Vier Studenten stellen klar, warum nicht jedes Studiengang-Klischee der Wahrheit entspricht.
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Kaum hat man sein mehr oder weniger hart erarbeitetes Abizeugnis in der Hand, quälen einen die fundamentalen Fragen der Zukunft: Soll ich jetzt wirklich meine neu gewonnene Freiheit augenblicklich aufgeben, nur um mich auf die ewige Suche nach einem passenden Studiengang zu begeben? Oder doch erst mal ein Jahr chillen, arbeiten, reisen und mich selbst finden?


Selbstfindung endet nicht bei der Rückkehr aus Australien, wo man als Surflehrer hübsche Mädels abgecheckt hat oder doch nur drei Monate für einen Hungerlohn Bananen pflücken musste. Für den ein oder anderen bedeutet Selbstverwirklichung vielmehr, mit Ehrgeiz ein Ziel im Leben zu verfolgen. Der nächste Schritt wäre also, etwas zu finden, das einen wirklich und wahrhaftig interessiert und so steht man wohl oder übel vor der Qual der Wahl. Nicht nur, dass das Angebot an Studiengängen sich als nie endende, gehaltlose Bleiwüste kilometerlang über den Bildschirm erstreckt, die Unsicherheit wird zusätzlich von Menschen geschürt, die behaupten, viel über Studenten zu wissen, die tatsächlich den Weg gehen, den man bald bestreiten möchte. Und alles, was die einem erzählen können, sind Horrorgeschichten; schmierige, bizarre und furiose Vorurteile über Studenten und deren Eigenarten.

Zeit, dem ein Ende zu setzten. Vier enthusiastische Studenten aus der Region haben für uns mit den fiesen Klischees aufgeräumt und erzählen, wie es wirklich ist, in einem verrissenen Studiengang immatrikuliert zu sein.
Perfekte Superhelden
Sie sind die Elite der Universität: BWL-Studenten laufen stets mit großen, ehrgeizigen Schritten über den Campus, ein MacBook unter dem Arm und der um die Schulter geschlungene Pullover weht hinter ihnen her. Allgemein haben sie doch so einiges mit Superhelden gemeinsam, allem voran natürlich, dass sie sich selbst für welche halten. BWLer sind reich und schön, die Gelfrisur sitzt bis aufs letzte Härchen, die Rolex schimmert im Sonnenlicht. Zusammen mit einem makellosen, strahlenden Lächeln wird jeder, der ihnen begegnet, sofort geblendet. Vielleicht liegt diese Glückseligkeit am neuen, von Papi finanzierten Porsche, der just auf dem Uni-Parkplatz abgestellt wurde. Diesen Lebensstandard erhalten zu können, ist ja überhaupt erst die Motivation für die Wahl des Studiums. Ahnung von Unternehmensführung zu haben, verspricht ein hohes Einkommen und was soll man sonst machen? Außer vielleicht Medizin zu studieren ...
Volker studiert BWL an der Ostfalia und hat ganz andere Erfahrungen gemacht. Wenn man sich umschaut, sei der Dresscode eher normalo als extravagant und randvolle Portemonnaies würden auch nicht zum Standard gehören. „Viele schlagen sich auch bei BWL mit dem BAföG-Amt rum und können sich nicht auf dem Geld ihrer Eltern ausruhen“, sagt der 25-Jährige. Jedoch gäbe es tatsächlich auch einige Studenten, die nicht wussten, welchen Studiengang sie sonst hätten wählen sollen. Häufig würden diese Menschen jedoch irgendwann merken, dass BWL gar nicht zu ihren Interessen passt und wären dann auch schnell wieder weg.
Kristallkugel Mensch
Psychologen sind selbst völlig durchgedreht, weshalb sie auch im Studium lernen müssen, erst sich selbst und dann andere zu heilen. Wenn man sich mit ihnen unterhält, sollte man schon mal das Pokerface üben, ansonsten werden nach fünf Minuten eventuell die tiefsten Abgründe der Seele analysiert. Ehrgeiz wird großgeschrieben, denn auch nach der Vorlesung kann gut und gerne noch stundenlang über das eben dozierte Thema diskutiert werden. Eine Schlussfolgerung kommt dabei fast nie zustande. Die Beweggründe für die Wahl des Psychologie-Studiums sind jedoch eindeutig: Menschen helfen und sie schlussendlich retten. Man munkelt, einige Psychologen schaffen es sogar, zum Wahrsager ­aufzusteigen.
Die Sache mit dem Ehrgeiz und dem Helfer-Syndrom ist laut der 21-jährigen Greta nicht von der Hand zu weisen. „Wir sind ein richtiger Streberverein und alle super sozial, aufmerksam und höflich, fast schon auf eine nervige Weise.“ Das läge vor allen Dingen an dem hohen NC, den man für das Studium benötigt. In Braunschweig liegt dieser zurzeit bei 1,3. Unter den Psychos – wie Greta ihre Kommilitonen an der TU liebevoll nennt – seien aber wenige Menschen, die selbst einen Knacks hätten und auch das Vorurteil, dass Mitmenschen ständig analysiert werden würden, sei schlichtweg falsch.

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Nerds und Jungfrauen
„Karohemd und Samenstau – ich studier΄ Maschinenbau.“ Ein legendärer Spruch und ein noch besseres Resümee. Wer sich für ein Maschinenbau-Studium entschieden hat, muss zuerst eine Voraussetzung erfüllen: Männlichkeit. Weibliche Wesen sind ein noch unentdeckter Mythos, was soll man schon mit denen anfangen, wenn man nicht an ihnen rumbasteln kann? Generell prägt den Maschbauer ein hohes Maß an Nerdigkeit. Überragende Kenntnisse in Physik und Mathe sind selbstverständlich und raus in die Natur begibt man sich höchstens, wenn Mama es befiehlt.
Matteo berichtet von Jeans- und T-Shirt- tragenden Studenten, die an der TU über den Campus streifen. Dass diese überwiegend männlich sind, gibt der 24-Jährige zu und auch Playboys treffe man eher selten an. „Ich kenne Dauersingles oder eben die Wir-sind-schon-sieben-Jahre-zusammen-Fraktion”, schmunzelt er. Mathe und Physik gut zu können, hätte wohl jeder zunächst behauptet. Diese Aussage werde aber bereits nach dem ersten Semester von den meisten zurückgenommen.
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„Chill mal“ ist das Mantra
Stets umgeben von einer Weihrauchwolke sitzen die Philosophie-Studenten im Schneidersitz auf einer Wiese und üben sich im Gitarre spielen. Das Fleckchen Grün ist ihr Ein und Alles, es muss sich nur weit genug weg vom Uni-Campus befinden. Da sich jeder ohnehin damit abgefunden hat, später kein Geld zu verdienen, wird das Leben allgemein nicht so ernst genommen. Wer Philosophie studieren will, muss sich zunächst befreien: von Regeln, von seinem Rasierer und natürlich von allem, was nicht fair-trade oder vegan ist. Und weil das alle anderen belächeln, bleibt man als Öko lieber unter sich und plant schon mal den nächsten Trip nach Thailand.


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Auch wenn die 20-jährige Lena erklärt, dass sich nicht alle Philosophie-Studenten mit dem Stereotyp des ungepflegten Hippies identifizieren können, steckt doch Wahrheit in diesen Vorurteilen. „Dreadlocks und bunt gefärbte Haare sieht man oft, auch Manbuns und Hipsterbärte gibt‘s bei uns“, erzählt die TU-Studentin. „Man merkt deutlich, dass sich viele in die alternative Richtung entwickeln.“ Tatsächlich würde auch fast niemand das Studium in der Regelstudienzeit beenden, doch die Einstellung zu beruflichen Chancen sei grundsätzlich positiv. „Außerdem sind Philosophie-Studenten oft geselliger als erwartet. Man muss nur bei einigen aufpassen, was man sagt, sonst zettelt man eine Diskussion an, bei der man als nicht philosophisch bewanderter Mensch überhaupt nichts mehr versteht.“
Wenn man sich für einen Studiengang interessiert, sollte man am besten direkt mit immatrikulierten Studenten über deren Erfahrungen sprechen, um eine Existenzkrise abzuwenden und für Klarheit zu sorgen. Schließlich haben sie sich auch mal durch ein endloses Studienangebot gequält und sich nicht von Vorurteilen beirren lassen. Egal ob Richkid, Psycho, Nerd oder Öko – gehe deinen eigenen Weg und lass dir die Vorfreude aufs Studium nicht verderben.

Interview Allegra Wendemuth
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