Leben nach dem Studium: Warum der nervenzermürbende Berufseinstieg
nicht das Ende deines Lebens bedeutet.
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Es ist Donnerstagabend, das Outfit steht und die Gürteltasche sitzt. Zum Vorglühen trifft man sich in der chaotisch-versifften Vierer-WG des besten Kumpels gleich nebenan. Ein bisschen Pfeffi hier, ein bisschen Bierpong da – ist der einwandfreie Pegel erreicht, stratzt die angeheiterte Partycrew zur Feiermeile des Vertrauens. In den bunten Kneipen und Diskotheken der Stadt treffen feierwütige Lehramtsstudenten, karohemd-tragende Maschinenbauer, stilvolle Architekten und andere klischeebehaftete Studienfachrichtungen aufeinander. Allesamt mit einem Ziel: lattenstramm ins Wochenende. Dass morgen ein ganz normaler Werktag ist, interessiert hier die wenigsten. Der Freitag bedeutet für die meisten Studenten eher ausnüchtern, Netflix und Pizza. Ja, das könnte wirklich die schönste Zeit des Lebens sein. Doch nach mindestens sechs Bachelor-Semestern sehen sich viele Studenten mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert. Der Ernst des Lebens ist greifbar nah. Was fange ich mit meinem Studium an? Wo geht die Reise hin? Bin ich überhaupt qualifiziert genug? Was möchte ich eigentlich? Fragen, die nach dem Kater ganz schönes Kopfzerbrechen bereiten können.
Kann mich bitte jemand an die Hand nehmen?
„Ich bin komplett überfordert!“, erklärt die 24-jährige Soziologiestudentin Nina, die sich genau an diesem Scheideweg befindet, „im Bachelorstudium mussten wir ein vierwöchiges Pflichtpraktikum machen, was viel zu wenig ist. Deshalb hatte ich das Praktikum auf acht Wochen erweitert und auch nachträglich noch mal vier Wochen drangehängt. Trotzdem weiß ich immer noch nicht, wo es hingehen soll.“ Sieht so Verzweiflung aus?
Für viele Absolventen scheint der Übergang in das Berufsleben ein absoluter Wendepunkt zu sein – der wichtigste Moment des Lebens, der sich auf die ganze verdammte Zukunft auswirkt. Herzlich willkommen in der Quarterlife-Crisis! Ein Zustand voll von lähmenden Selbstzweifeln, parasitären Zukunftsängsten und wehmütiger Trauer, als ob man eine dreijährige Liebesbeziehung mit der Universität beendet. Zukunftsausblicke und Selbstreflexion stehen nun auf der tagtäglichen Agenda. Das Misstrauen in die eigenen Fähigkeiten, das Gefühl trotz Praktika unvorbereitet und somit wettbewerbsunfähig zu sein, lässt darauf schließen, das Prädikat „unvermittelbar“ zu tragen.
Dieser Emotionsmix ist ein trügerisches Arschloch. Als ob man während des Studiums keinerlei Kompetenzen entwickelt hätte. Doch beim Berufseinstieg verhält es sich ähnlich wie bei der Suche nach dem perfekten Partner: Nimm dir Zeit und versuche herauszufinden, was DU möchtest. „Ich wollte auf jeden Fall etwas finden, dass mir Spaß bereitet, aber gleichzeitig auch sinnbehaftet für mich ist“, erzählt die 26-jährige Erziehungswissenschaftlerin Anna, „Ich denke, da muss man einfach ein bisschen rumprobieren und seine Grenzen neu kennenlernen. Durch meinen ersten Job nach dem Studium, eine Vollzeitstelle im Schichtdienst unter schlechten Arbeitsbedingungen, habe ich gelernt, was ich nicht möchte. Deswegen habe ich mich nach einem Jahr für eine Teilzeitstelle entschieden, damit mein Leben wieder an Qualität und Sinn gewinnt. Ich habe so gelernt, was für mich wichtig ist.“ Der perfekte Karrierestart nach dem Studium bleibt höchstwahrscheinlich in den meisten Fällen eine Utopie. 40-Stunden-Woche, begrenzte Urlaubstage, workin‘ Nine-to-five treffen erbarmungslos auf Ex-Studenten, die gerade flügge werden.

„Der Berufseinstieg war echt knallhart“, gesteht der 28-jährige Ingenieur Malte aus Braunschweig, „ich musste ziemlich schnell Verantwortung übernehmen und es wurde viel von mir erwartet, obwohl ich glaubte, nix zu können. Teilweise habe ich mich auch allein gelassen gefühlt. Rückblickend gesehen hat mir der Wurf ins kalte Wasser aber auch mehr Mut und Selbstvertrauen gegeben. Im Nachhinein war aber alles halb so wild.“
Der Traum aller Arbeitnehmer
Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, Sonderurlaub: Besonders in den letzten Jahren hat sich der Wunsch nach einer Work-Life-Balance durch die Generation Y etabliert. Klingt doch irgendwie nach Null-Bock-Einstellung, oder? „Ich möchte gern irgendwann richtig durchstarten und mich in meinem Job verwirklichen, aber gleichzeitig nicht selbst verlieren. Deshalb finde ich das Konzept der ausgeglichenen Work-Life-Balance sehr erstrebenswert und wünsche mir sehr, dass ich irgendwann einen Job finde, der meine Vorstellungen erfüllt“, offenbart der 28-jährige Ingenieur. Die Chancen stehen gut: Immer mehr Unternehmen begrüßen inzwischen dieses Lebenskonzept, da der Drang nach Selbstverwirklichung in Kombination mit Selbstdisziplin viele Arbeitnehmer motiviert. Das Einteilen der eigenen körperlichen Ressourcen führt außerdem zu weniger Fehltagen – ein Gewinn für alle Beteiligten und perfekt für freiheitsliebende Studenten.
Sie haben da eine Lücke im Lebenslauf
Klappt es nicht auf Anhieb bei der Suche nach einem Job, sollte man sich nicht entmutigen lassen. Laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit ergab sich für das Jahr 2018 eine Arbeitslosenquote für Personen mit (Fach-)Hochschulreife von nur 2,2 Prozent. Des Weiteren waren 62 Prozent der arbeitslosen Akademiker kürzer als ein halbes Jahr ohne Beschäftigung. Kommt es trotzdem zu einem Aufenthalt im Wartezimmer des Lebens, kann man die Zeit sinnvoll überbrücken. Der Klassiker ist hierbei natürlich das gute alte Praktikum, zur Erweiterung der Softskills und Praxiserfahrung. Auch Nebenjobs und ehrenamtliche Tätigkeiten, wie Besuchsdienste im Altersheim oder Mitarbeit bei der Tafel, machen sich ausgezeichnet im Lebenslauf. Oder tu einfach das, was du immer schon mal machen wolltest, beispielsweise Reisen, Klavier lernen, ein Buch schreiben. Eine gut begründbare Lücke in der Vita hat noch niemanden geschadet. Dazu gehört auch, sich selbst in den Fokus zu stellen. Also keine Panik, falls der erste Job etwas auf sich warten lässt. Gib deinem Berufseinstieg und dir ein bisschen Zeit.

„Der Wurf ins kalte Wasser hat mir Selbstvertrauen gegeben. Im Nachhinein war alles halb so wild“

„Ich denke, man sollte da mit einer gewissen Gelassenheit rangehen“, meint Ingenieur Malte, „Oft kommt es ja doch anders, als man denkt. Ich glaube daran, dass alles aus einem Grund passiert. Vielleicht sollte man beispielsweise genau jetzt reisen, um wertvolle Erfahrungen zu sammeln, die zur persönlichen Reifung beisteuern und neue Ziele und Vorstellungen eröffnen.“

Es ist ein Urinstinkt, dass der Mensch nach existenzieller Sicherheit strebt. Daher sind genau diese Zukunftsängste vor dem Berufseinstieg unter den Hochschulabsolventen weit verbreitet, aber dennoch größtenteils komplett unbegründet. Und ehrlicherweise wird die Studienzeit in unserer Gesellschaft auch zu stark romantisiert. Eine rosarote Brille verschleiert die langen Nächte in der Bib, stressreiche Klausurenphasen, lästige Hausarbeiten und die Tonnen an Nudeln mit Tomatensoße aufgrund des chronisch-leeren Geldbeutels. Es ist an der Zeit, Schluss zu machen, denn an der Ecke wartet ein toller, neuer Lebensabschnittspartner, der dir neue Arbeitskollegen und Freunde beschert, deine Brieftasche füllt, dir spannende Reisen ermöglicht und bei deiner individuellen Persönlichkeitsentfaltung behilflich ist. The party is still not over!

Text Denise Rosenthal
Fotos Mangostar; DisobeyArt-Adobe Stock.com

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