr macht einfach, wo ihr hinter steht, dann ärgert man sich nachher auch nicht, wenn es mal wenig Punkte gab. Das ist nämlich null entscheidend.

 


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Text Evelyn Waldt
Fotos Andreas Reiffer, Thorsten Neumann

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